Es beginnt vordergründig harmlos mit einer Bekenntnisformel. Die Autoren der Festschrift „150 Jahre Wiener Akademische Burschenschaft Teutonia“ wollen sich, wie es im Vorwort heißt, die „schriftstellerische Freiheit“ nehmen, „die eigene Meinung durchscheinen zu lassen“ und den Bund am „Dreiklang (…) Freiheit – Ehre – Vaterland“ ausrichten. Diese Setzung erklärt, warum die Festschrift weniger als historische Aufarbeitung, sondern im Stil einer geschichtspolitischen Programm- und Kampfschrift daherkommt.
Die Teutonia erzählt ihre Frühgeschichte als deutschnationalen Aufbruch – samt Kult um den rabiaten Antisemiten Georg von Schönerer. Dass behördliche Verbote früh mit antisemitischer Agitation zu tun hatten, wird im Band höchstens am Rand fassbar. Bereits 1885 schloss die Teutonia ihre jüdischen Mitglieder aus. Das lässt sie einen Zeitzeugen erzählen: „Im Altherren-Konvent vom 7. Februar 1885 wurde die Altherrenliste überprüft und die Streichung von neun Alten Herren und Ehrenburschen, vornehmlich wegen der Zugehörigkeit zum Judentum, beschlossen.“ (S. 57)
1888 erfolgte die behördliche Auflösung wegen einer Rede Schönerers. In der Festschrift klingt das so:
Am 26. Jänner 1888 war Schönerer bei dem anläßlich des 20jährigen Bestandes der Burschenschaft Teutonia abgehaltenen Festkommerse zugegen gewesen. Wegen angeblicher Übergriffe in seiner Rede auf das politische Gebiet wurde der Kommers aufgelöst. (S. 62)
1896 erfolgte ein erneutes Verbot nach Annahme des „Waidhofener Prinzips“, wonach Juden keine Satisfaktion mehr zu gewähren sei. Die Festschrift vermerkt dazu lediglich: „Das Sommerhalbjahr 1896 verlief, abgesehen von einem neuerlichen behördlichen Auflösungsversuch, in Ruhe.“ (S. 85)
Wer erzählt die Geschichte der 1868 gestifteten Burschenschaft Teutonia?
Jan Ackermeier: Er lässt sich in der Festschrift als Redner der Deutschen Burschenschaft (DB) auftreten. Alter Herr bei der Normannia-Nibelungen (Bielefeld) und bei der Teutonia Wien, schrieb er für den Eckart, war Chef vom Dienst bei Zur Zeit und Gesellschafter von Info-Direkt, bis er 2019 auf Druck der FPÖ seine Anteile abgeben musste. Ackermeier war Funktionär der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO), die bis 2012 den jährlichen Aufmarsch von Rechtsextremen und Neonazis in Dresden maßgeblich mitorganisierte. Zusammen mit einem, der gerade einen Gerichtssaal besser kennenlernt, als ihm lieb ist und einem anderen, der seinen unfreiwiligen Gerichtsauftritt plus Haft schon hinter sich hat, ist er im Vorstand eines weiteren rechtsextremen Vereins. Der „Standard“ bezeichnete Ackermeier schon 2012 als „rechter Wanderer durch blaue Büros“. Seine Wanderungen hat Ackermeier fortgesetzt; er ist nun seit Jahren als politischer Referent für die FPÖ Oberösterreich tätig.
Walter Tributsch: Mitgründer und Autor der rechtsaußen verorteten Wochenzeitung „Zur Zeit“. 2012 bis 2015 Pressesprecher der DB. Die „Süddeutsche” (1.1.13) schrieb über Tributsch: „Viel mehr, etwa zum Thema NS-Zeit, will er nicht sagen. Das seien nur ‚fünf [sic!] Jahre deutscher Geschichte. Über die möchte ich nicht reden.‘ Ob er eine Meinung zur NS-Zeit hat? ‚Ja. Doch die sage ich nicht.‘ Dann ist ja alles gesagt.“
Ein weiterer historischer Dammbruch erfolgt 1921, der in der Festschrift lakonisch und ohne jedes Unbehagen festgehalten ist:
Das Sommerhalbjahr 1921 nahm trotz der Schwierigkeiten der Zeitumstände guten Anfang. Der diesjährige Burschentag warf alsbald seine Schatten voraus. Frankonia stellte die Anträge: 1. es dürfen in Zukunft nur Arier aufgenommen werden. (S. 143).
Wer verstehen will, wie tief Antisemitismus und völkische Logik im burschenschaftlichen Milieu verankert waren und bis heute nachwirken, muss solche Sätze nicht interpretieren – sie sprechen für sich.
