Wer Menschen nach Schädelform und vermeintlichen „Rassemerkmalen“ vermisst, bewegt sich gedanklich in einer Welt, von der Österreich behauptet, sie 1945 hinter sich gelassen zu haben. Im Umfeld der identitären „Aktion 451“ soll eine intern „RFJ-Untersuchung“ genannte Prozedur stattgefunden haben: Physiognomie und Schädel wurden vermessen, am Hinterkopf suchte man nach einem angeblichen „Arierknochen“ – übrigens eine Bezeichnung, die nicht einmal von den Nazis stammt. Die waren in ihrem Rassenwahn etwas gnädiger und erklärten ein weit ausladendes Hinterhaupt zum Merkmal der von ihnen konstruierten „nordischen Rasse“.
Man könnte das als makabre Idiotie einiger junger Rechtsextremer abtun, wäre da nicht der Rest. Ein Aktivist soll sich mit Reinhard Heydrich verglichen haben, einem der Hauptorganisatoren des Holocaust. Ein Insider beschreibt eine Clique mit den Worten: „Den Holocaust leugnet da niemand. Die finden den gut und wollen den wiederholen.“ Dazu kommen rassistische Theorieseminare, antisemitische Aussagen und Vorstellungen von „Erbanlagen“, mit denen vermeintliche intellektuelle Überlegenheit begründet wird.
Das alles findet in einem Umfeld statt, das eng mit der Freiheitlichen Jugend verwoben ist. Funktionäre wechseln zwischen FJ, Identitären und „Aktion 451“, Räume und Strukturen werden gemeinsam genutzt, in identitären Chats werden Jobs bei FPÖ und Parteijugend vermittelt. Personen aus diesem Milieu gelangten als Mitarbeiter bis ins Parlament. Aus dem rechtsextremen „Vorfeld“, von dem die FPÖ gerne spricht, ist längst ein Rekrutierungsraum geworden.
Wo Rassenwahn auf Gewalt trifft
Zur völkischen Ideologie tritt eine ausgeprägte Gewaltkultur. Ein identitärer „Ideologe“, wie der „Standard“ (27.8.26) schreibt, soll in einer Runde fantasiert haben, einen Fotojournalisten mit einem Samuraischwert attackieren und mit dessen Eingeweiden „Nie wieder“ schreiben zu wollen. Einen anderen Fotografen wollte er mit einem Glas im Gesicht verletzen und ihm die Nase brechen. Die nachgeschobene Erklärung, dies sei „rein literarisch“, macht die Äußerungen nicht appetitlicher.
Journalist:innen erleben dieses Milieu ohnehin weniger „literarisch“. Sie werden bedrängt, gestoßen, bespuckt und eingeschüchtert. Bei einer FPÖ-Veranstaltung rempelte der Wiener FJ-Landesjugendsekretär Jan Staudigl einen Puls24-Kameramann, anschließend beteiligte sich ein Identitärer am Übergriff. Im Identitären-Keller, in Ausbildungslagern und Gyms wird regelmäßig Kampfsport trainiert.

Besonders drastisch geriet eine Nachricht, die ein Fotojournalist letzten April auf seiner Mobilbox fand. Der Anrufer gab sich zunächst als Wiener Polizist aus, wechselte dann zu sexualisierten Beschimpfungen der Mutter des Journalisten und kündigte in vulgärer Sprache sexuelle Gewalt gegen dessen Frau an. Die Stimme soll zu Yannick Wagemann gehören. Bereits zuvor hatte Wagemann denselben Fotografen auf dessen Schwester angesprochen.
Bei verbalen Auswürfen ist es nicht geblieben. Ein Video offenbart, wie Yannick Wagemann einen Passanten in Wien zu Boden bringt und würgt. Er gehört mit Gernot S. auch zu den Tatverdächtigen von Leoben.
Die Klärung, ob einzelne vom „Standard“ zitierte Äußerungen oder Drohungen strafrechtliche Tatbestände erfüllen, ist Aufgabe von Ermittlungsbehörden und Justiz. Eine Prüfung ist unausweichlich. Aber dass solche Fragen im identitären Umfeld auftauchen, überrascht kaum. Stoppt die Rechten hat die Straftaten und Verurteilungen im Umfeld der Identitären bereits ausführlich dokumentiert. Schon 2019 führte ein Anlassbericht des Verfassungsschutzes zahlreiche rechtskräftig verurteilte Personen an, darunter Verurteilungen wegen Gewaltdelikten und nach dem Verbotsgesetz. Die aktuelle Standard-Recherche liefert dafür das ideologische Hintergrundrauschen, aus dem Gewalt entsteht.
Frauen als Beute
Dazu gehört eine Frauenverachtung, die weit über das bekannte rechte Rollenbild von Herd, Kindern und „traditioneller Familie“ hinausgeht. Besonders deutlich wird das bei einer intern als „Rassenschandejagd“ bezeichneten Praxis. Aktivisten sollen linke oder migrantisch geprägte Lokale besucht, sich dort gegenüber Frauen als progressive Männer ausgegeben und versucht haben, sie zu verführen. Anschließend wurde die rechtsextreme Gesinnung offengelegt. Die Frau galt damit in der Logik der Beteiligten als „entehrt“.
Schon die Bezeichnung sagt alles. „Rassenschande“ gehört zum zentralen Vokabular nationalsozialistischer Rassenpolitik. Die Nürnberger Gesetze kriminalisierten sexuelle Beziehungen zwischen Jüdinnen und Juden und sogenannten „Deutschblütigen“. Im identitären Milieu wird daraus ein Freizeitspaß, bei dem Frauen zu Trophäen werden, deren Sexualität über den imaginären Wert einer „Volksgemeinschaft“ entscheidet.
