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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 6 Minuten

Freiheitliche Jugend Kärnten: Ein Neonazi findet Anschluss

K. wur­de 2024 am Lan­des­ge­richt Kla­gen­furt wegen natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung ver­ur­teilt. Mona­te­lan­ges Moni­to­ring von „Stoppt die Rech­ten” zeigt: Spä­tes­tens ab 2025 taucht er im Umfeld der Frei­heit­li­chen Jugend und der FPÖ Kärn­ten auf. Zumeist eng an sei­ner Sei­te: Vik­tor Erdesz, der neue FJ-Lan­des­ob­mann mit eige­ner Geschich­te im Rechtsaußen-Milieu.

24. Mai 2026
K. bei Teilnahme am Airsoft-Event in Deutschland mit Aufschrift "ask me about Jörg Haider" am Gewehrschaft (Screenshot Insta 2025)
K. bei Teilnahme am Airsoft-Event in Deutschland mit Aufschrift "ask me about Jörg Haider" am Gewehrschaft (Screenshot Insta 2025)

Der Prozess: NS-Bilder und Terrorwarnung

Die „Kro­ne“ berich­te­te am 27. Juni 2024 über einen damals 20-jäh­ri­gen Kärnt­ner Sol­da­ten, dem vor Gericht Hit­ler­gruß-Sel­fies, NS-Bil­der und ande­re Inhal­te als Wie­der­be­tä­ti­gung vor­ge­wor­fen wur­den. Ein Ver­fas­sungs­schutz­be­am­ter sag­te aus, deut­sche Kol­le­gen hät­ten vor einer orga­ni­sier­ten rechts­extre­men Ein­heit gewarnt, deren Ver­bin­dun­gen nach Kärn­ten rei­chen könn­ten. Genannt wur­den ein­schlä­gi­ge Whats­App-Grup­pen, mög­li­che Kon­tak­te zu viel­fach vor­be­straf­ten Rechts­ter­ro­ris­ten, Tref­fen und geplan­te Aktio­nen. Die Geschwo­re­nen votier­ten geschlos­sen für schul­dig, ver­hängt wur­den acht Mona­te beding­te Haft und Bewährungshilfe.

K. bestritt vor Gericht eine faschis­ti­sche Hal­tung. Die nun von Stoppt die Rech­ten doku­men­tier­ten Bil­der zei­gen jedoch kei­nen Bruch mit dem Milieu, das Mate­ri­al weist auf Kontinuität.

K.s Bezugsperson: Viktor Erdesz

Vik­tor Erdesz wur­de am 31. Jän­ner 2026 beim Lan­des­ju­gend­tag in Ossi­ach zum Lan­des­ob­mann der Frei­heit­li­chen Jugend Kärn­ten gewählt. Erdesz weist eine lan­ge Vor­ge­schich­te im rechts­extre­men Milieu auf: in Deutsch­land, spä­ter in Wien als Olym­pia-Bur­schen­schaf­ter, gemein­sam mit Mar­kus Ripfl bei der in Rich­tung Neo­na­zis­mus ori­en­tier­ten Kleinst­par­tei „Die Stim­me“, Bericht­erstat­tung aus dem Chem­nit­zer Auf­marsch­mi­lieu 2018, Face­book-Fan der Neo­na­zi-Grup­pe „Unwi­der­steh­lich“, Gast­ge­ber einer Olym­pia-Ver­an­stal­tung mit Wehr­machts­bild. Spä­ter wech­sel­te Erdesz nach Kärn­ten, wo er in Kla­gen­furt FJ-Bezirks­ob­mann wur­de und in die­sem Jahr an die Spit­ze der Lan­des­or­ga­ni­sa­ti­on aufstieg.

In die­sem Umfeld fand K. offen­bar Anschluss. Ob die FJ Kärn­ten K.s Vor­ge­schich­te kennt, ist nicht bekannt, aber auch nicht aus­schlag­ge­bend. Poli­tisch ent­schei­dend bleibt die Pra­xis: Ein ver­ur­teil­ter Neo­na­zi bewegt sich in der Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on der FPÖ offen­bar ohne erkenn­ba­re Distan­zie­rung, wäh­rend füh­ren­de Frei­heit­li­che mit ihm posie­ren, Bei­trä­ge tei­len oder liken.

