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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Der Waffendealer der Neonazis

Er ist eine der wich­tigs­ten Figu­ren der Neo­na­zi­sze­ne im deutsch­spra­chi­gen Raum, ver­mut­lich auch über die Sprach­gren­zen hin­aus. Seit mehr als einem Vier­tel­jahr­hun­dert ver­tickt er Waf­fen in der Sze­ne, dealt auch mit Dro­gen. Sel­ten, aber doch kommt ihm dabei die Exe­ku­ti­ve in die Que­re. Dann muss er kurz­fris­tig absit­zen – oder auch nicht? Aber dann macht er wie­der wei­ter mit der Auf­rüs­tung der Neo­na­zis. Eine Spu­ren­su­che zu Peter B..

14. Dez. 2020
Waffen bei Neonazis (Screenshot Wien heute, orf.at, 12.12.20)
Waffen bei Neonazis (Screenshot Wien heute, orf.at, 12.12.20)

Wann hat das alles begon­nen bei Peter B., der mitt­ler­wei­le 53 Jah­re alt ist? Über sei­ne frü­hen Jah­re und sei­ne Fami­lie lie­gen uns nur sehr vage und ziem­lich pro­ble­ma­ti­sche Quel­len vor. Da wäre ein­mal der Woh­nungs­nach­bar der Fami­lie, der dama­li­ge FPÖ-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Alo­is Preiszler – er ist der Vater des inzwi­schen Ex-FPÖ-Gemein­de­rats und Lei­ters der poli­zei­li­chen Ein­satz­grup­pe zur Bekämp­fung der Stra­ßen­kri­mi­na­li­tät, Wolf­gang Preiszler. Der hat­te mit sei­ner Trup­pe die Haus­durch­su­chung im Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz gelei­tet und dort stun­den­lang das auch für Neo­na­zis zustän­di­ge Extre­mis­mus­re­fe­rat durchwühlt.

Als der Peter B. im Dezem­ber 1993 in einem grü­nen Audi gemein­sam mit einem Kame­ra­den von den tsche­chi­schen Behör­den auf­ge­grif­fen wur­de und man im Kof­fer­raum „zahl­rei­che zer­leg­te Jagd­ge­weh­re, Pis­to­len und viel Muni­ti­on“ ent­deck­te, gin­gen die öster­rei­chi­schen Behör­den von einer bedeut­sa­men Ent­de­ckung im Zusam­men­hang mit der Brief­bom­ben­se­rie aus. Schließ­lich hat­te man ja in der Woh­nung des Peter B. nach einer Haus­durch­su­chung Mate­ria­li­en wie Gly­ce­rin und Schwe­fel­säu­re gefun­den, also Kom­po­nen­ten, die auch für Brief­bom­ben ver­wen­det wer­den. (vgl. NZZ, 11.12.93)

Da kommt dann Alo­is Preiszler ins Spiel. Die FPÖ war damals all­ge­mein damit beschäf­tigt, jede poli­ti­sche, ideo­lo­gi­sche und per­so­nel­le Nähe zum Brief­bom­ben­ter­ror von sich zu wei­sen. Preiszler muss­te sich aber beson­ders erklä­ren: „Es wird eine schwie­ri­ge Zeit für uns, weil die Jour­na­lis­ten fra­gen, ob B. FP-Mit­glied oder Wahl­kampf­hel­fer war. Er war es aber nicht. Ich ken­ne ihn und sei­ne Fami­lie per­sön­lich, weil er Woh­nungs­nach­bar war und sei­ne Fami­lie hoch­an­stän­dig ist.“ (Kurier, 12.12.93)

Dem FPÖ-Poli­ti­ker war auch nicht auf­ge­fal­len, dass der Peter B. aus der hoch­an­stän­di­gen Fami­lie damals schon fest in der Neo­na­zi-Sze­ne, kon­kret: Küs­sels VAPO, ver­an­kert war – und zwar nicht nur in der öster­rei­chi­schen, son­dern auch in der deut­schen, kon­kret in der Ber­li­ner Sze­ne. Wie die spä­te­ren Ermitt­lun­gen erga­ben, ist er schon vor dem Auf­griff an der tsche­chi­schen Gren­ze in Bran­den­burg als „Spreng­stoff­ex­per­te“ mit Pan­zer­mi­nen und Spreng­stoff­roh­ren unter­wegs gewesen.

