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Die Wutbauern-Fänger

Unter dem Titel „Stirbt der Bau­er, stirbt das Land“ wer­ben rechts­extre­me Medi­en mitt­ler­wei­le für den zwei­ten „gro­ßen Bau­ern­gip­fel“ Mit­te Juni. Beim letz­ten Mal gin­gen ihnen hun­der­te Landwirt:innen auf den Leim, nicht weni­ge davon mit FPÖ-Nähe. Haben RTV und Info-Direkt ein neu­es rech­tes Rekru­tie­rungs­feld aufgetan?

13. Juni 2026
Hunderte Bauern folgten dem Ruf der extrem Rechten in die Schachnerhalle. (Screenshot RTV)
Hunderte Bauern folgten dem Ruf der extrem Rechten in die Schachnerhalle. (Screenshot RTV)

Wer unbe­quem ist, der wird natür­lich aus­ge­sto­ßen. Poli­tik ist ein Kampf um Deu­tungs­ho­heit. Da will natür­lich der, der die Macht hat, die Geschich­te erzäh­len, wie er alles sieht. Und da braucht man kei­nen, der dann dane­ben steht und alter­na­ti­ve Geschich­ten erzählt. Und so lan­det man im Verfassungsschutzbericht.

So erklär­te der amts­be­kann­te Rechts­extre­mist Micha­el Scharf­mül­ler rund 300 Bau­ern und Bäu­rin­nen im ober­ös­ter­rei­chi­schen Gars­ten, war­um es vor­ab Kri­tik an der Teil­nah­me an sei­nem Bau­ern­gip­fel gab. Orga­ni­siert haben das Zusam­men­tref­fen von Bau­ern­ver­tre­tern näm­lich Scharf­mül­ler vom rech­ten Pro­pa­gan­da­ma­ga­zin Info-Direkt und der Ver­schwö­rungs­ka­nal RTV. Und bei­de wer­den im jähr­li­chen Ver­fas­sungs­schutz­be­richt expli­zit genannt.

Unzufriedenheit trifft Unruhestifter

Aber, so berich­te­te das Bran­chen­ma­ga­zin top agrar (8.5.26): „Die Erwäh­nung von RTV im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2025 spiel­te in der Hal­le offen­bar kei­ne gro­ße Rol­le. Zu groß dürf­te die Unzu­frie­den­heit mit der aktu­el­len Agrar­po­li­tik sein.“

Bau­ern und Bäu­rin­nen bekla­gen seit Jah­ren die schwie­ri­gen Arbeits­ver­hält­nis­se in ihrer Bran­che: Da ist ein­mal der hohe Preis­druck, dem sie durch den Han­del aus­ge­setzt sind, die Kon­kur­renz durch Impor­te ver­schärft das Pro­blem. Für vie­le Landwirt:innen sind auch die Doku­men­ta­ti­ons­pflich­ten ihrer Arbeit zu viel, und sie kri­ti­sie­ren vie­le Auf­la­gen. Die­se Frus­tra­ti­on fällt in der extre­men Rech­ten schon seit Mona­ten auf frucht­ba­ren Boden.

In der Ver­gan­gen­heit berich­te­ten die rechts­extre­men Platt­for­men immer wie­der über Bau­ern­pro­tes­te in ande­ren Län­dern – wenig über­ra­schend, das The­ma lässt sich wun­der­bar mit rech­ten Erzäh­lun­gen ver­knüp­fen: die hei­mi­sche Schol­le, die Rechts­au­ßen-Vor­stel­lung von einem homo­ge­nen Volk, ein idea­li­sier­tes Bild von (bäu­er­li­chen) Fami­li­en und supra­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen („Brüs­sel“), die „uns“ sagen wol­len, wo’s lang geht. Das Schimp­fen der Rech­ten gegen „die da oben“ trifft auf berech­tig­te Kri­tik an poli­ti­schen Entscheidungsträger:innen und Großparteien.

Und plötz­lich hat Öster­reich sei­ne eige­nen Bau­ern­pro­tes­te! Am 1. April demons­trier­ten Landwirt:innen mit ihren Trak­to­ren in der Wie­ner Innen­stadt. Alle weit rech­ten Kanä­le spran­gen auf – und wur­den mit offe­nen Armen emp­fan­gen. Ein Zuse­her des „Bau­ern­gip­fels“ in Gars­ten brach­te die Sache auf den Punkt: „Weil die Pro­ble­me immer grö­ßer wer­den, und es ist trau­rig, dass die Poli­tik weg­schaut.“ Rech­te Unru­he­stif­ter machen sich dort breit, wo Poli­tik­ver­dros­sen­heit und Frust kein Ven­til mehr finden.

