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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Mélange KW 40/25 (Teil 2): Ein Innenminister mit zuviel Meinung

Innen­mi­nis­ter Kar­ner meint, die Anga­be der Teil­neh­mer­zahl bei der letz­ten Iden­ti­tä­ren-Demo sei eine „Ein­schät­zung”, und daher sei die Fra­ge danach von ihm nicht zu beant­wor­ten. Glei­ches gilt für die Defi­ni­ti­on von Rechts­extre­mis­mus und Neo­na­zis – auch nur eine Ein­schät­zung. Fragt sich: Was macht der Innen­mi­nis­ter beruflich?

9. Okt. 2025
Rückblick
Rückblick

Inhalt

Togg­le
  • Inns­bruck: Zwei kran­ke Wiederbetätiger
  • Wien-Josef­stadt: Waf­fen und Nazi-Müll
  • Oberwart/B: Nazi-Schmie­re­rei­en nahe Roma-Siedlung
  • Gmunden/OÖ: Gemein­de­rat gegen Identitären-Lager
  • Innen­mi­nis­ter Kar­ner: Rechts­extrem? Was ist das?

Innsbruck: Zwei kranke Wiederbetätiger

Am 1. und am 2. Okto­ber stan­den am Lan­des­ge­richt Inns­bruck zwei Pro­zes­se wegen NS-Wie­der­be­tä­ti­gung und ande­ren Delik­ten wie gefähr­li­cher Dro­hung, schwe­rer Kör­per­ver­let­zung und Wider­stan­des gegen die Staats­ge­walt auf der Tages­ord­nung. Die Bericht­erstat­tung in der Tiro­ler Tages­zei­tung (3.10.25, S. 5) dazu ist sehr knapp, beschreibt zunächst den Pro­zess gegen einen 34-Jäh­ri­gen Stu­den­ten, der am 1.10. ver­han­delt wur­de und dann noch kür­zer den gegen einen 40-jäh­ri­gen Deut­schen, der am 2.10. ver­han­delt wurde:

Der eins­ti­ge Stu­dent war 2021 in eine unheil­ba­re schi­zo­af­fek­ti­ve Stö­rung ver­fal­len. Nur die geziel­te Ein­nah­me von Medi­ka­men­ten ver­leiht ihm psy­chi­sche Sta­bi­li­tät. Statt­des­sen kon­su­miert er aber wei­ter Can­na­bis, wel­ches bei Schi­zo­phre­nie beson­ders pro­ble­ma­tisch wirkt und die­se sogar aus­lö­sen kann. Taten im Sexu­al­be­reich, Kör­per­ver­let­zun­gen und Wider­stän­de gegen die Poli­zei folg­ten. Dies­mal beschwor der 34-Jäh­ri­ge vor den Geschwo­re­nen, die Hän­de vom Can­na­bis zu las­sen und ver­schrie­be­ne Medi­ka­men­te auch tat­säch­lich ein­zu­neh­men. Psych­ia­te­rin Kast­ner blieb auf­grund der bis­he­ri­gen Erfah­run­gen skep­tisch: „Durch die frü­he­ren Ein­wei­sun­gen hat der Betrof­fe­ne offen­bar nichts gelernt. Wei­te­re schwer­wie­gen­de Taten sind zu befürch­ten, er bleibt ohne kon­trol­lier­ten Rah­men wei­ter gefährlich.
Gleich wie ein 40-jäh­ri­ger Deut­scher, der unter einer schi­zo­af­fek­ti­ven Epi­so­de sei­ne Fami­lie bedroht, eine Axt in die Haus­wand geschla­gen und die Poli­zei mit „Heil Hit­ler!“ begrüßt hat­te. Der Aus­re­de, dass es sich um „Heil Kickl!“ gehan­delt hat­te, wider­spra­chen die Beam­ten im Pro­zess. Bei­de Betrof­fe­nen wur­den zur Wei­ter­be­hand­lung unter­ge­bracht
.

