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Lesezeit: 6 Minuten

Der „Tag X” in Langenlois

Ein Forst­haus bei Lan­gen­lois, alte Netz­wer­ke und neue Umsturz­plä­ne: Ger­not Rohr­ho­fer hat ein Buch zum „Tag X“ der „Säch­si­schen Sepa­ra­tis­ten“ vor­ge­legt. Eine Rezension.

26. Sep. 2025
Rezension, Rohrhofer Der "Tag X"
Rezension, Rohrhofer Der "Tag X"

Seit dem Novem­ber des Vor­jah­res weiß die Öffent­lich­keit, dass eine rechts­extre­me Grup­pe, die „Säch­si­schen Sepa­ra­tis­ten“ mit Aktio­nen den „Tag X“, also den gewalt­sa­men Umsturz des demo­kra­ti­schen Sys­tems in Deutsch­land vor­be­rei­ten woll­ten, um sich dann mög­li­cher­wei­se den „Tag X“ selbst in einem siche­ren Ver­steck anzu­schau­en. Das siche­re Ver­steck für den „Tag X“ soll­te das Forst­haus neben der Rui­ne Kron­segg bei Lan­gen­lois sein. Seit vie­len Jah­ren ein Wohn­sitz der Fami­lie Schimanek.

Ende August hat der Jour­na­list Ger­not Rohr­ho­fer, der zuletzt Redak­teur der „Pres­se“ war, sein Buch über den „Tag X“ und die „Umsturz­fan­ta­sien der Rech­ten“ im Sei­fert Ver­lag ver­öf­fent­licht. Erst Ende Jän­ner ist sein umstrit­te­nes Buch über den Fall Pil­nacek „Er muss weg!“ erschie­nen. Für den „Tag X“ hat Rohr­ho­fer zahl­rei­che Inter­views – er schreibt von fast 40 – geführt.

Acht Per­so­nen sind mitt­ler­wei­le (nach Erschei­nen des Buches) von der Ankla­ge der deut­schen Bun­des­an­walt­schaft erfasst, die Anfang Sep­tem­ber öffent­lich gemacht wur­de. Vor­ge­wor­fen wird ihnen die Mit­glied­schaft in einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung, die Vor­be­rei­tung eines hoch­ver­rä­te­ri­schen Unter­neh­mens und einem von ihnen auch ver­such­ter Mord aus nied­ri­gen Beweggründen.

Jörg Schi­ma­nek wird von der Bun­des­an­walt­schaft die Rädels­füh­rer­schaft bei der rechts­ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung „Säch­si­sche Sepa­ra­tis­ten“ vor­ge­wor­fen. Er ist der ältes­te Sohn von Hans Jörg Schi­ma­nek jun., der in den 90er Jah­ren als Rädels­füh­rer der „Kame­rad­schaft Lan­gen­lois“ und füh­ren­des Mit­glied der Neo­na­zi-Orga­ni­sa­ti­on „Volks­treue Außer­par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on“ zu acht Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den war. Auch der zwei­te Sohn, Jörn Schi­ma­nek, war bei den „Säch­si­schen Sepa­ra­tis­ten“ aktiv, nur der drit­te und jüngs­te Sohn, gegen den ursprüng­lich auch ermit­telt wur­de, ist aktu­ell nicht von der Ankla­ge erfasst.

Natür­lich ist die Fami­li­en­ge­schich­te der Schi­man­eks, bei der auch am Ran­de der kürz­lich ver­stor­be­ne Hans Jörg Schi­ma­nek sen., ein lang­jäh­ri­ger FPÖ-Man­da­tar, gestreift wird, ein zen­tra­ler Punkt der Recher­che. Rohr­ho­fer kann sich dabei auf umfang­rei­ches Archiv­ma­te­ri­al aus den 80er und 90er Jah­ren stüt­zen und hat auch „Zeit­zeu­gen“ von damals befragt. Trotz­dem bleibt sei­ne Recher­che in die­sem Punkt blass. War­um wer­den in der Fami­lie Schi­ma­nek die ein­schlä­gi­gen poli­ti­schen Ein­stel­lun­gen über meh­re­re Gene­ra­tio­nen hin­weg „ver­erbt“ – und zwar ziem­lich umfassend?

Auch die von einem nament­lich nicht genann­ten loka­len Chro­nis­ten gestell­te Fra­ge, war­um so „ein Schat­ten, der über der Stadt liegt und nicht weg­geht“ (S. 119), aus­ge­rech­net über Lan­gen­lois liegt, wird nicht ernst­haft ange­ris­sen. Dabei wäre hier eini­ges zu erör­tern. Lan­gen­lois war eine der ers­ten Gemein­den in Öster­reich, in denen sich schon 1923 eine NSDAP-Orts­zel­le gebil­det hat­te, die dann bei der Land­tags­wahl 1932 mit fast 40 Pro­zent der Stim­men den höchs­ten Nazi-Stim­men­an­teil unter den Wald­viert­ler Gemein­den erzie­len konn­te. Nach der Nazi-Ära leis­te­te sich Lan­gen­lois von 1960 bis 1970 einen Bür­ger­meis­ter, der schon zwi­schen 1941 und 1945 in Gars/Kamp für die Nazis den Bür­ger­meis­ter gege­ben hat­te. Nicht zuletzt wäre da noch die FPÖ Lan­gen­lois, die einen wich­ti­gen Teil die­ses Schat­tens über Lan­gen­lois in den letz­ten Jahr­zehn­ten bildet.

