Roman Haider: mit deutschen Hieben ins Europäische Parlament

Auf Platz vier der FPÖ-Liste für die EU-Wahl stand ein Nach­name, der im his­torischen Gedächt­nis eigentlich in Kärn­ten verortet wird: Haider. Der weit­ge­hend unbekan­nte Haider kommt auch aus Oberöster­re­ich und ist eben­falls Burschen­schafter. Während der Jörg aber sein Heimat­bun­des­land gen Süden ver­lassen hat, um sich im Bärental nieder­lassen, ist der andere, Roman, geblieben – in Aschach an der Donau. Seit 2008 ist er im Nation­al­rat, aufge­fall­en ist er in den let­zten elf Jahren durch seine par­la­men­tarischen Tätigkeit­en jedoch noch nicht. Nur ein­mal, als er den Abbruch ein­er Schul­ver­anstal­tung erwirk­te, kam er bre­it­er in die Medien.

Roman Haider ist Mit­glied der pen­nalen Burschen­schaft „p.c.B! Donauhort zu Aschach“. Deren Wahlspruch ist „Ehre Frei­heit Vater­land“, deren  Waf­fen­spruch „Was gibt es hier? Deutsche Hiebe!“ Und damit alles klar ist, haben sich die Donauhort­er als Bun­deslied „Wenn alle untreu wer­den“ gegeben, vornehm­lich bekan­nt als das SS-Treuelied.

Das „Her­aus­ra­gend­ste“, was Haider bis­lang geliefert hat­te, war die Inter­ven­tion in einem Linz­er BORG, die zum Abbruch des Vor­trags von Thomas Ram­mer­stor­fer über Extrem­is­mus geführt hat­te. Der Abbruch war nicht recht­mäßig, wie im Nach­hinein vom Lan­dess­chul­rat fest­gestellt wurde. Haider bekam Anfang Mai von Ram­mer­stor­fers Anwalt auch eine Unter­las­sungsklage ins Post­fach geliefert. 

Her­beige­führt hat­te den Abbruch Haiders Sohn, der den Papa via Handy über die „unge­heuren“ Vorgänge in sein­er Schule informiert hat­te. Die FPÖ bedank­te sich post­wen­dend und zeich­nete den Haider-Sohn mit der „Franz-Ding­hofer-Medaille für Ver­di­en­ste um die Demokratie“ in den Räum­lichkeit­en des Par­la­ments aus. Vater Haider besticht über­haupt durch einen aus­geprägten Fam­i­liensinn: Er hat sowohl seinen aus­geze­ich­neten Sohne­mann als auch seine Tochter als Mitarbeiter_in im frei­heitlichen Par­la­mentsklub untergebracht.

Roman Haider ist studiert­er Betrieb­swirt und hat für die Num­mer 3/19 (April 2019) des Aula-Nach­fol­gemagazins „Freilich“ einen Artikel zur EU-Wirtschaft­spoli­tik (1) geschrieben. Darin wollte er sich wohl für seine poli­tis­che Reise nach Brüs­sel empfehlen. Zum Zeit­punkt des Erscheinens war die blaue Welt auch noch in Ord­nung, sie durfte auf einen Stim­men- und Man­dat­szuwachs bei der Wahl am 26. Mai hof­fen und damit auch auf den fix­en Einzug von Haider ins Europäis­che Par­la­ment. Der Ibiza-Skan­dal durchkreuzte diese Pläne, die FPÖ erre­ichte nur drei Man­date, Haider war damit draußen. Vor­läu­fig! Denn ohne weit­ere Erk­lärung verzichtete die drittgerei­hte Petra Ste­ger auf ihr Man­dat, somit darf nun Haider als Abge­ord­neter ins Europäis­che Parlament.

Roman Haider in "Freilich", Nr. 3/19

Roman Haider in „Freilich”, Nr. 3/19

Im „Freilich-Mag­a­zin“ (2) wid­met sich Haider dem ange­blichen wirtschaftlichen Nieder­gang Europas: Unter dem Titel „Europa abgewirtschaftet“ beklagt Haider gle­ich zu Beginn, dass nicht die Wirtschaft­spoli­tik in heimis­chen Medi­en im Mit­telpunkt stünde, son­dern die „Aktiv­itäten ein­er Bewe­gung von Schulschwänz­ern“. Kli­maschutz ist dem Her­rn also kein Anliegen, damit fügt er sich jedoch naht­los in die extreme Rechte, die Thun­berg und die „Fri­days for Future“-Bewegung seit Monat­en diskred­i­tiert. In einem Anklang von Ver­schwörungs­the­o­retis­chem set­zt Haider mit zunächst nicht näher definierten „gemachte[n] Skan­dalen“ fort, die „die Öffentlichkeit erschüt­tern und so den Kryp­tomarx­is­ten quer durch Europa die Bühne bieten, um auf die üblen Machen­schaften sin­istr­er Wirtschafts­bosse hinzuweisen“. Was er damit meint, führt er später aus. Er gibt sich verärg­ert, dass die deutsche Autoin­dus­trie wegen des Diesel­skan­dals ange­grif­f­en wurde. Es „werde uner­müdlich daran gear­beit­et, der deutschen Indus­trie die Lebens­grund­lage zu entziehen. Man denke dabei nur an den Diesel­skan­dal. Skan­dale entste­hen nicht, son­dern wer­den gemacht. Die tatkräftige Unter­stützung der deutschen Bun­desregierung bei der Zer­störung des wichtig­sten deutschen Indus­triezweiges ist wohl einzi­gar­tig in der Welt­geschichte.“ Über­set­zt: Der Diesel­skan­dal war kein Skan­dal und Beschiss darf nicht geah­n­det wer­den. (Dass er dabei aus­gerech­net die deutsche Regierung angreift, deren Liebes­beziehung mit der Autoin­dus­trie bere­its Leg­en­den­sta­tus erre­icht hat, ist schon fast amüsant.)

