Comité International de Mauthausen: Verhöhnung der heute noch lebenden KZ-Opfer

Heftiger Protest der KZ-Über­leben­den gegen die Ein­stel­lung des Ver­fahrens gegen die „Aula“.

Wien (OTS) — Das Comité Inter­na­tion­al de Mau­thausen (CIM) als Dachver­band von derzeit 21 nationalen Organ­i­sa­tio­nen von Über­leben­den des KZ Mau­thausen und deren Ange­höri­gen ver­wehrt sich auf das Heftig­ste gegen die vol­lkom­men aus der Luft gegrif­f­ene Pauschalierung der Staat­san­waltschaft Graz, die in der Zeitschrift „Aula“ pub­lizierte Beze­ich­nung von befre­it­en „KZ-Häftlinge als Land­plage und Massen­mörder“ sei zuläs­sig. Mit der Akzep­tanz dieser men­schen­ver­ach­t­en­den Beze­ich­nun­gen durch die Staat­san­waltschaft Graz wer­den For­mulierun­gen als richtig befun­den, die auch schon beim Aufruf der Lager-SS zur Men­schen­jagd im Rah­men der soge­nan­nten „Müh­lviertler Hasen­jagd“ gefall­en sind.

Als das nation­al­sozial­is­tis­che Konzen­tra­tionslager Mau­thausen und seine Außen­lager befre­it wur­den, waren dort noch mehrere zehn­tausend Men­schen interniert. Nach Abzug der SS-Wach­mannschaften Anfang Mai 1945 blieben die Häftlinge mehr oder weniger sich selb­st über­lassen. Bis zur Befreiung durch die alli­ierten Trup­pen (großteils durch die US-Army) ver­sucht­en einige Häftlinge, für sich und ihre Kam­er­aden im Umkreis der KZ Lebens­mit­tel zu organ­isieren und somit die zehn­tausenden Men­schen vor dem sicheren Hunger­tod zu bewahren. Mit der Über­nahme der befre­it­en KZ durch die US-Army wurde auch die Ver­sorgung der befre­it­en Häftlinge durch die Amerikan­er übernommen.


„Am 5. Mai 1945 befre­it­en US-Sol­dat­en das Konzen­tra­tionslager. Der Umgang mit der beispiel­losen Bes­tial­ität des Holo­caust in Öster­re­ich war und ist prob­lema­tisch”.; Bild- und Tex­tquelle: presse.com (01.05.2015)
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Unbe­strit­ten ist, dass diese Beschaf­fung von über­leben­snotwendi­gen Lebens­mit­teln in weni­gen Fällen auch gegen den Willen der betrof­fe­nen Lokalbevölkerung geschehen ist. Daraus jedoch abgeleit­et die For­mulierung „Land­plage“ als zutr­e­f­fend zu beze­ich­nen, ent­behrt nicht nur jed­er his­torischen Grund­lage, son­dern ist auch eine Ver­höh­nung der heute noch leben­den KZ-Opfer.

Die Staat­san­waltschaft Graz führt auch aus, dass es unter den KZ Häftlin­gen „verurteilte Straftäter“ gegeben habe und somit auch die diskri­m­inieren­den For­mulierun­gen im „Aula“-Artikel gerecht­fer­tigt seien.

Der Präsi­dent des CIM, Guy Dock­endorf, hält mit Nach­druck fest: 

„Mein Vater Met­ty Dock­endorf wurde im April 1944 als lux­em­bur­gis­ch­er Wider­stand­skämpfer gegen die Nazi-Besatzung zuerst in das KZ Mau­thausen und dann in die Außen­lager Melk und Ebensee deportiert. In den Tagen der Befreiung in Ebensee waren es ein paar wenige Häftlinge, die dazu noch kör­per­lich in der Lage waren, die für die vie­len tausend im Lager verbliebe­nen Häftlingskam­er­aden mit Hil­fe der Lokalbevölkerung und der US-Army Lebens­mit­tel organ­isierten und somit vie­len Men­schen das Leben ret­ten konnten.

Mein Vater und die meis­ten sein­er Kam­er­aden sind heute nicht mehr am Leben – ich als sein Sohn und als Präsi­dent des CIM sehe in der Begrün­dung der Staat­san­waltschaft Graz eine kaum wiedergutzu­machende Ver­höh­nung der­er, die ihren Ein­satz gegen den Nazi-Ter­ror mit ihrer Frei­heit und oft genug mit ihrem Leben bezahlen mussten. Die Verunglimp­fung diese Men­schen als „Land­plage“ und „Massen­mörder“ im Jahre 2016 auch noch seit­ens der Jus­tiz zu recht­fer­ti­gen, ist für das CIM inakzeptabel.“

Wir laden die zuständi­gen Jus­tizbe­hör­den daher ein, mit unser­er Ver­mit­tlung einen begleit­eten Rundgang durch die KZ-Gedenkstätte Mau­thausen zu machen und sich mit den his­torischen Tat­sachen pro­funde auseinanderzusetzen.
Neben­bei bemerkt: Denkt die Staat­san­waltschaft Graz wirk­lich, dass zu den Befreiungs­feiern in der KZ-Gedenkstätte Mau­thausen bis zu 35.000 Teil­nehmer (und darunter immer fast die gesamte öster­re­ichis­che Bun­desregierung sowie zahlre­iche inter­na­tionale Staats­gäste) kom­men wür­den, wenn hier „Massen­mördern“ und ein­er „Land­plage“ gedacht würde?“