Rassismus in „Zur Zeit“ – Rhodesien, „Zersetzung“ und „Globalismus“ 

Andreas Mölz­ers Wochen­blatt „Zur Zeit“ veröf­fentlicht in ein­er aktuellen Aus­gabe einen Artikel, der den kur­zlebi­gen Apartheid-Staat Rhode­sien nicht nur gutheißt, son­dern als Beispiel für einen Kon­ser­vatismus verk­lärt, der sich gegen die „Neue Wel­tord­nung“ gestellt habe. Ein Text gegen Entkolo­nial­isierung und für weißes Über­legen­heits­denken. Damit lässt „Zur Zeit“ ein­mal mehr die demokratis­chen Hüllen fall­en und zeigt Gesicht. 

Rhode­sien unter Ian Smith 

Rhode­sien war ein kur­zlebiges, ras­sis­tis­ches Regime im Gebi­et des heuti­gen Sim­bab­we. Ent­ge­gen der all­ge­meinen Ten­denz zur Entkolo­nial­isierung in Afri­ka, erk­lärte sich die „Repub­lik Rhode­sien“ 1965 unter ein­er weißen Min­der­heit­sregierung für unab­hängig und betrieb for­t­an eine Poli­tik ähn­lich dem südafrikanis­chen Apartheid-Regime. Fol­gerichtig wurde der Staat inter­na­tion­al beina­he aus­nahm­s­los boykot­tiert und lediglich von Südafri­ka und Por­tu­gal anerkan­nt und unter­stützt. Trotz weit­ge­hen­der Iso­la­tion und inter­na­tionaler Sank­tio­nen schaffte es Pre­mier­min­is­ter Ian Smith ganze 14 Jahre mit sein­er weißen Min­der­heit­sregierung im Amt zu bleiben. Smith war vom Beginn sein­er poli­tis­chen Kar­riere bis zu seinem Tod 2007 ein vehe­menter Vertreter eines „White Supremacy”-Rassismus und ein Vertei­di­ger weißer Herrschaft in Afri­ka. Das Regime sein­er Partei, der „Rhode­sian Front“, führte nicht nur zu ras­sis­tis­ch­er Repres­sion, son­dern auch zu einem sieben Jahre andauern­den Gueril­la-Krieg, der etwa 30 000 Men­schen das Leben kostete (die Mehrheit von ihnen schwarz). 

Für das Apartheid-Rhodesien

Unter dem viel­sagen­den Titel „Zer­set­zung von innen“ erk­lärt Andrew Mof­fat in einem drei­seit­i­gen „Zur Zeit“-Artikel von Mai 2019 (1), was „der West­en“ von dem his­torischen Fall Rhode­sien ler­nen könne. Der Text ist ein außeror­dentlich­es Beispiel für die Verbindung von Ver­schwörungspara­noia, Ras­sis­mus und ein­er recht­sex­tremen Umdeu­tung der Geschichte, die den his­torisch unzweifel­haften Staat­sras­sis­mus von Rhode­sien zu einem hehren Kon­ser­vatismus verk­lärt, der sich der „Neuen Wel­tord­nung“ ent­ge­genge­set­zt habe. Es lohnt ein genauer­er Blick.

"Zur Zeit" Nr. 18, Mai 2019, S. 38-40, Moffat Rhodesien

„Zur Zeit” Nr. 18, Mai 2019, S. 38–40, Mof­fat Rhodesien

Mof­fat begin­nt mit der Behaup­tung, dass gegen­wär­tig „ein beispiellose[r] Angriff auf die west­liche Zivil­i­sa­tion“ stat­tfinde, der die „Ver­nich­tung der Nation­al­staat­en“ zum Ziel habe. Wer ist der Angreifer? Dies­bezüglich reichen dem Autor Anspielun­gen, die – wie so oft – an ein anti­semi­tis­ches Welt­bild anschließbar sind; die Rede ist von „teils sub­ver­siv im Ver­bor­ge­nen und langfristig agieren­den Kräfte[n]“, von „endlose[n] Täuschun­gen“, und von den „Strate­gien der Glob­al­is­ten“. Genauere Bes­tim­mungen bleiben aus. 

