Hohenems (I) : Interview mit Bernhard Amann

In Hohen­ems (Vorarl­berg) kam es in den let­zten Wochen, zunächst Anfang Okto­ber //www.stopptdierechten.at/2015/10/06/hohenems-vlbg-zahlreiche-nazi-schmierereien/#more-8655 und dann in der Nacht zum 18. Okto­ber //www.stopptdierechten.at/2015/10/19/hohenemsaltach-vlbg-neonazi-schmierereien-auf-friedhofen/ zu etlichen neon­azis­tis­chen Schmier­ereien. Wir hat­ten schon rel­a­tiv bald den Ver­dacht, dass ein oder mehrere Ableger der Neon­azi-Gruppe „Der III.Weg“ https://de.wikipedia.org/wiki/Der_III._Weg dafür ver­ant­wortlich waren. Mit­tler­weile – nach den spär­lichen Angaben der Vorarl­berg­er Polizei – sind wir uns sich­er. Aber zunächst das Inter­view mit dem Hohen­emser Vize­bürg­er­meis­ter und Sozialar­beit­er Bern­hard Amann (Liste Emsige & Grüne), das wir schon vor eini­gen Tagen geführt haben.


Demo des III.Weg in Plauen mit Vorarlberg-Begleitung
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Welche Vor­fälle gab es noch in let­zter Zeit?

Es gab mehrere Vor­fälle. Während des Som­mers wurde das Schlafz­im­mer­fen­ster eines aktiv­en jun­gen Antifaschis­ten mit Steinen eingeschla­gen. Das­selbe passierte in unserem Kul­tur- und Kom­mu­nika­tion­szen­trum ProKon­Tra. In der Folge haben Neon­azis am 3.10. und 5.10. mit den Schmier­ereien (Flüchtling­sun­terkun­ft, Jüdis­ches Muse­um und Jüdis­ch­er Fried­hof, Islamis­ch­er Fried­hof, Stolper­steine, Betriebe etc.) begonnen. 

Hier noch das konkrete Beispiel eines Vere­ins­funk­tionärs, der unmit­tel­bar nach Bekan­ntwer­den dieses Vor­falls zurück­ge­treten ist.
Ich habe damals so reagiert:

‚ Mit Abscheu und Entset­zen wurde mir die wider­lichen Äußerun­gen des Her­rn Wol­fram K. über Flüchtlinge zur Ken­nt­nis gebracht. Herr K. ist stel­lvertre­tender Präsi­dent des TBC Hohe­mens (Tra­di­tioneller Bogen-Club Hohenems).
Unter einem Bild, welch­es Flüchtlinge auf Gleisen zeigt, kom­men­tiert Herr Kopeinig „Die Lösung ein­fach darüber fahren.“ und „Scheiss Rat­ten Plage.“
Solche Aus­sagen eines offiziellen Vertreters des Vere­ins, der ja auch die Stadt Hohen­ems nach außen ver­tritt, sind keines­falls zu akzeptieren.
Der Vize­bürg­er­meis­ter der Stadt Hohen­ems Bern­hard Amann fordert daher:
— einen sofor­ti­gen Stopp der Förderun­gen für den TBC Hohenems
— den umge­hen­den Rück­tritt von Wolf­gang Kopeinig als Vizepräsi­dent des TBC Hohenems
— eine klare Dis­tanzierung von solchen unerträglichen Aus­sagen durch den Vor­stand des TBC Hohenems
— die Prü­fung dieser Aus­sage auf strafrechtliche Rel­e­vanz durch die Staatsanwaltschaft‘.

Ich bemerke, dass die deutschen Neon­azis (III.Weg vor allem) immer wieder nach Öster­re­ich bzw. im speziellen nach Vorarl­berg expandieren wollen. Wie siehst du das?

Das stelle ich bere­its seit den 90er Jahren fest. In Vorarl­berg hat es stets Kon­tak­te gegeben, unter anderem auch Konz­ertver­anstal­tun­gen, bei denen zahlre­iche Neon­azis aus Deutsch­land und der Schweiz ein­gereist sind. Dieser Konz­ert­touris­mus ist jedoch abge­flaut. Die sozialen Medi­en haben zu ein­er Ver­fes­ti­gung und einem Aus­bau der inter­na­tionalen Beziehun­gen beige­tra­gen. Aber das ist ja all­ge­mein bekannt.

Früher gab es eine sehr rege antifaschis­tis­che Szene in Vorarl­berg. Von der hört man aktuell wenig. Was ist da los?

Früher hat es eine stärkere Antifa-Szene in Vorarl­berg gegeben. Der Großteil hat sich von Vorarl­berg vertschüsst, da sie in Städten außer­halb des Län­dles bessere Entwick­lungsmöglichkeit­en vor­fan­den. Daher reduziert sich die Recherc­hear­beit mit dem The­ma auf einige wenige Aktive. Ander­er­seits ist die rechte Szene nicht mehr so sicht­bar wie in früheren Jahren. Aber recht­es Gedankengut hat sich ins­ge­samt stark verbreitet.

Was sollte getan wer­den, um Jugendliche gegen rechte und ras­sis­tis­che Pro­pa­gan­da bess­er zu immunisieren?

