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Lesezeit: 4 Minuten

Razzia in der Wiener Leopoldstadt: Die lange Geschichte eines Szenetreffpunkts

Die Raz­zia an Gott­fried Küs­sels Adres­se führt zurück zu einem Immo­bi­li­en-Deal der 1990er: Mit dem Ankauf durch Wil­helm E. wur­de das Haus in der Leo­pold­stadt zum Sze­ne­treff­punkt – vom „Reichs­kel­ler“ bis zur „Impe­ria“. Ges­tern, fast 30 Jah­re spä­ter, stan­den die Ermitt­ler wie­der vor der Tür.

10. Sep. 2025
Die Tür (rechts) zum langjährigen Neonaziszenetreffpunkt in der Lichtenauergasse wähend der Razzia am 9.9.25 (© SdR)
Die Tür (rechts) zum langjährigen Neonaziszenetreffpunkt in der Lichtenauergasse wähend der Razzia am 9.9.25 (© SdR)

Was am Dienstag passiert ist

Am Mor­gen des 9. Sep­tem­ber führ­te der Staats­schutz eine koor­di­nier­te Akti­on im Rah­men eines „Joint Action Day“ gegen die Neo­na­zi-Sze­ne durch: 25 Haus­durch­su­chun­gen in Wien, Nie­der­ös­ter­reich, Ober­ös­ter­reich, Stei­er­mark und Salz­burg, 17 Beschul­dig­te (16 Män­ner, 1 Frau im Alter von 18 bis 67 Jah­ren) ste­hen wegen des Ver­dachts auf Wie­der­be­tä­ti­gung im Fokus. Sicher­stel­lun­gen sol­len teils funk­ti­ons­fä­hi­ge Waf­fen (dar­un­ter mehr als ein Dut­zend im Haus in der Leo­pold­stadt), Muni­ti­on, Daten­trä­ger und NS-Pro­pa­gan­da­ma­te­ri­al umfasst haben. Es sei „ein geziel­ter Schlag gegen die orga­ni­sier­te rechts­extre­me Sze­ne” (ots.at, 9.9.25) gewe­sen. Fest­nah­men gab es vor­erst kei­ne. Nicht klar ist, ob alle 17 Beschul­dig­ten mit­ein­an­der in Ver­bin­dung ste­hen – wir ver­mu­ten eher nicht.

Bei der Razzia am 9.9.25 sichergestellte NS-Devotionalien in der Lichtenauergasse (Screenshot ORF ZiB, 9.9.25)
Bei der Raz­zia am 9.9.25 sicher­ge­stell­te NS-Devo­tio­na­li­en in der Lich­ten­au­er­gas­se (Screen­shot ORF ZiB, 9.9.25)

Wien-Leopoldstadt: Razzia an einer bekannten Adresse

Eine der Raz­zi­en betraf das Haus in der Lichtenauergasse/Czerninviertel.

Gemäß der Haus­durch­su­chungs­an­ord­nung wer­de Küs­sel vor­ge­wor­fen, das SS-Treu­e­lied – „Wenn alle untreu wer­den” – in Gegen­wart von ande­ren gesun­gen zu haben, berich­tet Ö1. Außer­dem soll er einen Mann beim Betre­ten des Ver­eins­lo­kals mit „Heil” begrüßt haben. Zuge­schrie­ben wer­de ihm auch fol­gen­des Zitat über die SS: „Das ist ja kei­ne Tötungs­ma­schi­ne­rie gewe­sen, das war ein Kon­zern. Ein Wirt­schafts­be­trieb war die SS.”

Über­dies soll ein unbe­kann­ter Tat­ver­däch­ti­ger nach einer tät­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung mit einem Juden Ende Novem­ber vor Küs­sel und wei­te­ren 15 Anwe­sen­den gesagt haben: „Aber es war sau­geil, Oida, wirk­lich. Du hät­test dem Juden sein Scheißg’sicht sehen müs­sen, Oida, wirk­lich, Oida. Wie wenn er vor Maut­hau­sen, Oida, neben einem Heiz­ofen steht. Wirk­lich, so hat er geschaut. Huren­sju­de, Oida.”

In einem ande­ren Gespräch mit Ver­eins­kol­le­gen soll Küs­sel laut Haus­durch­su­chungs­an­ord­nung gesagt haben, dass es das „Juden­pro­blem” selbst­ver­ständ­lich gebe. Mit­te März habe er die in gro­ßer Run­de Anwe­sen­den, die „wir sind Adolf-Hit­ler-Hoo­li­gans” geru­fen hät­ten, auf­ge­for­dert, „sich mit NS-Gschicht­ln ein bissl zurück­zu­hal­ten. Weil das fällt alles am Kopf.” (derstandard.at, 10.9.25)

Durch­sucht wur­de u. a. das Erd­ge­schoß­lo­kal der Feri­al­ver­bin­dung „Impe­ria“, das seit Jahr­zehn­ten als Treff­punkt von Sze­ne­ak­teu­re gilt – mitt­ler­wei­le eben­falls des gewalt­be­rei­ten Neo­na­zi-Nach­wuch­ses von „Tanz­bri­ga­de Wien“ und „Divi­si­on Wien“. Es sind in der Nähe der Immo­bi­lie meh­re­re gewalt­tä­ti­ge Über­grif­fe der „Jungna­zis“ doku­men­tiert – zuletzt nach der Iden­ti­tä­ren-Demo auf zwei jun­ge Männer.