Weit­er schwurbelt Haider etwas von zu viel Pro­tek­tion­is­mus und Inter­ven­tion­is­mus und poltert gegen die „Gle­ich­macherei“. Das ist an sich kon­se­quent für eine durch und durch neolib­erale Partei wie die FPÖ, schlägt sich aber den­noch mit dem propagierten Pro­tek­tion­is­mus sein­er Partei – wir erin­nern uns an das Volks­begehren seines Namensvet­ters, das unter dem Label „Öster­re­ich zuerst“ lief und bis heute eine Kern­forderung der „Heimat­partei“ ausmacht.

Zwis­chen­durch irrtlichtert Roman Haider in der Geschichte, konkret in der Zeit nach 1945. Spätestens hier wird ersichtlich, dass seinem Ver­ständ­nis für Volk­swirtschaft enge Gren­zen geset­zt sind. Denn, so Haider ganz teutsch, Fleiß und Diszi­plin und das gute Aus­bil­dungsniveau seien in der Nachkriegszeit viel entschei­den­der für den „Wieder­auf­schwung“ gewe­sen „als der viel­ge­priesene Mar­shallplan“. Einen wie auch immer geart­eten Beleg bleibt er uns für seine wage­mutige These freilich schuldig. Dafür gibt’s ein Lob fürs Aus­bil­dungsniveau, das ja – zumin­d­est in Phasen – der NS-Zeit zuzurech­nen ist.

Haider mag auch die Akademisierung nicht, die hierzu­lande im Ver­gle­ich zu anderen Staat­en ohne­hin alles andere als ein Spitzen­niveau erre­icht, und befind­et, „die Akademik­erquote ist ger­adezu zu einem Fetisch verkom­men“. (Warum er seinen eige­nen Kindern nicht die von ihm so gepriesene Lehre angedei­hen ließ, führt er naturgemäß nicht aus.) Dass er sich selb­st zum Schluss selb­st wider­spricht, indem er die großen Chan­cen der Zukun­ft in „Bil­dung und in der kon­se­quenten Forschung zu Schlüs­sel­tech­nolo­gien“ fest­macht, fällt ihm ver­mut­lich nicht auf.

Das „Freilich Mag­a­zin“ ist, um es vor­sichtig auszu­drück­en, Iden­titären-nahe: Der Her­aus­ge­bervertreter, Hein­rich Sickl, ist (oder war) Unter­stützer der Iden­titären, der Chefredak­teur Ulrich Novak scheint in der Liste jen­er auf, die an die Iden­titären gespendet haben sollen. Ab der im Dezem­ber präsen­tierten ersten Freilich-Num­mer sind iden­titäre Autoren mit an Bord. In der aktuellen Aus­gabe scheint Haider in ein­er Rei­he mit den Iden­titären Arndt Novak (IB-Kad­er und Burschen­schaft Danu­bia München) und Till-Lucas Wes­sels („Kon­trakul­tur Halle“) als Autor auf. (3)

"Freilich" Nr. 3/19

„Freilich” Nr. 3/19

Das dürfte Roman Haider allerd­ings nicht stören, seine Ver­net­zun­gen sind weitre­ichend, wie der Semi­o­sis­blog in ein­er Recherche anführt: „Haider ist FPÖ-Poli­tik­er aus der zweit­en Rei­he der Partei. (…) Über­all ist er ein biss­chen dabei. Sel­ten ste­ht er im medi­alen Ram­p­en­licht. Im Schat­ten sein­er poli­tis­chen Unschein­barkeit hat er allerd­ings ein stramm recht­es Net­zw­erk gewebt. Und zwar genau über die Burschen­schaft­skanäle, die Ram­mer­stor­fer in seinem Vor­trag erwäh­nt hat. Das Net­zw­erk Roman Haiders reicht bis hin zu Neon­azis und Iden­titären, zumin­d­est in seinem virtuellen Leben auf Face­book. Im realen Leben ist er zudem mit Geschicht­sre­vi­sion­is­ten ver­ban­delt – gut getarnt in einem Vere­in, der sich Unternehmer­akademie nennt.“

Roman Haider - seit 1989 stramme Karriere in der FPÖ (Quelle: "Meine Abgeordneten")

Roman Haider — seit 1989 stramme Kar­riere in der FPÖ (Quelle: „Meine Abgeordneten”)

Fußnoten

1 Roman Haider: Europa abgewirtschaftet, in: Freilich No 3/19, 88–90.
2 siehe dazu unsere Beiträge 
Die „neurechte“ Ver­suchung – Zu Strate­gie und Auftritt der Aula-Nach­folge „Freilich“ und „Freilich“ frei­heitlich & iden­titär – Zur 2. Aus­gabe des Aula-Nachfolgemagazins
3 Ein 13-seit­iges Inter­view mit Har­ald Vil­im­sky, das Hein­rich Sickl und Ulrich Novak geführt haben, leit­et die Europa-Num­mer von Freilich ein.