Hier gilt es, Beziehungsar­beit zu leis­ten. Bei meinen 2‑wöchentlichen Sprech­stun­den, welche von bis zu 120 Men­schen fre­quen­tiert wer­den, konzen­triere ich mich auf die Aufk­lärung. Viele Men­schen haben auf­grund ihrer Biografie und Herkun­ft ihr Leben lang Benachteili­gung erfahren. Das wird in der Diskus­sion immer wieder vergessen. Nur Presseaussendun­gen gegen den Recht­sruck schreiben und die Moralkeule zu schwin­gen, ist ein­fach zu wenig. Die Men­schen fühlen sich allein gelassen. Ihre Ohn­macht ver­an­lasst sie, eben dem recht­en Pop­ulis­mus zu fol­gen. Obwohl inzwis­chen auch klar ist, dass beispiel­sweise die FPÖ nur auf Stim­men­max­imierung aus ist, und in der Folge hört man von ihnen nichts mehr. Aber auch die anderen Parteien han­deln ähn­lich, denn wenn‘s um die Kleinar­beit, sprich Beziehungsar­beit geht, ist Funkstille. Sie agieren nur noch auf der Metaebene. Das wichtig­ste ist aber das Ern­st­nehmen der Sor­gen und Prob­leme junger Men­schen und die Erar­beitung pos­i­tiv­er Lebensper­spek­tiv­en. Dies ist zwar ein Engage­ment auf dem Mil­lime­ter­pa­pi­er, aber die erfol­gver­sprechend­ste Vorge­hensweise. Glaube ich mal!


Bere­its 2009 hat die Hohen­emser Stadtvertre­tung nach dem „Exil Juden Sager“ von FPÖ Lan­des­ob­mann Dieter Egger — ohne die Stim­men der FPÖ — fol­gende Res­o­lu­tion beschlossen:

Resolution der Hohenemser Stadtvertretung

Die Stadtvertre­tung von Hohen­ems beschließt aus Anlass der anti­semi­tis­chen und ras­sis­tis­chen Äußerun­gen während der FPÖ-Wahlver­anstal­tung am ver­gan­genen Fre­itag in Hohen­ems fol­gende Resolution:

Erk­lärung von Hohenems

1. Die Stadt Hohen­ems hat mit Entset­zen und tiefer Sorge wahrnehmen müssen, dass von ihrem Boden aus Men­schen mit anti­semi­tis­chen und ras­sis­tis­chen Äußerun­gen aufs tief­ste belei­digt, ver­let­zt und müh­sam ver­heilt scheinende Wun­den neuer­lich aufgeris­sen wur­den. Dies trifft Hohen­ems beson­ders, weil es der einzige Ort Vorarl­bergs ist, wo es eine lan­gan­dauernde Jüdis­che Gemeinde gab. Das Jüdis­che Erbe ist für unsere Stadt über das Stadt­bild und die kul­turellen Ein­rich­tun­gen hin­aus auch für unser Bewusst­sein konstitutiv.

2. Die Stadt Hohen­ems weist diese Äußerun­gen entsch­ieden zurück und verurteilt sie als Störung des friedlichen Gemein­schaft­slebens in der Stadt. Sie entschuldigt sich aus­drück­lich – auch ohne eigenes ihr zurechen­bares Ver­schulden – bei allen Men­schen, welche durch diese Äußerun­gen getrof­fen oder auch nur betrof­fen wurden.

3. Die Stadt Hohen­ems blickt mit Stolz auf das, was in den ver­gan­genen Jahren und Jahrzehn­ten in ihrer Stadt an Erin­nerung an ihre jüdis­che Geschichte neu ent­standen ist. Es erset­zt zwar nichts, den­noch dür­fen wir fest­stellen, dass wir hier wieder einen Neuan­fang gewagt haben, der sich immer­hin in einem inter­na­tion­al geschätzten Jüdis­chen Muse­um Aus­druck schafft. 

4. Die Stadt Hohen­ems sieht sich schon aus ihrer eige­nen Geschichte ver­an­lasst, alles zu unternehmen, damit Men­schen unter­schiedlich­er Herkun­ft hier auch in Zukun­ft friedlich und gerecht zusam­men­leben kön­nen. Sie wird sich im Rah­men ihrer Jugend‑, Kul­tur- und Bil­dungsak­tiv­itäten diesem Ziel ver­mehrt zuwenden.

5. Die Stadt Hohen­ems ruft alle Men­schen, die hier leben, dazu auf:

a) Daran mitzuwirken, dass alle Men­schen ohne Anse­hen der Per­son, ins­beson­dere der Herkun­ft oder Reli­gion ohne Diskri­m­inierung und auf dem Boden der unveräußer­lichen Men­schen­rechte friedlich leben kön­nen. Dazu gehört auch der Schutz vor ver­balen Ver­let­zun­gen, die den physis­chen immer vorausgehen.

b) Sich in ihren religiösen Gemein­schaften, in ihren Kirchen, Vere­inen, Arbeitsstät­ten, Unternehmen, Ini­tia­tiv­en und Parteien um die Ver­wirk­lichung ein­er tol­er­an­ten und offe­nen Gesellschaft zu bemühen und sich dafür auch mit aller Kraft einzusetzen.

c) Sowohl in respek­tvoller Erin­nerung an die lei­d­volle Geschichte der jüdis­chen Bürg­er unser­er Stadt als auch aus dem all­ge­meinen Men­schen­recht gegen jeden Total­i­taris­mus, gegen Intol­er­anz und Ras­sis­mus aufzutreten und allen Ver­harm­lo­sun­gen und allen Bestre­bun­gen entsch­ieden ent­ge­gen­zutreten, mit denen die Ereignisse ver­harm­lost und das Erin­nern an sie ver­drängt wer­den sollen.

Hohen­ems am 26. August 2009

Die Stadtvertre­tung von Hohenems