Mit dem grü­nen Audi woll­ten er und Alex­an­der W. eigent­lich nach Ber­lin zu Ben­dix Wendt, der eben­falls als Spreng­stoff­ex­per­te in der Sze­ne gehan­delt wur­de. Die Ver­bin­dung zu Wendt und den Ber­li­ner „Van­da­len“, einer neo­na­zis­ti­schen „ario­ger­ma­ni­schen Kampf­ge­mein­schaft“, war damals und in den fol­gen­den Jah­ren ziem­lich inten­siv – ein gegen­sei­ti­ges give and take bei Waf­fen, Spreng­stoff und den Erfah­run­gen damit.

Aus einem Vernehmungsprotokoll mit Bendix Wendt: Wendt bestätigt, an B. Sprengstoff geliefert zu haben.
Aus einem Ver­neh­mungs­pro­to­koll mit Ben­dix Wendt: Wendt bestä­tigt, an B. Spreng­stoff gelie­fert zu haben.

Dazu gehör­ten natür­lich auch gegen­sei­ti­ge Besu­che, die die Pro­mi­nenz von VAPO und Van­da­len betraf. Die dama­li­gen Kon­tak­te und Akti­vi­tä­ten B.s sind des­halb eini­ger­ma­ßen gut doku­men­tiert, weil sie – vie­le Jah­re spä­ter – in diver­sen Unter­su­chungs­aus­schüs­sen rund um den Nazi-Ter­ror des NSU zur Spra­che kamen. War­um das? Weil die Neo­na­zis rund um den NSU, die Typen von Blood & Honour, auch die­je­ni­gen waren, mit denen Peter B. Jah­re zuvor schon in engem Kon­takt war.

1995 war für den Peter dann mal Pau­se. Obwohl der in der Ankla­ge for­mu­lier­te Ver­dacht, wonach Peter B. gemein­sam mit Franz Radl am Brief­bom­ben­ter­ror wesent­lich betei­ligt gewe­sen sei­en, man­gels Bewei­sen fal­len­ge­las­sen wer­den muss­te und obwohl der Ver­tei­di­ger Rudolf May­er Peter B. als „jun­gen Radau­bru­der“ zu ver­harm­lo­sen ver­such­te („Den kön­nen Sie frei­las­sen“ APA, 21.12.95), wur­de Peter B. zu fünf Jah­ren Haft wegen NS-Wie­der­be­tä­ti­gung ver­ur­teilt. (Radl damals zu drei Jahren)

Im Früh­jahr 1997 wur­de Peter B. dann vor­zei­tig aus der Haft ent­las­sen; „unver­dros­sen und ohne Spu­ren von Läu­te­rung“, wie „pro­fil“ (Nr. 15/97) fest­hielt. In der Haft war er bes­tens umsorgt wor­den von der neo­na­zis­ti­schen „Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on für natio­na­le poli­ti­sche Gefan­ge­ne“ (HNG), die 2011 end­lich ver­bo­ten wur­de, Nach der Haft küm­mer­te sich das „Forum für ein huma­nes und demo­kra­ti­sches Straf­recht und zur Ein­hal­tung der Men­schen­rech­te“ (FSM), initi­iert von der frü­he­ren FPÖ-NÖ-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Ilse Hans, um die brau­nen Nazi-Schäf­lein von der VAPO (Franz Radl fand dort sogar Anstel­lung).

Nach sei­ner Haft­ent­las­sung tauch­te B. jeden­falls wie­der ab. In den Unter­su­chungs­aus­schuss-Unter­la­gen vie­le Jah­re spä­ter ist eine ver­mut­lich beding­te Frei­heits­stra­fe von neun Mona­ten wegen des uner­laub­ten Ein­füh­rens einer Waf­fe durch das Amts­ge­richt Aachen (25.3.99) ver­merkt. Die spä­ten 90er-Jah­re dürf­ten eine ziem­lich gute Zeit für Waf­fen­de­als aus den Bestän­den des zer­fal­len­den Jugo­sla­wi­ens gewe­sen sein.