Verschwurbelte Hetzer

RTV und Info-Direkt bie­ten ihre Reich­wei­te als Ven­til und geben den Bau­ern eine Büh­ne. Dabei sind die bei­den Platt­for­men in der extre­men Rech­ten fest ver­an­kert. Die Ein-Mann-Show Info-Direkt ver­brei­tet seit Jah­ren Pro­pa­gan­da im Stil der Iden­ti­tä­ren. Laut dem Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2025 ver­su­che Info-Direkt aus Linz „einen pseu­do-intel­lek­tu­el­len Anspruch zu befrie­di­gen, ohne auf rechts­extre­me Kern­the­men wie Asyl, Zuwan­de­rung, Ver­schwö­rungs­nar­ra­ti­ve und poli­ti­sche Feind­bil­der zu verzichten.“

Das Fami­li­en­un­ter­neh­men RTV aus Gars­ten war einst als klas­si­scher Lokal­sen­der auf­ge­baut und ist in der Coro­na­pan­de­mie rechts abge­bo­gen. Jetzt attes­tiert ihm die Direk­ti­on Staats­schutz und Nach­rich­ten­dienst  in ihrem Bericht 2025 „rechts­extre­me Agi­ta­tio­nen, z. B. gegen­über poli­ti­schen Geg­ne­rin­nen und Geg­nern“. Dabei ist RTV nicht nur Inse­ra­te­emp­fän­ger und Sprach­rohr der FPÖ, son­dern hat auch auf­fäl­li­ge Über­schnei­dun­gen mit dem FPÖ-Radio „Aus­tria First“ und kas­siert trotz „Sys­tem­kri­tik“ staat­li­che Medi­en­för­de­run­gen.

Der große FPÖ-nahe Bauerngipfel

Ein Ven­til für den Frust der Bau­ern­schaft soll­te der 7. Mai in Gars­ten sein. RTV und Info-Direkt kün­dig­ten den „gro­ßen Bau­ern­gip­fel“ an. Dort könn­ten Bau­ern, so Scharf­mül­ler groß­spu­rig, „erst­mals erzäh­len“, wie sie sich die Zukunft der Land­wirt­schaft vor­stel­len. Mit­be­wor­ben vom nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Land­wirt­schafts­kam­mer-Rat Josef Handl, der gleich­zei­tig auch Obmann-Stell­ver­tre­ter des Unab­hän­gi­gen Bau­ern­ver­bands ist, kamen zwar kei­ne 500, wie von den Ver­an­stal­tern behaup­tet, aber immer­hin 300 Men­schen in die Schach­ner­hal­le. Die Beteue­run­gen der Teil­neh­men­den, die Pro­ble­me in der Land­wirt­schaft „unpo­li­tisch“ erör­tern zu wol­len, sind bei sol­chen Gast­ge­bern jedoch kaum zu erfüllen.

Zwar waren auch par­tei­lo­se Spre­cher auf der Büh­ne, die Hälf­te aber hat irgend­ei­ne Nähe zur FPÖ. Da war Man­fred Muhr von der Agrar­ge­mein­schaft Öster­reich, der in den Jah­ren 2017 und 2025 im Haupt­ver­hand­lungs­team der Regie­rungs­ver­hand­lun­gen für die FPÖ saß. Oder Toni Schen­ker­mayr: Als „Bau­ern­re­bell“ ange­kün­digt, ließ sich der Land­wirt bei der Gemein­de­rats­wahl 2025 in Sei­ten­stet­ten für die FPÖ auf­stel­len. Und zuletzt natür­lich der FPÖ-Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­te und Agrar­spre­cher Peter Schmied­lech­ner: Der will nicht nur „Öster­reich zuerst, die öster­rei­chi­sche Land­wirt­schaft zuerst“, son­dern ver­mut­lich auch sei­nen Füh­rer­schein zurück. Den muss­te er nur weni­ge Tage nach dem Bau­ern­gip­fel wegen Trun­ken­heit am Steu­er abgeben.

