Am Samstag, 11.10., wird die Polizei alarmiert, weil in einem Bauernhof in Vorchdorf (Bez. Gmunden) Menschen mit Langwaffen herumlaufen würden. Als die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort eintrifft, flüchten fünfzehn Personen ins Innere des Bauernhofs, fünf konnten von der Polizei außerhalb angehalten werden. Macht eigentlich 20 Personen. Registriert wurden dann aber nur 19 Personen mit insgesamt 50 Schusswaffen. Das ist bei weitem nicht die wichtigste Unstimmigkeit, die der Öffentlichkeit bisher erzählt wurde.
Gab es eine Schießerei auf dem Gelände? Sprich: Wurden die Sturmgewehre und andere Waffen auch benutzt? Aus dem Kreis der Veranstalter des ominösen Treffens hieß es, es sei nur eine „Trockenübung“ gewesen, also keine Schüsse.
Überhaupt, der Veranstalter: “ laut „Kronen Zeitung“ (14.10.25) der „Brauchtums- und Traditionsverein“, kurz „BTV. Seit wann hält ein solcher Verein Schießübungen ab? Und: Warum benötigen Angehörige des Bundesheeres, die unter den Teilnehmenden waren, Schieß- oder Zielübungen in einem seltsamen „BTV“?
Als der „Standard“ (13.10.25) bei der Direktion Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) nachfragte, ob es Ermittlungen in Richtung politischer Extremismus oder Terrorismus gebe, hieß es aus dem Innenministerium, bisher nicht: „Aktuell würden Erhebungen durch den Staatsschutz auch nicht erwartet.“ Tags darauf war die Auskunft schon etwas anders:
Am Dienstag ließ die Polizei dann wissen, das oberösterreichische Landesamt Staatsschutz und Extremismusbekämpfung sei bereits am Wochenende vor Ort gewesen. Ermittlungen hinsichtlich Extremismus oder Staatsverweigerung hätten aber „keine Ergebnisse“ gebracht. (derstandard.at, 14.10.25)
Der „Krone“ (14.10.25) gegenüber ist man da – zeitgleich! – ganz anderer Meinung: „Der Staatsschutz ermittelt in Oberösterreich auf Hochtouren“ Was nun?
Die „Oberösterreichischen Nachrichten“ hatten über die Beteiligung von Bundesheerangehörigen bei der Schießsause in Vorchdorf berichtet. Bundesheerangehörige fahren auf einen privaten Bauernhof, um in dubiosem Rahmen Schießübungen zu machen, ohne Schüsse abzugeben?
Der blaue Heeres-Oberst, ein Eklat und die Vereine
Die „Kronen Zeitung“ titelt am 14. Oktober: „50 Waffen, 19 Festnahmen: Heeres-Oberst im Visier“
Bei ihren Ermittlungen konzentrieren sich die Beamten des Landesamtes für Staatsschutz und Extremismusbekämpfung (LSE) jetzt aber auf einen Angehörigen des Bundesheeres. Er wird als Rädelsführer des Treffens ins Vorchdorf angesehen und soll sich beim Einsatz auch mit der Polizei angelegt haben. Wie die „Krone“ erfuhr, soll der Oberst mit Dienstort Salzburg herumgebrüllt und nicht eingesehen haben, warum die Polizei aufmarschiert. (krone.at)
Wer ist der renitente Bundesheer-Oberst? Ein Blick ins Vereinsregister hilft weiter: Beim „Brauchtums- und Traditionsverein“ fehlt ein kleines, aber weiterführendes Detail, denn der heißt korrekt „Brauchtumspflege und Traditionsschützen Verein (BTV)“. Da sich die Vereinspräsidentin Michaela S. offenbar um die „Sicherheit für alle rechtstreuen Bürger“ sorgt, hat sie im Juli einen weiteren Verein gegründet, den „Ziel.Sicher e.V. — Waffenhandhabung & Schießfertigkeit in Perfektion“.

