Geschlechterreflektierte Pädagogik gegen Rechts, 9. Oktober, Berlin

Tagung am 9. Okto­ber 2015 in Berlin

Geschlecht und Sex­u­al­ität sind keine neuen The­men für Alt- und Neon­azis. Auf­fäl­lig ist aber deren (Wieder-)Entdeckung in den let­zten Jahren. Ganz eigene Wortschöp­fun­gen wie „Gen­deris­mus“, „Men­schIn­nen“ und „Früh­sex­u­al­isierung“ weisen auf die Rel­e­vanz der The­matik für die extreme Rechte hin. Dabei spie­len Vorstel­lun­gen von Größen­wahn („Nichts ist unmöglich, wenn Män­ner wollen“) eben­so eine Rolle wie Opfer­kon­struk­tio­nen und eine panis­che Angst vor dem „Volk­stod“. Eine über­mächtige „Homo-Lob­by“ und im Heim­lichen agierende Feminist_innen wer­den für eine „Femokratie“ und die „Ver­schwu­lung der Welt“ ver­ant­wortlich gemacht. Im Kern laufe alles auf eine „Zer­störung“ von Iden­titäten, Män­nern, Frauen, der Fam­i­lie und des „Volkes“ hinaus.

Geschlechter­reflek­tierte Neon­azis­mus­präven­tion kri­tisiert neon­azis­tis­che „Antworten” auf gesellschaftliche Prob­lem­la­gen, fragt nach den darin enthal­te­nen Ver­sprechen und Attrak­tiv­itäten und bietet Alter­na­tiv­en an.

Die päd­a­gogis­che Beschäf­ti­gung mit Neonazis(mus) bein­hal­tet die Gefahr ein­er alleini­gen Fokussierung auf Täter_innen. Stattdessen ist für eine geschlechter­reflek­tierte Päd­a­gogik gegen Rechts eine Ori­en­tierung an den Bedürfnis­sen und Inter­essen von (poten­ziellen oder realen) Opfern/Diskriminierten neon­azis­tis­ch­er Gewalt sowie eine Stärkung von nicht-neon­azis­tis­chen, antifaschis­tis­chen und queeren Alter­na­tiv­en zentral.

Mit der Tagung sollen Poten­ziale ein­er geschlechter­reflek­tierten Neon­azis­mus­präven­tion betont wer­den. Den einen­gen­den und hier­ar­chisierten Geschlechter­bildern von Rechts wird mit ein­er Plu­ral­isierung von Männlichkeit­en und Weib­lichkeit­en sowie ein­er Kri­tik an Zweigeschlechtlichkeit und Het­ero­nor­ma­tiv­ität begeg­net. Ziele sind Frei­heit, Selb­st­bes­tim­mung, Par­tizipa­tion, Vielfalt, Gle­ich­heit und Gerechtigkeit sowie Inklusion.

Pro­gramm

9:30 Emp­fang mit Kaf­fee und Tee, Registrierung
10:00 Begrüßung und Programmvorstellung
10:15 Vorträge:
Geschlechter­reflek­tierte Päd­a­gogik gegen Rechts – Präsen­ta­tion der Pro­jek­tergeb­nisse und ‑erfahrun­gen
Andreas Hech­ler und Olaf Stuve (Dis­sens – Insti­tut für Bil­dung und Forschung)
11:00 Grundle­gende Über­legun­gen zur geschlechter­reflek­tierten Arbeit gegen Rechtsextremismus
Michaela Köt­tig (Frank­furt Uni­ver­si­ty of Applied Sci­ences, Forschungsnet­zw­erk Frauen und Rechtsextremismus)
11:45 Tee- und Kaffeepause
12:00 Gen­der oder Geschlechter­ver­hält­nisse, Kon­struk­tio­nen oder Ide­ol­o­gis­ches? Vorschläge zur Erweiterung geschlechter­reflek­tiert­er Rechtsextremismusprävention
Katrin Reimer (Hochschule Magde­burg-Sten­dal, Ange­wandte Kindheitswissenschaften)
13:00 Mit­tagspause mit Buffet
14:00 Workshops
16:30 Tee- und Kaffeepause
16:45 Reflex­io­nen zur Tagung
17:30 Ausklang

