Dass die Freiheitliche Jugend Kärnten in der Vergangenheit lammfromm-gemäßigt gewesen wäre, kann nicht behauptet werden. Am Weltflüchtlingstag 2021 veröffentlichte die FPÖ-Jugend den Satz „Ein guter Draht zu Flüchtlingen ist uns wichtig“ vor einem Bild mit Zaun und Stacheldraht. Wegen des Verdachts der Verhetzung wurde später gegen den damaligen RFJ-Landesobmann Philipp Kamnig und zwei weitere Mitglieder ermittelt.
Im Februar 2023 legte die Kärntner Parteijugend nach und polemisierte gegen eine angebliche „Slowenisierung Kärntens“. Dieser Beitrag führte sogar zu diplomatischen Verstimmungen: Die österreichische Botschafterin wurde ins slowenische Außenministerium zitiert. Die Ermittlungen wurden im September 2023 eingestellt, weil technisch nicht festgestellt werden konnte, wer die Postings veröffentlicht hatte und die Beschuldigten nicht geständig waren – also keineswegs aufgrund einer inhaltlichen Entwarnung. Aber dennoch musste die alte Garde weichen.
„Unsere Leute in wichtige Positionen“
Es klingt weniger nach einer gewöhnlichen Obmannwahl als nach einer geplanten Machtübernahme. Vor dem Landesjugendtag der Freiheitlichen Jugend (FJ) Kärnten am 31. Jänner 2026 verschickte Viktor Erdesz Sprachnachrichten an Anhänger. Der „Standard“ (1.9.26) zitiert daraus: Es gebe eine „einmalige Möglichkeit für uns, einen Angriff zu starten und unsere Leute in wichtige Positionen hineinzubringen“. Ziel sei, das „Ruder in ganz Kärnten in unsere Hand zu nehmen“ und die „weltanschauliche Richtung“ vorzugeben.
Was folgte, beschreiben ehemalige FJ-Mitglieder gegenüber dem „Standard“ heute als „Putsch“. Plötzlich aufgenommene Mitglieder seien zum Landesjugendtag erschienen, ein Teilnehmer habe bei der Anwesenheitskontrolle die Hacken zusammengeschlagen und den rechten Arm markant gehoben. Über die Zahl der Wahlberechtigten soll Chaos geherrscht haben, selbst ein unter 14-Jähriger soll einen Stimmzettel erhalten haben. Die FPÖ Kärnten verkündete anschließend trotzdem eine Wahl mit „100% Zustimmung“. Diese Darstellung ist bis heute auf ihrer Website zu lesen.
Aussteiger:innen berichten außerdem von Mobbing und systematischem Zurückdrängen alter Mitglieder. Einer langjährigen Funktionärin soll ein Jugendlicher beschieden haben: „Halt die Klappe und geh hintern Herd.“ Mehr als zehn Personen sollen FJ und teilweise auch die FPÖ mittlerweile verlassen haben.
Die Warnhinweise lagen auf dem Tisch
Eine Überraschung war Erdesz’ politische Vergangenheit jedenfalls nicht. Stoppt die Rechten hatte sie bereits kurz nach seiner Wahl ausführlich dokumentiert: einschlägige identitären-nahe Vergangenheit in Deutschland, nach seinem Umzug nach Wien Mitgliedschaft in der rechtsextremen Wiener Burschenschaft Olympia, die gemeinsam mit Markus Ripfl gegründete, in Richtung Neonazismus orientierte Kleinstpartei „Die Stimme“, eine Einladung zu einer Olympia-Veranstaltung mit einem Bild feiernder Wehrmachtssoldaten und Demonstrationsteilnahmen mit Neonazis. Unter dem Pseudonym „Viktor Eisenmann“ veröffentlichte Erdesz außerdem die Erinnerungen eines ehemaligen SS-Panzergrenadiers.
Die Warnungen sollen aber auch aus der eigenen Partei gekommen sein. Ehemalige Mitglieder erklären, sie hätten schon vor Erdesz’ Aufstieg vor dessen Rechtsradikalismus gewarnt. Dennoch wurde er Landesobmann. Einer der Gratulanten war FJ-Bundesobmann und Nationalratsabgeordneter Maximilian Weinzierl, dessen Rolle bei der Verzahnung von FJ und Identitären inzwischen selbst Gegenstand der umfangreichen „Standard“-Recherche ist.

Erdesz nutzte seine neue Funktion auch international. Anfang Mai vertrat er den FPÖ-Nationalrat Sebastian Schwaighofer bei einem Fest der AfD Sachsen-Anhalt. Am Tag darauf besuchte er das Verlagstreffen von „Jungeuropa“ in Altenburg und schrieb, solche Treffen dienten Parteipolitikern dazu, im „Vorfeld“ ihr „weltanschauliches Fundament zu festigen“.


