Der Waffendealer der Neonazis

Er ist eine der wichtig­sten Fig­uren der Neon­aziszene im deutschsprachi­gen Raum, ver­mut­lich auch über die Sprach­gren­zen hin­aus. Seit mehr als einem Viertel­jahrhun­dert vertickt er Waf­fen in der Szene, dealt auch mit Dro­gen. Sel­ten, aber doch kommt ihm dabei die Exeku­tive in die Quere. Dann muss er kurzfristig absitzen – oder auch nicht? Aber dann macht er wieder weit­er mit der Aufrüs­tung der Neon­azis. Eine Spuren­suche zu Peter B..

Wann hat das alles begonnen bei Peter B., der mit­tler­weile 53 Jahre alt ist? Über seine frühen Jahre und seine Fam­i­lie liegen uns nur sehr vage und ziem­lich prob­lema­tis­che Quellen vor. Da wäre ein­mal der Woh­nungsnach­bar der Fam­i­lie, der dama­lige FPÖ-Land­tagsab­ge­ord­nete Alois Preis­zler – er ist der Vater des inzwis­chen Ex-FPÖ-Gemein­der­ats und Leit­ers der polizeilichen Ein­satz­gruppe zur Bekämp­fung der Straßenkrim­i­nal­ität, Wolf­gang Preis­zler. Der hat­te mit sein­er Truppe die Haus­durch­suchung im Bun­de­samt für Ver­fas­sungss­chutz geleit­et und dort stun­den­lang das auch für Neon­azis zuständi­ge Extrem­is­mus­refer­at durchwühlt.

Als der Peter B. im Dezem­ber 1993 in einem grü­nen Audi gemein­sam mit einem Kam­er­aden von den tschechis­chen Behör­den aufge­grif­f­en wurde und man im Kof­fer­raum „zahlre­iche zer­legte Jagdgewehre, Pis­tolen und viel Muni­tion“ ent­deck­te, gin­gen die öster­re­ichis­chen Behör­den von ein­er bedeut­samen Ent­deck­ung im Zusam­men­hang mit der Brief­bombenserie aus. Schließlich hat­te man ja in der Woh­nung des Peter B. nach ein­er Haus­durch­suchung Mate­ri­alien wie Glyc­erin und Schwe­fel­säure gefun­den, also Kom­po­nen­ten, die auch für Brief­bomben ver­wen­det wer­den. (vgl. NZZ, 11.12.93)

Da kommt dann Alois Preis­zler ins Spiel. Die FPÖ war damals all­ge­mein damit beschäftigt, jede poli­tis­che, ide­ol­o­gis­che und per­son­elle Nähe zum Brief­bomben­ter­ror von sich zu weisen. Preis­zler musste sich aber beson­ders erk­lären: „Es wird eine schwierige Zeit für uns, weil die Jour­nal­is­ten fra­gen, ob B. FP-Mit­glied oder Wahlkampfhelfer war. Er war es aber nicht. Ich kenne ihn und seine Fam­i­lie per­sön­lich, weil er Woh­nungsnach­bar war und seine Fam­i­lie hochanständig ist.“ (Kuri­er, 12.12.93)

Dem FPÖ-Poli­tik­er war auch nicht aufge­fall­en, dass der Peter B. aus der hochanständi­gen Fam­i­lie damals schon fest in der Neon­azi-Szene, konkret: Küs­sels VAPO, ver­ankert war – und zwar nicht nur in der öster­re­ichis­chen, son­dern auch in der deutschen, konkret in der Berlin­er Szene. Wie die späteren Ermit­tlun­gen ergaben, ist er schon vor dem Auf­griff an der tschechis­chen Gren­ze in Bran­den­burg als „Sprengstof­f­ex­perte“ mit Panz­er­mi­nen und Sprengstof­frohren unter­wegs gewesen.

Mit dem grü­nen Audi woll­ten er und Alexan­der W. eigentlich nach Berlin zu Ben­dix Wendt, der eben­falls als Sprengstof­f­ex­perte in der Szene gehan­delt wurde. Die Verbindung zu Wendt und den Berlin­er „Van­dalen“, ein­er neon­azis­tis­chen „ari­oger­man­is­chen Kampfge­mein­schaft“, war damals und in den fol­gen­den Jahren ziem­lich inten­siv – ein gegen­seit­iges give and take bei Waf­fen, Sprengstoff und den Erfahrun­gen damit.

Aus einem Vernehmungsprotokoll mit Bendix Wendt: Wendt bestätigt, an B. Sprengstoff geliefert zu haben.

Aus einem Vernehmung­spro­tokoll mit Ben­dix Wendt: Wendt bestätigt, an B. Sprengstoff geliefert zu haben.

Dazu gehörten natür­lich auch gegen­seit­ige Besuche, die die Promi­nenz von VAPO und Van­dalen betraf. Die dama­li­gen Kon­tak­te und Aktiv­itäten B.s sind deshalb einiger­maßen gut doku­men­tiert, weil sie – viele Jahre später – in diversen Unter­suchungsauss­chüssen rund um den Nazi-Ter­ror des NSU zur Sprache kamen. Warum das? Weil die Neon­azis rund um den NSU, die Typen von Blood & Hon­our, auch diejeni­gen waren, mit denen Peter B. Jahre zuvor schon in engem Kon­takt war.

