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Lesezeit: 6 Minuten

Schießübungen in Vorchdorf: Bitte weitergehen – nichts zu sehen?

Mehr als ein Monat ist vergangen, seit ein massives Polizeiaufgebot auf einem Bauernhof bei Vorchdorf (OÖ) einmarschierte, weil dort etliche Personen irgendwas mit Waffen unternahmen. Einige Tage gab es dazu Infohäppchen von den ermittelnden Behörden, die mehr zu- als aufdeckten. Selbst damit ist seit Wochen Schluss. Das führte dazu, dass alle Fraktionen des Vorchdorfer Gemeinderats in einer Erklärung vollständige Aufklärung forderten. Die verlangen auch Nationalratsabgeordnete in Anfragen.

15. Nov. 2025
Im Visier
Im Visier

Mit einem Telefonat am Samstag, 11.10., wurde der Polizeieinsatz auf dem Bauernhof in Adlhaming (Vorchdorf) ausgelöst. Der Zeuge hatte mehrere Personen mit Waffen am Gelände des Bauernhofs wahrgenommen und auch Schüsse gehört. So stand es dann auch in den Zeitungen. Als die Polizei eintraf, flüchtete der Großteil ins Haus, einige blieben im Freien. Die Polizei fand rund 50 Schusswaffen: Pistolen und halbautomatische Gewehre. Ein Oberst des Bundesheeres verhielt sich gegenüber den Polizist*innen so, dass diese anschließend Anzeige wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt erstatteten. Noch vor Ort stellte die Behörde fest, dass alle Teilnehmer*innen über eine Waffenbesitzkarte verfügten und händigte die Waffen den Besitzer*innen wieder aus.

Am 14.10. titelte der ORF Oberösterreich: „Waffenübung in Vorchdorf: Keine Extremisten“. Dieser Jubelmeldung widersprachen wir unmittelbar mit unseren Recherchen: „Schießgesellschaft in Vorchdorf: Bundesheer-Oberst mit Verbindungen“. Nicht irgendwelche Verbindungen, sondern eindeutig rechtsextreme, natürlich auch zur FPÖ!

Die Schüsse, die der Anrufer beim Polizeinotruf gemeldet hatte, „sollen laut Polizei nicht gefallen sein“, war in den OÖN am 14.10. zu lesen. Und: „Dem Vernehmen nach waren unter den Teilnehmern sogar Bundesheerangehörige und Rechtsanwälte.“ – Sollte dieser Satz eine Erklärung für den vorhergehenden Satz darstellen? Wo sich Bundesheerangehörige und Rechtsanwälte mit Waffen treffen, wird nicht geschossen?

19, 20 oder 23 Teilnehmer*innen?

Wir haben schon in unserem ersten Bericht nachgezählt und befunden, dass sich die 15 in das Haus geflüchteten Teilnehmer*innen und die fünf am Gelände eigentlich zu insgesamt 20 addieren lassen. Gut, vielleicht ein vernachlässigbarer Rechen- oder Übermittlungsfehler. Was dann aber die OÖN (20.10.25) neun Tage nach dem Einsatz schrieben, passt auf keine Kuhhaut mehr: Es seien insgesamt 23 Teilnehmer*innen gewesen. „Zumindest zwei Verdächtige sollen beim Eintreffen der Polizei davongelaufen sein und konnten erst später von der Exekutive ausgeforscht werden.“ Wie kommt man durch die verschiedenen Zahlenangaben (19, 20 + zumindest 2) auf die 23?

Viel wesentlicher erscheint jedoch ein anderes Problem: Während des Polizeieinsatzes am 11.10. konnten die 50 Waffen den 19 (oder 20?) Inhaber*innen von Waffenbesitzkarten angeblich eindeutig zugeordnet werden; die Waffen wurden daraufhin sofort retourniert. Was aber ist mit den Waffen der zwei, drei oder vier in den Wald geflüchteten Personen? Oder sind sie etwa in den Wald geflüchtet, weil sie keine Waffen bei sich hatten? Aus Scham?

Keine Schüsse, keine Munition?

Es kommt noch dicker. Die „Kronen Zeitung“ (24.10.25) berichtet, dass an dem Wochenende nicht nur Zielübungen, sondern auch Schießübungen geplant waren: „Die Teilnehmer – darunter Ärzte und Rechtsanwälte – buchten ein ganzes Wochenende, um die Handhabung mit Waffen zu trainieren. Bei den Einvernahmen kam heraus, dass für Sonntag ein Scharfschießen auf einer speziell dafür ausgelegten Anlage geplant war.“

Also haben neben Rechtsanwälten und die aus diesem Artikel getilgten Bundesheerangehörigen auch Ärzte auf dem Bauernhof mit Waffen hantiert. In anderen Berichten war zudem von einem Steuerberater die Rede. Natürlich würde uns da brennend interessieren, welche Berufsgruppe in den Wald geflüchtet ist. Aber wesentlicher erscheint die Tatsache, dass für den Sonntag Scharfschießen geplant war. Den Hinweis, dass dieses „auf einer speziell dafür ausgelegten Anlage“ hätte stattfinden sollen, könnte zwecks Vermeidung von Strafbarkeit auch als Schutzbehauptung interpretiert werden.