Ihr Vizepräsident ist, wie der Vereinsregisterauszug zeigt, der Bundesheer-Oberst Thomas R.. Der hatte im Jahr 2018 für einen fulminanten Eklat gesorgt. Der „Falter“ (8.8.18) schrieb zum FPÖ-Oberst:
Oberst Thomas R. (…) wollte im Juli Militärkommandant von Salzburg werden. R. (…) warnte nebenher im Magazin der freiheitlichen Heeres-Personalvertreter und einer Broschüre der FPÖ Salzburg vor dem „Eindringen kulturfremder Ethnien in unsere Heimat”. Im Jänner diesen Jahres holte Mario Kunasek Thomas R. vorübergehend als „Personalaushilfe” in sein Kabinett. Dass R. trotzdem nicht Militärkommandant wurde, hat er einer Gastrede bei einem Kameradschaftsbundtreffen im Innviertler Geretsberg zu verdanken: „Dass das Bundesheer dazu da sei, um Krieg zu führen, dass Österreicher aussterben werden und die Zukunft von ‚Fremden’ gestaltet werde, zählen zu den harmloseren Aussagen”, schrieben die Oberösterreichischen Nachrichten über R.s Vortrag, der seine vorübergehende Suspendierung zur Folge hatte. (Name von SdR abgekürzt)
Die Skandalrede des Bundesheeroffiziers hatte beim Innviertler Kameradschaftsbund für „Fassungslosigkeit“ gesorgt – und das ist angesichts des wohl kaum links angehauchten Publikums eine Leistung. „Eigentlich hätte der Gastredner, ein hochrangiger Bundesheer-Offizier und Doppelmagister aus Salzburg, einen Vortrag über die Sicherheitslage und Landesverteidigung halten sollen, geworden ist es offenbar eine ‚rassistische Panikmache mit Ausdrücken, die ich so noch nie gehört habe‘, sagt ein empörter Zuhörer“, schrieben die Oberösterreichischen Nachrichten (6.3.18, S. 23) Der „Kurier“ (6.3.18) zitierte den Offizier: „Unsere Bevölkerung wird ausgetauscht, (…) bald wird es einen Anschlag geben und uns allen die Augen öffnen.“
Uns hat das Vereinsregister die Augen geöffnet, denn Thomas R., der verhinderte Salzburger Militärkommandant und Warner vor dem „Bevölkerungsaustausch”, pflegt noch weitere Vereinsbeziehungen – etwa nach Klagenfurt, wo das im Februar 2020 gegründete „Institut für freie Forschung und Förderung der Menschenrechte ‚IFM‘“ ihren Sitz hat. Dort ist Thomas R. ebenfalls Vizepräsident. Der Präsident ist ein alter Bekannter: Karlheinz Klement.

Wer ist Karlheinz Klement?
Karlheinz-Klement (62) war zwischen 2006 und 2008 Nationalratsabgeordneter der FPÖ . zeitweise auch deren Generalsekretär, und wurde 2008 bereits zum dritten Mal aus der FPÖ ausgeschlossen. Als Grund für den Ausschluss wurden damals auch abwertende bzw. hetzerische Äußerungen über Homosexualität („Kultur des Todes“) und „Gender-Wahnsinn“ angeführt — mittlerweile ziemlich anerkannte Positionen in der FPÖ.
2010 war Klement Organisator eines Treffens mit dem mittlerweile verstorbenen Gründer der rechtsterroristischen Neonazi-Gruppe „Europäische Aktion“, dem Holocaustleugner Bernhard Schaub am Christofberg in Kärnten. Klement „sammelte vor dem Treffen am 9. Oktober 2010 die Handys und die daraus entfernten Sim-Karten ein und verpackte beides in Alufolie, um dann mit den anderen TeilnehmerInnen, darunter dem erlauchten Führungskreis der mittlerweile verschiedenen Nationalen Volkspartei (NVP) und der „SS-Liesl“ dem ermüdenden mehrstündigen Vortrag von Schaub über die gerade im Entstehen begriffene Europäische Aktion und die europäisch-arische Herrenrasse zu lauschen.“ (stopptdierechten.at, 12.12.20)
Nach den eher erfolglosen Gesprächen am Christofberg war es eine Zeitlang eher still um Klement. 2013 gründete er eine Firma, die sich mit alternativen Energiesystemen beschäftigte und ihn in späteren Jahren auch wieder mit dem Oberst Thomas R. als Gesellschafter zusammenführte.
2016 trat Klement als Redner beim rechtsextremen Ulrichsbergtreffen auf – gemeinsam mit dem verstorbenen Nazi Herbert Bellschan von Mildenburg und vor einschlägigem Publikum.
Schließlich folgte eine späte, aber sehr vom Untergang geprägte Karriere beim BZÖ bzw. dem, was davon noch übrig war, nachdem fast alle die Partei verlassen hatten. Eigentlich wollte er 2017 mit Martin Rutter, der damals gerade vom Team Stronach ausgeschlossen worden war, eine eigene Partei gründen. Stattdessen wurde er dann Generalsekretär des Rest-BZÖ und wollte Martin Sellner als Spitzenkandidaten gewinnen – eine hübsche Idee, aber Sellner roch den Braten und verließ das sinkende Schiff, bevor er es so richtig betreten hatte. Das BZÖ zerfiel wegen dieses gescheiterten Klement-Coups weiter und bekriegte sich heftig.
2022 wurde Klement noch einmal öffentlich auffällig, weil auf einer Straße bei Moosburg in Kärnten ein Plakat mit seiner Visage und der Parole „Freistaat Kärnten“ angebracht war. Klement ein Staatsverweigerer? Oder einfach nur ein Freund vom Oberst?
Der Oberst, Klement und die Firma
Thomas R. ist mit Klement nicht nur über das „Institut für freie Forschung und Förderung der Menschenrechte“ verbunden, sondern auch etwas handfester über eine Firma, die „ALTERION GmbH — Alternative Energiesystem“, in die der Bundesheer-Oberst 2020 als Gesellschafter eingestiegen ist. Hauptgesellschafter und Geschäftsführer ist Karlheinz Klement.

Kann der Verfassungsschutz noch immer keinen Bezug zu Extremismus feststellen? Aber vielleicht verbringen die beiden, der Ex-Politiker und der Bundesheer-Oberst, ihre Zeit mittlerweile mit der Förderung von Menschenrechten …
➡️ Der Bundesheer-Oberst, ein Waffenrechtspamphlet und noch ein rechtsextremer Verein
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