Wie man eine Hetze umkehrt: Der „Fall Borodajkewycz“ in der Teutonen-Festschrift
Dem Kapitel geht Atmosphärisches voraus: Die Festschrift erinnert an einen von Linken gesprengten Vortrag von Otto Scrinzi und an Pflastersteine vor dem Neuen Institutsgebäude der Uni Wien. Eine anonyme „Kommilitonen“-Stimme liefert die Deutung: „Seit der Borodajkewycz-Geschichte gibt es keine Ruhe mehr auf der Uni. (…) Die werden vom ORF und den anderen Medien in die Höhe gehoben.“ (S. 199) Schon hier setzt das Rahmennarrativ ein: „1968“ als Ursünde, „die Medien“ als Verstärker und die Rechte als Opfer.
Daran schließt Walter Tributsch mit dem Überschriftsblock „Die 68er-Bewegung in Österreich und der Fall Borodajkewycz“ an. Österreich sei die Pariser und Berliner Dramatik weitgehend erspart geblieben, an der Wiener Uni habe es „Störaktionen“ gegeben, „zu Handgreiflichkeiten kam es aber nicht“ (S. 200). Diese Entspannungserzählung verschiebt die Perspektive von Anfang an: Nicht Antisemitismus und NS-Kontinuitäten erscheinen als Problem, sondern „die 68er“.
„Es gab auch ein prominentes ‚Opfer‘ dieses ‚Mailüfterls‘, wie die österreichische Revolte der 68er verniedlichend genannt wurde.“ Der Begriff „Mailüfterl“ trivialisiert eine länger währende politisch-gesellschaftliche Auseinandersetzung zur Nachkriegsverdrängung, das Anführungszeichen-Spiel („Opfer“, „Mailüfterl“) signalisiert zugleich Distanz und Spott – wobei der Text offenlässt, wer das „Opfer“ ist.
Im nächsten Schritt schreibt Tributsch den Auslöser um. Borodajkewycz, ab 1955 ordentlicher Professor an der Hochschule für Welthandel, „nahm sich (…) kein Blatt vor den Mund“ und nannte Rosa Luxemburg eine „jüdische Massenaufpeitscherin“. Dann folgt die Wertung über den damals Studierenden Ferdinand Lacina: Lacina „schrieb diese und andere Äußerungen (…) mit und leitete sein denunziatorisches Elaborat an Heinz Fischer (…) weiter.“ (alle Zitate S. 200f.)
Das Kunststück: Antisemitismus wird als bloße Streitbarkeit des Professors etikettiert, seine Dokumentation zur „Denunziation“. Täter- und Opferrollen werden rhetorisch gekippt. Das ergänzende Schlagwort von einem „roten Netzwerk“ (S. 201), das zurückschlug, liefert die Verschwörungsfolie.
Lacina hatte systematisch die wörtlichen Ausfälle des NS-affinen Borodajkewycz notiert.
Da zog der Professor über „die jüdische Suffragette und Massenaufpeitscherin Rosa Luxemburg“ her, nannte linke Politiker „Kaffeehausjuden“, ätzte über die jüdische Herkunft des österreichischen Verfassungsschöpfers Hans Kelsen („Er hieß ja eigentlich Kohn“) und bezeichnete den Tag der Hitler-Rede am Heldenplatz als einen der wichtigsten seines Lebens. Bei jeder dieser Äußerungen setzte im Hörsaal schallendes Gelächter oder Beifall ein. Kein Wunder: An der Hochschule für Welthandel lag der Anteil des Rings Freiheitlicher Studenten (RFS) bei ÖH-Wahlen bei 28 Prozent. Der RFS, getragen von schlagenden Burschenschaftern, hatte sich seit jeher ungeniert rechtsradikal geriert. Sein erster Bundesvorsitzender war der bekannte Neonazi Norbert Burger. (profil.at, 31.3.15)
Lacinas Mitschriften sind nicht „denunziatorisch“, sondern klassische Aufklärung der Öffentlichkeit über einen Lehrenden, der schon ab März 1934 illegaler Nazi gewesen war und sich 1938 sofort dem Nazi-Regime angeschlossen hatte. Tributsch unterschlägt diese biografische NS-Vorgeschichte, wodurch Leser*innen den Schlüssel zum Verständnis, warum die Causa überhaupt zum Skandal wurde, verlieren. Die zentrale Gewalteskalation schildert Tributsch so:
Am 31. März 1965 kam es dann zu einer Demonstration linker Studenten, ehemaliger Widerstandskämpfer und Gewerkschafter. Der RFS veranstaltete eine Gegendemonstration. Vor dem Hotel Sacher kam es zu einem Zusammenstoß, bei dem der Kommunist Ernst Kirchweger einen Faustschlag erhielt. Zwei Tage später verstarb er an Herzversagen. Kirchweger ist heute noch der Säulenheiliger der linken Anarchoszene und wird von der Antifa gleichermaßen als ‚Märtyrer‘ verehrt. (S. 202)
Nicht nur das „profil“ erinnert an den Hergang anders: Der Neonazi Gunther Kümel, Amateurboxer, zertrümmert dem 68-jährigen Kirchweger mit einem Schlag den Unterkiefer. Der Sturz führt zu einer Kopfverletzung mit Todesfolge. Die Rufe aus dem rechten Block „Hoch Auschwitz!“ und „Juden raus!“ markieren den antisemitischen Kontext. All das lässt Tributsch aus.
