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Das FPÖ-Wahlprogramm (IV) und der Klimaschutz: Land unter!

Wäh­rend sich alle seriö­sen Wissenschafter*innen seit lan­ger Zeit über die her­an­na­hen­de Kli­ma­ka­ta­stro­phe einig sind und Über­flu­tun­gen das Land in Atem hal­ten, will die FPÖ in ihrem Wahl­pro­gramm Kli­ma­schutz zurück­fah­ren und aus dem Green-Deal der EU aussteigen.

15. Sep. 2024
Wienfluss Höhe Pilgramgasse (Wien) 15.9.24
Wienfluss Höhe Pilgramgasse (Wien) 15.9.24

Kein Bun­des­land ist aktu­ell von der Hoch­was­ser­ka­ta­stro­phe so sehr betrof­fen wie das schwarz-blau regier­te Nie­der­ös­ter­reich. Was die FPÖ dort zu bie­ten hat, sind par­tei­mä­ßig auf­ge­hübschte Dan­kes­pa­ro­len an die Ein­satz­kräf­te, gar­niert mit dem in die­sem Zusam­men­hang beson­ders wahn­wit­zi­gen Slo­gan „Nie­der­ös­ter­reich zuerst“. Zuvor hat­ten sich Blaue in ers­ter Linie über die Kli­makle­ber erregt, gegen Wind­kraft­an­la­gen („Wind­rad­wahn­sinn“) pole­mi­siert und eine Erhö­hung des Tem­po­li­mits auf Auto­bah­nen gefor­dert. Neue Stra­ßen­bau­pro­jek­te wer­den vor­an­ge­trie­ben, anstatt den beson­ders in Nie­der­ös­ter­reich gras­sie­ren­den Boden­fraß zu beschränken.

Dank mit "Niederösterreich zuerst" und die "Kraft der Gemeinschaft" (Screenshots Landbauer, Luisser, Kickl FB 14./15.9.24)
Dank mit „Nie­der­ös­ter­reich zuerst” und die „Kraft der Gemein­schaft” (Screen­shots Land­bau­er, Luis­ser, Kickl FB 14./15.9.24)

Als die Kli­ma­schutz­mi­nis­te­rin Leo­no­re Gewes­se­ler in der EU dem Rena­tu­rie­rungs­ge­setz, das die Hoch­was­ser­ge­fahr in Zukunft redu­zie­ren soll, zuge­stimmt hat­te, schäum­te nicht nur die ÖVP. Die FPÖ orte­te „einen Anschlag auf die Exis­tenz unse­rer Land­wir­te“ (parlament.gv.at, 27.6.24) und stell­te im Natio­nal­rat – erfolg­los – einen Miss­trau­ens­an­trag gegen Gewess­ler. 130 Wissenschafter*innen hiel­ten dage­gen in einer Stu­die fest, dass „[d]ie mas­si­ve Zer­stö­rung wert­vol­ler Böden (…) eine Bedro­hung der Ernäh­rungs­si­cher­heit in Öster­reich“ (APA via nachrichten.at, 30.4.24) ist.

Klimaschutz mit Feindmarkierungen

Von Maß­nah­men gegen die Boden­ver­sie­ge­lung ist im FPÖ-Wahl­pro­gramm selbst­re­dend nichts zu fin­den – bis auf eine an Zynis­mus kaum zu über­bie­ten­de, ras­sis­tisch ein­ge­färb­te For­mu­lie­rung über Zuwan­de­rung: „Die berech­tig­te Kla­ge über die mas­si­ve Boden­ver­sie­ge­lung ist zugleich eine Kla­ge über immer mehr Men­schen im Land, die mehr Wohn­raum, brei­te­re Stra­ßen und zusätz­li­che Gebäu­de für Ein­rich­tun­gen aller Art – vom Spi­tal bis zum Kin­der­gar­ten – benö­ti­gen.“ (S. 77)

Die Aus­län­der sind es also nach FPÖ-Nar­ra­tiv, die sogar an der seit Jahr­zehn­ten haus­ge­mach­ten Boden­ver­sie­ge­lung Schuld tra­gen! Damit folgt die FPÖ einem von Rechts­extre­men und Neo­na­zis pos­tu­lier­ten bio­lo­gis­tisch-ras­sis­ti­schen Kon­zept von Umwelt­schutz als Volks- und Hei­mat­schutz, das ange­sichts der glo­ba­len Kata­stro­phe frei­lich ohne jeg­li­che Lösungs­an­sät­ze bleibt – schlim­mer noch: die Hand­lungs­ver­ant­wor­tung exter­na­li­siert, um nach Innen die Lüge auf­ti­schen zu kön­nen, dass alles so blei­ben kann, wie es ist.