1995 war für den Peter dann mal Pause. Obwohl der in der Anklage for­mulierte Ver­dacht, wonach Peter B. gemein­sam mit Franz Radl am Brief­bomben­ter­ror wesentlich beteiligt gewe­sen seien, man­gels Beweisen fal­l­en­ge­lassen wer­den musste und obwohl der Vertei­di­ger Rudolf May­er Peter B. als „jun­gen Radaubrud­er“ zu ver­harm­losen ver­suchte („Den kön­nen Sie freilassen“ APA, 21.12.95), wurde Peter B. zu fünf Jahren Haft wegen NS-Wieder­betä­ti­gung verurteilt. (Radl damals zu drei Jahren)

Im Früh­jahr 1997 wurde Peter B. dann vorzeit­ig aus der Haft ent­lassen; „unver­drossen und ohne Spuren von Läuterung“, wie „pro­fil“ (Nr. 15/97) fes­thielt. In der Haft war er bestens umsorgt wor­den von der neon­azis­tis­chen „Hil­f­sor­gan­i­sa­tion für nationale poli­tis­che Gefan­gene“ (HNG), die 2011 endlich ver­boten wurde, Nach der Haft küm­merte sich das „Forum für ein humanes und demokratis­ches Strafrecht und zur Ein­hal­tung der Men­schen­rechte“ (FSM), ini­ti­iert von der früheren FPÖ-NÖ-Land­tagsab­ge­ord­neten Ilse Hans, um die braunen Nazi-Schäflein von der VAPO (Franz Radl fand dort sog­ar Anstel­lung).

Nach sein­er Haf­tent­las­sung tauchte B. jeden­falls wieder ab. In den Unter­suchungsauss­chuss-Unter­la­gen viele Jahre später ist eine ver­mut­lich bed­ingte Frei­heitsstrafe von neun Monat­en wegen des uner­laubten Ein­führens ein­er Waffe durch das Amts­gericht Aachen (25.3.99) ver­merkt. Die späten 90er-Jahre dürften eine ziem­lich gute Zeit für Waf­fend­eals aus den Bestän­den des zer­fal­l­en­den Jugoslaw­iens gewe­sen sein.

2002 poppt Peter B. dann kurz bei der 20-Jahre-Feier der „Van­dalen“ in Berlin wieder auf, weil die Polizei Kon­trollen durchge­führt hat. Die Nach­barn von Ben­dix Wendt hat­ten schon in den Jahren vorher zahlre­iche Besuche von Öster­re­ich­ern bemerkt .

In den fol­gen­den Jahren läuft Peter B. wieder unter­halb der Aufmerk­samkeits­gren­ze. Bis zum Jahr 2010: Da meldet die „Kleine Zeitung“ am 23.3. unter dem Titel „Dro­gen und Waf­fen: Spur führt in die rechte Szene“, dass „auf einem Park­platz im Mürz­tal von steirischen Dro­gen­er­mit­tlern, Fah­n­dern des Bun­deskrim­i­nalamtes und dem Ein­satzkom­man­do Cobra“ ein Niederöster­re­ich­er und ein Steir­er festgenom­men wur­den, weil die bei­den Verdächti­gen 260 Gramm Kokain mit sich führten. In der Woh­nung des Niederöster­re­ich­ers wur­den dann „auch jede Menge Waf­fen und 1600 Schuss Muni­tion sichergestellt.“

Und dann heißt es zur näheren Charak­ter­isierung des Niederöster­re­ich­ers weit­er: „Der Niederöster­re­ich­er ist in der recht­en Szene kein Unbekan­nter. Er wurde in den Neun­ziger-Jahren sog­ar mit der Brief­bombenserie in Zusam­men­hang gebracht und – gemein­sam mit einem Steir­er – wegen Wider­betä­ti­gung [sic!] verurteilt.

Das passt alles auf Peter B., nur das im Beitrag genan­nte Alter (46) nicht ganz. Und noch etwas passt über­haupt nicht: Es gibt keine weit­eren Berichte über Ermit­tlungsergeb­nisse, Ankla­gen, Strafver­hand­lung und Urteile. Was war da los?

Auch Peter B. bleibt weit­er­hin vor der Öffentlichkeit ver­bor­gen. Nicht über­all! Aus Deutsch­land erre­ichen uns immer wieder Nach­fra­gen zu ihm. Das ist nur teil­weise den diversen Unter­suchungsauss­chüssen zum NSU zuzuschreiben, in denen Peter B. dort und da Erwäh­nung findet.

Dann haben wir 2018 riesiges Glück, als in Wiener Neustadt ein Wieder­betä­ti­gung­sprozess nach zweima­liger Verta­gung fort­ge­set­zt wird und „Stoppt die Recht­en“ dabei als einziges Medi­um vertreten ist. So erfahren wir nicht nur, dass Peter B. in der niederöster­re­ichis­chen Bik­er­szene unter­wegs war und 2017 bei einem Unfall durch seine NS-Insignien aufge­fall­en ist, son­dern auch, dass er Anfang 2018 – wieder ein­mal – wegen der Ein­fuhr von Waf­fen und Sucht­mit­teln zu zehn Monat­en bed­ingter Haft verurteilt wor­den ist. Dies­mal vom Amts­gericht Passau.

Waffen bei Neonazis (Screenshot Wien heute, orf.at, 12.12.20)

Waf­fen bei Neon­azis (Screen­shot Wien heute, orf.at, 12.12.20)

In Wiener Neustadt hat Peter B. zweiein­halb Jahre wegen Wieder­betä­ti­gung kassiert. Noch aus der Haft her­aus hat Peter B. jet­zt bei seinen Freigän­gen die jüng­sten Waf­fengeschäfte organ­isiert. Das zeigt nicht nur, wie unver­froren B. seine Deals seit Jahrzehn­ten ver­fol­gt, wie tief er weit­er­hin in der Hard­core-Neon­azi-Szene unter­wegs ist und wie wenig ihn die Behör­den im Griff haben – nicht ein­mal dann, wenn er sitzt.

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