Wen dieses „Vorfeld“ umfasste, hat (nicht nur) CORRECTIV (8.5.26) recherchiert: In Altenburg trafen AfD-Abgeordnete auf Personen aus dem NSU-Unterstützerumfeld, dem verbotenen „Hammerskin“-Milieu und der militanten Neonazi- und Kampfsportszene. Unter den Teilnehmern waren etwa der Neonazi Thomas Gerlach, der dem „Hammerskin“-Netzwerk zugerechnet wird, NSU-Unterstützer André Kapke und Alexander Deptolla aus dem Umfeld des rechtsextremen „Kampf der Nibelungen“.
Ein Neonazi findet Anschluss
Wie gut Erdesz als Scharnier für einschlägigen Nachwuchs funktionierte, zeigte Stoppt die Rechten im Mai am Fall K. Der junge Kärntner war 2024 wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung zu acht Monaten bedingter Haft verurteilt worden. Ein Verfassungsschutzbeamter berichtete im Prozess über Warnungen deutscher Behörden wegen möglicher Kontakte zu Rechtsterroristen.
Spätestens 2025 fand K. Anschluss bei der Freiheitlichen Jugend. Fotos zeigen ihn immer wieder an der Seite von Erdesz und mit freiheitlichen Spitzenpolitikern bis hin zu Erwin Angerer. Auf seinem Nacken trägt K. ein Tattoo, das dem Logo des früheren Neonazi-Forums „Iron March“ entspricht, einem internationalen Knotenpunkt für rechtsterroristische Ideologie. Nach unserer Veröffentlichung erklärte die FPÖ, sie habe von K.s Verurteilung nichts gewusst und ihn ausgeschlossen.
Die digitale Distanzierung blieb überschaubar: Auf Social-Media-Auftritten der FJ Kärnten finden sich weiterhin Bilder des angeblich Ausgeschlossenen. Distanzierung sieht anders aus.
Parteiausschluss ohne Folgen
Im Juli wurde schließlich auch Erdesz selbst aus der FPÖ geworfen. Landesparteiobmann Erwin Angerer erklärte, die Vertrauensbasis sei nicht mehr gegeben. An der Spitze der FJ Kärnten blieb Erdesz trotzdem. Die Begründung: Die Jugendorganisation sei ein eigenständiger Verein, die Partei könne nicht durchgreifen.
Die FJ Kärnten bezeichnet sich auf ihrer eigenen Website als „junge Vorfeldorganisation der Freiheitlichen Partei Kärntens“. Und vor allem war Erdesz kein Fremdkörper, der plötzlich vor der Tür stand. Freiheitliche Funktionäre unterstützten seinen Aufstieg, Weinzierl gratulierte zur Wahl, und trotz interner Warnungen durfte Erdesz sein Projekt vorantreiben.
Im ORF-Sommergespräch (27.8.26) behauptete Angerer Ende August sogar, Erdesz habe seine Obmannschaft bereits abgegeben und einen geschäftsführenden Obmann eingesetzt. Der „Standard“ hält dagegen fest: Offiziell ist Erdesz weiterhin Obmann.
Auch Erdesz selbst scheint Angerers Version nicht zu kennen. Auf seinem Instagram-Profil bezeichnet er sich am 1. September weiterhin als „Landesobmann der FJ Kärnten“, außerdem als Mitglied des „Bundesvorstands der FJ“ und des „Landesvorstands der FPÖ Kärnten“. Auf der Website der FJ Kärnten wurden Erdesz-Spuren inzwischen beseitigt. Die Organisationsfrage löst digitale Kosmetik freilich nicht.
Dass ihre Jugendorganisation aufgrund der Wahlergebnisse der Partei Förderungen von der öffentlichen Hand erhält, erwähnt der Chef der Kärntner Freiheitlichen nicht. Die FPÖ müsste die FJ nur rauswerfen, und der Spuk wäre beendet.

Selbst Kickl scheitert?
Besonders bemerkenswert ist der letzte Akt. Dem „Standard“ zufolge soll Herbert Kickl Erdesz persönlich zum Rücktritt als FJ-Obmann aufgefordert haben. Erdesz blieb. Die FPÖ beantwortete die Frage nach diesem Gespräch nicht.
Sollte die Darstellung stimmen, wäre der Zustand der Kärntner Freiheitlichen schwer grotesk: Ein Parteijugendchef wird aus der Partei ausgeschlossen, bleibt Chef der Parteijugend und widersetzt sich sogar dem Wunsch des Bundesparteiobmanns. Gleichzeitig führt die Mutterpartei seinen vermeintlichen Rücktritt bereits als erledigt vor.
Vielleicht passt das besser zur Geschichte als jeder weitere Distanzierungsversuch. Die FPÖ Kärnten hat die Geister, die sie heute loswerden möchte, selbst in ihre Strukturen gelassen. Warnungen gab es früh, intern wie öffentlich. Sie wurden ignoriert. Jetzt genügt es nicht, Namen von Websites zu löschen und zu erklären, man habe mit dem eigenen „Vorfeld“ organisatorisch nichts zu tun. Das Problem sitzt längst im Haus.
➡️ derstandard.at (1.9.26): Der rechtsextreme „Putsch“ bei der FJ Kärnten: „Einmalige Möglichkeit, Angriff zu starten“
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