Fotos aus der FPÖ-Familie

Ein Face­book-Bei­trag der Frei­heit­li­chen Jugend Kärn­ten aus 2025 zeigt K. bei der FPÖ-Lan­des­par­tei­lei­tung in Vil­lach auf einem Grup­pen­fo­to mit FPÖ-Gene­ral­se­kre­tär Micha­el Schned­litz, Lan­des­par­tei­ob­mann Erwin Ange­rer und Vik­tor Erdesz. Ange­rer steht neben K., dem er ami­kal den Arm um die Schul­ter legt.

Ein Foto zeigt K. Anfang 2026 bei einer RFJ-Ver­an­stal­tung anläss­lich eines Auf­tritts von Jean-Pas­cal Hohm, damals frisch gewähl­ter Vor­sit­zen­der der neu­en AfD-Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on. Neben K. und Hohm fin­den sich zwei Mit­glie­der aus dem Kärnt­ner FJ-Vor­stand. Im März posiert K. mit den FPÖ-Natio­nal­rä­ten Harald Thau, Chris­toph Stei­ner und Erwin Ange­rer. Auf einem wei­te­ren Bild ist K. mit dem Kärnt­ner Natio­nal­rat Chris­ti­an Rag­ger und Erdesz zu sehen.

Freiheitliche "Familienfotos". Oben: K. mit Erwin Angerer (Facebook RFJ 2025), K. mit Thau, Hyden, Steiner, Angerer (Instagram 2026); unten: K. mit Ragger, Erdesz (Instagram 2026), K. mit Erdesz, Markus Di Bernardo (Instagram 2026), K. mit Erdesz und Peter Westenthaler (Instagram 2026)
Frei­heit­li­che „Fami­li­en­fo­tos”. Oben: K. mit Erwin Ange­rer (Face­book RFJ 2025), K. mit Thau, Hyden, Stei­ner, Ange­rer (Insta­gram 2026); unten: K. mit Rag­ger, Erdesz (Insta­gram 2026), K. mit Erdesz, Mar­kus Di Ber­nar­do (Insta­gram 2026), K. mit Erdesz und Peter Wes­ten­tha­ler (Insta­gram 2026)

Im April nimmt K. an einem FJ-Tref­fen in Frie­sach und einem in Wolfs­berg teil – immer war auch Erdesz dabei. Ein Reel von einer Wan­de­rung der Frei­heit­li­chen Jugend star­tet mit dem Text: „Lass uns ein­mal wan­dern gehen (und über Remi­gra­ti­on spre­chen)“ Unter den Col­lab-Part­nern: K. Der im Mili­ta­ry-Look geklei­de­te K. wirkt, als ob er die Wan­de­rung ange­führt hätte.

K.s Symbolwelt: Von Hitler-Apologie bis zu Rechtsterror-Ästhetik

Ein kurz nach dem Pro­zess gelösch­ter Tik­Tok-Account trug K.s Namen und war mit „adolfs.ganzer.stolz“ beti­telt. Das Pro­fil­bild zeig­te einen Stahl­helm mit „Blitz­krieg“. Die sicht­ba­ren Kurz­vi­de­os arbei­te­ten mit homo­pho­ben Beschimp­fun­gen. In einem Bild hing ein Eiser­nes Kreuz an der Wand, ein jun­ger Mann posier­te mit Hit­ler­fri­sur, ein wei­te­rer trug einen Thor­s­ham­mer. K. war damals 16 Jah­re alt; wenn er den Account betrie­ben hat, könn­te es als Jugend­sün­de abge­tan werden.

K: "adolfs.ganzer.stolz"; Videos aus 2020 (Screenshot TikTok; gelöscht)
K: „adolfs.ganzer.stolz”; Vide­os aus 2020 (Screen­shot Tik­Tok; gelöscht)

2023 wur­de er bei einer Iden­ti­tä­ren-Som­mer­de­mons­tra­ti­on im Pulk der neo­na­zis­ti­schen „Tanz­bri­ga­de“ foto­gra­fiert. Am Nacken trägt er ein Tat­too, das dem Logo von „Iron March“ ent­spricht. „Iron March“ war ein von 2011 bis 2017 akti­ves Neo­na­zi-Forum und Inku­ba­tor eines trans­na­tio­na­len akze­le­ra­tio­nis­ti­schen Ter­ror­netz­werks, aus dem unter ande­rem die „Atom­waf­fen Divi­si­on“, die „Natio­nal Action“ und „Anti­po­de­an Resis­tance“ her­vor­gin­gen. Das Mot­to des Forums war erschre­ckend ein­deu­tig: „Gas The Kikes! Race War Now! 1488! Boots on the ground!” („Ver­gast die Juden! Ras­sen­krieg jetzt! 1488! Stie­fel auf den Boden!“). K. trägt das „Iron March“-Tattoo bis heute.

