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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 3 Minuten

Kein „Meinungsstreit“, sondern System: Warum der Aula-Prozess ein Wendepunkt ist

Der Pro­zess gegen Ex-Aula-Chef Mar­tin Pfeif­fer zeigt: Hier wird ein über Jahr­zehn­te gepfleg­tes Sys­tem der Nor­ma­li­sie­rung natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Nar­ra­ti­ve ver­han­delt. Jus­tiz und His­to­ri­ker zer­le­gen es: umfas­send und prä­zi­se. Ein Kommentar.

28. Nov. 2025

Wer die­sen Pro­zess als „Gesin­nungs­sa­che“ abtut, hat die ver­gan­ge­nen Wochen im Gra­zer Schwur­ge­richts­saal nicht gese­hen oder will sie nicht sehen. Was dort auf dem Tisch liegt, ist kein ein­zel­ner Aus­rei­ßer, son­dern ein publi­zis­ti­sches Arran­ge­ment: Tex­te, Bil­der, Rubri­ken, ein Buch- und Ton­trä­ger­dienst, der aus ein und dem­sel­ben Milieu schöpft und eine Ver­tei­di­gungs­li­nie, die so vor­her­seh­bar ist wie ermü­dend: Das sei doch Mei­nung, Ein­zel­stel­len sei­en nicht straf­bar, Behör­den hät­ten „mit­ge­le­sen“, der Buch­dienst habe „auto­nom“ agiert, die Bücher sind frei erhält­lich. Die­ses Man­tra hat jetzt ein Gegen­über bekom­men: ein Ver­fah­ren, das nicht nach Ein­zel­stel­len sucht, son­dern nach Strukturen.

His­to­risch ist die­ser Pro­zess schon allein wegen sei­nes Auf­wands: 15 anbe­raum­te Ver­hand­lungs­ta­ge, zwei Zeit­his­to­ri­ker, die per­ma­nent im Saal sind und hun­der­te Tex­te kon­tex­tua­li­sie­ren. Ein Staats­an­walt und ein Rich­ter, die sicht­bar gut vor­be­rei­tet sind, die Fra­gen stel­len, die Öster­reichs Jus­tiz all­zu lan­ge nicht gestellt hat. Das Ergeb­nis ist ernüch­ternd und heilsam.

Wenn Fred Dus­wald befrei­te KZ-Häft­lin­ge als „Land­pla­ge“ deklas­siert, dann reicht kein Ach­sel­zu­cken mit Hin­weis auf „Quel­len“. Die Gut­ach­ter haben gezeigt, wie die­se „Quel­len“ funk­tio­nie­ren: selek­tiv, lücken­haft, ohne belast­ba­re Her­kunft, mit einem Effekt, der stets der­sel­be ist: Empa­thie­ver­schie­bung weg von den Opfern, die schier Unvor­stell­ba­res ertra­gen muss­ten, hin zu einer Täter-Rela­ti­vie­rung. Wer das „nur“ als Pole­mik begreift, hat aus den letz­ten Jah­ren nichts gelernt, als genau die­se Begrif­fe (nicht nur) über die Aula ihren Weg in das deutsch­na­tio­na­le All­tags­vo­ka­bu­lar fan­den und begon­nen haben, in die Mit­te der Gesell­schaft zu schwappen.

Ähn­lich bei den Pro­duk­ten aus dem Aula-Buch­dienst. Die Bewer­bung von David Irvings „Unter­gang Dres­dens“ ist Teil einer Erin­ne­rungs­po­li­tik, die aus dem Bom­ben­krieg eine deut­sche Unschulds­ge­schich­te bas­telt und seit Jahr­zehn­ten wider­leg­te Mythen am Leben hält. Noch deut­li­cher wird es bei den unkom­men­tier­ten NS-Ton­trä­gern: Stim­men, Pathos, Lie­der – das ist pure NS-Pro­pa­gan­da. Wer das als „Doku­men­ta­ti­on“ ver­kauft, schiebt das Mikro­fon vor Hel­den­in­sze­nie­run­gen, die ein demo­kra­ti­scher Rechts­staat nach 1945 aus gutem Grund geäch­tet hat.

