Die schweigenden Schwaben zu InnsbruckLesezeit: 5 Minuten

Die aka­de­mi­sche Bur­schen­schaft Sue­via in Inns­bruck wird immer wie­der bei­spiel­haft als eine Bur­schen­schaft genannt, die vor­bild­lich ihre Ver­gan­gen­heit auf­ge­ar­bei­tet habe. Davon ist nichts zu mer­ken, wenn man die Web­site der Sue­via auf­ruft. „Her­aus­ra­gen­de Per­sön­lich­kei­ten der Poli­tik, Wirt­schaft, Medi­zin, Wis­sen­schaft und For­schung“ sei­en aus ihren Rei­hen her­vor­ge­gan­gen, schrei­ben die Sue­ven in der Rubrik „Über uns“. Welche, […]

28. Nov 2019

Auf der Web­site der Sue­via ist gera­de noch ihr Grün­dungs­jahr 1868 zu erfah­ren – über die 150 Jah­re danach schwei­gen sich die Sue­ven aus. Dabei gäbe es eini­ges zu erzäh­len. Ursprüng­lich 1868 als noch ziem­lich unpo­li­ti­sche Lands­mann­schaft Vor­arl­ber­ger Stu­den­ten unter dem Namen „Vor­arl­ber­gia“ gegrün­det, änder­te sie 1877 ihren Namen auf „Sue­via“, erklär­te sich 1884 zur Bur­schen­schaft und wur­de in den 1880er-Jah­ren „gera­de­zu zum Syn­onym für den Anti­se­mi­tis­mus“ in Inns­bruck (Mar­tin Ach­rai­ner, Jüdi­sches Leben in Tirol und Vor­arl­berg von 1867 bis 1918. Hay­mon Ver­lag, Inns­bruck 2013).

Die­ser Wand­lung von einer eher libe­ra­len Kor­po­ra­ti­on, die auch Duell und Men­sur abge­lehnt hat­te, zu einer rabi­at anti­se­mi­ti­schen, deutsch­na­tio­na­len und schla­gen­den Bur­schen­schaft war unter ande­rem ein Besuch des obers­ten Anti­se­mi­ten Georg Rit­ter von Schö­ne­rer vor­aus­ge­gan­gen. Der hat­te zum Ergeb­nis, dass in des­sen Fol­ge die Sue­via nur mehr „deutscha­ri­sche“ Mit­glie­der auf­nahm (ab 1886, sie­he dazu Andre­as Bösche, S. 20f).

Dar­an hat sich auch in spä­te­ren Jah­ren nichts geän­dert. 1925 leg­ten Ver­tre­ter der Inns­bru­cker Bur­schen­schaf­ten Ger­ma­nia, Bri­xia, Pap­pen­hei­mer und Sue­via dem Senat der Uni­ver­si­tät Inns­bruck eine Reso­lu­ti­on mit der For­de­rung vor, nichts unver­sucht zu las­sen, „um unse­re Uni­ver­si­tät vor einem jüdi­schen Leh­rer zu bewah­ren“ (Peter Gol­ler, Ein star­kes Stück. Ver­such­te Habi­li­ta­ti­on eines kom­mu­nis­ti­schen Juden. In: DÖW Jahr­buch 1988).

Noch in ihrer 1958 (!) ver­öf­fent­lich­ten Ver­bin­dungs­ge­schich­te glo­ri­fi­zier­te die Sue­via die 1938 erfolg­te Okku­pa­ti­on Öster­reichs als „Grün­dung des Groß­deut­schen Rei­ches“, in deren Fol­ge sich die Sue­via fei­er­lich selbst auf­ge­löst und dem Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bund (NSDStB) ange­schlos­sen hat, „da man das erklär­te Ziel – eine Ver­ei­ni­gung mit Deutsch­land – erreicht habe. Die­ser Akt wird als ‚ruhm­vol­les Ende der Bur­schen­schaft“ bezeich­net’, schreibt der His­to­ri­ker Ste­fan Hechl in sei­ner Arbeit „Stu­den­ti­scher Anti­se­mi­tis­mus in Inns­bruck ( 1918–1938)“.

So tick­ten die Sue­ven nicht nur 1938, son­dern auch noch 1958 ff! In der Publi­ka­ti­on über „Völ­ki­sche Ver­bin­dun­gen“, her­aus­ge­ge­ben von der ÖH der Uni Wien 2009, heißt es dazu:

„Die Inns­bru­cker Sue­viastell­te sich noch 1960 auf den ‚allein bur­schen­schaft­li­chen Stand­punkt, dass […] der Jude in der Bur­schen­schaft kei­nen Platz hat’ (…). Ein Jahr spä­ter schän­de­te ein unmit­tel­bar zuvor aus sei­ner Ver­bin­dung aus­ge­schlos­se­ner Sue­ve gemein­sam mit einem Bri­xen den jüdi­schen Fried­hof in Inns­bruck.“ (1)

