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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Blaue Freimaurer-Beschwörung

Die FPÖ hal­lu­zi­niert über mäch­ti­ge Geheim­bün­de, obwohl sie die ein­zi­ge Par­tei ist, deren Per­so­nal zu einem gro­ßen Teil aus intrans­pa­ren­ten Män­ner­seil­schaf­ten stammt.

20. Dez. 2023

Eli­tä­re und reak­tio­nä­re Män­ner­seil­schaf­ten sind ein poli­ti­scher Fak­tor in Öster­reich. Bes­ser bekannt sind sie unter dem Sam­mel­be­griff Bur­schen­schaf­ten (1). Die völ­kisch-deutsch­na­tio­na­le Ver­si­on die­ser intrans­pa­ren­ten Bün­de schlägt sich ger­ne mit Degen, man­che kul­ti­vie­ren NS-Lied­gut, ande­re ver­an­stal­ten Aben­de mit Neo­na­zis. Ihre Mit­glie­der stel­len bei­na­he 40 Pro­zent im FPÖ-Par­la­ments­klub, sie sit­zen folg­lich an den Schalt­stel­len des par­la­men­ta­ri­schen Arms des Rechts­extre­mis­mus in Öster­reich. Vor die­sem Hin­ter­grund wür­de fol­gen­der Aus­zug aus einer aktu­el­len par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge der FPÖ gar nicht schlecht klingen:

In einer plu­ra­lis­ti­schen und eigent­lich trans­pa­ren­ten Demo­kra­tie ist es höchst bedenk­lich, dass der­art weit­rei­chend ver­netz­te Geheim­bün­de offen­bar unzäh­li­ge Mit­glie­der in rele­van­ten Füh­rungs­po­si­tio­nen des Staa­tes instal­lie­ren, dar­über aber so gut wie kei­ne Aus­kunft geben. Weder über Grün­de [sic] die­ser Mit­glied­schaf­ten, noch über Inten­tio­nen, Zie­le oder gar mög­li­che Inter­es­sens­kon­flik­te. (parlament.gv.at, 22.11.23)

Natür­lich meint FPÖ-Gene­ral­se­kre­tär Hafenecker (Nibe­lun­gia Wien) damit nicht sein eige­nes Milieu anti­de­mo­kra­ti­scher Seil­schaf­ten. Statt­des­sen geht es in der Anfra­ge um einen wah­ren Klas­si­ker der Feind­mar­kie­rung, des­sen Mobi­li­sie­rung bei ver­schwö­rungs­ideo­lo­gisch beweg­ten Rech­ten stets funk­tio­niert: die Frei­mau­rer. Hafenecker, der erst im Sep­tem­ber die FPÖ-Dif­fa­mie­rungs­kam­pa­gne gegen das DÖW ein­peitsch­te, möch­te dies­mal um „Frei­mau­rer­netz­wer­ke in Poli­tik und Jus­tiz“ wis­sen, z.B. wie vie­le Mitarbeiter*innen im Innen- bzw. Jus­tiz­res­sort Frei­mau­rer sind.

Demagogisches Raunen

Dass es dem Text um Sug­ges­ti­on geht, legt bereits der ers­te Satz nahe. Denn anstatt auf irgend­ei­nen macht­po­li­tisch rele­van­ten Aspekt ein­zu­ge­hen – es soll sich ja schließ­lich um mäch­ti­ge Hin­ter­män­ner in Poli­tik und Wirt­schaft han­deln – greift die FPÖ lie­ber ein­mal mehr den Fall des ver­ur­teil­ten Ex-Burg­schau­spie­lers Flo­ri­an Teicht­meis­ter auf und behaup­tet, dass des­sen Mit­glied­schaft bei den Frei­mau­rern im „Zuge des Pädo­phi­len­skan­dals (…) pro­mi­nent und durch­aus unüb­li­cher­wei­se medi­al the­ma­ti­siert“ (ebd.) wor­den sei.

Frei­lich weiß die FPÖ, dass ihre Dem­ago­gie auf frucht­ba­ren Boden fällt, so gab es bereits wäh­rend des Pro­zes­ses gegen Teicht­meis­ter Auf­re­gung im rech­ten Medi­en­uni­ver­sum und Demons­trie­ren­de hat­ten „vor dem Gerichts­ge­bäu­de über ver­meint­li­che Ver­schwö­run­gen von Pädo­phi­len in der Poli­tik und ver­meint­li­che Ein­fluss­nah­me auf das Urteil fabu­liert“ (puls24.at, 12.12.23).