Wien-Josefstadt: Waffen und Nazi-Müll

Nach dem Sturz eines 82-Jäh­ri­gen erschien nicht nur der Ret­tungs­dienst, son­dern auch das Stadt­po­li­zei­kom­man­do in der ver­müll­ten Josef­städ­ter Woh­nung. „Beim Betre­ten der Woh­nung sei­en die Poli­zis­ten dann auf meh­re­re Waf­fen und ande­re bedenk­li­che Gegen­stän­de gesto­ßen, berich­te­te die Poli­zei am Frei­tag.“ (wien.orf.at, 3.10.25)

Dabei wur­den etli­che Waf­fen, dar­un­ter sechs ille­ga­le Schuss­waf­fen, gefunden:

Unter den zahl­rei­chen Blank­waf­fen befand sich auch ein Geh­stock mit Metall­spit­ze, der von den Beam­ten als ver­bo­te­ne Waf­fe ein­ge­ord­net wur­de. Eben­falls im Besitz des Man­nes befan­den sich diver­se Gegen­stän­de und Devo­tio­na­li­en mit ein­deu­tig natio­nal­so­zia­lis­ti­schem Hin­ter­grund. Ent­spre­chen­de Anzei­gen nach dem Waf­fen- und Ver­bots­ge­setz wur­den erstat­tet. In wei­te­rer Fol­ge muss ent­schie­den wer­den, ob der demenz­kran­ke Wie­ner, der bis jetzt kei­ne Heim­hil­fe hat­te, über­haupt ver­hand­lungs- oder haft­fä­hig wäre. (oe24.at, 3.10.25)

Oberwart/B: Nazi-Schmierereien nahe Roma-Siedlung

„In einer Unter­füh­rung nahe der Roma-Sied­lung in Ober­wart wur­den Schmie­re­rei­en mit Nazi-Paro­len ent­deckt“, berich­tet in einer Kurz­mel­dung die BVZ (30.9.25). Ein Foto zeigt Paro­len wie „Judenschwein(e) “ und „Heil Hitler“.

Vor 30 Jah­ren, in der Nacht von 4. auf 5. Febru­ar 1995, wur­den nur weni­ge Meter ent­fernt vier jun­ge Roma durch eine Rohr­bom­be ermor­det. Ger­hard Baum­gart­ner, der ehe­ma­li­ge wis­sen­schaft­li­che Lei­ter des DÖW, dazu in der BVZ:

30 Jah­re nach dem Atten­tat von Ober­wart wird das Geden­ken an die Opfer noch immer durch Nazi­pa­ro­len ent­ehrt. Die NS-Paro­len sind ein Beleg für den wie­der erstar­ken­den Rechts­extre­mis­mus unter den Jugend­li­chen im Südburgenland.

Gmunden/OÖ: Gemeinderat gegen Identitären-Lager

Jetzt hat sich auch der Gemein­de­rat der Stadt Gmun­den mit dem „Bun­des­la­ger“ der „Iden­ti­tä­ren Bewe­gung“ und ihren para­mi­li­tä­ri­schen Übun­gen am Gmund­ner Flach­berg beschäf­tigt. Ende August hat­ten sich dort rund 40 Iden­ti­tä­re am Jugend­hof „Bau­er im Schlag“ ein­quar­tiert. Der Betrei­ber die­ses Quar­tiers gab sich über­rascht, als er von Medi­en auf die poli­ti­sche Aus­rich­tung die­ser Grup­pe ange­spro­chen wur­de, die sich unter dem Titel „2025 ‑Neu­es Deutsch­land“ ver­sam­melt hat­te. Den Kon­takt mit dem Jugend­hof hat­te laut „Ober­ös­ter­rei­chi­sche Nach­rich­ten“ (24.10.25) ein par­la­men­ta­ri­scher Mit­ar­bei­ter des FPÖ-Abge­ord­ne­ten Micha­el Ober­lech­ner her­ge­stellt. Es ist nicht schwer zu erra­ten, um wel­chen Mit­ar­bei­ter es sich han­delt.