Es drängt sich aber noch eine andere Frage auf: Scharfschießen kann nur mit Munition stattfinden. In keinem Bericht findet sich ein Hinweis auf Munition, die üblicherweise mit den Waffen mitgeführt wird, wenn’s zum Scharfschießen gehen soll. Keine Munition, aber Scharfschießen geplant. Hat sich der Anrufer, der Schüsse gemeldet und damit den Einsatz ausgelöst hat, vielleicht doch nicht verhört?

Schmauchtests? Zerlegte und versteckte Waffen?

Die Polizei stellte schnell fest, dass keine Schüsse gefallen seien. Wie hat sie das festgestellt und bei wem? Schließlich hat es einige Zeit (wie lange eigentlich?) gedauert, bis die in den Wald geflüchteten Teilnehmer*innen ausgemacht werden konnten. Bei denen wurde sicher kein Schmauchtest durchgeführt. Bei den Teilnehmer*innen, denen am 11.10. die Waffen wieder ausgefolgt wurden, auch nicht. Mit Schmauchtests könnte man aber mit großer Sicherheit eine Schussabgabe bei Personen feststellen. Man könnte auch an den Waffen feststellen, ob mit ihnen vor kurzem geschossen wurde.

Den Medienberichten entnehmen wir aber, dass etliche der Waffen im Haus versteckt und zerlegt waren. Warum zerlegt und versteckt man Waffen?

Keine Ermittlungen gegen den Oberst?

Die „Krone“ vom 24.10.25 hat – offensichtlich überrascht– getitelt: „Vorchdorf: Oberst plötzlich kein Verdächtiger mehr“. Das bezieht sich auf die Anzeige der Polizei, die beim Oberst des Generalstabs Widerstand gegen die Staatsgewalt festgestellt haben wollte. Gut, man kann sich beim Widerstand genauso irren wie bei Schüssen, die man nicht oder doch gehört haben will. Auf der fehlerhaften Addition wollen wir gar nicht herumreiten – die kann ja der Presse, der Staatsanwaltschaft oder auch uns angelastet werden. Was aber ist mit der Munition, den versteckten Waffen, den erst später entdeckten Geflüchteten?

Kronen Zeitung: "Vorchdorf: Oberst plötzlich kein Verdaechtiger mehr" (Screenshot 24.10.25)
Kronen Zeitung: „Vorchdorf: Oberst plötzlich kein Verdaechtiger mehr“ (Screenshot 24.10.25)

Rechtsextremismus ist per se nicht strafrechtlich relevant, in Österreich weit verbreitet und in die politischen Vertretungen gewählt. Aber dass der rechtsextreme Oberst, der seinen Dienst für die Republik schon seit geraumer Zeit durch Langzeitkrankenstand reduziert, dann frisch und weniger fröhlich (das „fromm“ ersparen wir uns und ihm) bei einer Ziel- und Schießübung mit Gleich- oder Ähnlichgesinnten auftaucht und sich mit der Polizei matcht, das irritiert. Oder waren die anderen Teilnehmer*innen gar keine Gleich- oder Ähnlichgesinnten, sondern Gegner*innen des Oberst – und gab es deshalb die Waffenübung? Was wir damit ausdrücken wollen: Wir lassen uns nicht für blöd verkaufen!

Vieles irritiert an diesem Wochenende mit Waffenübungen, den Ermittlungen und den Informationen dazu, die trotz der Versuche, möglichst wenig an Fakten preiszugeben, die Widersprüche, Unzulänglichkeiten und Unklarheiten verstärken statt sie abzubauen.

Vorchdorfer Gemeinderat und Nationalratsabgeordnete verlangen Aufklärung

Das hat auch der Vorchdorfer Gemeinderat bemerkt, der in einer überparteilichen Stellungnahme „vollständige und transparente Aufklärung der Geschehnisse sowie eine konsequente Prüfung aller rechtlichen Fragen durch die zuständigen Behörden“ (ooe.orf.at, 21.10.25) eingefordert hat.

Auch im Nationalrat sind die Vorchdorfer Waffenübungen Gegenstand von parlamentarischen Anfragen durch SPÖ und Grüne.*

In Vorchdorf selbst plagen den Betreiber des Blogs „invo.report“, der ausführlich über die Waffenübungen berichtet (u.a. über ein seltsames „Bürgerforum“), ähnliche Gedanken wie uns: „Waffenübung in Adlhaming: Ist am 11. Oktober nur ein Sack Reis umgefallen?“ Nein, sicher nicht!

Update 22.1.25: Laut OÖN sind die Ermittlungen gegen acht der insgesamt 23 Verdächtigen eingestellt worden, weil sie auf den vom Einsatz angefertigten Polizeivideos nicht zu sehen seien.

* Anfrage Lukas Hammer (Grüne) an den Innenminister betreffend Cobra-Einsatz wegen „Waffenübung“ in Vorchdorf mit Verbindungen zur FPÖ? (20.10.25)
Anfrage Sabine Schatz (SPÖ) an die Verteidigungsministerin betreffend Waffenübungen auf einem Bauernhof in Vorchdorf (Oberösterreich) (15.10.25)
Anfrage Sabine Schatz (SPÖ) an den Innenminister betreffend Waffenübungen auf einem Bauernhof in Vorchdorf (Oberösterreich) (15.10.25)

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Schlagwörter: Bundesheer | Oberösterreich | Rechtsextremismus

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