Der Prozess: NS-Bilder und Terrorwarnung
Die „Krone“ berichtete am 27. Juni 2024 über einen damals 20-jährigen Kärntner Soldaten, dem vor Gericht Hitlergruß-Selfies, NS-Bilder und andere Inhalte als Wiederbetätigung vorgeworfen wurden. Ein Verfassungsschutzbeamter sagte aus, deutsche Kollegen hätten vor einer organisierten rechtsextremen Einheit gewarnt, deren Verbindungen nach Kärnten reichen könnten. Genannt wurden einschlägige WhatsApp-Gruppen, mögliche Kontakte zu vielfach vorbestraften Rechtsterroristen, Treffen und geplante Aktionen. Die Geschworenen votierten geschlossen für schuldig, verhängt wurden acht Monate bedingte Haft und Bewährungshilfe.
K. bestritt vor Gericht eine faschistische Haltung. Die nun von Stoppt die Rechten dokumentierten Bilder zeigen jedoch keinen Bruch mit dem Milieu, das Material weist auf Kontinuität.
K.s Bezugsperson: Viktor Erdesz
Viktor Erdesz wurde am 31. Jänner 2026 beim Landesjugendtag in Ossiach zum Landesobmann der Freiheitlichen Jugend Kärnten gewählt. Erdesz weist eine lange Vorgeschichte im rechtsextremen Milieu auf: in Deutschland, später in Wien als Olympia-Burschenschafter, gemeinsam mit Markus Ripfl bei der in Richtung Neonazismus orientierten Kleinstpartei „Die Stimme“, Berichterstattung aus dem Chemnitzer Aufmarschmilieu 2018, Facebook-Fan der Neonazi-Gruppe „Unwiderstehlich“, Gastgeber einer Olympia-Veranstaltung mit Wehrmachtsbild. Später wechselte Erdesz nach Kärnten, wo er in Klagenfurt FJ-Bezirksobmann wurde und in diesem Jahr an die Spitze der Landesorganisation aufstieg.
In diesem Umfeld fand K. offenbar Anschluss. Ob die FJ Kärnten K.s Vorgeschichte kennt, ist nicht bekannt, aber auch nicht ausschlaggebend. Politisch entscheidend bleibt die Praxis: Ein verurteilter Neonazi bewegt sich in der Jugendorganisation der FPÖ offenbar ohne erkennbare Distanzierung, während führende Freiheitliche mit ihm posieren, Beiträge teilen oder liken.
Fotos aus der FPÖ-Familie
Ein Facebook-Beitrag der Freiheitlichen Jugend Kärnten aus 2025 zeigt K. bei der FPÖ-Landesparteileitung in Villach auf einem Gruppenfoto mit FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz, Landesparteiobmann Erwin Angerer und Viktor Erdesz. Angerer steht neben K., dem er amikal den Arm um die Schulter legt.
Ein Foto zeigt K. Anfang 2026 bei einer RFJ-Veranstaltung anlässlich eines Auftritts von Jean-Pascal Hohm, damals frisch gewählter Vorsitzender der neuen AfD-Jugendorganisation. Neben K. und Hohm finden sich zwei Mitglieder aus dem Kärntner FJ-Vorstand. Im März posiert K. mit den FPÖ-Nationalräten Harald Thau, Christoph Steiner und Erwin Angerer. Auf einem weiteren Bild ist K. mit dem Kärntner Nationalrat Christian Ragger und Erdesz zu sehen.

Im April nimmt K. an einem FJ-Treffen in Friesach und einem in Wolfsberg teil – immer war auch Erdesz dabei. Ein Reel von einer Wanderung der Freiheitlichen Jugend startet mit dem Text: „Lass uns einmal wandern gehen (und über Remigration sprechen)“ Unter den Collab-Partnern: K. Der im Military-Look gekleidete K. wirkt, als ob er die Wanderung angeführt hätte.
K.s Symbolwelt: Von Hitler-Apologie bis zu Rechtsterror-Ästhetik
Ein kurz nach dem Prozess gelöschter TikTok-Account trug K.s Namen und war mit „adolfs.ganzer.stolz“ betitelt. Das Profilbild zeigte einen Stahlhelm mit „Blitzkrieg“. Die sichtbaren Kurzvideos arbeiteten mit homophoben Beschimpfungen. In einem Bild hing ein Eisernes Kreuz an der Wand, ein junger Mann posierte mit Hitlerfrisur, ein weiterer trug einen Thorshammer. K. war damals 16 Jahre alt; wenn er den Account betrieben hat, könnte es als Jugendsünde abgetan werden.