In Gars­ten waren noch mit von der Par­tie der FPÖ-Vize­bür­ger­meis­ter aus Steyr, Hel­mut Zöttl, bekannt von den Stey­rer Stadt­spa­zier­gän­gen und der ober­ös­ter­rei­chi­sche FPÖ-Lan­des­par­tei­se­kre­tär Micha­el Gru­ber, der die Bau­ern-Ver­an­stal­tung far­ben­blind als „ohne eine par­tei­po­li­ti­sche Fär­bung dahin­ter“ lobte.

Und wer sich am Podi­um nicht der FPÖ andien­te, der pflegt offen­bar ande­re zwei­fel­haf­te Kon­tak­te, wie Ver­tre­ter des Unab­hän­gi­gen Bau­ern­ver­ban­des UBV:

Zwei sei­ner Spit­zen­funk­tio­nä­re lie­ßen sich vom rus­si­schen Sen­der Ros­si­ja 1 (Russ­land 1) ein­span­nen. Der Sen­der gilt als Putins Sprach­rohr und ist in Euro­pa nicht mehr zu emp­fan­gen, weil er für aggres­si­ve Pro­pa­gan­da steht. Er ist Teil der Mos­kau­er Des­in­for­ma­ti­on, die Unru­he nach Euro­pa tra­gen soll. Die­ser Sen­der war vor eini­gen Mona­ten für eine Repor­ta­ge auf ober­ös­ter­rei­chi­schen Höfen. (nachrichten.at, 5.6.26)

Einer der bei­den Funk­tio­nä­re, Paul Pree, saß in Gars­ten auch am Podium.

Rechtes „Zensur“-Drama

Die Bericht­erstat­tung seriö­ser Medi­en über die Wut­bau­ern-Fän­ge­rei blieb über­schau­bar – und kam den­noch nicht ohne rechts­extre­mes Dra­ma aus: Das Bran­chen­blatt TopAgrar berich­te­te weit­ge­hend unkri­tisch aus Gars­ten. Micha­el Scharf­mül­ler aller­dings gefiel die Bebil­de­rung des Bei­trags nicht, weil dar­auf das Logo sei­ner Des­in­for­ma­ti­ons­schleu­der nicht sicht­bar war. Auch empör­te ihn, dass Info-Direkt als Mit­ver­an­stal­ter nicht erwähnt wur­de. In einem aus­ufern­den Bei­trag schwang er die „Zensur“-Keule, empör­te sich über eine „fre­che Bild­ma­ni­pu­la­ti­on“ durch top agrar.

Hahnebüchener Zensurvorwurf gegen TopAgrar (Screenshot Info-Direkt)
Hane­bü­che­ner Zen­sur­vor­wurf gegen top agrar (Screen­shot Info-Direkt)

Auf der Büh­ne bog sich der Bau­ern­fän­ger Scharf­mül­ler die Wahr­heit zurecht. Da sag­te er, sie alle, das Publi­kum, könn­te in Zukunft Scharf­mül­lers Schick­sal tei­len, da sich Lebensmittelproduzent:innen ja selbst ver­sor­gen könnten.

Also ihr wer­det, wenn der Ver­fas­sungs­schutz jetzt hier ist und euch gese­hen hat, im nächs­ten Ver­fas­sungs­schutz­be­richt lan­den. Weil auch das Prep­pen, wie es auf Eng­lisch heißt, ist näm­lich laut Ver­fas­sungs­schutz extremistisch.

Interessenvertretung ohne Parteipolitik?

Ernst Tsch­i­da vom Bau­ern­bund Bur­gen­land beteu­er­te am Podi­um ein­mal mehr „Körndl­bau­ern und Hörndl­bau­ern“ woll­ten „in der Öffent­lich­keit wahr­ge­nom­men wer­den. Unpo­li­tisch!“ Auch Man­fred Muhr for­der­te unter viel Applaus „eine star­ke, unab­hän­gi­ge Inter­es­sen­ver­tre­tung auf frei­wil­li­ger Basis ohne Par­tei­po­li­tik“. Das ist nur bedingt glaub­wür­dig, solan­ge sich die Landwirt:innen von FPÖ und rechts­extre­men Pseu­do-Medi­en hofie­ren lassen.

Am 16. Juni soll in Aspach/OÖ schon der nächs­te „gro­ße Bau­ern­gip­fel“ statt­fin­den. Orga­ni­siert wie­der von RTV und Info-Direkt.

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