Work­shops

1. Empow­er­ment von POC-Jugendlichen
Dani­lo Staros­ta (Kul­tur­büro Sachsen)

Seit 2012 tre­f­fen sich Dres­d­ner Jugendliche, die über den an sie herange­tra­ge­nen Migra­tionsh­in­ter­grund nach­denken, darüber stre­it­en und die Reflex­io­nen in der Gruppe darüber kreativ bear­beit­en. Ein Ergeb­nis ihrer wöchentlichen Tre­f­fen ist der Dok­film: „Wenn wir reden…“, der 2014 in Dres­den Pre­miere feiern durfte.
Inzwis­chen ist viel passiert. Die Gruppe entwick­elt sich in ver­schiedene Rich­tun­gen. Einige Jugendliche der Gruppe wur­den von Pegi­da-Teil­nehmern ange­grif­f­en. Es gibt neue Pläne.
Reflex­io­nen, Pla­nun­gen zum Pro­jekt und logis­tis­che Unter­stützun­gen sind aus Sicht der Jugendlichen und Unterstützer_innen der Gruppe (Kul­tur­büro Sach­sen e.V.; Dritte Etage Film­pro­duk­tion) notwendi­ges und gegen­seit­iges Empowerment.
Im Work­shop wird die Arbeit der erwach­se­nen Begleiter_innen nachgeze­ich­net und bietet sich so für Kri­tik und Nach­fra­gen an. Er ist offen für alle.

2. Recht­sex­trem­is­mus­präven­tion mit den kreativ­en Mit­teln des dial­o­gis­chen The­aters – The­ma Männlichkeit­en in Haftanstalten
Ricar­da Milke (Miteinan­der e.V.) & Till Bau­mann (Miteinan­der e.V./TheaterDialog, angefragt)

Der Work­shop gibt Ein­blicke in die the­ater­päd­a­gogis­che Work­shopar­beit zum The­ma Männlichkeit­en im Jugend­strafvol­lzug. Wir wer­den von unseren bish­eri­gen Pro­jek­ter­fahrun­gen mit Forumthe­ater im Strafvol­lzug bericht­en. Zudem bekom­men die Teil­nehmenden die Möglichkeit, einzelne Sequen­zen und Übun­gen, mit denen wir im Strafvol­lzug arbeit­en, selb­st prak­tisch zu erleben.
Forumthe­ater ist Teil des The­aters der Unter­drück­ten, das vom brasil­ian­is­chen The­ater­ma­ch­er Augus­to Boal begrün­det wurde. Nach Boals Worten kann The­ater im Gefäng­nis Freiräume schaf­fen, in denen Men­schen ihre Erin­nerun­gen und Gefüh­le, ihre Vorstel­lungskraft, ihre Gedanken über die Ver­gan­gen­heit und die Gegen­wart befreien und in denen sie ihre Zukun­ft erfind­en kön­nen, anstatt auf sie zu warten. Diese Freiräume kön­nen zum Exper­i­men­tier­raum wer­den, in dem Fra­gen aufge­wor­fen und Antworten erspielt wer­den und Impulse für das reale Leben gegeben wer­den können.

3. Stärkung und Aus­bau von Alter­na­tiv­en – Erfahrun­gen, Bewährtes und Neues aus der Beratungsarbeit
Bian­ca Klose & Matthias Müller (Mobile Beratung gegen Recht­sex­trem­is­mus Berlin)