2023 wurde er bei einer Identitären-Sommerdemonstration im Pulk der neonazistischen „Tanzbrigade“ fotografiert. Am Nacken trägt er ein Tattoo, das dem Logo von „Iron March“ entspricht. „Iron March“ war ein von 2011 bis 2017 aktives Neonazi-Forum und Inkubator eines transnationalen akzelerationistischen Terrornetzwerks, aus dem unter anderem die „Atomwaffen Division“, die „National Action“ und „Antipodean Resistance“ hervorgingen. Das Motto des Forums war erschreckend eindeutig: „Gas The Kikes! Race War Now! 1488! Boots on the ground!” („Vergast die Juden! Rassenkrieg jetzt! 1488! Stiefel auf den Boden!“). K. trägt das „Iron March“-Tattoo bis heute.
Ein Demo-Foto zeigt in auch mit jenem Mann, der die Telegram-Gruppe „Pedohunters Austria” initiiert und administriert hat. Aus ihr gingen Gewaltexzesse gegen schwule Männer hervor, die zuvor in Fallen gelockt wurden.

Ein halbes Jahr nach seinem Prozess posierte K. mit zwei weiteren jungen Männern in Paris vor dem Eiffelturm: in einer Perspektive, die der bekannten Aufnahme Hitlers mit Albert Speer und Arno Breker vom 23. Juni 1940 nachgestellt scheint. Unter einem Eiffelturn-Posting tauchen ein Hakenkreuz-GIF, dazu weitere NS-Anspielungen auf – gepostet und gelikt von K.s Airsoft-Kumpel.


Im Mai 2025 nahm K. an einem Airsoft-Event in Sachsen-Anhalt teil. K. teilt martialisch wirkende Bilder in Militäruniform, Helm und taktischer Weste. Auf einer Waffe ist zu lesen: „ask me about Jörg Haider“ Die Formel „ask me about …“ stammt aus Popkultur, Merch- und Meme-Kontexten; auf einer Airsoft-Waffe verschiebt sie die Aussage in ein martialisches Setting. „Frag mich nach Jörg Haider“ klingt dann wie ein ironisch-militanter Gesprächsöffner: Politik, Männlichkeitsposen und Waffenoptik werden zusammengeführt.

Bei der RFJ-Wanderung trägt K. einen „Templar“-Patch. Der „Templar“-Patch erhält im rechten Kontext eine politische Konnotation. Der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik inszenierte sich in seinem Manifest als Teil eines neu gegründeten „Templerordens“ und verband die Tempelritter-Symbolik mit christlich aufgeladenem Elitegefühl, Opfermythos und Gewaltfantasien gegen Muslim:innen, Linke und eine vermeintlich „kulturmarxistische“ Gesellschaft.

Für sich allein beweist der Patch wenig. Im Umfeld von NS-Anspielungen, „Iron-March“-Bezug und martialischer Selbstinszenierung bekommt er eine einschlägige politische Schwere – erst recht, wenn der deutsche Verfassungsschutz auf K.s mögliche Kontakte zu Rechtsterroristen hingewiesen hat. Dass K. auf Instagram neonazistischen Accounts folgt, die teils auch die Tempelritter-Symbolik, verbunden mit übelsten antisemitischen Vernichtungsfantasien, propagieren, rückt den Patch zusätzlich in die Nähe rechtsterroristischer Symbolik.

Wieder ein „Einzelfall“?
Unter dem FJ-Beitrag zur Wanderung kommentiert der Account „purebloodgerman“ („reinblutdeutsch“), seit wann die Jugendpartei der FPÖ „so stabil“ sei. Viktor Erdesz antwortet: „Ich bemühe mich als neuer Landesobmann um ein stabiles Auftreten, schön wenn dir unsere neuen Beiträge gefallen.“ Das ist der Ton einer Organisation, die Zuspruch aus einschlägiger Ecke freundlich einsammelt.
Es geht hier um keine juristische Bewertung, erst recht nicht um eine strafrechtlich relevante Einordnung. Aber politisch liegt der Befund am Tisch: In Kärnten hat ein wegen Wiederbetätigung verurteilter Neonazi bei der freiheitlichen Jugendorganisation Anschluss gefunden, ohne erkennbar mit seiner Gesinnung gebrochen zu haben. Die FPÖ wird auch diesen Fall als Zufall oder Missverständnis ausgeben. Die dokumentierten Bilder zeigen etwas Hartnäckigeres: einen Nachwuchs, der nach außen modernisiert auftritt und nach innen jenes Milieu anzieht, vor dem (nicht nur) der Verfassungsschutz seit Jahren warnt.
Update: Die „Kleine Zeitung” (24.5.26) hat bei der FPÖ nachgefragt. Dominic Keuschnig, Pressesprecher des Landesobmanns Angerer, meinte, man habe von K.s Verurteilung nichts gewusst, ihn nun aber ausgeschlossen. Case closed?
Unabhängige Recherche ermöglichen...
Jetzt unterstützen »

