Am 11. November verlieh das FPÖ-nahe Dinghofer-Institut im österreichischen Parlament den Franz-Dinghofer-Medienpreis an den Grazer Leopold-Stocker-Verlag und seinen Verleger Wolfgang Dvorak-Stocker. Nationalratspräsident Walter Rosenkranz trat als Veranstalter auf, hielt die Eröffnungsrede und betonte als Reaktion auf die massive Kritik an der Veranstaltung, er habe nicht vor, „irgendeine Veranstaltung im Haus abzusagen“.
Dass das Dinghofer-Institut heuer den Leopold-Stocker-Verlag ehrte, entspricht genau dem Bild, das Kritiker*innen, dem FPÖ-nahen Institut vorwerfen: Der Verlag wird gemeinsam mit seinem Ableger Ares-Verlag vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) seit Jahrzehnten als rechtsextrem eingestuft.
Ein Rechtsextremer als Pseudonym-Arbeiter
Ein aktueller Artikel der „Autonomen Antifa Freiburg“ (13.11.25) macht öffentlich, dass der deutsche Publizist Nils Wegner unter dem Pseudonym „Werner Gut“ als Lektor und Projektkoordinator für den Stocker- bzw. Ares-Verlag arbeitet oder gearbeitet hat.
In einer Mail aus dem Jahr 2021 an den FPÖ-nahen pensionierten Rechtshistoriker und Burschenschafter Christian Neschwara (auch Stammgast bei den Dinghofer-Veranstaltungen), die die Freiburger nun veröffentlicht haben, stellt sich Wegner selbst vor. Er schreibt, Neschwara kenne ihn bisher „als ‚Werner Gut‘ im Dienste des Leopold-Stocker- bzw. Ares-Verlags“. Die „pseudonyme Arbeit“ sei, so Wegner, ein ausdrücklicher Wunsch von Verleger Wolfgang Dvorak-Stocker, der verhindern wolle, „dass politisch eher mittig liegende Autoren (…) sich von einem Nils Wegner mit einschlägigen Google-Suchergebnissen“ abschrecken ließen.
Nils Wegner im „gesichert rechtsextremen“ Netzwerk
Im gleichen Brief listet Wegner seine berufliche Laufbahn auf: Von März 2015 bis Ende 2017 sei er als Lektor, Autor und Übersetzer für den Verlag Antaios, das Institut für Staatspolitik (IfS) und die Zeitschrift „Sezession“ in Schnellroda tätig gewesen. Seit Jänner 2018 arbeite er „nahtlos“ für den Stocker- bzw. Ares-Verlag. Er sei aber „mittlerweile recht enttäuscht von der Organisation wie auch vom Inhalt der Verlagsarbeit“ und wolle nicht wie sein Vorgänger enden. „Meine relativ schlichte, wiewohl vertrauensvolle Frage an Sie wäre in diesem Sinne: Ist Ihnen eine Möglichkeit bekannt oder zumindest denkbar, im österreichischen akademischen Betrieb (vorzugsweise im Großraum Wien bzw. Niederösterreich) in zweiter oder dritter Reihe, also als Hilfskraft o.ä., Fuß zu fassen?“ Mit dem angestrebten Jobwechsel dürfte es nicht geklappt haben: In einem Verlagsfolder scheint ein „Mag. Werner Gut“ noch im Dezember 2024 als Mitarbeiter des Leopold-Stocker-Verlags auf.

Wegners Weg führt über jene Institutionen, die der deutsche Verfassungsschutz als zentrale Akteure der extremen Rechten beschreibt. In einer Autorenbiografie von „Sezession“ wird er als studierter Historiker vorgestellt, der von 2015 bis 2017 als Lektor bei Antaios, am Institut für Staatspolitik und für die Zeitschrift selbst gearbeitet habe. Das Institut für Staatspolitik wird seit April 2023 vom Bundesamt für Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Der Verfassungsschutz führt die Zeitschrift „Sezession“ in seinem Bericht 2023 ausdrücklich unter den „rechtsextremistischen Akteuren der Neuen Rechten“.
Wegners Texte erschienen dort regelmäßig. In „Rechte Dissidenz in den USA“ (Sezession 69/2015) behandelt er die US-amerikanische „alternative right“. Der Historiker und Publizist Volker Weiß zitiert diesen Artikel in seiner Analyse „Faschisten von heute?“ (16.10.17, S. 7) als Beispiel für neurechte Deutungen der internationalen extremen Rechten.