Ent­spre­chend wur­de die Anfra­ge im FPÖ-nahen Medi­en­sumpf dann inhalt­lich aus­ge­baut und zum Teil deut­li­cher in das rhe­to­ri­sche Regis­ter der anti­se­mi­ti­schen Ver­schwö­rungs­phan­tas­tik über­setzt. So freut sich das iden­ti­tä­re Online-Medi­um „Der Sta­tus“ (2) dar­über, dass die FPÖ „Dunk­le Strip­pen­zie­her ans Licht“ holen wol­le und spricht zudem von „Schattennetzwerke[n]“ und einer „Unter­wan­de­rung des Staa­tes“; außer­dem fän­den sich angeb­lich in allen „Sys­tem­par­tei­en“ Per­so­nen „die der orga­ni­sier­ten Frei­mau­re­rei nahe­ste­hen“; und die „größ­ten Skan­da­le der Repu­blik“ wür­den die „Gerich­te am Ende wie­der in irgend­wel­che Logen“ füh­ren.

Das rechtsextreme Portal "Der Status" reagiert auf die FPÖ-Anfrage mit einer entsprechenden Steigerung der Verschwörungsphantastik (Screenshot 12.12.2023)
Das rechts­extre­me Por­tal „Der Sta­tus” reagiert auf die FPÖ-Anfra­ge mit einer ent­spre­chen­den Stei­ge­rung der Ver­schwö­rungs­phan­tas­tik (Screen­shot 12.12.23)

Routinen rechter Verschwörungsphantastik

Nichts davon ist neu oder über­ra­schend. Bereits in dem bis heu­te belieb­ten anti­se­mi­ti­schen Pam­phlet „Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion“ (1920 erst­mals auf Deutsch erschie­nen), das bekannt­lich auch gro­ßen Ein­fluss auf die Nazis aus­üb­te, wur­de der Wahn von einer jüdisch-frei­mau­ri­schen Welt­ver­schwö­rung ver­brei­tet. Zudem ste­hen die fünf Leit­sät­ze der Frei­mau­rer – Tole­ranz, Frei­heit, Gleich­heit, Brü­der­lich­keit und Huma­ni­tät – rech­ter Ideo­lo­gie ent­ge­gen und trig­gern völ­ki­sche Ängs­te vor Gemeinschaftszersetzung.

Auch die ten­den­ziö­se Ver­bin­dung zwi­schen Ver­schwö­rung und Pädo­phi­lie ist nicht über­ra­schend. Hier echot die lan­ge Geschich­te der anti­se­mi­ti­schen Ritu­al­mord­le­gen­de, die zuletzt ins­be­son­de­re im Rah­men der US-ame­ri­ka­ni­schen – aber inzwi­schen glo­bal ver­brei­te­ten – QAnon-Ideo­lo­gie aktua­li­siert wur­de als die Vor­stel­lung, glo­ba­le Eli­ten sei­en ein Netz­werk aus sata­ni­schen Kin­der­schän­dern und ‑mör­dern.

Vor die­sem Hin­ter­grund braucht die FPÖ nichts zu tun, als Andeu­tun­gen zu machen – die anvi­sier­te Ziel­grup­pe ver­steht zuver­läs­sig. Wenn die Mäch­ti­gen in die Nähe von Pädo­kri­mi­na­li­tät gerückt wer­den, adres­siert dies zugleich bei der Eigen­grup­pe ein Gefühl von „Nor­ma­li­tät“, das stets gut an völ­ki­sche Homo­ge­ni­täts­vor­stel­lun­gen anknüp­fen kann und – mehr noch – an die wei­ter­hin sehr mobi­li­sie­rungs­fä­hi­ge Agi­ta­ti­on gegen Geschlechts­iden­ti­tä­ten und sexu­el­le Ori­en­tie­run­gen, die von einer Hete­ro- und Kern­fa­mi­li­en­norm abweichen.

So wun­dert es nicht, dass die aktu­el­le par­la­men­ta­ri­sche Anfra­ge von Rechts­au­ßen bei wei­tem nicht die ers­te zum The­ma „Frei­mau­rer“ ist. Am enga­gier­tes­ten hat sich in die­ser Tra­di­ti­on der Ex-FPÖ und ‑BZÖ-Poli­ti­ker Ewald Stad­ler erwie­sen. Der christ­li­che Fun­da­men­ta­list hat als FPÖ-Par­la­men­ta­ri­er bereits in den spä­ten 1990er Jah­ren meh­re­re ver­schwö­rungs­ideo­lo­gisch unter­mal­te Anfra­gen mit Frei­mau­rer-Bezug gestellt. Das DÖW doku­men­tiert zu die­sem Kreuz­zug im Jahr 2006:

Laut einem am 2. Okto­ber auf kreuz.net ver­öf­fent­lich­ten Bericht behaup­te­te der ein­fluss­rei­che FPÖ-Poli­ti­ker [Stad­ler, Anm. SdR] dort, dass „die EU das wich­tigs­te Instru­ment der frei­mau­re­ri­schen Poli­tik sei“. Gegen­wär­tig sei­en die „Mau­rer […] damit beschäf­tigt, eine Zivil­re­li­gi­on mit dem Holo­caust als Zen­trum auf­zu­bau­en“. Laut Stad­ler steht die frei­mau­re­ri­sche Welt­ver­schwö­rung hin­ter Revo­lu­tio­nen und Umstür­zen, alle Staa­ten ver­su­che sie unter ihre „Kon­trol­le“ zu brin­gen. (doew.at)

Bevor der poli­ti­sche Wen­de­hals Stad­ler im Jahr 2008 zu Hai­ders BZÖ wech­sel­te, beschimpf­te er sogar die­sen als „Frei­mau­rer“.