Wann der SS-Offi­zier Ger­hard Lau­seg­ger auf dem wuch­ti­gen Sue­ven-Denk­mal am Inns­bru­cker West­fried­hof ein­gra­viert wur­de, ist nicht klar. Dass der über­zeug­te Nazi und Bur­schen­schaf­ter der Sue­via, der wäh­rend der Novem­ber­po­gro­me 1938 einen Mord­trupp ange­führt und dem Vor­sit­zen­den der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de für Tirol und Vor­arl­berg, Richard Ber­ger, nach einer grau­sa­men Hetz­jagd mit einem Stein den Schä­del ein­ge­schla­gen hat, über­haupt ein ehren­des Geden­ken durch sei­ne Bur­schen­schaft fand, und das von ihr über Jahr­zehn­te auch noch ver­tei­digt wur­de, war spä­tes­tens seit den 1990er-Jah­ren immer wie­der ein Gegen­stand der poli­ti­schen Debat­te in Innsbruck.

Lausegger (links) bei seiner Festnahme; rechts der Sohn des ermordeten Richard Berger (Foto: erinnern.at)
Lau­seg­ger (links) bei sei­ner Fest­nah­me; rechts der Sohn des ermor­de­ten Richard Ber­ger (Foto: erinnern.at)

Die For­de­rung war zunächst: Der Name Lau­seg­gers und jene von zumin­dest wei­te­ren sie­ben Per­so­nen, „die durch ihre Hand­lun­gen ein­deu­tig dem Natio­nal­so­zia­lis­mus zuor­den­bar” (Stan­dard, 8.11.1996) waren, sei­en zu ent­fer­nen, oder es soll­te gleich das gan­ze Denk­mal, das die zen­tra­le Inschrift „Für des deut­schen Vol­kes Ehre opfer­ten ihr Leben“ trägt, abge­ris­sen werden.

Denkmal der Suevia am Friedhof Innsbruck mit der Inschrift "Lausegger Gerhard" (Foto: novemberpogrom1938.at)
Denk­mal der Sue­via am Fried­hof Inns­bruck mit der Inschrift „Lau­seg­ger Ger­hard” (Foto: novemberpogrom1938.at)

2014 erfolg­te dann eine win­zi­ge Kor­rek­tur durch die Sue­ven. Auf der Rück­sei­te (!) des rie­si­gen Denk­mals wur­de ein QR-Code ange­bracht, der nach Ent­schlüs­se­lung via Han­dy zur Web­sei­te Schwa­ben­denk­mal führt, auf der die Bur­schen­schaf­ter von der Sue­via in sehr knap­pen Wor­ten so etwas wie eine Distan­zie­rung von der Tat und der Geis­tes­hal­tung dahin­ter ver­su­chen: „Die Bur­schen­schaft kann die­se Tat und die dahin­ter ste­hen­den Beweg­grün­de nicht nach­voll­zie­hen, die über­ein­stim­men­de Geis­tes­hal­tung liegt ihr fern. Daher fällt es unse­rer Bur­schen­schaft leicht, sich von (sic!) Natio­nal­so­zia­lis­mus aufs Schärfs­te abzu­gren­zen, sowie zu distan­zie­ren.

Eine ver­schäm­te Distan­zie­rung via QR-Code von einem bru­ta­len anti­se­mi­ti­schen Meu­chel­mord – nicht vom Mör­der! –, das war’s dann schon wie­der mit der gründ­li­chen Auf­ar­bei­tung der Ver­gan­gen­heit? Ein Jahr spä­ter hat die Stadt­ge­mein­de Inns­bruck mit der Errich­tung einer Ste­le für den ermor­de­ten Richard Ber­ger „das fei­ge Weg­du­cken der Sue­via vor dem Ein­ge­ständ­nis der Schuld und die Ver­höh­nung der Pogrom­op­fer“ (Tiro­ler Tages­zei­tung, 9.11.2015) korrigiert.

Das Schwei­gen der Sue­via über ihre anti­se­mi­ti­sche Ver­gan­gen­heit hält an. Eine seriö­se Auf­ar­bei­tung geht anders.

Text zum "Schwabendenkmal" der Suevia
Text zum „Schwa­ben­denk­mal” der Suevia

1 „Einer der Täter, Ex-Akti­vist der Sue­via, zwäng­te sei­nen Anti­se­mi­tis­mus zuvor in holp­ri­ge Reim­form: ‚[…] der ein­zi­ge Feind, den es Wert ist zu hassen/und unter Umstän­den auch zu vergasen/ist doch der ewi­ge Jude, der heute/wie frü­her die dum­men, weil ehr­li­chen Leu­te bestiehlt/und uns allen die Frisch­luft wegsaugt/nicht ahnend, dass er nur zum Ein­hei­zen taugt./Die Zeit wird bald kom­men, dar­auf ist Verlass/dass man ihn zum letz­ten Mal setzt unter Gas./Dann wer­det auch Ihr, trotz Aktiven-Allüren,/das Feu­er von Ausch­witz behü­ten und schüren./Wir wer­den, wenn auch ohne Müt­ze und Band,/die Gas­öfen fül­len bis an den Rand.’“ (Andre­as Peham, „Durch Rein­heit zur Ein­heit“, S. 37)

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