Auch den Fortgang der Affäre dreht Tributsch um und macht aus Borodajkewycz das Opfer, nämlich jenes der „rote[n] Wissenschaftsministerin Herta Firnberg“ (S. 202), die den Professor in den vorzeitigen Ruhestand schickte.
Tributsch’ Text arbeitet mit Trivialisierung, Umdeutung und Auslassung. Was als historische Skizze daherkommt, ist in Wahrheit eine geschichtspolitische Verteidigungsrede: Antisemitismus wird sprachlich entschärft, Kritik wird als „Denunziation“ gebrandmarkt, der erste politische Tote der Zweiten Republik herabgesetzt und die Szene der Burschenschaften als bedrohte Ordnungsmacht inszeniert.
Geschichtsrevisionismus als konstitutives Element
Die Umdrehung von historischen Fakten durch Weglassungen und Zitierung von fragwürdigen Zeugen zeigt sich auch in der von Ackermeier in einer beim DB-Burschentag 2013 gehaltenen Rede am Langemarck-Denkmal in Eisenach. Ackermeier erklärt in gut burschenschaftlicher Tradition, warum der 8. Mai kein „Tag der Befreiung“ sein könne („die Titulierung des 8. Mai 1945 als ‚Tag der Befreiung‘ zeigt die Geschichtsvergessenheit der etablierten Medien und der Politik“; S. 288), er „gedenkt“ der Gefallenen der beiden Weltkriege, zählt die deutschen Bomben- und Vertreibungsopfer und die „entehrten und geschändeten Frauen“ (S. 290) dazu – eines der seltenen Male, dass Frauen in der Festschrift überhaupt Erwähnung finden. Den Holocaust bzw. die Opfer des NS lässt Ackermeier weg. Dafür zitiert er ein Gedicht den NS-Schriftstellers Börris von Münchhausen, das der Nazi-Poet kurz vor seinem Suizid im März 1945 verfasst hatte.

Auch auf die Debatte um den „Siegfriedskopf“ in der Wiener Uni geht die Festschrift ein. Die Statue erinnerte an im Ersten Weltkrieg gefallene Studierende und Professoren der Uni Wien, „jüdische sowie weibliche aber auch sozialistische und liberale Studierende und Lehrende“ (geschichte.univie.ac.at) waren von dem Gedenken allerdings ausgeschlossen. Ab den 1960ern wurde das Denkmal zu einem hochsymbolischen Ort, an dem Burschenschaften „Gefallenenehrungen“ inszenierten. Kritiker*innen warfen dem Ritual vor, Krieg und „Frontkameradschaft“ zu verklären und NS-Kontinuitäten zu überblenden. 2006 zog die Universität die Reißleine: Sie „stürzte“ den Kopf vom Sockel und „ummantelte“ ihn mit Text, der die Geschichte einschließlich antisemitischer Gewalt erklärt.
Die Festschrift reagiert darauf nicht mit Reflexion, sondern mit Gegenangriff. In dem Kapitel werden Gegner*innen als „Linkschaoten“ und „Linksfaschisten“ (S. 249) adressiert. Wenigstens die Umgestaltung bleibt ohne weiteren Kommentar – das ist das Positivste, das hier anzumerken ist.
Erfolg durch Spaltung
Von hier führt der Band in die jüngere Zeit: über die Rückkehr der Teutonia in die Deutsche Burschenschaft (DB) und in jene Jahre, in denen die DB über Abstammungskriterien stritt. Die Festschrift nennt das einen Medienhype: „Die gesteuerten und übelwollenden Medien machten aus dieser Diskussion die ‘Wiedereinführung des Arierparagraphen’“ (S. 275). Wer die Debatten nachvollzieht, sieht jedoch: Die Sache war der Skandal, in dem insbesondere österreichische Bünde in der DB für eine ethnisch-völkische Definition von „deutsch“ eintraten.