Der Anfang: Der Hauskauf und der Einstieg der Szene

Der brau­ne Kno­ten­punkt ent­stand Ende der 1990er. Laut Recher­chen von News (7/2007, 15.2.07,  S. 32) habe der Neo­na­zi Wil­helm E. 1997 mit einem Kre­dit der Immo-Bank das Haus erwor­ben. Das „pro­fil“ (19/2009, 4.5.09, S. 36 ) schrieb, die Immo­bi­lie sein von E.s Vater erstei­gert wor­den. Fakt ist: Ab 2001 ver­kauf­te E. Woh­nun­gen an Akteu­re aus der Sze­ne der damals bereits zer­schla­ge­nen „Volks­treue außer­par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on“ (VAPO): Gott­fried Küs­sel kauf­te vier Woh­nun­gen zum auch damals güns­ti­gen Kauf­preis von 1.153.720 Schil­ling (bar bezahlt), zwei davon blie­ben bis jetzt in sei­nem Besitz. 2002 folg­te Felix B. mit einer Woh­nung, im sel­ben Jahr erwarb Ste­fan T. eben­falls vier Woh­nun­gen. T. betrieb an der Adres­se eine Kom­man­dit­ge­sell­schaft, Kom­man­di­tist war Wil­helm E.. Mit den Trans­fers ver­fes­tig­te sich das Haus als Besitz- und Infra­struk­tur­clus­ter der Szene.

Vom „Bioladen“ zum „Reichskeller“ und Neonazis als Liftwarte

Im Erd­ge­schoß betrieb Küs­sels Frau den „Natio­na­len Bio­la­den Natur­nah“, der Gewer­be­schein lief auf Küs­sels Schwie­ger­mut­ter. Par­al­lel dazu hat­te sich über eine Ver­eins­kon­struk­ti­on die „Wie­ner aka­de­mi­sche Feri­al­ver­bin­dung Reich“ gebil­det. In den auch ges­tern durch­such­ten Par­terre­räum­lich­kei­ten war der „Reichs­kel­ler“ untergebracht.

Wie stark die Sze­ne in der Lie­gen­schaft ver­an­kert war, zeig­te ein jah­re­lan­ger Kon­flikt um die Haus­ver­wal­tung, den pro­fil (19/09) detail­liert doku­men­tier­te. Wil­helm E. und sein frü­he­rer Weg­ge­fähr­te Elmar D. (Magnum Immo­bi­li­en) lie­fer­ten sich einen erbit­ter­ten Zivil­streit. Im Ver­fah­ren tra­ten Küs­sel und B. als „Lift­war­te“ auf. Neue Wohnungseigentümer*innen, die sich im Zuge eines Dach­aus­baus ein­ge­kauft hat­ten, spra­chen laut „pro­fil“ von „Gei­seln“ der alten Seilschaften.

Thorshammer über dem Eingang einer Küssel-Wohnung
Thor­s­ham­mer über dem Ein­gang einer Küs­sel-Woh­nung (© SdR 2020)

Vom „Reich“ zur „Imperia“ – Kontinuitäten bis heute

Nach den Alpen-Donau-Ermitt­lun­gen ver­schwand Küs­sels „Reich“. 2013 trat an der­sel­ben Adres­se die Feri­al­ver­bin­dung „Impe­ria Wien“ auf – mit per­so­nel­len Über­schnei­dun­gen im Küs­sel-Umfeld. Eben­falls an Küs­sels Woh­nungs­adres­se gemel­det: der knapp nach Küs­sels letz­ter Haft­ent­las­sung ein­ge­tra­ge­ne „Ver­ein für Kul­tur und Kunstschaffende“.

Vereinsregisterauszug Ferialverbindung "Imperia" (10.9.25)
Ver­eins­re­gis­ter­aus­zug Feri­al­ver­bin­dung „Impe­ria” (10.9.25)
Vereinsregisterauszug "Verein für Kultur und Kunstschaffende" (10.9.25)
Ver­eins­re­gis­ter­aus­zug „Ver­ein für Kul­tur und Kunst­schaf­fen­de” (10.9.25)

Akteu­re der alten Gar­de haben sich öffent­lich sicht­bar wäh­rend der Pan­de­mie als „Coro­na-Quer­front“ wie­der auf der Stra­ße getrof­fen. Hin­zu­ge­sto­ßen waren jün­ge­re Neo­na­zis, wie „Öster­reich Rechts­au­ßen“ 2022 aus­führ­lich dokumentierte.

Nun bleibt abzu­war­ten, wer für wel­che Delik­te kon­kret ange­klagt wird und vor allem, ob die Lie­gen­schaft wei­ter­hin als Sze­ne­treff­punkt exis­tie­ren wird – bis irgend­wann wie­der der Staats­schutz vor der Türe ste­hen und erneut ein bedeu­ten­der Schlag gegen die Neo­na­zi-Sze­ne ver­kün­det wer­den wird.

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