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Lesezeit: 5 Minuten

Der Treuelied-Anstimmer und der Peršmanhof

Ein Olym­pia-Bur­schen­schaf­ter, der beim Begräb­nis eines FPÖ-Poli­ti­kers das „Treu­e­lied“ anstim­men ließ, atta­ckiert in der rechts­extre­men Zeit­schrift „Der Eck­art“ den Perš­m­an­hof: Anti­fa­schis­ti­sche Erin­ne­rung wird dif­fa­miert, Kärnt­ner Slowen*innen wer­den ver­höhnt, der Poli­zei­über­griff wird umgedeutet.

26. Okt. 2025
Partisanendenkmal am Peršmanhof (von Hawaratschi; Flagge von Mikekilo74; Montage auf Flagge SdR)
Partisanendenkmal am Peršmanhof (von Hawaratschi; Flagge von Mikekilo74; Montage auf Flagge SdR)

Der Begräbnisredner

Dem „Eck­art“, auf des­sen Web­site Bur­ch­hart sei­nen Text ver­öf­fent­lich­te, attes­tiert das Doku­men­ta­ti­ons­ar­chiv des öster­rei­chi­schen Wider­stands (DÖW) einen „ausgeprägte[n] Hang zu Ver­schwö­rungs­phan­ta­sien, Ras­sis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Geschichts­klit­te­rung“, das Monats­blatt dient als Medi­um für völ­kisch-deut­sche Iden­ti­täts­po­li­tik, geschichts­re­vi­sio­nis­ti­sche Erzäh­lun­gen und Ver­net­zung nach rechts außen. Der Autor des Tex­tes, Bru­no Bur­ch­hart, zählt eben­falls zu die­sem Milieu. Er ist Mit­glied der Bur­schen­schaft Olym­pia. Und er ist jene Per­son, die beim Begräb­nis des Olym­pen und ehe­ma­li­gen FPÖ-Poli­ti­kers Wal­ter Sucher das Absin­gen des „uns von Max von Schen­ken­dort geschenk­te Treuelied[s]” (Bur­ch­hart beim Begräb­nis) ange­lei­tet hat – jenes Lied, das mit leicht ver­än­der­tem Text als SS-Treu­e­lied in die Geschich­te ein­ging und seit­her als „ver­brannt“ gilt.

Bruno Burchhart am Begräbnis des Olympen Walter Sucher: links beim Absingen des "Treuelieds" (Screenshot Video 27.9.24)
Bru­no Bur­ch­hart am Begräb­nis des Olym­pen Wal­ter Sucher: links beim Absin­gen des „Treu­e­lieds” (Screen­shots Video 27.9.24)

„Bizarres Sommertheater“: Der Spin

Bur­ch­hart titelt sein Pam­phlet im „Eck­art“ als „Bizar­res Som­mer­thea­ter um den Per­schmann­hof“. Er behaup­tet, Anti­fa und „links-slo­we­ni­sche Min­der­hei­ten“ hät­ten mit einer „bei­spiel­lo­sen Medi­en­kam­pa­gne“ ver­sucht, einen völ­lig nor­ma­len Poli­zei­ein­satz in einem „klei­nen Anwe­sen“ in Eisen­kap­pel zur „Staats­af­fä­re“ auf­zu­bla­sen. Er macht sich über Begrif­fe wie „Retrau­ma­ti­sie­rung“ lus­tig, setzt „anti­fa­schis­ti­sches Bil­dungs­camp“ in Anfüh­rungs­zei­chen, spricht von „Hys­te­rie“, von einem angeb­lich künst­lich auf­ge­bla­se­nen „Natio­nal­hei­lig­tum“. Der Trick ist durch­sich­tig: Erst wird die Erin­ne­rung dele­gi­ti­miert, dann wer­den die Betrof­fe­nen patho­lo­gi­siert und der Skan­dal als Ein­bil­dung erklärt. Das ist Lehr­buch­tech­nik der extre­men Rechten.