Ein Demo-Foto zeigt in auch mit jenem Mann, der die Tele­gram-Grup­pe „Pedoh­un­ters Aus­tria” initi­iert und admi­nis­triert hat. Aus ihr gin­gen Gewalt­ex­zes­se gegen schwu­le Män­ner her­vor, die zuvor in Fal­len gelockt wurden.

K. (links) und rechts der Admin der TG-Gruppe "Pedohunters Austria" (IB-Sommerdemo 2023; Foto: Presseservice Wien)
K. (links) und rechts der Admin der TG-Grup­pe „Pedoh­un­ters Aus­tria” (IB-Som­mer­de­mo 2023; Foto: Pres­se­ser­vice Wien)

Ein hal­bes Jahr nach sei­nem Pro­zess posier­te K. mit zwei wei­te­ren jun­gen Män­nern in Paris vor dem Eif­fel­turm: in einer Per­spek­ti­ve, die der bekann­ten Auf­nah­me Hit­lers mit Albert Speer und Arno Bre­ker vom 23. Juni 1940 nach­ge­stellt scheint. Unter einem Eif­fel­turn-Pos­ting tau­chen ein Haken­kreuz-GIF, dazu wei­te­re NS-Anspie­lun­gen auf – gepos­tet und gelikt von K.s Airsoft-Kumpel.

K. (Mitte) vor dem Pariser Eiffelturm 2024; darunter Albert Speer, Adolf Hitler und Arno Breker am 23.6.1940 (Foto oben Screenshot Insta 12.24; Foto unten: Wikimedia Commons, National Archives and Records Service)
Oben: K. (Mit­te) vor dem Pari­ser Eif­fel­turm 2024;  Unten: Albert Speer, Adolf Hit­ler und Arno Bre­ker am 23.6.1940 (Foto oben Screen­shot Ins­ta 12.24; Foto unten: Wiki­me­dia Com­mons, Natio­nal Archi­ves and Records Ser­vice)

 

Hakenkreuz neben Paris-Posting (Screenshot Insta 2024)
Haken­kreuz neben Paris-Pos­ting (Screen­shot Ins­ta 2024)

Im Mai 2025 nahm K. an einem Air­soft-Event in Sach­sen-Anhalt teil. K. teilt mar­tia­lisch wir­ken­de Bil­der in Mili­tär­uni­form, Helm und tak­ti­scher Wes­te. Auf einer Waf­fe ist zu lesen: „ask me about Jörg Hai­der“ Die For­mel „ask me about …“ stammt aus Pop­kul­tur, Merch- und Meme-Kon­tex­ten; auf einer Air­soft-Waf­fe ver­schiebt sie die Aus­sa­ge in ein mar­tia­li­sches Set­ting. „Frag mich nach Jörg Hai­der“ klingt dann wie ein iro­nisch-mili­tan­ter Gesprächs­öff­ner: Poli­tik, Männ­lich­keits­po­sen und Waf­fen­op­tik wer­den zusammengeführt.

Airsoft-Schaft mit Aufschrift "ask me about Jörg Haider" (Screenshot Insta 2025)
Air­soft-Schaft mit Auf­schrift „ask me about Jörg Hai­der” (Screen­shot Ins­ta 2025)

Bei der RFJ-Wan­de­rung trägt K. einen „Templar“-Patch. Der „Templar“-Patch erhält im rech­ten Kon­text eine poli­ti­sche Kon­no­ta­ti­on. Der nor­we­gi­sche Mas­sen­mör­der Anders Beh­ring Brei­vik insze­nier­te sich in sei­nem Mani­fest als Teil eines neu gegrün­de­ten „Temp­ler­or­dens“ und ver­band die Tem­pel­rit­ter-Sym­bo­lik mit christ­lich auf­ge­la­de­nem Eli­te­ge­fühl, Opfer­my­thos und Gewalt­fan­ta­sien gegen Muslim:innen, Lin­ke und eine ver­meint­lich „kul­tur­mar­xis­ti­sche“ Gesellschaft.

