Thiazi abgebrannt – kommt Ragnarök?

In der germanischen Mythologie liefert sich der Riese Thiazi, der sich in einen Adler verwandelte, eine wilde Verfolgungsjagd mit Loki, um die „Äpfel der Jugend“ der Göttin Idun. Über den Mauern Asgards verbrennen die Götter und Göttinnen die Flügel Thiazis, worauf dieser stirbt. Mit Göttern und Göttinnen, Riesen, Äpfeln der Jugend, Adlern und Verfolgungsjagden kann die deutsche Polizei selten dienen, aber die Auswirkungen der ganz realen Hausdurchsuchungen könnten der Anfang vom Ende sein. Mitten im Sommer kündigt sich der Winter von Ragnarök, der germanische Weltuntergang, an.

Aber vom Anfang an: Am 14.6. um 11 Uhr gab das Bundeskriminalamt (BKA) Deutschland bekannt, dass seit den frühen Morgenstunden eine bundesweite Hausdurchsuchungswelle gegen BetreiberInnen und UserInnen des Neonazi-Forums thiazi.net stattfindet. Die „Germanische Weltnetzgemeinschaft“ war das größte Forum von Neonazis im deutschsprachigen Raum. Rund 25.000 Personen waren als UserInnen registriert, tauschten sich in über 600 Diskussionsrunden aus und konnten von thiazi.net tausende Liedtexte aus der Nazi-Szene herunterladen.

„Die Schwerpunkte der Durchsuchungen von 24 Wohnungen und Geschäftsräumen liegen in Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg. Weitere Durchsuchungen finden in Niedersachsen, Bayern, Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Rheinland-Pfalz und Thüringen statt. Zeitgleich wird auch eine Wohnung in Großbritannien durchsucht“, berichtet das Bundeskriminalamt.

Neben dem Vorwurf der Verbreitung von mehr als 2.400 Liedertexten und mehr als 1.400 Tonträgern mit antisemitischen, rassistischen und holocaustleugnenden Inhalten durch 26 Personen wurde ein Haftbefehl gegen vier Personen vollstreckt. Das BKA teilt weiters mit, dass die Hauptbeschuldigten „der seit 2009 andauernden Ermittlungen“ ein „30-jähriger Erzieher sowie eine 30-jährige Hausfrau und Mutter“ sind, „die seit Jahren Verantwortliche des „Thiazi“-Forums sein sollen“.


Niederbayrisches Thiazi-Treffen, „Thiazi“ ist verschwunden, die UserInnen wünschen sich das in diesem Moment auch

Vor zwei Jahren hat die Autonome Antifa Freiburg nicht nur eine der wichtigsten Personen von „Thiazi“, die Moderatorin Enibas, als Sabine R. geoutet, sondern auch das Nationalsozialisten Privatforum (NSPF) mit dem kompletten Inhalt ins Netz gestellt. Bei Enibas klopfte in der Folge dann die Polizei an. Sabine R. – wie viele andere auf „Thiazi“ bekennende Nationalsozialistin – war in ihrem „Privatleben“ nicht nur Mitglied eines Elternbeirats, sondern als Mutter von zehn Kindern auch gern gesehener Gast bei Talk-Shows über Großfamilien. Ihre bürgerliche Tarnung rechtfertigte sie damals so: „Ich glaube, niemand würde mich mehr in den Elternbeirat […] wählen, wenn ich in der NPD wäre. Dann täte man mich als ,bösen Nazi‘ abstempeln und niemand würde mir zuhören. ….Wir müssen nun schmiegsam und anpassungsfähig sein‘ – wie es unser Führer so ergreifend sagte.“ Wie Spiegel.online berichtet, dürfte Sabine R. bei der aktuellen Razzia neuerlich heimgesucht worden sein.


Links: Sabine R. am 07.07.2007 in Frankfurt am Main; Rechts: Ein Beitrag von „Enibas“, Bildquelle: „Autonome Antifa Freiburg“ – Nazimutter Sabine und Übermutter Enibas

Über die Razzia wurde zunächst noch im Forum von thiazi.net berichtet, dann ging die Weltnetzgemeinschaft – zumindest vorübergehend – unter.

Auch für die österreichischen Neonazis handelt es sich dabei um einen schweren Rückschlag. Nach der Zerschlagung des Alpen-Donau / Mur-Neonazi-Netzwerkes verliert die österreichische Neonazis-Szene ihr wichtigstes Kommunikationsmittel. Weit mehr als 100 österreichische aktive Thiazi-UserInnen konnten wir im Laufe der Zeit verfolgen.