Der Vor­stel­lung eines klar abge­grenz­ten Gut-Böse-Sche­mas fol­gend, ist wenig über­ra­schend, dass die ers­te Äuße­rung zu „Kli­ma“ im FPÖ-Wahl­pro­gramm den „Kli­makle­bern“ gewid­met ist, für die die blau­en Stra­te­gen „stren­ge­re Stra­fen“ for­dern: „Es muss end­lich Schluss damit sein, dass uns eine klei­ne ver­blen­de­te Grup­pe von ‚Kli­makle­bern‘ weit­ge­hend unge­straft tyran­ni­sie­ren darf.“ (S. 18)

Umweltschutz als „Eigenverantwortung”, Schäden sozialisieren

Am mas­sivs­ten und zugleich absur­des­ten pole­mi­siert die FPÖ im Kapi­tel „Natur- und Umwelt­schutz“ gegen Kli­ma­schutz­maß­nah­men, indem sie einer­seits den Umwelt­schutz in die „Eigen­ver­ant­wor­tung“ über­tra­gen und nicht benann­te „neue Tech­no­lo­gien im Sin­ne der Nach­hal­tig­keit“ (S. 41) ein­set­zen will. „Umwelt­schutz“ sei „mehr als Kli­ma­hys­te­rie“: „Schutz unse­res Trink­was­sers vor beab­sich­tig­ten Zen­tra­li­sie­rungs­maß­nah­men durch die EU, aber auch vor Arz­nei­mit­tel­rück­stän­den, Maß­nah­men gegen das Bie­nen- und Insek­ten­ster­ben sowie der Schutz unse­rer Alm­wirt­schaft vor dem Wolf.“ (S. 41)

NATUR- UND UMWELTSCHUTZ STATT IDEOLOGISIERTER KLIMASCHUTZ UMWELTSCHUTZ IN EIGENVERANTWORTUNG STATT GRÜNER VERBOTSWAHN Eine intakte Umwelt bringt Lebensqualität und Wohlbefinden. Es ist im Interesse jedes Einzelnen, für sein Umfeld, die Umwelt, Sorge zu tragen. Dies gelingt am besten, indem man eigenverantwortlich handelt und neue Technologien im Sinne der Nachhaltigkeit einsetzt. Grüner Verbotswahn und staatliche „Umerziehungssteuern“ wie die CO2-Steuer sind jedoch schlechte Ratgeber. UMWELTSCHUTZ IST MEHR ALS KLIMAHYSTERIE – KEINE DEINDUSTRIALISIERUNG UNTER DEM DECKMANTEL DES KLIMASCHUTZES Klimaneutralität ist kein Selbstzweck, sondern muss aus freiheitlicher Sicht stets im Einklang mit Arbeit, Wirtschaft und Forschung gedacht werden. Statt abstrakter Ideen und Ziele oder des Rufs nach mehr Steuern braucht es konkretes und praktisches Handeln. Keinesfalls darf alles dem Klimaschutz untergeordnet und dabei die Deindustrialisierung unseres Kontinents samt massiver Wohlstandszerstörung in Kauf genommen werden. Umweltschutz bedeutet viel mehr als Klimaschutz. Dazu zählen etwa auch der Schutz unseres Trinkwassers vor beabsichtigten Zentralisierungsmaßnahmen durch die EU, aber auch vor Arzneimittelrück- ständen, Maßnahmen gegen das Bienen- und Insektensterben sowie der Schutz unserer Almwirtschaft vor dem Wolf. MARKTWIRTSCHAFT STATT ÖKO-PLANWIRTSCHAFT BEFREIUNG VOM WOHLSTANDSZERSETZENDEN „GREEN DEAL“ DER EU (FPÖ-Wahlprogramm S. 41)
„Eigen­ver­ant­wor­tung”, „Ideo­lo­gi­sier­ter Kli­ma­schutz”, „Kli­ma­hys­te­rie” und „Befreii­ung vom wohl­stand­zer­set­zen­den ‚Green Deal” der EU” (FPÖ-Wahl­pro­gramm S. 41)

Wel­che Zen­tra­li­sie­rungs­maß­nah­men der EU das Trink­was­ser gefähr­den sol­len, schreibt die FPÖ aller­dings nicht. Natür­lich ver­rät sie auch nicht, dass just die neo­li­be­ra­le Öko­no­min Bar­ba­ra Kolm, die für das blaue Wirt­schafts­pro­gramm mit­ver­ant­wort­lich zeich­net und auf einem aus­sichts­rei­chen Platz für die Natio­nal­rats­wahl kan­di­diert, 2017 in einer TV-Dis­kus­si­on noch von einer Pri­va­ti­sie­rung des Trink­was­sers fan­ta­siert hatte.