Oben: K. mit Iron March-Tattoo am Nacken (Foto: Presseservice Wien 2023); unten: K. mit "Templar-Patch" bei Wanderung Freiheitliche Jugend (Screenshot Insta 2026)
Oben: K. mit Iron March-Tat­too am Nacken (Foto: Pres­se­ser­vice Wien 2023); unten: K. mit „Tem­plar-Patch” bei Wan­de­rung Frei­heit­li­che Jugend (Screen­shot Ins­ta 2026)

Für sich allein beweist der Patch wenig. Im Umfeld von NS-Anspie­lun­gen, „Iron-March“-Bezug und mar­tia­li­scher Selbst­in­sze­nie­rung bekommt er eine ein­schlä­gi­ge poli­ti­sche Schwe­re – erst recht, wenn der deut­sche Ver­fas­sungs­schutz auf K.s mög­li­che Kon­tak­te zu Rechts­ter­ro­ris­ten hin­ge­wie­sen hat. Dass K. auf Insta­gram neo­na­zis­ti­schen Accounts folgt, die teils auch die Tem­pel­rit­ter-Sym­bo­lik, ver­bun­den mit übels­ten anti­se­mi­ti­schen Ver­nich­tungs­fan­ta­sien, pro­pa­gie­ren, rückt den Patch zusätz­lich in die Nähe rechts­ter­ro­ris­ti­scher Symbolik.

K. folgt Insta-Accounts wie "reich.archive1939", "the.iron.warden" (mit Tempelritter-Symbolen), npd.hamburg, wehrmacht_files ...
K. folgt Ins­ta-Accounts wie „reich.archive1939”, „the.iron.warden” (mit Tem­pel­rit­ter-Sym­bo­len), npd.hamburg, wehrmacht_files …

Wieder ein „Einzelfall“?

Unter dem FJ-Bei­trag zur Wan­de­rung kom­men­tiert der Account „pureb­lood­ger­man“ („rein­blut­deutsch“), seit wann die Jugend­par­tei der FPÖ „so sta­bil“ sei. Vik­tor Erdesz ant­wor­tet: „Ich bemü­he mich als neu­er Lan­des­ob­mann um ein sta­bi­les Auf­tre­ten, schön wenn dir unse­re neu­en Bei­trä­ge gefal­len.“ Das ist der Ton einer Orga­ni­sa­ti­on, die Zuspruch aus ein­schlä­gi­ger Ecke freund­lich einsammelt.

Es geht hier um kei­ne juris­ti­sche Bewer­tung, erst recht nicht um eine straf­recht­lich rele­van­te Ein­ord­nung. Aber poli­tisch liegt der Befund am Tisch: In Kärn­ten hat ein wegen Wie­der­be­tä­ti­gung ver­ur­teil­ter Neo­na­zi bei der frei­heit­li­chen Jugend­or­ga­ni­sa­ti­on Anschluss gefun­den, ohne erkenn­bar mit sei­ner Gesin­nung gebro­chen zu haben. Die FPÖ wird auch die­sen Fall als Zufall oder Miss­ver­ständ­nis aus­ge­ben. Die doku­men­tier­ten Bil­der zei­gen etwas Hart­nä­cki­ge­res: einen Nach­wuchs, der nach außen moder­ni­siert auf­tritt und nach innen jenes Milieu anzieht, vor dem (nicht nur) der Ver­fas­sungs­schutz seit Jah­ren warnt.

Update: Die „Klei­ne Zei­tung” (24.5.26) hat bei der FPÖ nach­ge­fragt. Domi­nic Keu­sch­nig, Pres­se­spre­cher des Lan­des­ob­manns Ange­rer, mein­te, man habe von K.s Ver­ur­tei­lung nichts gewusst, ihn nun aber aus­ge­schlos­sen. Case closed?

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Schlagwörter: Antisemitismus | FPÖ | Kärnten/Koroška | LGBTQIA+-Feindlichkeit | Neonazismus/Neofaschismus | Rechtsterrorismus | RFJ | Verbotsgesetz

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