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Lesezeit: 4 Minuten

FPÖ-Wahlprogramm (I): Homogen durch Ausscheidung des Heterogenen

Eini­ge Journalist*innen rede­ten schon vor Wochen vom FPÖ-Wirt­schafts­pro­gramm und was denn da an neo­li­be­ra­len Graus­lich­kei­ten ent­hal­ten sei. Aber dann prä­sen­tier­ten Kickl & Co statt­des­sen ein FPÖ-Wahl­pro­gramm, das sei­ne rechts­extre­men Grund­zü­ge und Bös­ar­tig­kei­ten hin­ter vie­len Beschwö­run­gen von „Frei­heit“ (27 Nen­nun­gen) und ande­ren ver­ba­len Behüb­schun­gen zu ver­ste­cken ver­sucht. Täu­schung nicht gelungen!

5. Sep. 2024
Schafherde – Homogenität FPÖ-Wahlprogramm (Symbolbild; KI-generiert)
Homogenität im FPÖ-Wahlprogramm (Symbolbild; KI-generiert)

Bevor uns ein­mal mehr neun­mal­klu­ge Beschwich­ti­ger auf­zu­klä­ren ver­su­chen: Auch wir wis­sen, dass nicht alles, was im FPÖ-Wahl­pro­gramm steht, rechts­extrem ist. Das unschul­di­ge Wort „und“ kommt zum Bei­spiel 945-mal vor, der deut­lich rechts­extrem pun­zier­te Begriff „Volks­kanz­ler“, mit dem Kickl seit Mona­ten durch das Land zieht, hin­ge­gen nur ein ein­zi­ges Mal. Was sagt uns das? Dass das Pro­gramm nicht rechts­extrem ist? Oder eher, dass Kickl und die Sei­nen nicht unbe­dingt alles, was ihnen wich­tig ist, ins Wahl­pro­gramm auf­ge­nom­men haben, statt­des­sen aber eini­ge Belanglosigkeiten.

Die „Homogenität” im FPÖ-Wahlprogramm

Eini­ges ver­steckt die FPÖ auch oder mas­kie­ren es neu: „Homo­ge­ni­tät des Vol­kes“ klingt zunächst ein­mal unver­däch­ti­ger als „Volks­ge­mein­schaft“, „Über­frem­dung“ oder eini­ge noch deut­li­cher rechts­extre­me Begrif­fe. Es ist aber nichts ande­res als ein Rück­griff auf das Den­ken von Carl Schmitt, Kron­ju­rist der Nazis: „Zur Demo­kra­tie gehört also not­wen­dig ers­tens Homo­ge­ni­tät und zwei­tens – nöti­gen­falls – die Aus­schei­dung oder Ver­nich­tung des Hete­ro­ge­nen.“ (Die geis­tes­ge­schicht­li­che Lage des heu­ti­gen Parlamentarismus)

FPÖ-Wahl­pro­gramm „Homo­ge­ni­tät“
Geht man davon aus, dass sich Per­so­nen zu einem Staats­we­sen zusam­men­fin­den, die Ähn­lich­kei­ten auf­wei­sen, so gilt vice ver­sa, dass das Staats­we­sen lei­det, wenn die­se Bedin­gung auf­hört zu bestehen. Vor die­sem Hin­ter­grund muss man erken­nen, dass die gesell­schaft­li­che Basis des Staa­tes nicht gespal­ten wird, son­dern viel­mehr ero­diert. Wir kön­nen nicht mehr ent­schei­den, mit wem wir zusam­men­le­ben wol­len, weil die rele­van­ten poli­ti­schen Kom­pe­ten­zen an die inter­na­tio­na­le Ebe­ne abge­tre­ten wur­den. Wir kön­nen auch nur sehr schwer unein­ge­la­de­ne Frem­de los­wer­den, weil supra­na­tio­na­le Gerich­te ihre schüt­zen­de Hand über sie hal­ten. Unter der dar­aus resul­tie­ren­den, von den Öster­rei­chern aber zu kei­nem Zeit­punkt gewünsch­ten „Multikulti“-Gesellschaft lei­det die Homo­ge­ni­tät. (S. 45)

Im FPÖ-Wahl­pro­gramm wird etwas zurück­hal­ten­der for­mu­liert als bei Schmitt, aber die Kern­aus­sa­ge ist die­sel­be: Das Hete­ro­ge­ne, das Frem­de, die Frem­den, bedro­hen die Homo­ge­ni­tät des Vol­kes, legen unse­re Höchst­ge­rich­te lahm (S. 54) und „über­fül­len“ das Land (S. 77): „Die Fol­gen sind nicht nur für unser Sozi­al­sys­tem dra­ma­tisch, son­dern auch für die Umwelt.“ Die FPÖ ist sich sicher: Unter „der zu kei­nem Zeit­punkt gewünsch­ten ‚Multi-Kulti‘-Gesellschaft lei­det die Homo­ge­ni­tät“ (S. 45).