Über die Gemein­de­rats­sit­zung vom 30. Sep­tem­ber berich­ten die „Ober­ös­ter­rei­chi­schen Nach­rich­ten“ (1.10.25) unter dem Titel: „Wir soll­ten da genau­er hinschauen“:

Die Gmund­ner Stadt­po­li­tik the­ma­ti­sier­te das „Aus­bil­dungs­la­ger“ bis­lang nicht – das änder­te sich in der Sit­zung des Gemein­de­rats Diens­tag­abend. Ire­ne Bro­da, Gemein­de­rä­tin der Grü­nen, for­der­te in einer emo­tio­na­len Rede eine Distan­zie­rung des gesam­ten Gemein­de­rats von rechts­extre­mis­ti­schen Ten­den­zen. „Wir Gmund­ner ken­nen den Unter­kunft­ge­ber, der behaup­tet, er habe anfangs gar nicht gewusst, wel­che Orga­ni­sa­ti­on sich hier trifft. Was ich nicht weiß, ist, wie glaub­haft die­ses Nicht­wis­sen ist. Sogar das ZDF hat gewusst, wer sich am Flach­berg trifft und ist gekom­men, um dar­über zu berich­ten. Wir soll­ten da genau­er hin­schau­en“, sag­te sie.
Danach ergriff auch Bür­ger­meis­ter Ste­fan Krapf (VP) das Wort, um zu unter­mau­ern, dass „kein ein­zi­ger Mit­ar­bei­ter des Stadt­am­tes und auch Bun­des­po­li­zei und Stadt­po­li­zei nichts von die­sem Tref­fen gewusst haben“. Er wol­le auch in Gmun­den auf öffent­li­chem Grund „kei­ne der­ar­ti­gen Ver­an­stal­tun­gen“ dul­den, auf Pri­vat­grund sei der Ver­fas­sungs­schutz zustän­dig. Krapf distan­zier­te sich „von allen demo­kra­tie­feind­li­chen Ten­den­zen drastisch“.
SPÖ-Stadt­rat Domi­nik Ges­sert bedank­te sich, dass das The­ma auf­ge­grif­fen wur­de: „Hät­te ich davon gewusst, hät­te ich eine Gegen­de­mons­tra­ti­on orga­ni­siert“, sag­te er. Gemein­de­rat Phil­ipp Wiatsch­ka (WIA) ver­ur­teil­te „jeg­li­che Form von Extre­mis­mus“ und wün­sche sich „als Fami­li­en­va­ter, dass wir auf Bil­dung setzen“.
Auch FPÖ-Frak­ti­ons­ob­frau Dina Fritz ergriff das Wort und distan­zier­te sich von „jeg­li­cher Form des Extre­mis­mus, egal ob von links oder rechts
.

Innenminister Karner: Rechtsextrem? Was ist das?

Wenn ein Minis­ter behaup­tet, die Fra­ge nach der Zahl der Teil­neh­mer an einer Iden­ti­tä­ren-Demo sei die Fra­ge nach einer „Mei­nung“ (nicht nach Fak­ten), und Mei­nun­gen sei­en nicht vom par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge­recht gedeckt, dann wird’s kri­tisch. Wenn der­sel­be Minis­ter sogar die Kennt­nis und die Defi­ni­ti­on von Begrif­fen abstrei­tet, die sei­ne Behör­den für ihre Arbeit benut­zen, dann ist die Lage sehr ernst. Gibt doch der Minis­ter damit kund, dass man sich mit ihm auf kei­ne gemein­sa­men Defi­ni­tio­nen und Begrif­fe mehr eini­gen kann – und zwar, weil der Minis­ter nicht will. Wobei es hier nicht um des Minis­ters Mei­nung zu UFOs geht, son­dern um Rechts­extre­mis­mus und Neo­na­zis­mus, also um Fra­gen der Inne­ren Sicherheit.

