Braunau (OÖ) Teil I: Hotspot der Neonazis

In Braunau/Inn hat Hitler nur wenige Monate sein­er Kind­heit ver­bracht. Sein Geburtshaus ist aber nach wie vor Anziehungspunkt für Neon­azi-Prozes­sio­nen und- Fotoak­tio­nen. Die Stadt Brau­nau wehrt sich seit Jahren gegen ihre Attrak­tion in der recht­en Szene, die von nah und fern nach Brau­nau pil­gert, doch mit­tler­weile hat sich in Brau­nau und Umge­bung eine beachtliche Neon­azi-Szene verfestigt.

Hitler begin­nt sein Het­zbuch „Mein Kampf“ mit den durch Hel­mut Qualtingers Lesung bekan­nten Sätzen: „Als glück­liche Bes­tim­mung gilt es mir heute, dass das Schick­sal mir zum Geburt­sort ger­ade Brau­nau am Inn zuwies. Liegt doch dieses Städtchen an der Gren­ze jen­er zwei deutschen Staat­en, deren Wiedervere­ini­gung min­destens uns Jün­geren als eine mit allen Mit­teln durchzuführende Leben­sauf­gabe erscheint!“

Heutzu­tage sind es nicht das „Schick­sal“ und „glück­liche Bes­tim­mung“ , die Brau­nau so attrak­tiv machen in der Neon­azi-Szene, son­dern neben der geo­graphis­chen Situ­ierung wohl auch die für die rechte Szene gün­sti­gen poli­tis­chen Ver­hält­nisse „im Heimatkreis des Führers“. Die FPÖ kann dort (bzw. im ganzen Innvier­tel) tra­di­tionell über dem oberöster­re­ichis­chen Durch­schnitt liegende Wahlergeb­nisse verze­ich­nen. 2009 erhielt die FPÖ bei den Land­tagswahlen lan­desweit 15,29 %, im Bezirk Brau­nau waren es 18,3 %.

Die FPÖ pflegt auch eine spez­i­fis­che Erin­nerungskul­tur, die in Brau­nau nicht nur mit dem Namen Hitler ver­bun­den wird, son­dern auch mit dem Nürn­berg­er Buch­händler Johann Palm, der in Brau­nau 1806 von napoleonis­chen Trup­pen hin­gerichtet wurde, weil er ein gegen die franzö­sis­chen Besatzer gerichtetes Pam­phlet mit dem Titel „Deutsch­land in sein­er tiefen Erniedri­gung“ veröf­fentlicht hat­te. 2006 marschierten die oberöster­re­ichis­chen FPÖ-Granden gemein­sam mit Burschen­schaftern und Neon­azis in Brau­nau auf, um des 200. Todestages von Palm zu gedenken. Hitler hat­te Palm schon in den ersten Zeilen von „Mein Kampf“ ein Andenken geset­zt und Brau­nau, „dieses unschein­bare Nest“ zum „von den Strahlen deutschen Mär­tyr­ertums ver­gold­e­ten Innstädtchen“ hochgejubelt.


200. Todestages von Palm: Elmar Pod­gorschek gemein­sam mit Got­tfried Küs­sel und Felix Budin

Schon zuvor, in den 90er Jahren nutzte der Neon­azi Karl Polacek, der 1992 nach ein­er lan­gen und gewalt­täti­gen Kar­riere als Lan­desvor­sitzen­der der neon­azis­tis­chen FAP (Frei­heitliche Deutsche Arbeit­er­partei) aus der BRD aus­gewiesen wor­den war, Brau­nau für seine Zwecke. Nach einem kurzen Aufen­thalt beim Salzburg­er Neon­azi Fritz Reb­han­dl siedelte sich Polacek in Schalchen (Bezirk Brau­nau) an und bezog dort Sozial­hil­fe. Für seine Neon­azi-Kampf­schriften wählte er den beziehungsre­ichen Titel „Brau­nauer Aus­guck“. Der eigentlich aus Wien stam­mende Polacek, der im Gebi­et zwis­chen Salzburg und Brau­nau für die junge Neon­azi-Szene den Mythos des alten, erfahre­nen Kämpfers darstellte, war sofort nach sein­er Ausweisung 1992 wieder ein­schlägig aktiv gewor­den. Die Ermit­tlun­gen gegen ihn schleppten sich aber bis zum Jahr 1999, wo dann endlich ein Wieder­betä­ti­gung­sprozess stat­tfand und Polacek zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. Polacek ent­zog sich der Haft durch Flucht und wurde erst Ende 2001 in Griechen­land ver­haftet und nach Öster­re­ich aus­geliefert. Ob Polacek nach sein­er Haft wieder im Bezirk Brau­nau Unter­schlupf fand, ist unklar. Poli­tisch näherte sich der mit­tler­weile 76-Jährige jeden­falls den Frei­heitlichen an. 2005 kam er in einem von Andreas Mölz­er her­aus­gegebe­nen Buch als „Zeitzeuge“ zu Wort, 2009 tauchte er im Per­so­n­enkomi­tee von Andreas Mölz­er als Unter­stützer auf, bevor ihn Mölz­er, der ihn zwar als „Zeitzeu­gen“ zu Wort kom­men ließ, aber von sein­er Ver­gan­gen­heit nichts gewusst haben will, ihn aus der Unter­stützerliste strich.

Zurück zu Brau­nau: nicht nur Polacek ver­suchte den klangvollen Namen zu nutzen, son­dern später auch der abge­halfterte Gen­er­alsekretär der NVP, Robert Fall­er, der sich eben­falls im Bezirk Brau­nau nieder­ließ. Wesentlich entschei­den­der ist, dass es seit 2008 einen Thor Steinar-Shop in Brau­nau (derzeit der einzige in Öster­re­ich) mit dem Namen „Wind­stärke 9“ gibt, der mit­tler­weile fix­er Bezugspunkt der Nazi-Skins und Neon­azis in der Gren­zre­gion ist.

Buchtipp: Flo­ri­an Schwan­ninger, Im Heimatkreis des Führers. Nation­al­sozial­is­mus, Wieder­stand und Ver­fol­gung im Bezirk Brau­nau 1938–1945. Edi­tion Geschichte der Heimat, Ver­lag Franz Stein­maßl, Grün­bach 2005.

➡️ Braunau(OÖ): “Die Jungs aus der Hitler­stadt“ (II)
➡️ Brau­nau (OÖ): Zwis­chen­stopp beim feuri­gen RFJ (III)
➡️ Brau­nau (OÖ): Von den Braunen Brüdern zu den Bier­büf­feln (IV)
➡️ Brau­nau (OÖ): SFK und „Paulchen Pan­ther“ (V)