Der „Kli­ma­po­li­tik“ wird auch die Mit­schuld an der Infla­ti­on gege­ben, denn die brin­ge „nur zusätz­li­che Belas­tun­gen“ (S. 32) und hei­ze die Ener­gie­prei­se an. Dafür pos­tu­liert die FPÖ das Ende der ohne­hin sehr mode­rat ange­setz­ten CO2-Steu­er, um damit auch den Kli­ma­bo­nus abschaf­fen zu kön­nen, womit sie die durch den CO2-Aus­stoß ver­ur­sach­ten Kos­ten für Umwelt- und Kli­ma­schä­den weg von den Ver­ur­sa­chern hin zur All­ge­mein­heit sozia­li­siert. (S. 73)

Den „Green Deal“ der EU, der mit dem Euro­päi­schen Kli­ma­ge­setz ver­bind­li­che Kli­ma­zie­le vor­gibt, nennt die FPÖ mar­tia­lisch „wohl­stands­zer­set­zend“ – sie will daher eine „Befrei­ung“: „Es braucht effi­zi­en­te und wirt­schaft­li­che Lösun­gen, um den Wohl­stand der österreichischen Bevöl­ke­rung nicht zu gefähr­den.“ (S. 41) Die sieht die FPÖ ganz in neo­li­be­ra­ler Hand­schrift gehal­ten in „Markt­wirt­schaft statt Öko-Plan­wirt­schaft“. Kurz­um: Die FPÖ indi­vi­dua­li­siert den Umwelt- und damit auch den Kli­ma­schutz, wäh­rend sie aber eben­falls for­dert, dass der Staat einen Rechts­an­spruch „auf Hil­fe und Scha­den­er­satz“ (S. 75) im Fal­le von Natur­ka­ta­stro­phen gewähr­leis­tet. Es passt daher ins Bild, dass die FPÖ – von Par­tei­chef Kickl abwärts – nun bei den durch den Kli­ma­wan­del beein­fluss­ten Über­flu­tun­gen „die gro­ße Kraft der Gemein­schaft“ (FB 15.9.24) beschwört.

Von der EU fest­ge­setz­te Kom­pen­sa­ti­ons­zah­lun­gen, im FPÖ-Jar­gon „Kli­ma­stra­fen“ genannt, die bekann­ter­ma­ßen nur bei Nicht­ein­hal­tung der gemein­sa­men Kli­ma­zie­le zu leis­ten wären, will die ansons­ten betont wis­sen­schafts­feind­li­che FPÖ in die öster­rei­chi­sche For­schung inves­tie­ren. „Es muss wie­der mög­lich sein, durch ein Vor­an­trei­ben von Wis­sen­schaft und Tech­nik zum Gemein­wohl bei­tra­gen zu kön­nen, anstatt in einem repres­si­ven Kli­ma des uner­träg­li­chen Kos­ten­drucks und der Bevor­mun­dung zu leben.“ (S. 38)

„Land unter” statt Klimaschutz

Anvi­sier­te Kli­ma­schutz­maß­nah­men im Bereich der Ener­gie­po­li­tik würgt die FPÖ pau­schal und ohne jeg­li­che Beweis­füh­rung als „uto­pisch“ ab und erklärt gleich­zei­tig, die wür­den „unse­ren über Jahr­zehn­te erar­bei­te­ten Wohl­stand mas­siv gefähr­den“ (S. 38). Das soll die FPÖ nun ange­sichts der Hoch­was­ser­ka­ta­stro­phe in Öster­reich und ande­ren Län­dern ins­be­son­de­re jenen erklä­ren, die durch die Flu­ten alles ver­lo­ren haben. Das blaue Wahl­pro­gramm umge­setzt wür­de in jeder Hin­sicht eines bedeu­ten: Land unter statt „5 gute Jahre”!

FPÖ-Wahlplakate in Niederösterreich unter Wasser (Colette Schmidt via Twitter, 15.9.24)
FPÖ-Wahl­pla­ka­te in Nie­der­ös­ter­reich unter Was­ser (Colet­te Schmidt via Twit­ter, 15.9.24)

➡️ FPÖ-Wahl­pro­gramm (I): Homo­gen durch Aus­schei­dung des Heterogenen
➡️ FPÖ-Wahl­pro­gramm (II): Can­celn, Rol­la­to­ren & Frei­heit für Hass und Hetze
➡️ FPÖ-Wahl­pro­gramm (III): Mul­ti­ple Verfassungsbrüche?

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