Nah an der politischen Praxis der Rechtsextremen liegt Wegners Aufsatz „Meme: kognitive Biowaffen im Informationskrieg?“ („Sezession“ 77/2017), worin er eine Art Gebrauchsanleitung für den Einsatz von Memes im rechtsextremen Kulturkampf liefert.
Auch abseits von Schnellroda agiert Wegner als Ideologe der Neuen Rechten. Sein Blog und Podcast „AltWriteWegner“ tragen den Untertitel „Komfortzonen zu Kampfzonen“ und versammelt Texte und Gespräche zu Themen wie „Neue Rechte“, „Klassenstandpunkte“ oder rechtsextreme Popkultur.
Misogynie und Rassismus
Wegner wird 2024 im Verbandsorgan „Burschenschaftliche Blätter“ der Deutschen Burschenschaft (DB) im Editorial als „Waffenbruder Nils Wegner (L! Darmstadtia Gießen 2008)“ vorgestellt. Im gleichen Heft liefert Wegner den Schwerpunktartikel „Festgefressene Gebärmaschinen“. Er „übt rechtsradikale Kritik am rechtsradikalen Konzept des ‚Großen Austauschs‘. Für Wegner müsste die korrekte Übersetzung aus dem Französischen ‚Große Ersetzung‘ heißen, denn der Untergang des Abendlandes ist für ihn irreversibel.“ (autonome-antifa.org, 13.11.25) Wegner argumentiert, der demografische Wandel könne nicht durch Einwanderung aufgefangen werden und schlussfolgert: „[O]hne deutsche Kinder gibt es keine deutsche Zukunft.“ – eine Parole, die zuvor wortgleich von der Neonazi-Splitterpartei „Der Dritte Weg“ in einem Flyer verwendet wurde.
Sein Frauenbild formuliert er mit drastischer Verachtung. Kinder würden in Zeiten des Wohlstands vor allem als Hindernis beim Geldausgeben betrachtet, und er spottet: Statt dass sich „die ersehnten Gebärmaschinen mit finanziellen Aufwendungen schmieren ließen, fressen sie sich daran im Gegenteil wortwörtlich fest.“ Anschließend verknüpft er pronatalistische Politik mit Angriffen auf das Recht auf Schwangerschaftsabbruch.
Wegner taucht auch im vom DÖW erstellten Rechtsextremismusbericht als Autor der „Neuen Rechten“ im „Freilich-Magazin“ und in „Info-Direkt“ auf. Für Michael Scharfmüllers rechtsextreme Postille verfasst Wegner zwei von Rassismus durchdrungene Stücke.
Ein weiteres wiederkehrendes Motiv ist der Rassismus. So fragt Nils Wegner, der sich 2022 als Übersetzer von Edward Duttons „Und sie unterscheiden sich doch. Über die Rassen der Menschheit“ (Ares-Verlag) zum Rasseglauben bekannt hatte, nach dem „Selbstbewusstsein der Weißen“ und führt aus, dass das „einzige nicht wegdiskutierbare Bollwerk […] die ethnische Identität“ sei. Dass es sich dabei lediglich um eine modernisierte Fassung des Rassebegriffs handelt, verdeutlicht Wegner in einer Rezension von Andreas Vonderachs „Die Dekonstruktion der Rasse“. Der Autor hätte entlarvt, „welche interessierten Kreise“ hinter dem Angriff auf die „Naturwissenschaften“ stünden und „welch drastische Wege die Rassenleugner zur Durchsetzung ihrer Ziele wählten“. (Rechtsextremismus in Österreich 2023, S. 131)
Nun zeigt sich, dass Wegner nicht nur für das als „gesichert rechtsextrem“ eingestufte Schnellroda-Netzwerk gearbeitet und in einer Reihe weiterer rechtsextremer Medien publiziert hat, sondern jahrelang versteckt als Lektor und Projektkoordinator in einem Verlag tätig war (oder noch ist), der von der FPÖ unter Schirmherrschaft des ersten Nationalratspräsidenten mit einem Preis bedacht wird. Dass Wegner vor wenigen Wochen von der Freiheitlichen Jugend Wien als Vortragender geladen wurde, verwundert dann auch nicht mehr.

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