Eine nur sehr kleine Auswahl der eher unbedeutenderen österreichischen „Thiazi“-UserInnen

Auf „Thiazi“ wurde alpen-donau.info angekündigt, im Nationalsozialisten Privatforum (NSPF) durfte eine exklusive Runde von österreichischen und deutschen Neonazis über NS-Ideologie, NS-Geschichte und den Aufbau von NS-Strukturen plaudern, auf „Thiazi“ wurde über die FPÖ diskutiert.


„NS-Freund“ zum Wahlerfolg der FPÖ: „Ja ich hoffe das in der Steiermark auch die FPÖ so einen gewaltigen Sprung nach oben macht wie in Vorarlberg und Oberösterreich, Steirer erwachet !! 88.“

Und Prinz Eugen und Eispickel besprachen auf Thiazi öffentlich den Angriff gegen Ex-Bundesrat Albrecht Konecny. PresseDOKUx informierte die „Thiazi“-LeserInnen über laufende Prozesse gegen Neonazis und versuchte sich ziemlich erbärmlich als AntiAntifa-Dokumentierer.


Prinz Eugen und Eispickel unterhalten sich über den Angriff auf Ex-Bundesrat Albrecht Konecny

Erinnern wir uns kurz an alpen-donau.info: Die SOKO („Alpen-Donau“) REXNET arbeitete, im Zusammenhang mit der Drohung auf Alpen-Donau gegen die Nationalratspräsidentin Barbara Prammer mit dem FBI zusammen. Dadurch erlangten die österreichischen Behörden die Zugangsdaten von „Alpen-Donau“, es war nur noch eine Frage der Zeit bis das Neonazi-Netzwerk zerschlagen wurde.


Der Anfang vom Ende, bereits am 7. Oktober 2009: Die Drohung gegen die Nationalratspräsidentin Barbara Prammer – hier unser Artikel dazu: „Wien: Neonazis drohen Prammer“ bzw. unsere Anfrage „88 Fragen zu alpen-donau“

Thiazi.net liegt auch (noch) auf dem Server Dreamhost – wie alpen-donau.info.


Auch im Vorläufer-Forum von „Alpen-Donau“, dem „Heimatschutzforum“ der neonazistischen „Arbeitsgemeinschaft für demokratische Politik“ (AFP) war „Thiazi“ immer wieder Thema

Auf dem Neonazi-Infoportal Altermedia wird zurecht schlimmstes befürchtet. So schreibt der User Leve Hadden: „Hoffentlich haben die Ermittlungsbehörden keinen Zugriff auf die Zugangsdaten bekommen. Es besteht auch die Möglichkeit daß die Seite, wie es damals bei Alpen-Donau der Fall war, durch den Hoster abgeschaltet wurde“


Die Frage ist zwar berechtigt, sie kommt aber zu spät

Sollte es den Ermittlern gelungen sein, alle Registrierungsdaten, Passwörter und Codes von „Thiazi“-UserInnen sicherzustellen, könnten zumindest jene österreichischen Neonazis, die über das Portal ihre Bekenntnisse zum Nationalsozialismus verbreitet oder Hetze und Drohungen abgesetzt haben, endlich der überfälligen strafrechtlichen Abklärung zugeführt werden.


Passwortliste (verpixelt)

Nach der größten Niederlagen-Serie seit 1945 für die Nazis (unter anderem wurden 2011 die ehemaligen Administratoren von Altermedia zu Haftstrafen verurteilt, die jetzige Seite „Altermedia“ ist nur noch ein schwaches Abbild vergangener Zeiten, „Alpen-Donau“ und jetzt „Thiazi“ komplementieren das Bild), wissen sich die verunsicherten Weltnetz-Kameraden nicht mehr anders zu helfen und beschwören gegenseitig ihre Gewaltbereitschaft. So schreibt Kommando West auf „Altermedia“: „Diese Aktionen haben nur zur Folge dass es in den Untergrund geht … Der NW (Nationale Widerstand, Anm.) ist dem nicht wehrlos ausgeliefert“.


Neben den üblichen Drohungen, passieren in der allgemeinen Panik auch schon mal kleine Hoppalas auf „Altermedia“, die für MItlesende interessante Infos beherbergen