Für diese gegen­wär­tige Gefahr sei aus­gerech­net das his­torische Rhode­sien ein „Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis“, denn es biete „ein per­fek­tes Beispiel für Volks­be­trug und Sub­ver­sion“. Mof­fat meint mit „Volks­be­trug“ allerd­ings nicht die Tat­sache, dass die schwarze Mehrheits­bevölkerung fak­tisch von der poli­tis­chen Mitbes­tim­mung in Rhode­sien aus­geschlossen war, son­dern vielmehr die Auflö­sung dieses ras­sis­tis­chen Regimes, das er als let­zte Bas­tion ein­er heilen Welt beschreibt: „His­torik­er sahen Rhode­sien damals zunächst als die ‚let­zte Bas­tion’ des Chris­ten­tums und der west­lichen Werte gegen den Angriff ver­bor­gen­er Kräfte aus New York und Moskau.

"Zur Zeit" Nr. 18, Mai 2019, S. 38-40, Moffat Rhodesien; "verborgene Kräfte aus New York und Moskau"

„Zur Zeit” Nr. 18, Mai 2019, S. 38–40, Mof­fat Rhode­sien; „ver­bor­gene Kräfte aus New York und Moskau”

Unter­malt mit ver­schwörungs­the­o­retis­chem Ger­aune bricht Mof­fat also ganz offen eine Lanze für den rhode­sis­chen Staat­sras­sis­mus. Diese Entwick­lung sei von „kon­ser­v­a­tiv­en Kräften [in Europa] eupho­risch begrüßt“ wor­den, denn es sei abse­hbar gewe­sen, „dass die Ver­suche der Briten, auch Rhode­sien in eine eth­nis­che Mehrheit­sherrschaft unter dem Deck­man­tel der Entkolo­nial­isierung zu ver­wan­deln wie in allen anderen afrikanis­chen Län­dern zu ein­er Katas­tro­phe führen wür­den“. 

Damit spricht sich der Autor nicht nur offen für weiße Herrschaft in Rhode­sien aus (gegen eine „eth­nis­che Mehrheits­ge­sellschaft“), son­dern wen­det sich impliz­it gle­ich gegen die gesamte Entkolo­nial­isierung Afrikas. Eine der­art ungeschönte Parteinahme für kolo­nialen Ras­sis­mus liest man dieser Tage nicht oft.

Gegen „Appease­ment“  

Und so geht es auch weit­er. Rhode­sien sei schon in den 1970er Jahren „von inter­na­tionalen Sank­tio­nen schikaniert“ wor­den, obwohl es gle­ich hin­ter dem Apartheid-Südafri­ka das „am meis­ten indus­tri­al­isierte und wirtschaftlich erfol­gre­ich­ste Land des schwarzen Kon­ti­nents“ gewe­sen sei. 

"Zur Zeit" Nr. 18, Mai 2019, S. 38-40, Moffat Rhodesien; "von internationalen Sanktionen schikaniert"

„Zur Zeit” Nr. 18, Mai 2019, S. 38–40, Mof­fat Rhode­sien; „von inter­na­tionalen Sank­tio­nen schikaniert”

Mof­fat bes­timmt als das eigentliche Prob­lem die kon­ser­v­a­tive „Anfäl­ligkeit für Appease­ment-Poli­tik“, die er in Staatschef Ian Smith verkör­pert sieht: „Smiths Strate­gie war ein Orwell’scher Dop­pel­sprech, den wir heute vor allem bei kon­ser­v­a­tiv­en Parteien immer wieder beobacht­en kön­nen: Rechts blinken, links abbiegen.“

Dem Begrün­der und Regierungschef eines fak­tis­chen Apartheid-Staates in den 1960ern (!) vorzuw­er­fen, er sei eigentlich links und nicht „kon­ser­v­a­tiv“, gren­zt an Wahnsinn. Die rechts von Smith agieren­den Hard­lin­er der White Suprema­cy im Rhode­sis­chen Staat zeich­net der Autor fol­gerichtig pos­i­tiv bzw. stil­isiert sie als Bewahrer der guten Ordnung.

