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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Wie die Teutonia Wien ihre Geschichte erzählt und was sie auslässt. Teil 1: Antisemitismus ohne Unbehagen und Opfererzählung

„Stan­dard“ und „Spie­gel“ haben eine fünf­tei­li­ge Pod­cast-Serie über Bur­schen­schaf­ten (eigent­lich Kor­po­rier­te) in Öster­reich ver­öf­fent­licht. Erwei­ternd dazu haben wir uns die Fest­schrift „150 Jah­re Wie­ner Aka­de­mi­sche Bur­schen­schaft Teu­to­nia“ aus dem Jahr 2018 ange­se­hen. Dass die Schrift öffent­lich nicht zugäng­lich ist, ist gut – für die Teu­to­nen. „Stoppt die Rech­ten” liegt sie vor.

13. Okt. 2025
Festschrift 150 Jahre Teutonia Wien
Festschrift 150 Jahre Teutonia Wien

Es beginnt vor­der­grün­dig harm­los mit einer Bekennt­nis­for­mel. Die Autoren der Fest­schrift „150 Jah­re Wie­ner Aka­de­mi­sche Bur­schen­schaft Teu­to­nia“ wol­len sich, wie es im Vor­wort heißt, die „schrift­stel­le­ri­sche Frei­heit“ neh­men, „die eige­ne Mei­nung durch­schei­nen zu las­sen“ und den Bund am „Drei­klang (…) Frei­heit – Ehre – Vater­land“ aus­rich­ten. Die­se Set­zung erklärt, war­um die Fest­schrift weni­ger als his­to­ri­sche Auf­ar­bei­tung, son­dern im Stil einer geschichts­po­li­ti­schen Pro­gramm- und Kampf­schrift daherkommt.

Die Teu­to­nia erzählt ihre Früh­ge­schich­te als deutsch­na­tio­na­len Auf­bruch – samt Kult um den rabia­ten Anti­se­mi­ten Georg von Schö­ne­rer. Dass behörd­li­che Ver­bo­te früh mit anti­se­mi­ti­scher Agi­ta­ti­on zu tun hat­ten, wird im Band höchs­tens am Rand fass­bar. Bereits 1885 schloss die Teu­to­nia ihre jüdi­schen Mit­glie­der aus. Das lässt sie einen Zeit­zeu­gen erzäh­len: „Im Alt­her­ren-Kon­vent vom 7. Febru­ar 1885 wur­de die Alt­her­ren­lis­te über­prüft und die Strei­chung von neun Alten Her­ren und Ehren­bur­schen, vor­nehm­lich wegen der Zuge­hö­rig­keit zum Juden­tum, beschlos­sen.“ (S. 57)

1888 erfolg­te die behörd­li­che Auf­lö­sung wegen einer Rede Schö­ne­rers. In der Fest­schrift klingt das so:

Am 26. Jän­ner 1888 war Schö­ne­rer bei dem anläß­lich des 20jährigen Bestan­des der Bur­schen­schaft Teu­to­nia abge­hal­te­nen Fest­kom­mer­se zuge­gen gewe­sen. Wegen angeb­li­cher Über­grif­fe in sei­ner Rede auf das poli­ti­sche Gebiet wur­de der Kom­mers auf­ge­löst. (S. 62)

1896 erfolg­te ein erneu­tes Ver­bot nach Annah­me des „Waid­ho­fe­ner Prin­zips“, wonach Juden kei­ne Satis­fak­ti­on mehr zu gewäh­ren sei. Die Fest­schrift ver­merkt dazu ledig­lich: „Das Som­mer­halb­jahr 1896 ver­lief, abge­se­hen von einem neu­er­li­chen behörd­li­chen Auf­lö­sungs­ver­such, in Ruhe.“ (S. 85)

Wer erzählt die Geschich­te der 1868 gestif­te­ten Bur­schen­schaft Teutonia?

Jan Acker­mei­er: Er lässt sich in der Fest­schrift als Red­ner der Deut­schen Bur­schen­schaft (DB) auf­tre­ten. Alter Herr bei der Nor­man­nia-Nibe­lun­gen (Bie­le­feld) und bei der Teu­to­nia Wien, schrieb er für den Eck­art, war Chef vom Dienst bei Zur Zeit und Gesell­schaf­ter von Info-Direkt, bis er 2019 auf Druck der FPÖ sei­ne Antei­le abge­ben muss­te. Acker­mei­er war Funk­tio­när der Jun­gen Lands­mann­schaft Ost­deutsch­land (JLO), die bis 2012 den jähr­li­chen Auf­marsch von Rechts­extre­men und Neo­na­zis in Dres­den maß­geb­lich mit­or­ga­ni­sier­te. Zusam­men mit einem, der gera­de einen Gerichts­saal bes­ser ken­nen­lernt, als ihm lieb ist und einem ande­ren, der sei­nen unfrei­wi­li­gen Gerichts­auf­tritt plus Haft schon hin­ter sich hat, ist er im Vor­stand eines wei­te­ren rechts­extre­men Ver­eins. Der „Stan­dard“ bezeich­ne­te Acker­mei­er schon 2012 als „rech­ter Wan­de­rer durch blaue Büros“. Sei­ne Wan­de­run­gen hat Acker­mei­er fort­ge­setzt; er ist nun seit Jah­ren als poli­ti­scher Refe­rent für die FPÖ Ober­ös­ter­reich tätig.

