Die Dossiers der „Weisen von Ibiza“. Oder: ein Lehrstück über Antisemitismus

Heute, am 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen, gibt’s anstatt warmer Worte des Mahnens – deren hören und lesen wir genug – ein beispielhaftes Zeugnis für den latenten Antisemitismus in Österreich. Die bei Heinz-Christian Strache aufgefundenen Dossiers sind geradezu ein Lehrstück über eine zusammengezimmerte jüdisch-freimaurerische Verschwörungsclique, die den Ex-Vizekanzler stürzen sollte.

Bürgermeister von Wien will er werden, hat Heinz-Christian Strache vor einigen Tagen in einer Pressekonferenz hinausgeblasen. Ob das angesichts der Umfragewerte von rund fünf Prozent zum Lachen oder nur zum Kopfschütteln ist, bleibt den Leser*innen überlassen. Keineswegs amüsant sind jedoch Dokumente, über die „Der Standard“ berichtet und die uns ebenfalls in kleinen Auszügen vorliegen. Demnach seien im Zuge einer Hausdurchsuchung in Straches Klosterneuburger Domizil „dutzende Dossiers“ sicher gestellt worden, in denen eine Feindeswelt zusammenbastelt ist, die hinter Straches über Ibiza angepeilten Sturz stehen soll. Im Unterschied zu den Erkenntnissen von Polizei und Staatsanwaltschaft fokussieren sich Straches Akten aber auf eine Verschwörung, an deren Spitze die Israelitische Kultusgemeinde (IKG), die ÖVP und ‚Freimaurer’ gesehen werden.“

Verschwörungsorganigramm: ÖVP, BVT, Oligarchen, Freimaurer, IKG (Foto: Der Standard)

Verschwörungsorganigramm: ÖVP, BVT, Oligarchen, Freimaurer, IKG (Foto: Der Standard)

Viel unverhohlener geht der Ausdruck von historisch verwurzeltem Antisemitismus gar nicht mehr. Die nachweislich gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion gelten als Ursprung einer herbeiimaginierten freiermaurerischen-jüdischen Verschwörungsclique, die die Weltherrschaft an sich reißen wolle. Dieses Pamphlet diente als zentraler Baustein für die antisemitische Propaganda des Nationalsozialismus, die bekanntermaßen direkt in den Holocaust geführt hat.

Nun knüpfen die bei Strache aufgefundenen Dossiers der „Weisen von Ibiza“ genau an wesentliche Elemente aus den „Protokollen“ an: Sie setzen Organisationen und Institutionen an die Spitze jenes Netzwerks, das Strache angeblich zu Fall gebracht haben soll. Wir finden am Kopf eines Organigramms „Freimaurer“ und „IKG“ kombiniert mit „Oligarchen“ und der ÖVP Niederösterreich, was denn auch suggeriert, es habe ein miteinander vielfach verwobenes institutionelles Gefüge Interesse daran gehabt, Strache zu stürzen. Die IKG erscheint hier als eine Schaltstelle, die zu zentralen Akteuren führen soll. Man kann aus der Lektüre zahlreicher spekulativer Artikel und Statements wenigstens zum Teil ahnen, welche Namen in dem Organigramm auftauchen.

Straches deformierte Persönlichkeit

Mit welch heimtückischen Mitteln dieses Verschwörernetzwerk auf Ibiza gearbeitet haben soll, offenbart Strache in einem News-Interview:

Im Nachhinein sagt ja jeder Experte, mit dem ich mich austauschte, dass die Art und Weise, wie ich dort übertrieben gestikuliere und artikuliere, kein alleinig berauschter Zustand war. Jeder, der das Video ganz gesehen hat, sagt, dass die ersten Stunden völlig nebulös und fad waren, bis dann das gewirkt hat, was mir diese Herrschaften offenbar unterjubelten, um mich dort hinzubekommen, wo sie mich haben wollten. Ich hatte während der ganzen Entwicklung stets das Gefühl: „Ich will jetzt gehen!“, aber ich konnte nicht – ich konnte nicht und weiß nicht, warum. (News, Nr. 18/2020, S. 20)

Straches Persönlichkeit wurde also deformiert, vermutlich mit Ecstasy in Tropfen oder liquide[m] Kokain“, wie er anfügt. Als Kronzeugin führt Strache seine Mutter an, die, damals ebenfalls auf Ibiza weilend, bei seiner frühmorgendlichen Heimkehr von sich gegeben haben soll: „In so einem Zustand habe ich dich noch nie erlebt.“ Wenn das die eigene Mutter sagt, muss es ja stimmen!


Wir fassen zusammen: Ein verschlagenes Netzwerk aus einer jüdisch-freimaurerischen Oligarchenecke mit ÖVP-Beteiligung hat Strache in den Hinterhalt gelockt, ihm Drogen eingeflößt, sodass er völlig unschuldig zu den Aussagen hingelangte, die wir aus dem Ibiza-Video kennen. Es war nicht Strache, der dort gesprochen hat, es war eine andere Persönlichkeit.

… soll Jude sein

Über die vermuteten Hintermänner ist in den Dossiers zu lesen: „XY ist stark verwurzelt in der IKG … XX, der mit Silberstein gearbeitet hat … XZ soll (…) Jude sein … auch XZ wird eine Mitgliedschaft in der IKG nachgesagt“. Dazu Ergüsse wie  „im Sold“ stehende Akteure, ein „Kopfgeld“, das auf Strache ausgesetzt worden sei, über angebliche Freimaurer in Verbindung mit einem international verzweigten Oligarchen-Netzwerk, das denn auch zur IKG führen soll.

Aus dem Ibiza-Dossier über angebliche Hintermänner: verwurzelt in der IKG, Silberstein, soll Jude sein, Kopfgeld ...

Aus dem Ibiza-Dossier über angebliche Hintermänner: verwurzelt in der IKG, Silberstein, soll Jude sein, Kopfgeld …

Aus dem Ibiza-Dossier über angebliche Hintermänner: Freimaurer, Oligarchen ...

Aus dem Ibiza-Dossier über angebliche Hintermänner: Freimaurer, Oligarchen …

Straches Anwalt gibt an, diese Schriftstücke seien dem gefallenen Vizekanzler und Ex-Parteiobmann „zugespielt“ worden: „Sie sind Gegenstand von Ermittlungen und werden von ihm nicht bewertet“ (Standard), lesen wir. Aber irgendwann wird dem selbsternannten Bürgermeisteranwärter Strache sicher eine Bewertung in Form einer Distanzierung von diesem antisemitischen Dreck entkommen, irgendwann, oder?