Burschenschafter unter sich
Die Parlamentskorrespondenz (22.5.26) meldete die Entscheidung in der Sprache geordneter Verwaltung: Elf Bewerbungen seien eingelangt, eine unabhängige Kommission gemäß Ausschreibungsgesetz habe Roland Weinert als einzigen Bewerber „in höchstem Ausmaß“ geeignet gesehen, Rosenkranz betraue ihn mit 1. August 2026 mit der Leitung der Parlamentsdirektion. Weinert ist in der FPÖ-Politik sozialisiert: Einstieg direkt nach dem Studium als Kabinettsmitarbeiter unter FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer, unter Türkis-Blau Generalsekretär und zeitweise Kabinettschef von Heinz-Christian Strache, 2009 Gründungsmitglied der FPÖ Breitenfurt.
Geleitet wurde die von Rosenkranz eingerichtete Begutachtungskommission von Andreas Reichhardt, selbst in drei Verbindungen korporiert. Demokratiepolitisch ist der Vorgang schief: Ein Burschenschafter stellt einen Burschenschafter an die Spitze einer Kommission, die einem Burschenschafter die beste Qualifikation bescheinigt.
Öffentlich bekannt ist Weinerts Mitgliedschaft bei der akademischen Burschenschaft Suevia Innsbruck. meineAbgeordneten.at führt ihn als Sueven-Obmann von 2007 bis 2014 und als stellvertretenden Vorstand der Mittelschulverbindung Heimdall Linz von 2008 bis 2010. Nach Stoppt die Rechten-Recherchen kommt eine weitere Verbindung hinzu: Weinert ist auch Mitglied der Wiener akademischen Burschenschaft Gothia. Entsprechende Belege liegen Stoppt die Rechten vor.
Diese Angabe verändert die politische Einordnung erheblich, weil Gothia und Libertas, also Rosenkranz’ eigene Burschenschaft, im November 2025 fusioniert haben. Rosenkranz beruft also einen Mann an die Verwaltungsspitze des Parlaments, der über die fusionierte Gothia-Libertas-Linie sein Bundesbruder ist.

Suevia: QR-Code für einen Mörder
Weinerts Suevia, die noch 1960 den Arierparagraphen verteidigte (1), kam wegen ihres Denkmals am Innsbrucker Westfriedhof in die Kritik. Dort steht der Name Gerhard Lausegger. Lausegger war Suevia-Mitglied, SS-Studentensturmführer und gehörte zu den Haupttätern des Mordes an Richard Berger in der Innsbrucker Pogromnacht vom 9./10. November 1938.
„Die Presse“ (17.1.19) fragte Weinert, damals Generalsekretär in Straches Ministerium, nach Lausegger. Er nannte ihn einen „unsäglichen Menschen“, verteidigte aber die Entscheidung der Verbindung, den Namen am Denkmal zu belassen und stattdessen einen QR-Code mit Erklärung und Distanzierung anzubringen. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes sah darin eine späte Auseinandersetzung, zugleich aber „von allen Möglichkeiten einer kritischen Kommentierung freilich die denkbar unauffälligste“.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung des Suevia-Denkmals zeigt, dass es dabei nicht nur um einen einzelnen Namen, sondern gleich mehrere NS-belastete Geehrte geht. Die Innsbrucker Stadtpolitik setzte erst 2015 mit einer Stele für Richard Berger einen Gegenakzent, nachdem die Verbindung Lauseggers Namen am eigenen Denkmal beließ.
Gothia: Schönerer, Srbik und weitere Nazis
Auch Weinerts zweite relevante Verbindung, die Gothia Wien, führt tief in völkische Traditionspflege. Christian Neschwara, Alte Herr der Gothia, schreibt 2025 auf der Website des Dachverbands „Deutsche Burschenschaft“ quasi als Nachruf auf seine Verbindung, die Gothia habe Grundsätze „radikaldeutschnationaler Gesinnung“ im Sinne Georg von Schönerers vertreten. Die „praktische Umsetzung“ dieser Haltung habe Alldeutschtum, Antisemitismus, Antislawismus und Antiklerikalismus umfasst und zwischen 1892 und 1896 mehrfach zu behördlichen Auflösungen geführt.
Die neue Gothia, so Neschwara weiter, habe nach 1952 „volkstumspolitisch“ der gesamtdeutschen Geschichtsauffassung Heinrich Srbiks angehangen und dies sogar im Wappen festgehalten. Srbik war Gothia-Mitglied, bejubelte 1938 den „Anschluss“, trat der NSDAP bei und gehörte dem Reichstag an. Die Gothen führten auf ihrer Website belastete Figuren wie Schönerer, Srbik, Fritz Stüber, Mirko Jelusich oder Eduard Pichl als „berühmte Gothen“, während Antisemitismus, NSDAP-Mitgliedschaften und NS-Funktionen in der Traditionspflege ausgespart blieben.
Parlament mit Rosenkranz und Roland Weinert als Libertas-Dependance?