Geschichtsumschreibung

Auch den his­to­ri­schen Kern schreibt Bur­ch­hart um. Der Perš­m­an­hof ist nicht nur ein „klei­nes Anwe­sen“ irgend­wo in den Ber­gen, son­dern der Ort eines NS-Mas­sa­kers. Das war kein Zusam­men­stoß mit Par­ti­sa­nen nach einem Vieh­dieb­stahl, kei­ne nor­ma­le „Raz­zia“, wie Bur­ch­hart es framen will. Es war geziel­ter Ter­ror gegen Kärnt­ner Slowen*innen, ein End­pha­se­ver­bre­chen der NS-Ord­nungs­po­li­zei. Heu­te ist der Perš­m­an­hof Gedenk­ort für die­sen Mord und für den anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand der Kärnt­ner Slowen*innen.

Bur­ch­hart tut alles, um genau das zu rela­ti­vie­ren. Er beschreibt die Partisan*innen nicht als das, was sie his­to­risch waren – die stärks­te bewaff­ne­te anti­fa­schis­ti­sche Kraft auf heu­ti­gem öster­rei­chi­schen Staats­ge­biet –, son­dern als „tito­kom­mu­nis­ti­sche Ver­bän­de“, deren Ziel bloß ein Abtren­nen Süd­kärn­tens Rich­tung Jugo­sla­wi­en gewe­sen sei. Er erklärt den Partisan*innenkampf zur frem­den Agen­da, nicht zur öster­rei­chi­schen Befrei­ung. Das ist die alte deutsch­na­tio­na­le Kärnt­ner Linie: Wer Slo­we­nisch gespro­chen hat und gegen die Nazis gekämpft hat, war der Feind. Die­se Linie ist poli­tisch nütz­lich für Rechts­au­ßen, aber his­to­risch falsch. Ohne den bewaff­ne­ten anti­fa­schis­ti­schen Wider­stand in Süd­kärn­ten wäre die Erzäh­lung jenes Öster­reich, das wir am 26. Okto­ber jähr­lich fei­ern, sehr viel dünner.

Aufarbeitung als Kriegserklärung

Bur­ch­hart arbei­tet nicht nur mit ver­dreh­ten Begrif­fen, er arbei­tet mit Sym­bo­lik. Er nennt die Reak­ti­on der Lan­des­po­li­tik auf den Poli­zei­ein­satz schein­bar bei­läu­fig eine „Kom­mis­si­on zur tota­len Auf­ar­bei­tung“. Das klingt zufäl­lig nach „tota­ler Krieg“, „tota­le Mobil­ma­chung“? Das ist nicht zufäl­lig. Die­se Wort­wahl soll zwei Din­ge errei­chen: Sie pun­ziert die Auf­klä­rung als über­trie­be­nen Ver­nich­tungs­feld­zug der „ande­ren Sei­te“ und mar­kiert den Staat, der sei­nen eige­nen Poli­zei­ein­satz über­prü­fen lässt, indi­rekt als Feind. Aus der Per­spek­ti­ve die­ser Sze­ne ist jede Form von Kon­trol­le des Gewalt­ap­pa­rats ein Angriff auf die „deut­sche Sei­te Kärn­tens“. Genau das ist die ideo­lo­gi­sche Bot­schaft: Auf­ar­bei­tung wird als Kriegs­er­klä­rung geframt.

Illustration als visuelle Lüge

Der „Eck­art” bebil­dert den Text nicht mit einem Foto des Perš­m­an­hofs, nicht mit dem Gedenk­raum, nicht mit den Namen der Ermor­de­ten, nicht ein­mal mit einem Foto, das mit Öster­reich zu tun hat. Statt­des­sen zeigt er eine Stra­ßen­sze­ne mit bren­nen­den Müll­con­tai­nern, meter­ho­hen Flam­men, Ver­mumm­ten in Schwarz. Das Foto stammt von einer Demons­tra­ti­on gegen einen Nazi­auf­marsch in Dres­den-Neu­stadt, 13. Febru­ar 2010. Es hat also nicht den gerings­tens Bezug zum Perš­m­an­hof und auch nicht zu jenen Per­so­nen, die beim Bil­dungs­camp im Juli teil­ge­nom­men hat­ten. Die Funk­ti­on der Illus­tra­ti­on ist offen­sicht­lich: Das Bild soll sagen „Anti­fa heißt bren­nen­de Stra­ßen, Ver­mumm­te, Gewalt“. Es emo­tio­na­li­siert und kri­mi­na­li­siert. Es erzählt dem Publi­kum: Das da sind kei­ne Men­schen, die an ein Mas­sa­ker erin­nern. Das sind gewalt­tä­ti­ge Kra­wall­ma­cher. Die­se visu­el­le Lüge lie­fert die Begleit­mu­sik zu Bur­ch­harts Text.