Die FPÖ weiß in ihrem Wahl­pro­gramm, wie die­ser Trend ohne Scha­den für die Österreicher*innen umge­kehrt wer­den kön­ne. Das Zau­ber­wort ist „Remi­gra­ti­on“, wor­un­ter die FPÖ eine „iden­ti­täts­be­zo­ge­ne Migra­ti­ons­po­li­tik“ ver­stan­den wis­sen will:

Kon­kret sieht Remi­gra­ti­on die Rück­füh­rung aller ille­gal Ein­ge­reis­ten auf Grund­la­ge gesetz­li­cher Bestim­mun­gen, die Siche­rung der Gren­zen, eine Reform des Asyl‑, Aus­län­der- und Staats­bür­ger­schafts­rechts sowie die Schaf­fung und För­de­rung von Pro­gram­men zur frei­wil­li­gen Rück­kehr vor. (S. 51)

Um das zu unter­strei­chen, beto­nen die Blau­en: „‚Minus-Zuwan­de­rung ist das Gebot der Stun­de.“ (S. 54) Sie will aber auch noch ande­re Mit­tel nut­zen – über eini­ge von ihnen wird im Wahl­pro­gramm geschrie­ben, ande­re wer­den ver­steckt. „[H]ier ansäs­si­ge Frem­de, die nicht in unser Sozi­al­sys­tem ein­zah­len, haben kei­nen Anspruch auf gesund­heit­li­che Voll­ver­sor­gung, son­dern nur auf eine Ele­men­tar­ver­sor­gung und die Betreu­ung von Schwan­ge­ren.“ (S. 84)

Streichung von Sozialleistungen

Die FPÖ lässt sich aber auch etwas ein­fal­len, damit die „Frem­den“ nicht in ein Sozi­al­sys­tem erst gar nicht ein­zah­len kön­nen: Asylwerber*innen sol­len wei­ter­hin kei­nen Zugang zum Arbeits­markt erhal­ten. Damit kön­nen sie kei­ne Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­ge leis­ten, son­dern sind davon abhän­gig – eine Steil­vor­la­ge für FPÖ-Het­ze gegen die „sozia­le Hän­ge­mat­te“. Obwohl die FPÖ weiß, dass die For­de­rung ver­fas­sungs- und EU-rechts­wid­rig ist, will sie die Aus­zah­lung von Sozi­al­leis­tun­gen an die öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft kop­peln (S. 42), den Zugang zur Staats­bür­ger­schaft radi­kal ver­schär­fen (kein Rechts­an­spruch) und für Asyl­be­rech­tig­te über­haupt aus­schlie­ßen. Asyl­be­rech­tig­te wür­den nach den Vor­stel­lun­gen der FPÖ nicht mehr Sozi­al­hil­fe bzw. Min­dest­si­che­rung erhal­ten, son­dern nur mehr „Kern­leis­tun­gen der Sozi­al­hil­fe“, „die das Niveau der Grund­ver­sor­gung nicht über­stei­gen“ (S. 42).

Was ist mit der gro­ßen Grup­pe der Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen, die hier leben und arbei­ten? Merk­wür­di­ger­wei­se schweigt sich das Wahl­pro­gramm dazu aus, aber Kickl hat im ORF-Som­mer­ge­spräch (19.8.24) auch die­se Fra­ge deut­lich beantwortet:

Wenn es nach uns Frei­heit­li­chen geht, dann haben wir bei Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen einen Auf­ent­halts­ti­tel, der gekop­pelt ist mit der Beschäf­ti­gung und wenn die Beschäf­ti­gung nicht mehr da ist, das ist ja der Zweck des Auf­ent­halts, dann ver­liert man auch das Auf­ent­halts­recht, hat wie­der nach Hau­se zu gehen und es gibt kei­nen Zugang zum Sozi­al­sys­tem. Ver­si­che­rungs­leis­tun­gen, ja, aber Sozi­al­leis­tun­gen nein.

Wobei der letz­te Satz inhalt­lich falsch ist: Weil es für Dritt­staats­an­ge­hö­ri­ge in blau­en Vor­stel­lun­gen kei­ne Arbeits­lo­sen­zeit in Öster­reich geben wür­de, zah­len sie bzw. ihre Arbeit­ge­ber auch kei­ne Arbeits­lo­sen­ver­si­che­rungs­be­trä­ge, wären also am Arbeits­markt deut­lich bil­li­ger bzw. „güns­ti­ger“ als Österreicher*nnen – so liebt die FPÖ die öster­rei­chi­schen Arbeitnehmer*nnen!

Mit all die­sen Maß­nah­men – durch Aus­schei­dung des Hete­ro­ge­nen“ – soll das „öster­rei­chi­sche Staats­volk“ sei­ne Homo­ge­ni­tät wie­der erhal­ten. Und soll­te es mit der „Aus­schei­dung des Hete­ro­ge­nen“ zu lan­ge dau­ern, will die FPÖ mit „Frem­den-Schnell­ge­richts­hö­fen“ (S. 54) und „Not­ge­setz­ge­bung“ (S. 47) gegensteuern.

➡️ FPÖ-Wahl­pro­gramm (II): Can­celn, Rol­la­to­ren & Frei­heit für Hass und Hetze
➡️ FPÖ-Wahl­pro­gramm (III): Mul­ti­ple Verfassungsbrüche?
➡️ Das FPÖ-Wahl­pro­gramm (IV) und der Kli­ma­schutz: Land unter!

Literatur

Zu Carl Schmitt und sei­ner völ­ki­schen Homogenität
➡️ gegneranalyse.de 12.2018: Carl Schmitt und der Mythos der Homogenität
Zum rechts­extre­men und völ­ki­schen Kon­strukt der Homo­ge­ni­tät des Volkes
➡️ belltower.news, 9.4.08: Homo­ge­ne Volksgemeinschaft

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