Jahre­lange Erfahrun­gen in inte­gri­erten Hand­lungsstrate­gien zur Recht­sex­trem­is­mus-Präven­tion sowie –Inter­ven­tion zeigen, dass das Rad nicht immer wieder neu erfun­den wer­den muss. Zwar ändern sich Arbeits­be­din­gun­gen der beteiligten Akteur_innen und deren Her­aus­forderun­gen, doch bieten die erar­beit­eten Stan­dards und bewährten Strate­gien im Feld einen Handlungsrahmen.
In dem Work­shop soll anhand der Erfahrun­gen der MBR in den Bere­ichen der Jugen­dar­beit, der Beratung von kom­mu­naler Poli­tik und Ver­wal­tun­gen sowie von Ver­bän­den und Ini­tia­tiv­en aufgezeigt wer­den, welche Hand­lungsstrate­gien erprobt und wirk­sam sind, wo Weit­er­en­twick­lun­gen notwendig sind, um sich auf verän­derte recht­sex­treme Akteur_innen einzustellen und welchen Her­aus­forderun­gen es noch zu begeg­nen gilt.

4. Rechts gegen Queer? Queer gegen Rechts!
Ben­jamin Kinkel (SchLAu NRW)

Die War­nun­gen vor ein­er trau­ma­tisieren­den „Früh­sex­u­al­isierung“ in der Schule oder ein­er „homo­sex­uellen Umerziehung“ durch LGBTQI*-Aufklärungsprojekte find­en zunehmend massen­medi­ale Aufmerk­samkeit. Recht­skon­ser­v­a­tiv­en Kreisen gelingt in let­zter Zeit eine wirk­mächtige Verun­sicherung und Mobil­isierung gegen queere und nicht-nor­ma­tive Lebensweisen in bre­it­en Kreisen der Gesellschaft. Den Bemühun­gen um Retra­di­tion­al­isierung ste­ht eine Päd­a­gogik der Vielfalt gegenüber, die sex­uelle und geschlechtliche Vielfalt zur Ken­nt­nis nimmt, wertschätzt und sub­jek­to­ri­en­tiert unter­stützt. Eine Sen­si­bil­isierung für dynamis­che Geschlechterkonzepte und iden­tität­süber­greifende Vielfalt­skom­pe­tenz kommt dabei allen Kindern und Jugendlichen zugute, da sie von dem Druck ent­lastet, ein­deutig „männlich“, „weib­lich“, „het­ero“, „schwul“ oder „les­bisch“ sein zu müssen. Auf dieser Ebene ent­fal­tet die geschlechter­reflek­tierende Arbeit von SchLAu eine präven­tive Wirkung gegen recht­skon­ser­v­a­tive Entwürfe von Geschlecht und Sexualität.
Im Work­shop wer­den das päd­a­gogis­che SchLAu-Konzept vorgestellt, die poli­tis­chen, psy­chis­chen und päd­a­gogis­chen Auswirkun­gen der recht­en Anfein­dun­gen dargestellt und eigene Reak­tio­nen damit zur Diskus­sion gestellt.

5. Diskri­m­inieren­des Ver­hal­ten als Suche nach Handlungsfähigkeit?
Katha­ri­na Debus & Vivien Lau­mann (Dis­sens – Insti­tut für Bil­dung und Forschung)

Auf diskri­m­inieren­des Ver­hal­ten wird in der Päd­a­gogik, wenn nicht durch Wegse­hen, dann häu­fig durch Aufk­lärung und/oder Gren­zset­zun­gen reagiert. Bei­des ist sin­nvoll bzw. notwendig, reicht aber häu­fig nicht aus, näm­lich dann, wenn es bei diesen Ver­hal­tensweisen nicht in erster Lin­ie um einen Man­gel an Wis­sen oder Prob­lem­be­wusst­sein geht.
Die Kri­tis­che Psy­cholo­gie beschäftigt sich in diesem Zusam­men­hang mit der sub­jek­tiv­en Funk­tion­al­ität diskri­m­inieren­den Ver­hal­tens. Dieses Ver­hal­ten kann in dem Ver­such begrün­det sein, Hand­lungs­fähigkeit unter gesellschaftlichen Bedin­gun­gen (Kap­i­tal­is­mus, Sex­is­mus, Het­ero-/Cis-Sex­is­mus, Ras­sis­mus, Ableis­mus, Klas­sis­mus etc.) herzustellen, die in viel­er­lei Hin­sicht ohn­mächtig machen, Hand­lungsspiel­räume ein­schränken und/oder überfordern.
Ander­er­seits gibt es Ressourcen, die es trotz dieser Bedin­gun­gen ermöglichen, sich nicht- bzw. anti-diskri­m­inierend zu ver­hal­ten. Eine beson­dere Her­aus­forderung des Ansatzes ist es, diskri­m­inieren­des Ver­hal­ten nicht zu entschuldigen, Täter_innen nicht zu Opfern zu machen und den­noch präven­tiv Alter­na­tiv­en zur Funk­tion­al­ität diskri­m­inieren­der Ver­hal­tensweisen zu erar­beit­en und Ressourcen nicht-diskri­m­inieren­den Han­delns zu stärken.
Im Work­shop wer­den wir nach einem ein­führen­den Input gemein­sam und in Arbeits­grup­pen an einem Prax­is­trans­fer des vorgeschla­ge­nen Analyse-Ansatzes arbeiten.