Rosenkranz entscheidet in dieser Causa aus einer Position doppelter Nähe. Er ist FPÖ-Politiker und zugleich Libertas-Burschenschafter. Der Kandidat, den er ab August an die Spitze der Parlamentsdirektion setzen will, ist ebenfalls aus der FPÖ und über die Gothia Teil jenes Bundes geworden, der inzwischen mit Rosenkranz’ Libertas fusioniert ist. Zweiteres führt in ein Milieu, dessen Selbstverständnis auf Lebensbund und Bundesbruder-Loyalität beruht.
Dieser Befund wiegt schwerer als die übliche Frage nach Parteibuchwirtschaft. Die Parlamentsdirektion führt die Verwaltung des Hohen Hauses, hat allen Abgeordneten und Fraktionen zu dienen und muss jene Distanz wahren, die eine parlamentarische Demokratie von privaten Loyalitätsverbänden trennt. Wenn an der politischen Spitze des Nationalrats ein Liberte steht und die Verwaltungsspitze künftig ebenfalls von einem Liberten geführt werden soll, geraten zwei Ordnungen aneinander: die republikanische Ordnung öffentlicher Ämter und das burschenschaftliche Prinzip lebenslanger Bundesbrüderlichkeit. Der Hinweis auf Weinerts Verwaltungserfahrung räumt diesen Konflikt nicht aus. Qualifikation ersetzt keine Unabhängigkeit.
Der Fall Weinert ist ein Prüfstein für das Parlament. Es geht um die Frage, ob die Verwaltung eines demokratischen Verfassungsorgans nach außen und innen unabhängig genug bleibt, wenn politische und korporierte Loyalitäten derart eng übereinanderliegen. Wer lebenslange Bundesbrüderlichkeit zum Strukturprinzip eines privaten Männerbundes macht, kann an der Spitze der Parlamentsverwaltung nur dann bestehen, wenn jede Entscheidung, jede Befangenheit und jede Verbindung radikal offengelegt wird. Rosenkranz’ Bestellung leistet das Gegenteil: Sie zieht den Schatten der Burschenschafterbude bis in die Verwaltungsspitze der Republik – und dazu noch einen großen Sack voll mit kaum aufgearbeiteten historischen Belastungen. Beide Verbindungen gehören dem rechtsextremen Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ und ihrem Rechtsaußen-Flügel „Burschenschaftliche Gemeinschaft“ an.
Dazu kommt die politische Heuchelei. Die FPÖ empört sich seit Jahren über Postennetzwerke anderer Parteien und greift dabei mit „Systemparteien“ zu einem Begriff, der aus dem verächtlichen Arsenal gegen die Weimarer Republik stammt und später im Nationalsozialismus für politische Gegner verwendet wurde. Im Parlament betreibt ausgerechnet ihr Nationalratspräsident nun eine Bestellung, bei der Partei‑, Milieu- und Bundesbruder-Nähe ineinandergreifen. Wer so handelt, sollte bezüglich Postenschacher anderer die Füße stillhalten!
Anfrage an Rosenkranz
Ob gegenüber der Begutachtungskommission offengelegt wurde, dass Weinert so wie Rosenkranz der Burschenschaft Libertas angehört, will nun der Grüne Nationalratsabgeordnete Lukas Hammer über eine parlamentarische Anfrage an Rosenkranz in Erfahrung bringen. Und ebenfalls, ob durch gemeinsame burschenschaftliche Mitgliedschaften Interessenskonflikte entstehen könnten und warum Weinerts Mitgliedschaft bei der Libertas nicht öffentlich kommuniziert wurde.
Hammer führt auch eine Kritik aus der FPÖ an, die im Jahr 2012 an der Parlamentspräsidentin Barbara Prammer im Zuge der Bestellung von Harald Dossi zum Parlamentsdirektor geäußert wurde. Die damalige FPÖ-Nationalratsabgeordnete Carmen Gartelgruber beschwerte sich in einer Anfrage: „Ungeachtet der Qualifikation des Dr. Dossi fällt negativ auf, dass mit dieser Entscheidung eine seltene Gelegenheit verpasst wurde erstmals in der Geschichte Österreichs eine Frau an die Spitze der Parlamentsdirektion zu stellen, zumal in der Parlamentsdirektion ausgezeichnet qualifizierte Frauen tätig sind“ und stellte die Frage: „Warum haben Sie nicht eine Frau zur Parlamentsdirektorin ernannt?“ Dieselbe Frage muss nun Parteikollege Rosenkranz beantworten.
➡️ Auch der „Standard” (28.5.26) berichtet über unsere Recherche: Bislang nicht bekannt: Neuer Parlamentsdirektor sogar in selber Burschenschaft wie Rosenkranz
1 „Wir wollen und können es von Nichtdeutschen gar nicht verlangen, daß sie sich zum Deutschtum bekennen und stehen auf dem allein burschenschaftlichen Standpunkt, daß somit auch der Jude in der Burschenschaft keinen Platz hat.“ (zit. nach Horst Schreiber, Gaismair Kalender 2017)
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