Wal­ter Tri­butsch: Mit­grün­der und Autor der rechts­au­ßen ver­or­te­ten Wochen­zei­tung „Zur Zeit“. 2012 bis 2015 Pres­se­spre­cher der DB. Die „Süd­deut­sche” (1.1.13) schrieb über Tri­butsch: „Viel mehr, etwa zum The­ma NS-Zeit, will er nicht sagen. Das sei­en nur ‚fünf [sic!] Jah­re deut­scher Geschich­te. Über die möch­te ich nicht reden.‘ Ob er eine Mei­nung zur NS-Zeit hat? ‚Ja. Doch die sage ich nicht.‘ Dann ist ja alles gesagt.“

Ein wei­te­rer his­to­ri­scher Damm­bruch erfolgt 1921, der in der Fest­schrift lako­nisch und ohne jedes Unbe­ha­gen fest­ge­hal­ten ist:

Das Som­mer­halb­jahr 1921 nahm trotz der Schwie­rig­kei­ten der Zeit­um­stän­de guten Anfang. Der dies­jäh­ri­ge Bur­schen­tag warf als­bald sei­ne Schat­ten vor­aus. Fran­ko­nia stell­te die Anträ­ge: 1. es dür­fen in Zukunft nur Ari­er auf­ge­nom­men wer­den. (S. 143).

Wer ver­ste­hen will, wie tief Anti­se­mi­tis­mus und völ­ki­sche Logik im bur­schen­schaft­li­chen Milieu ver­an­kert waren und bis heu­te nach­wir­ken, muss sol­che Sät­ze nicht inter­pre­tie­ren – sie spre­chen für sich.

Zu den drei­ßi­ger Jah­ren ver­schiebt die Fest­schrift die Per­spek­ti­ve: nicht Radi­ka­li­sie­rung, son­dern Koope­ra­ti­on. Im Kapi­tel „Der Weg ins Reich“ heißt es, 1933 sei man zu einem Abkom­men mit dem NS-Stu­den­ten­bund gekom­men. Es folg­te die „Ver­pflich­tung der Voll­tä­ti­gen, dem NS-Stu­den­ten­bund bei­zu­tre­ten“ (S. 162). Das ist eine kla­re, frei­wil­li­ge Ver­zah­nung, und doch klingt es im Band, als hand­le es sich um ein prag­ma­ti­sches Arran­ge­ment inner­halb einer ver­meint­lich über­par­tei­li­chen Gemein­schaft. Dass die­se „Gemein­schaft“ jüdi­sche Stu­die­ren­de längst ver­drängt und ent­wür­digt hat­te, bleibt frei­lich ungesagt.

Der „Anschluss“ 1938 erscheint in der Fest­schrift vor allem als Volks­fest. Zitiert wird eine Sze­ne aus Wien: „wild­frem­de Men­schen, Aka­de­mi­ker, Arbei­ter, Bau­ern fie­len sich bei den ein­lan­gen­den Nach­rich­ten unter Trä­nen der Freu­de um den Hals. Es war so weit, wie es nach 1945 der sozia­lis­ti­sche Staats­kanz­ler Ren­ner bezeich­ne­te ‚Sie sahen den Traum ihres Lebens erfüllt.‘“ (S. 167). Der Satz ist ent­lar­vend: Er zeigt, wie Zustim­mung ästhe­ti­siert wird, wäh­rend Repres­si­on, Ver­fol­gung und die begin­nen­de Ver­trei­bung von Jüdin­nen und Juden unsicht­bar blei­ben. Die Beru­fung auf Ren­ner dient als nach­träg­li­che Legi­ti­ma­ti­on – ein rhe­to­ri­scher Trick, der sich auch durch spä­te­re Pas­sa­gen zieht.