Die Ver­tei­di­gung reagiert dar­auf mit Auto­pi­lot. Ers­tens: Mei­nungs­frei­heit. Aber Mei­nungs­frei­heit schützt kei­ne Ver­harm­lo­sung von NS-Ver­bre­chen und kei­ne Anprei­sung neo­na­zis­ti­scher Ideo­lo­gie. Zwei­tens: Ein­zel­text-Flucht. Doch das Gericht ver­han­delt kein iso­lier­tes Zitat, son­dern die Sum­me, weil es weiß, dass eben dort die Wir­kung liegt. Drit­tens: Behör­den­pas­si­vi­tät. Dass der Ver­fas­sungs­schutz die Aula abon­niert hat­te, sagt nichts über deren Unbe­denk­lich­keit, son­dern legt viel mehr die Kul­tur eines sys­te­ma­ti­schen Weg­schau­ens offen. Vier­tens: Aus­la­ge­rung. Dass Aus­wahl und Lay­out stre­cken­wei­se bei einem Mann lagen, der zugleich im Ares-/Sto­cker-Umfeld aktiv war, ent­las­tet nicht, son­dern beschreibt die Sze­ne-Ver­zah­nung. Zudem scheint es prak­tisch zu sein, mög­lichst viel auf einen Toten abwäl­zen zu kön­nen. Aber die­ser Pro­zess zeigt: Wer NS-Nar­ra­ti­ve ver­kauft, darf sich nicht wun­dern, wenn die Quit­tung kommt.

Wem die­ses Ver­fah­ren „zu klein­tei­lig“ erscheint, dem sei gesagt: Genau die­se Klein­tei­lig­keit war jahr­zehn­te­lang die Metho­de – Gift­trop­fen um Gift­trop­fen: „sau­be­re“ Wehr­macht, „Gru­sel­be­su­che“ statt Gedenk­kul­tur, „Land­pla­ge“ statt Befrei­ung, Irving statt His­to­ri­ker­kom­mis­si­on. Mit jedem Heft, jeder Buch­dienst-Sei­te wur­de die Schwel­le ein Stück wei­ter gesenkt, bis aus extrem rech­ter Publi­zis­tik eine Nor­mal­zo­ne wur­de – gedeckt von Bur­schen­schaf­ten, aka­de­mi­schen Ver­bän­den, per­so­nel­len Über­schnei­dun­gen in Rich­tung FPÖ, die die­se Publi­zis­tik auch mit Inse­ra­ten ali­men­tiert hat.

Dass all das jetzt vor einem Gericht seziert wird, ist ein über­fäl­li­ger Wen­de­punkt. Es geht nicht dar­um, Debat­ten zu ver­bie­ten, son­dern dar­um, den Unter­schied zwi­schen Debat­te, Ver­harm­lo­sung und roher Pro­pa­gan­da kennt­lich zu machen. Am Ende wird man eine poli­ti­sche Lek­ti­on mit­neh­men kön­nen: Anti­fa­schis­mus ist nicht der schril­le Gegen­pol, son­dern die Erin­ne­rung dar­an, was ein demo­kra­ti­scher Rechts­staat ver­tei­digt. Und ja, es ist müh­sam, Gedulds­ar­beit, ein Sisy­phos-Job, aber so und nicht anders sieht nach­hal­ti­ge Ent­nor­ma­li­sie­rung aus. Wer wei­ter behaup­tet, hier wer­de „nur Mei­nung“ ver­folgt, macht sich nicht zum Ver­tei­di­ger der Frei­heit, son­dern zum Anwalt ihrer Aushöhlung.

➡️ Wie Anwalt Toma­nek in einem AUF1-Inter­view den Aula-Pro­zess delegitimiert

➡️ Aula-Pro­zess in Graz: Wenn jahr­zehn­te­al­te Codes vor Geschwo­re­nen seziert werden
➡️ Aula-Pro­zess, Teil 2 (17.–19.9.): Bücher, Bil­der, Begrif­fe – und ein Milieu, das sich selbst beglaubigt
➡️ Aula-Pro­zess Teil 3 (22.–26.9.): Ver­fas­sungs­schutz auf Tauch­sta­ti­on, pro­ble­ma­ti­sche Tex­te und Holo­caust­leug­ner am Fließband
➡️ Aula-Pro­zess Teil 4 (24.–26.11.): Irving-Mythen, „Landplage“-Diffamierung, Nazi­lie­der und eine Ver­tei­di­gung im Wiederholmodus

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Schlagwörter: Burschen-/Mädelschaften/Korporationen | FPÖ | Freilich/AULA | Holocaustleugnung/-verharmlosung | Nationalsozialismus | Neonazismus/Neofaschismus | Steiermark | Verbotsgesetz | Verhetzung | Wiederbetätigung

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