Es über­rascht vor diesem Hin­ter­grund nicht, dass sich Mof­fat zur Unter­stützung sein­er Argu­men­ta­tion den ras­sis­tis­chen Anthro­polo­gen Robert Gayre (1907–1996) her­beiz­itiert. Dieser war ein Anhänger des NS-Rassen­the­o­retik­ers Hans F. K. Gün­ther, den er auch in sein­er wis­senschaftlichen Arbeit rezip­ierte und mit dem er gemein­sam ein führen­des Mit­glied der neon­azis­tis­chen Organ­i­sa­tion „North­ern League” war. Noch im Jahr 1978 hat Gayre in dem von ihm mit­ge­grün­de­ten Jour­nal “The Mankind Quar­ter­ly” die Anwen­dung eines biol­o­gis­tis­chen Rasse­be­griffs auf Men­schen­grup­pen vehe­ment vertei­digt und den NS-Ras­sis­mus lediglich als nicht aus­re­ichend biol­o­gisch – son­dern mys­tisch und daher unwis­senschaftlich – abqual­i­fiziert (2). Mof­fat stellt Gayre als „renommierte[n] Anthro­polo­gen“ vor und zitiert dessen Kri­tik an Rhode­siens Führung: Es gebe „eine Masse von Leuten in führen­den Posi­tio­nen […], die lieber in ein­er kon­ser­v­a­tiv­en Blase leben wollen, als sich der aggres­siv­en Dynamik der Linken zu stellen“. Wohlge­merkt: Es geht hier um Leute, die in den 1960ern der Ansicht waren, es sei „links“, gegen „Rassen“-Segregation zu sein. Mof­fat sieht das im Jahr 2019 offen­bar immer noch so. 

Der Text endet mit einem Aufruf zur Kom­pro­miss­losigkeit: „Die Geschichte Rhode­siens sollte eine War­nung an alldiejeni­gen sein, die noch glauben, sie kön­nten der herrschen­den Klasse noch mit Kom­pro­mis­sen begeg­nen.“ Hier kommt der ganze Wah­n­witz noch ein­mal geballt zum Vorschein. Denn während die „herrschende Klasse“ als „glob­al­is­tis­ches“ Schreck­ge­spenst lediglich hal­luziniert wird, gab es in dem gelobten Rhode­sien tat­säch­lich eine weiße herrschende Klasse, die die Mehrheit der Bevölkerung unter­drück­te. Diese bizarre Umkehrung der Tat­sachen lässt ein Merk­mal recht­sex­tremer Ide­olo­giebil­dung deut­lich her­vortreten: Gesellschaftlich­er Fortschritt und Emanzi­pa­tion wer­den all­ge­mein in ein Nar­ra­tiv eingepasst, in dem stets dun­kle Akteure das gute Tradierte (in diesem Fall die weiße Herrschaft über schwarze Men­schen) bewusst zer­stören bzw. „zer­set­zen“. In der deutschsprachi­gen extremen Recht­en kommt diese Erzäh­lung meis­tens als Volks­ge­mein­schaft­side­olo­gie daher. „Zur Zeit“ zeigt mit dem Rhode­sien-Artikel aber ein­drucksvoll, wie sich das­selbe Schema auf die Entkolo­nial­isierung anwen­den lässt. Dadurch wird nicht zulet­zt die Beliebigkeit und Selek­tiv­ität dieses Ide­olo­gems sichtbar.

"Zur Zeit" Nr. 18, Mai 2019, S. 38-40, Moffat Rhodesien; "Einst ein kliener Mikrokosmos, der sich dem globalistischen Angriff auf die westliche Zivilisation zu widersetzen versuchte"

„Zur Zeit” Nr. 18, Mai 2019, S. 38–40, Mof­fat Rhode­sien; „Einst ein kliener Mikrokos­mos, der sich dem glob­al­is­tis­chen Angriff auf die west­liche Zivil­i­sa­tion zu wider­set­zen versuchte”