Wie viele Personen nahmen an der Versammlung am 26. Juli mit Startpunkt am Karl-Lueger-Platz teil? Innenminister Karner: Diese Frage bedarf einer Einschätzung. Meinungen und Einschätzungen sind jedoch kein Gegenstand der Vollziehung und somit nicht vom parlamentarischen Interpellationsrecht umfasst. (Screenshot Anfragebeantwortung 30.9.25)
Kar­ner: Teil­neh­mer­zahl der Demo eine „Ein­schät­zung”  (Screen­shot Anfra­ge­be­ant­wor­tung 30.9.25)

Sogar die Defi­ni­ti­on sei­ner Behör­de, der „Direk­ti­on Staats­schutz und Nach­rich­ten­dienst” (DSN) zu Rechts­extre­mis­mus und den Grup­pie­run­gen, die unter die­sem Titel erfasst und beob­ach­tet wer­den, igno­riert der Innen­mi­nis­ter: Auch das ist für ihn eine Mei­nung. Kein Wun­der, dass ihm da sogar der Chef der DSN davon­läuft bzw. sei­nen Job kün­digt. Aber das ist nur unse­re Meinung.

Definition von "Rechtsextremismus" im Verfassungsschutzbericht 2024 (S. 20): „Rechtsextremismus" ist die Sammelbezeichnung für politische Auffassungen und Bestrebungen - von fremdenfeindlich/rassistisch/antisemitisch bis hin zur nationalsozialistischen Wiederbetätigung - die im Namen der Forderung nach einer von sozialer Ungleichheit geprägten Gesellschaftsordnung die Normen und Regeln eines modernen demokratischen Verfassungsstaates ablehnen und diesen mit Mitteln beziehungsweise unter Gutheißung oder Inkaufnahme von Gewalt bekämpfen.
Defi­ni­ti­on von „Rechts­extre­mis­mus” im Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2024 (S. 20)

Die Beant­wor­tung einer par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge von Lukas Ham­mer (Grü­ne) durch Innen­mi­nis­ter Kar­ner strotzt jeden­falls von Igno­ranz und Ver­wei­ge­rung par­la­men­ta­ri­scher Kon­troll­rech­te, dass sie schon wie­der lesens­wert ist.

Welche rechtsextremen und neonazistischen Gruppierungen nahmen an dieser Versammlung teil? Innenminister Karner: Diese Frage bedarf einer näheren Auslegung der Begriffe „rechtsextreme Gruppierungen" und „neonazistische Gruppierungen" sowie einer Zuordnung der handelnden Personen, somit einer Bewertung und Einschätzung deren politischen Hintergrundes, zumal die österreichische Rechtsordnung keine Vorschrift enthält, dass sich an angezeigten Versammlungen teilnehmende Gruppierungen für ihre Teilnahme registrieren müssen. Schon aus diesem Grund kann nicht bekannt gegeben werden, welche Gruppierungen teilgenommen haben. Die Interpretation des Willens eines Abgeordneten steht mir nicht zu und Bewertungen sowie Einschätzungen sind kein Gegenstand der Vollziehung und somit nicht vom parlamentarischen Interpellationsrecht umfasst. (Screenshot Anfragebeantwortung 30.9.25)
Innen­mi­nis­ter Kar­ner: Die­se Fra­ge bedarf einer nähe­ren Aus­le­gung der Begrif­fe „rechts­extre­me Grup­pie­run­gen” und „neo­na­zis­ti­sche Grup­pie­run­gen” sowie einer Zuord­nung der han­deln­den Per­so­nen, somit einer Bewer­tung und Ein­schät­zung deren poli­ti­schen Hin­ter­grun­des … (Screen­shot Anfra­ge­be­ant­wor­tung 30.9.25)

Mit den sons­ti­gen „Inhal­ten“ der Anfra­ge­be­ant­wor­tung befasst sich ein Arti­kel im „Stan­dard“ (2.10.25), in dem es unter ande­rem heißt: „Folgt man den Ant­wor­ten Kar­ners, müss­te man sogar anzwei­feln, dass über­haupt ein ein­zi­ger Rechts­extre­mer auf der Kund­ge­bung mit­mar­schier­te.“

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Schlagwörter: Antisemitismus | Antiziganismus | Burgenland | Identitäre | Illegaler Waffenbesitz/Waffenhandel | Neonazismus/Neofaschismus | Oberösterreich | ÖVP | Rechtsextremismus | Vandalismus/Sachbeschädigung/Schmierereien | Verbotsgesetz | Wiederbetätigung | Wien

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