2002 poppt Peter B. dann kurz bei der 20-Jah­re-Fei­er der „Van­da­len“ in Ber­lin wie­der auf, weil die Poli­zei Kon­trol­len durch­ge­führt hat. Die Nach­barn von Ben­dix Wendt hat­ten schon in den Jah­ren vor­her zahl­rei­che Besu­che von Öster­rei­chern bemerkt .

In den fol­gen­den Jah­ren läuft Peter B. wie­der unter­halb der Auf­merk­sam­keits­gren­ze. Bis zum Jahr 2010: Da mel­det die „Klei­ne Zei­tung“ am 23.3. unter dem Titel „Dro­gen und Waf­fen: Spur führt in die rech­te Sze­ne“, dass „auf einem Park­platz im Mürz­tal von stei­ri­schen Dro­gen­er­mitt­lern, Fahn­dern des Bun­des­kri­mi­nal­am­tes und dem Ein­satz­kom­man­do Cobra“ ein Nie­der­ös­ter­rei­cher und ein Stei­rer fest­ge­nom­men wur­den, weil die bei­den Ver­däch­ti­gen 260 Gramm Koka­in mit sich führ­ten. In der Woh­nung des Nie­der­ös­ter­rei­chers wur­den dann „auch jede Men­ge Waf­fen und 1600 Schuss Muni­ti­on sichergestellt.“

Und dann heißt es zur nähe­ren Cha­rak­te­ri­sie­rung des Nie­der­ös­ter­rei­chers wei­ter: „Der Nie­der­ös­ter­rei­cher ist in der rech­ten Sze­ne kein Unbe­kann­ter. Er wur­de in den Neun­zi­ger-Jah­ren sogar mit der Brief­bom­ben­se­rie in Zusam­men­hang gebracht und – gemein­sam mit einem Stei­rer – wegen Wider­be­tä­ti­gung [sic!] ver­ur­teilt.“

Das passt alles auf Peter B., nur das im Bei­trag genann­te Alter (46) nicht ganz. Und noch etwas passt über­haupt nicht: Es gibt kei­ne wei­te­ren Berich­te über Ermitt­lungs­er­geb­nis­se, Ankla­gen, Straf­ver­hand­lung und Urtei­le. Was war da los?

Auch Peter B. bleibt wei­ter­hin vor der Öffent­lich­keit ver­bor­gen. Nicht über­all! Aus Deutsch­land errei­chen uns immer wie­der Nach­fra­gen zu ihm. Das ist nur teil­wei­se den diver­sen Unter­su­chungs­aus­schüs­sen zum NSU zuzu­schrei­ben, in denen Peter B. dort und da Erwäh­nung findet.

Dann haben wir 2018 rie­si­ges Glück, als in Wie­ner Neu­stadt ein Wie­der­be­tä­ti­gungs­pro­zess nach zwei­ma­li­ger Ver­ta­gung fort­ge­setzt wird und „Stoppt die Rech­ten“ dabei als ein­zi­ges Medi­um ver­tre­ten ist. So erfah­ren wir nicht nur, dass Peter B. in der nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Biker­sze­ne unter­wegs war und 2017 bei einem Unfall durch sei­ne NS-Insi­gni­en auf­ge­fal­len ist, son­dern auch, dass er Anfang 2018 – wie­der ein­mal – wegen der Ein­fuhr von Waf­fen und Sucht­mit­teln zu zehn Mona­ten beding­ter Haft ver­ur­teilt wor­den ist. Dies­mal vom Amts­ge­richt Passau.

Waffen bei Neonazis (Screenshot Wien heute, orf.at, 12.12.20)
Waf­fen bei Neo­na­zis (Screen­shot Wien heu­te, orf.at, 12.12.20)

In Wie­ner Neu­stadt hat Peter B. zwei­ein­halb Jah­re wegen Wie­der­be­tä­ti­gung kas­siert. Noch aus der Haft her­aus hat Peter B. jetzt bei sei­nen Frei­gän­gen die jüngs­ten Waf­fen­ge­schäf­te orga­ni­siert. Das zeigt nicht nur, wie unver­fro­ren B. sei­ne Deals seit Jahr­zehn­ten ver­folgt, wie tief er wei­ter­hin in der Hard­core-Neo­na­zi-Sze­ne unter­wegs ist und wie wenig ihn die Behör­den im Griff haben – nicht ein­mal dann, wenn er sitzt.

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