Zum Autor gibt „Zur Zeit“ lediglich die Angabe: „Andrew Mof­fat leit­et einen Invest­ment­fonds im Süden Eng­lands.“ Allerd­ings heißt so auch ein Grün­dungsmit­glied der 2013 ins Leben gerufe­nen recht­sex­tremen Partei „British Demo­c­ra­t­ic Par­ty“. Und dieser Andrew Mof­fat hat laut eines Artikels der Britis­chen Zeitung „New­States­man“ von 2013 vor sein­er Parteikar­riere bere­its eng mit dem Holo­caustleugn­er David Irv­ing zusam­men gear­beit­et (diese Verbindung wird auch in ein­er wis­senschaftlichen Pub­lika­tion zur Außen- und Sicher­heit­spoli­tik der extremen Recht­en in Europa erwäh­nt). Es ist dur­chaus nahe­liegend, dass es sich hier um dieselbe Per­son han­delt, die auch den „Zur Zeit“-Artikel geschrieben hat. Wir kön­nen es aber nicht gesichert bestätigen.

Schluss

„Zur Zeit“ vertei­digt hier nicht nur ein ras­sis­tis­ches Regime, son­dern find­et den Chef dieses Regimes zu lasch – zu kom­pro­mit­tiert von jenen „ver­bor­ge­nen Kräften“ die Entkolo­nial­isierung und das Ende weißer Unter­drück­ung in Afri­ka fordern.

Wir haben die Ent­gleisun­gen sowie die recht­sex­treme Nor­mal­ität von „Zur Zeit“ in let­zter Zeit immer wieder the­ma­tisiert (3). In unserem Beitrag von let­zter Woche ging es um das Loblied eines regelmäßi­gen „Zur Zeit“-Autors auf den faschis­tis­chen Massen­mörder Ion Antones­cu. Obwohl der Text zu Rhode­sien ein völ­lig anderes The­ma behan­delt, gibt es doch eine inter­es­sante Par­al­lele: Auch dies­mal zeigt sich, dass bei einem hierzu­lande wenig bekan­nten (his­torischen) The­ma die recht­sex­treme Ide­olo­gie rel­a­tiv unver­hohlen und ungeschminkt zum Aus­druck gebracht wird. Die völ­lig offene Bejahung von Staat­sras­sis­mus und Kolo­nial­is­mus wird selb­st den meis­ten weit rechtsste­hen­den Akteuren zu weit gehen. Doch nicht so der recht­sex­tremen „Zur Zeit“. 

Weit­er­hin staatlich gefördert

„Zur Zeit“ erhält weit­er­hin öffentliche För­der­mit­tel, die soge­nan­nte Ver­trieb­s­förderung. 2018 war das ein Betrag von 45 000 Euro. Ein 2015 einge­brachter Antrag auf Stre­ichung der staatlichen Presse­förderung wurde mit den Stim­men von SPÖ, ÖVP und FPÖ abgelehnt. Trotz harsch­er Reak­tio­nen auf ein Face­book-Post­ing von „Zur Zeit“, in dem die Kli­maak­tivistin Gre­ta Thun­berg aufs Übel­ste verunglimpft wurde, hat bis­lang keine Par­la­mentspartei deklar­i­ert, einen neuer­lichen Antrag auf Stre­ichung der Presse­förderung zu stellen.

Fußnoten

1 „Zur Zeit“, Nr. 18, Mai 2019, S. 38–40
2 The Mankind Quar­ter­ly, Vol. XVIII, No. 4, April-Juni 1978, S. 293–303; online unter: http://jtl.org/links/gayre.html, zulet­zt einge­se­hen: 06.06.2019
3 Im Dezem­ber 2018 zu zwei her­aus­ra­gen­den Ent­gleisun­gen (Teil 1) und zur recht­sex­tremen Nor­mal­ität des Blatts (Teil 2) / Im April 2019 zu Mölz­ers Ide­olo­gie der „Umvolkung“ (Teil 1) und zu den Zusam­men­hän­gen zwis­chen „Zur Zeit“ und den Iden­titären (Teil 2) / Im Mai 2019 über eine mögliche Quer­fi­nanzierung aus EU-Geldern