6. Hand­lungs­dilem­ma­ta in der geschlechter­reflek­tierten Pädagogik
Michaela Köt­tig (Frank­furt Uni­ver­si­ty of Applied Sciences)

Ich möchte Jugendliche stärken, sie unter­stützen, sie ihre Fähigkeit­en und Fer­tigkeit­en erken­nen lassen und darin empow­ern, sich gesellschaftlich einzumischen.
Ja, aber… gilt dies auch im Bere­ich Recht­sex­trem­is­mus so uneingeschränkt? Ergibt sich hier nicht ein Dilem­ma, das darin beste­ht, Jugendliche ein­er­seits zu stärken und auf der anderen Seite damit möglicher­weise auch zu erre­ichen, dass sie die neu gewonnenen Kräfte für die Umset­zung ihrer ide­ol­o­gis­chen Ziele und in die Aus­gren­zung und Diskri­m­inierung von Anderen einsetzen?!
Im Rah­men dieses Work­shops sollen unter­schiedliche Dilem­ma­ta im Arbeits­feld geschlechter­reflek­tierte Recht­sex­trem­is­mus­präven­tion erar­beit­et und daran anschließend Über­legun­gen angestellt wer­den, wie dem begeg­net wer­den kann.

Info

Zeit und Ort: 9. Okto­ber 2015, 9:30–17:30 Uhr
Werk­statt der Kul­turen, Wiss­man­nstr. 32, 12049 Berlin-Neukölln, U‑Hermannplatz

Anmel­dung: bis 31. August 2015: [email protected]ens.de (Vor- und Nach­name, Institution/Organisation/Tätigkeit, vegetarisch/vegan/Sonstiges, son­stige Wünsche)

Teil­nah­mege­bühr: beträgt € 10–20,- (Selb­stein­schätzung) und muss im Vor­feld über­wiesen wer­den an: Dis­sens e.V., IBAN: DE83 100 205 000 003 061 535, BIC: BFSWDE33BER (Bank für Sozial­wirtschaft), Ver­wen­dungszweck: Konferenz
Mehr Infos: dissens.de/gerenep/

Ver­anstal­tet von: Dis­sens – Insti­tut für Bil­dung und Forschung e.V.
www.dissens.de
Tel.: 030 – 54 98 75–30
Gefördert von: Aktion Men­sch, Rosa-Lux­em­burg-Stiftung, Hein­rich-Böll-Stiftung, Hei­de­hof-Stiftung, Stiftung Großes Waisen­haus zu Potsdam

Die Ver­anstal­tenden behal­ten sich vor, von ihrem Haus­recht Gebrauch zu machen und Per­so­n­en, die der neon­azis­tis­chen Szene zuzuord­nen oder bere­its durch sozial­dar­win­is­tis­che, anti­semi­tis­che, ras­sis­tis­che, völkische, nation­al­is­tis­che, (hetero)sexistische, trans*feindliche, inter*feindliche oder son­stige men­schen­ver­ach­t­ende Äußerun­gen und/oder Hand­lun­gen aufge­fall­en sind, den Zutritt zu der Ver­anstal­tung zu verwehren.