Bruno Burchhart in "Der Eckart" zur Razzia am Peršmanhof mit Illustration eines Bildes aus Dresden 2010 (24.9.25)
Bru­no Bur­ch­hart in „Der Eck­art” zur Raz­zia am Perš­m­an­hof mit Illus­tra­ti­on eines Bil­des aus Dres­den 2010 (24.9.25)

Sprachangriff und Germanisierung

Zur Spra­che gehört auch die bewuss­te Ver­fäl­schung des Orts­na­mens. Bur­ch­hart schreibt nicht Perš­m­an­hof, nicht ein­mal die gän­gi­ge ein­ge­deutsch­te Kurz­form Pers­man­hof, son­dern „Per­schmann­hof“ – mit „sch“ und dop­pel­tem „n“. Das ist selbst­ver­ständ­lich Absicht. Das „š“ ver­schwin­det, das Slo­we­ni­sche ver­schwin­det gleich mit, der Hof wird sprach­lich ger­ma­ni­siert. Die­se Ger­ma­ni­sie­rungs­po­li­tik ken­nen wir aus Kärn­ten seit Gene­ra­tio­nen. Sie war ein Werk­zeug der Ein­schüch­te­rung, der Unsicht­bar­ma­chung, der Ent­na­tio­na­li­sie­rung. Dass Bur­ch­hart 2025 noch genau­so schreibt, ist kein Ana­chro­nis­mus, son­dern Pro­gramm. Dazu passt auch, dass er die „Klei­ne Zei­tung“ bezich­tigt, „die gesam­te slo­we­nisch-kärnt­ne­ri­sche ‚Pro­mi­nenz‘ (…), von Maja Hader­lapp bis Bern­hard Sadov­nik, dem Glo­bas­nit­zer Bür­ger­meis­ter mit sei­ner Äuße­rung einer ‚Retrau­ma­ti­sie­rung‘ usw.“ „auf­fah­ren“ habe las­sen. Sav­dov­nik betei­lig­te sich an der „tota­len Auf­ar­bei­tung“,  ist Nach­fah­re jener Fami­lie, die die SS-Ein­heit im April 1945 fast aus­ge­rot­tet hat. Und er heißt nicht „Bern­hard“, son­dern „Ber­nard“.

Keine Information

Bur­ch­hart will nicht infor­mie­ren, er will die Defi­ni­ti­ons­macht zurück­ho­len. Er will fest­schrei­ben, wer und was als legi­tim gilt in Kärn­ten. „Wir“, damit meint die­ses Milieu die deutsch­na­tio­na­le Mehr­heits­fan­ta­sie, sind die Nor­ma­li­tät. Die slo­we­ni­sche Min­der­heit ist „links-slo­we­nisch“. Anti­fa­schis­ti­sche Bil­dungs­ar­beit ist „soge­nannt“. Die Empö­rung über einen rechts­wid­ri­gen Poli­zei­ein­satz ist „Som­mer­thea­ter“. Die For­de­rung nach Auf­klä­rung ist „tota­le Auf­ar­bei­tung“. Und ein offen­bar lega­les Bil­dungs­camp wird bebil­dert wie ein Gewalt­feld­zug, um es mora­lisch zu entsorgen.

Unser Bei­trag erscheint bewusst heu­te am Natio­nal­fei­er­tag, weil Anti­fa­schis­mus spä­tes­tens seit 1945, und ja: auch wegen der Kärnt­ner Partisan*innen, einen Grund­pfei­ler der Repu­blik bil­det, die heu­te ihre „Frei­heit“ fei­ert. Wer das ver­wischt oder sogar umkehrt, arbei­tet nicht an der Erhal­tung die­ser Frei­heit, son­dern am nächs­ten Übergriff.

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