Zu den dreißiger Jahren verschiebt die Festschrift die Perspektive: nicht Radikalisierung, sondern Kooperation. Im Kapitel „Der Weg ins Reich“ heißt es, 1933 sei man zu einem Abkommen mit dem NS-Studentenbund gekommen. Es folgte die „Verpflichtung der Volltätigen, dem NS-Studentenbund beizutreten“ (S. 162). Das ist eine klare, freiwillige Verzahnung, und doch klingt es im Band, als handle es sich um ein pragmatisches Arrangement innerhalb einer vermeintlich überparteilichen Gemeinschaft. Dass diese „Gemeinschaft“ jüdische Studierende längst verdrängt und entwürdigt hatte, bleibt freilich ungesagt.
Der „Anschluss“ 1938 erscheint in der Festschrift vor allem als Volksfest. Zitiert wird eine Szene aus Wien: „wildfremde Menschen, Akademiker, Arbeiter, Bauern fielen sich bei den einlangenden Nachrichten unter Tränen der Freude um den Hals. Es war so weit, wie es nach 1945 der sozialistische Staatskanzler Renner bezeichnete ‚Sie sahen den Traum ihres Lebens erfüllt.‘“ (S. 167). Der Satz ist entlarvend: Er zeigt, wie Zustimmung ästhetisiert wird, während Repression, Verfolgung und die beginnende Vertreibung von Jüdinnen und Juden unsichtbar bleiben. Die Berufung auf Renner dient als nachträgliche Legitimation – ein rhetorischer Trick, der sich auch durch spätere Passagen zieht.
Der Nationalsozialismus selbst wird in der Festschrift nicht gerechtfertigt, aber entkernt. Statt wenigstens ansatzweise über Täterschaft aus den eigenen Reihen und über die Shoah zu sprechen, verschiebt der Band den Fokus in Richtung eigene Verluste. Zu lesen ist eine Aufzählung der gefallenen Teutonen und die Verkehrung einer auf Vernichtung abgestellten Ideologie in die schicksalshafte Begleiterscheinung eines Krieges:
Der Verlust der Familie, Freunden, Vertreibung oder Tod sind die unvermeidlichen Begleiter des Krieges. So wie es (…) manchen Farbenbrüdern ergangen ist, ist es ähnlich oder schlimmer vielen Menschen, auch anderer Völker ergangen. Auch Ihnen sei Gedacht (sic!). (S. 171)
Andreas Peham erwähnt in seiner Schrift „Reinheit durch Einheit“ den teutonischen Erinnerungsstil: „Die Wiener aB! Teutonia gedachte noch 1968 ‚in Ehren‘ ihrem „Farbenbruder“ SS-Obergruppenführer und Gauleiter Hugo Jury (aB! Ghibellinia zu Prag), der es am 8. Mai 1945 vorgezogen hatte, ‚freiwillig aus einer Welt zu scheiden, die nicht mehr die unsere war‘.“ (S. 9) Ein halbes Jahrhundert später liest sich die burschenschaftliche Erinnerung so:
Nun, da zu den vielen Opfern auch die materielle Not und rücksichtslose Gesinnungsverfolgung gekommen waren, schien manchen von uns das Leben nicht mehr lebenswert. Eine Anzahl verdienter Farbenbrüder zogen (sic!) es vor, obwohl man ihnen von Rechtswegen nichts böses (sic!) hätte anlasten können, freiwillig aus einer Welt zu scheiden, die nicht mehr die ihre war. Es waren dies Jury, Köstler, Rotter, Sterneder und Vietoris – auch ihrer gedenken wir in Ehren! (S. 170)
Hugo Jury (1887–1945) war Arzt, sehr frühes Mitglied der NSDAP, NS-Gauleiter des Reichsgau Niederdonau (ab Mai 1938) und Reichsstatthalter von „Niederösterreich“ (ab April 1940), zugleich SS-Obergruppenführer. Er trat als fanatischer Verfechter der NS-Rassenpolitik auf, forcierte Verfolgung und Zwangsarbeit in seinem Gau. Er war u.a. zusammen mit dem NS-Generalstaatsanwalt Johann Karl Stich (Burschenschaft Libertas), den Walter Rosenkranz würdigend als „Leistungsträger“ tituliert hatte, mitverantwortlich für eines der Endphaseverbrechen in Niederösterreich, dem Massaker im Zuchthaus Stein. Am 8.5.1945 zog es Jury vor, sich aus der Verantwortung zu stehlen und sich wie viele andere Nazis zu suizidieren. In Mordbefehlen erkennen die Teutonen auch im Jahre 2018 noch nichts „Böses“, dem Verbrecher gedenken sie in Ehren.
Wer die Festschrift liest, spürt: Das alles ist keine Nachlässigkeit. Es ist Auswahl und damit eine Aussage. Antisemitische Ausschlüsse werden notiert, aber nicht problematisiert. Der „Anschluss“ wird als Erfüllung eines Traums nacherzählt. Teutonen als NS-Täter kommen nicht vor. Die Shoah? Kein Satz. Stattdessen: Opfernarrativ. So entsteht Kontinuität, wo es einen Bruch bräuchte.
➡️ Teil 2: Verschwiegener Neonazismus und Feindmarkierungen
➡️ derstandard.at: Die Macht der Burschenschaften
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