Der Natio­nal­so­zia­lis­mus selbst wird in der Fest­schrift nicht gerecht­fer­tigt, aber ent­kernt. Statt wenigs­tens ansatz­wei­se über Täter­schaft aus den eige­nen Rei­hen und über die Sho­ah zu spre­chen, ver­schiebt der Band den Fokus in Rich­tung eige­ne Ver­lus­te. Zu lesen ist eine Auf­zäh­lung der gefal­le­nen Teu­to­nen und die Ver­keh­rung einer auf Ver­nich­tung abge­stell­ten Ideo­lo­gie in die schick­sals­haf­te Begleit­erschei­nung eines Krieges:

Der Ver­lust der Fami­lie, Freun­den, Ver­trei­bung oder Tod sind die unver­meid­li­chen Beglei­ter des Krie­ges. So wie es (…) man­chen Far­ben­brü­dern ergan­gen ist, ist es ähn­lich oder schlim­mer vie­len Men­schen, auch ande­rer Völ­ker ergan­gen. Auch Ihnen sei Gedacht (sic!). (S. 171)

Andre­as Peham erwähnt in sei­ner Schrift „Rein­heit durch Ein­heit“ den teu­to­ni­schen Erin­ne­rungs­stil: „Die Wie­ner aB! Teu­to­nia gedach­te noch 1968 ‚in Ehren‘ ihrem „Far­ben­bru­der“ SS-Ober­grup­pen­füh­rer und Gau­lei­ter Hugo Jury (aB! Ghi­bel­li­nia zu Prag), der es am 8. Mai 1945 vor­ge­zo­gen hat­te, ‚frei­wil­lig aus einer Welt zu schei­den, die nicht mehr die unse­re war‘.“ (S. 9) Ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter liest sich die bur­schen­schaft­li­che Erin­ne­rung so:

Nun, da zu den vie­len Opfern auch die mate­ri­el­le Not und rück­sichts­lo­se Gesin­nungs­ver­fol­gung gekom­men waren, schien man­chen von uns das Leben nicht mehr lebens­wert. Eine Anzahl ver­dien­ter Far­ben­brü­der zogen (sic!) es vor, obwohl man ihnen von Rechts­we­gen nichts böses (sic!) hät­te anlas­ten kön­nen, frei­wil­lig aus einer Welt zu schei­den, die nicht mehr die ihre war. Es waren dies Jury, Köst­ler, Rot­ter, Ster­ne­der und Vie­to­ris – auch ihrer geden­ken wir in Ehren! (S. 170)

Hugo Jury (1887–1945) war Arzt, sehr frü­hes Mit­glied der NSDAP, NS-Gau­lei­ter des Reichs­gau Nie­der­do­nau (ab Mai 1938) und Reichs­statt­hal­ter von „Nie­der­ös­ter­reich“ (ab April 1940), zugleich SS-Ober­grup­pen­füh­rer. Er trat als fana­ti­scher Ver­fech­ter der NS-Ras­sen­po­li­tik auf, for­cier­te Ver­fol­gung und Zwangs­ar­beit in sei­nem Gau. Er war u.a. zusam­men mit dem NS-Gene­ral­staats­an­walt Johann Karl Stich (Bur­schen­schaft Liber­tas), den Wal­ter Rosen­kranz wür­di­gend als „Leis­tungs­trä­ger“ titu­liert hat­te, mit­ver­ant­wort­lich für eines der End­pha­se­ver­bre­chen in Nie­der­ös­ter­reich, dem Mas­sa­ker im Zucht­haus Stein. Am 8.5.1945 zog es Jury vor, sich aus der Ver­ant­wor­tung zu steh­len und sich wie vie­le ande­re Nazis zu sui­zi­die­ren. In Mord­be­feh­len erken­nen die Teu­to­nen auch im Jah­re 2018 noch nichts „Böses“, dem Ver­bre­cher geden­ken sie in Ehren.

Wer die Fest­schrift liest, spürt: Das alles ist kei­ne Nach­läs­sig­keit. Es ist Aus­wahl und damit eine Aus­sa­ge. Anti­se­mi­ti­sche Aus­schlüs­se wer­den notiert, aber nicht pro­ble­ma­ti­siert. Der „Anschluss“ wird als Erfül­lung eines Traums nach­er­zählt. Teu­to­nen als NS-Täter kom­men nicht vor. Die Sho­ah? Kein Satz. Statt­des­sen: Opfer­n­ar­ra­tiv. So ent­steht Kon­ti­nui­tät, wo es einen Bruch bräuchte.

➡️ Teil 2: Ver­schwie­ge­ner Neo­na­zis­mus und Feindmarkierungen

➡️ derstandard.at: Die Macht der Burschenschaften

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Schlagwörter: Antisemitismus | Burschen-/Mädelschaften/Korporationen | Nationalsozialismus | Wien

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