Rassismus, Frauenhass und männliche Dominanz verschränken sich hier zu einem Weltbild, in dem Menschen bewertet, sortiert und gedemütigt werden. Schädelvermessungen und „Rassenschandejagd“ gehören ideologisch zusammen. Beide beruhen auf der Vorstellung, Menschen besäßen je nach Abstammung einen unterschiedlichen Wert und Frauenkörper seien Teil eines ethnischen Besitzstandes.
Eine staatlich geförderte Brücke
Das wäre bereits bei irgendeiner rechtsextremen Kleingruppe alarmierend. Hier führt die Spur allerdings direkt in die offizielle Jugendorganisation einer Parlamentspartei. Der FJ-Bundesobmann Maximilian Weinzierl sitzt selbst im Nationalrat. In seinem Umfeld wurden Personen mit identitärem Hintergrund in Parteifunktionen und Beschäftigungsverhältnisse gebracht. Laurenz Barth, Geschäftsführer und Finanzreferent der FJ, soll bei der Verzahnung mit „Aktion 451“ eine zentrale Rolle spielen. In identitären Chats wurde vor der Nationalratswahl auf frei werdende Jobs bei „RFJ bzw. Partei“ hingewiesen. Interessierte sollten sich bei Barth melden.
Der Staatsschutz spricht inzwischen von einer fortschreitenden personellen Verflechtung zwischen Neuer Rechter und parlamentarischem Raum. Anders als noch in den Verfassungsschutzberichten wird die Partei benannt: die FPÖ. Gleichzeitig stellt er fest, dass ideologische Radikalisierung bei einzelnen Aktivisten zunehmend mit der Bereitschaft zur körperlichen Gewalt einhergeht.
Der österreichische Staat finanziert die Freiheitliche Jugend jährlich mit fast 400.000 Euro. Dazu kommen auch noch Förderungen aus den Bundesländern. Damit wird aus einer Rechtsextremismus-Affäre eine demokratiepolitische Frage. Eine Parteijugend erhält Geld für politische Jugendarbeit, während in ihrem engsten Umfeld Personen angeblich nach „Arierknochen“ suchen, über eine Wiederholung des Holocaust schwärmen und Identitäre für politische Jobs rekrutiert werden. Die zuständigen Förderstellen müssen daher schleunigst klären, wofür öffentliche Mittel verwendet wurden und ob sämtliche Fördervoraussetzungen eingehalten wurden.
Kickls Schweigen ist eine Antwort
Die Gewaltattacken sollten auch nach der ohnehin engen Definition der FPÖ, wonach Rechtsextremismus nur dann gegeben sei, wenn er mit Gewaltausübung verbunden ist, für eine klare Distanzierung seitens der Parteispitze reichen. Tut es aber nicht.
Die FPÖ hat auf die Enthüllungen bislang vor allem mit Ablenkung reagiert. Weinzierl spricht von einer „Fake-Recherche“, andere Freiheitliche verweisen auf einschlägige Chats aus SPÖ- oder ÖVP-nahen Jugendorganisationen. Die Frage, warum so viele Identitäre in der FJ und der FPÖ Karrieren machen, warum ein FPÖ-Mitarbeiter Obmann von zwei identitären Vereinen mit Adresse in der Ramperstorffergasse sein kann, bleibt damit unbeantwortet.
Und Herbert Kickl? Er schweigt weiterhin zu den konkreten Vorwürfen. Das ist nicht überraschend bei einem Parteichef, der die Identitären einst als „NGO von rechts“, „unterstützenswertes Projekt“ und „echte NGO“ bezeichnete, ihren zentralen Kampfbegriff „Remigration“ – also Massendeportationen – politisch anschlussfähig machte und eine Partei führt, in deren parlamentarischem Umfeld mehrere ehemalige oder aktive Identitäre beschäftigt werden.

Nach den nun vorliegenden Enthüllungen müsste Kickl erklären, welche Grenze für ihn überhaupt noch existiert. Schädelvermessungen? Holocaust-Begeisterung? Gewaltfantasien? Sexualisierte Drohungen gegen Journalist:innen? Eine „Rassenschandejagd“?
Eine demokratische Partei müsste auf solche Vorgänge mit personellen Konsequenzen, Aufklärung und einer klaren Trennung von den Beteiligten reagieren. Die FPÖ liefert bislang Angriffe auf Medien, Gegenbeschuldigungen und Schweigen ihres Vorsitzenden. Damit beantwortet sie zumindest diese eine Frage, wie viel Distanz zwischen Partei und diesem Milieu tatsächlich besteht: keine!
Und da ist noch ein Aspekt: ÖVP und SPÖ haben sich auf Bundesebene nun gleich in einer Reihe von Statements von den Vorgängen im Identitären-FPÖ-Konglomerat distanziert. Keinen Mucks von sich gegeben haben jene ÖVP-Landesparteien, die in fünf Bundesländern mit der FPÖ regieren. Aber auch nicht jene SPÖ-Landesvorsitzenden, die eine Koalition mit der FPÖ für denkbar halten. Auch das ist nicht akzeptabel.
„Standard“-Serie zu FJ und Identitären
➡️ Geheime Dokumente belegen Pakt zwischen FPÖ-Jugend und Identitären sowie braune Umtriebe
➡️ Gewalt, „Rassenschandejagd“ und Frauenhass bei den Partnern der FPÖ-Jugend
➡️ Die FPÖ-Jugend ist extrem. Was wollen Politik und Behörden unternehmen?
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