Die Teutonia war mittendrin: 2013 fungierten Burkhard Mötz als DB-Sprecher, Jan Ackermeier als sein Stellvertreter und Tributsch als Pressesprecher. Das erzählt Walter Tributsch als Heldenepos: „Unser Vorsitzjahr sollte ein großartiger Erfolg werden. Ein Erfolg für Burkhard Mötz und seine Mitstreiter, aber auch ein großer Erfolg für unsere Teutonia.“ (S. 278) Der „großartige Erfolg“ manifestierte sich in Massenaustritten von Verbindungen und einer Spaltung mit der Gründung eines neuen Dachverbands. Feststeht: Die rechtsextremen Hardliner im DB setzten sich durch.
Die verschwiegenen Neonazis
Das Kapitel „Ein Kriminalfall, der uns diffamieren sollte“ (S. 244f.) widmet sich dem Neonazi Franz Radl und anderen, die aus Küssels VAPO bei der Teutonia gelandet waren – freilich, ohne den Neonazismus zu benennen. Man betont Radls Ausschluss 1991, nachdem der Verdacht aufgetaucht war, er hätte mit den Briefbomben zu tun gehabt. Ausgelassen wird, dass Radl vorher längst im militanten Neonazismus stand. 1990 firmierte er als Spitzenfigur der später untersagten Liste „Nein zur Ausländerflut“, über die der Verfassungsgerichtshof bestätigte, das sei „ein verfassungsgesetzlich verpönter Akt nationalsozialistischer Wiederbetätigung“ (VfGH WI-11/90, 28.2.1991). In derselben Zeit trat Radl als Sprecher des „Wiener Korporations Rings“ auf. Dass die Festschrift das unterschlägt, passt ins Muster.
Ein Jahr nach Radl musste Küssels „Gaubeauftragter“ von Wien, Kurt H., die Teutonia verlassen. Einer Mensur, die „unser Kurti“ (S. 234) in Berlin geschlagen hatte, wird zuvor ein mehrseitiges Kapitel gewidmet. Wenn festgestellt wird, dass den deutschnationalen Korporationen eine Scharnierfunktion zwischen dem parteiförmigen Rechtsextremismus und dem Neonazismus zukommt, so trifft dies auf die Teutonia gerade (aber nicht nur) in den 1990er-Jahren im besonderen Maß zu.
Die Festschrift macht auch daraus eine Opfererzählung („Wir haben das ausgehalten und tun das auch heute noch, wenn immer wieder der gleiche Unsinn von einzelnen Journalisten oder dem Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands (DÖW) aufgewühlt wird. Dies umso mehr, als wir uns nichts zuschulden haben kommen lassen.“ (S. 244)) und eine nicht näher definierte „Auseinandersetzung“: „Als Eklat wurde sie von den einen, als reinigendes Gewitter von den anderen bezeichnet. Jedenfalls hatte es Ausschlüsse bei den Jungen zur Folge.“ (S. 245)
Dass die Teutonen auch in den 2010er-Jahren regelmäßig für rechtsextreme Eklats sorgten, dass nach Erscheinen der Festschrift zwei Teutonen wegen Wiederbetätigung vor Gericht erscheinen mussten – der eine wurde freigesprochen, gestand jedoch, einschlägige Chats ausgetauscht zu haben; für den anderen kam es dicker: Der erhielt eine teilbedingte Haftstrafe – passt naturgemäß nicht zum Bild, das die Festschrift vermitteln will, ist aber logische Folge einer hochproblematischen Selbstdarstellung: Sie betont „eigene“ Opfer, sie ästhetisiert Zustimmung zum „Anschluss“, sie schweigt zur Shoah, sie rahmt die 68er- und Borodajkewycz-Proteste als linke Unruhen, sie erklärt die Arier-Debatten der DB zum Medienprodukt.

Die öffentlich dokumentierten Fakten setzen dem eine klare Folie entgegen: völkische Kontinuitäten, ritualisierte Opferumkehr, personelle Verstrickungen in den Neonazismus – auch über die 90er-Jahre hinaus. Diese Festschrift ist Geschichtspolitik von Rechtsaußen.
Der eigentliche Skandal aber ist nicht die Festschrift der Teutonia – von ihr ist nichts anderes zu erwarten –, sondern ihre Anschlussfähigkeit mit den in der Schrift präsentierten geschichtsrevisionistischen Ansichten ins politische Geschäft: als Mitarbeiter und Mandatare der FPÖ und die – wie im Fall des Teutonen Arnold Schiefer – sogar als ministrabel gelten, ohne dass der mit der Ausrichtung seiner Burschenschaft jemals ernsthaft konfrontiert worden wäre.
➡️ Teil 1: Antisemitismus ohne Unbehagen und Opfererzählung
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