Wie gut der Glau­be an eine jüdisch-frei­mau­re­ri­sche Ver­schwö­rung dazu taugt, das eige­ne Ver­sa­gen auf böse Machen­schaf­ten zu schie­ben, bewie­sen im Jahr 2020 jene Dos­siers, die bei Ex-FPÖ-Chef Heinz-Chris­ti­an Stra­che im Rah­men einer Haus­durch­su­chung gefun­den wur­den. Dar­in mut­maßt Stra­che detail­liert, dass er Opfer einer Ver­schwö­rung sei, an deren Spit­ze die Israe­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de (IKG), die ÖVP und Frei­mau­rer stünden.

Blaue Heuchelei

Abschlie­ßend folgt hin­sicht­lich der blau­en Heu­che­lei, wenn es um Het­ze gegen ech­te oder ver­meint­li­che Pädo­phi­le geht, ein lan­ges Zitat aus einem Vor­trag, den der Publi­zist Hans-Hen­ning Schar­sach kürz­lich hielt. Denn prä­gnan­ter lässt es sich kaum pointieren:

Den Fall Teicht­meis­ter nütz­te die FPÖ wie­der ein­mal, um sich in gro­ßer Pose als Ver­tre­te­rin von Recht und Ord­nung zu gebär­den. Sie for­der­te här­te­re Stra­fen für Sexu­al­de­lik­te – bis hin zu lebenslänglich.

Ich darf dar­an erin­nern: 2004 wur­den auf dem PC des frei­heit­li­chen Frak­ti­ons­ob­man­nes in Linz kin­der-por­no­gra­phi­sche Dar­stel­lun­gen gefun­den. Die Staats­an­walt­schaft leg­te den Fall nie­der, weil alle FPÖ-Mit­ar­bei­ter aus­sag­ten, dass vie­le Per­so­nen Zugang zu dem PC hat­ten und sich der Schul­di­ge daher nicht eru­ie­ren ließ.

2005 wie­der­hol­te sich das: Wie­der fand man auf einem Com­pu­ter der ober­ös­ter­rei­chi­schen Frei­heit­li­chen kin­der­por­no­gra­phi­sches Mate­ri­al. Wie­der wur­de der Fall von der Staats­an­walt­schaft zurück­ge­legt – aus den glei­chen Grün­den wie ein Jahr zuvor.

2007 wur­de ein bur­gen­län­di­scher Orts­par­tei­chef der FPÖ rechts­kräf­tig ver­ur­teilt. Er hat­te kin­der­por­no­gra­phi­sches Mate­ri­al aus dem Inter­net her­un­ter­ge­la­den, gespei­chert und Jugend­li­chen zugäng­lich gemacht. Von Jour­na­lis­ten auf­ge­deckt wur­de das aller­dings erst 2009. Zwei Jah­re war der Vor­be­straf­te in all sei­nen FPÖ-Funk­tio­nen geblieben.

2011 berich­te­te der ORF Nie­der­ös­ter­reich von einem der Kin­der­por­no­gra­phie ver­däch­ti­gen FPÖ-Poli­ti­ker, der im Ver­hör zugab, mit einer Mut­ter über sexu­el­le Dienst­leis­tun­gen ihrer min­der­jäh­ri­gen Toch­ter ver­han­delt zu haben.

2016 wur­den auf dem PC eines FPÖ-Betriebs­ra­tes der Tiro­ler Poli­zei, den die Frei­heit­li­chen zwei­mal für das Euro­päi­sche Par­la­ment hat­ten kan­di­die­ren las­sen, por­no­gra­phi­sche Dar­stel­lun­gen Min­der­jäh­ri­ger gefunden.

Aber es blieb nicht immer bei foto­gra­fi­schen Dar­stel­lun­gen. Auch hier gibt es einen ober­ös­ter­rei­chi­schen Fall: 2015 wur­de ein frei­heit­li­cher Vize­bür­ger­meis­ter aus dem Bezirk Wels-Land zu zwölf Mona­ten teil­be­dingt ver­ur­teilt, der sei­ne zehn­jäh­ri­ge Enke­lin miss­braucht hat­te. (stopptdierechten.at, 17.10.23)

 

Fuß­no­ten

1 Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler und DÖW-Mit­ar­bei­ter Bern­hard Wei­din­ger hat das ent­spre­chen­de Stan­dard­werk zu öster­rei­chi­schen Bur­schen­schaf­ten in der Zwei­ten Repu­blik ver­fasst – den Voll­text gibt es hier gra­tis zum Download.
2 „Dunk­le Strip­pen­zie­her ans Licht holen: FPÖ stellt Anfra­gen zu Frei­mau­rer-Net­zen“, 12.12.23, ein­ge­se­hen auf der Web­site von „Der Sta­tus“ am 20.12.23

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