Es ist erst zwei Jah­re her, dass in Lan­gen­lois eine wil­de rechts­extre­me und von der FPÖ unter­stütz­te Demo statt­fand, die sich vor­geb­lich gegen Pädo­phi­lie rich­te­te, aber eigent­lich die betag­te Mut­ter von Teicht­meis­ter bedroh­te. Zwei Mona­te spä­ter ermor­de­te der FPÖ-Stadt­rat, der bei der Demo mit­mar­schiert war, die mit ihm liier­te Frau und beging dann Sui­zid – im Hin­ter­grund eine rechts­extre­me Home­ba­se, die „Gra­nit­fes­tung“. Da gäbe es noch eini­ges auf­zu­ar­bei­ten rund um die FPÖ!

Schließ­lich auch noch der Bru­der von Hans Jörg juni­or, René Schi­ma­nek: Der ist Päch­ter (oder Mie­ter) des Forst­hau­ses hat erst Wochen nach der Haus­durch­su­chung sei­nen Haupt­wohn­sitz von Kron­segg nach Lan­gen­lois umge­mel­det. René Schi­ma­nek ist seit 2025 wie­der FPÖ-Stadt­rat in Lan­gen­lois, offen­bar, so die Recher­che Rohr­ho­fers, gewählt auch mit Stim­men von ÖVP-Gemein­de­rä­ten gewählt.

Aus­führ­lich berich­tet Rohr­ho­fer über die E‑Mails, in denen sich René Schi­ma­nek zwi­schen 2010 und 2015 mit sei­nem Bru­der, einem deut­schen Neo­na­zi, dem User „Groß­deutsch­land“ und ande­ren aus­ge­tauscht hat. und die von Lukas Ham­mer, Abge­ord­ne­tem der Grü­nen, in einer par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge an den Natio­nal­rats­prä­si­den­ten Wal­ter Rosen­kranz ver­öf­fent­licht wur­den. Auch der Spreng­stoff­ex­per­te A.K., der in den Ermitt­lun­gen zu den „Säch­si­schen Sepa­ra­tis­ten“ wegen sei­ner Ver­bin­dung zu Jörn eine Rol­le spielt, war im Verteiler.

René Schi­ma­nek leg­te unmit­tel­bar nach Ver­öf­fent­li­chung der Mails sei­ne Funk­ti­on als Büro­lei­ter von Rosen­kranz zurück. Wegen der Mails wird gegen ihn wegen des Ver­dachts der Ver­het­zung ermit­telt, wegen der Fun­de im Forst­haus auch wegen des Ver­dachts der Wie­der­be­tä­ti­gung und gegen das Waf­fen­ge­setz ver­sto­ßen zu haben. Auf­grund der Par­te für sei­nen Vater läuft auch noch ein drit­tes Ermittlungsverfahren.

Das alles wird von Rohr­ho­fer akri­bisch erfasst und dar­ge­stellt. Dazu gibt es eine aus­führ­li­che Stel­lung­nah­me des Anwalts von René Schi­ma­nek, Wer­ner Toma­nek, die nicht nur sei­nen Man­dan­ten weiß­zu­wa­schen ver­sucht (was sein Job ist), son­dern auch die Ermitt­lun­gen der deut­schen Bun­des­an­walt­schaft abkan­zelt: „Die angeb­li­che Gewalt­be­reit­schaft der Säch­si­schen Sepa­ra­tis­ten sehe er nicht.“ (S. 80). Rohr­ho­fer hakt nicht nach, auch nicht bei Wal­ter Rosen­kranz, der ver­si­chert, dass er „kei­ne schlech­ten Erfah­run­gen mit ihm gemacht“ (S. 81) habe.

Hans Jörg Schi­ma­nek jun., gegen den wegen der Fun­de in sei­ner Wie­ner Woh­nung eine nicht rechts­kräf­ti­ge Ankla­ge nach dem Ver­bots­ge­setz vor­liegt, ist ein gan­zes Kapi­tel gewid­met: „Die Sachen von damals wür­de ich heu­te nicht mehr machen.“ (S. 130ff) Das grenzt an Litigation-PR.

Hans Jörg Schi­ma­nek jun. darf da nicht nur die aktu­el­len Vor­wür­fe gegen ihn und sei­ne Söh­ne zurück­wei­sen, son­dern auch die his­to­ri­schen, die schon längst durch Ver­ur­tei­lung und Stra­fe abge­tan wur­den. Zur Nati­on habe er sich damals bekannt, „aber nicht zum Natio­nal­so­zia­lis­mus“ (S. 132). Auch weist er den Vor­wurf, ein Neo­na­zi oder Nazi zu sein, zurück. An ande­rer Stel­le im Buch (S. 98) ist von sei­ner zuneh­men­den Distan­zie­rung von Küs­sel „Mit­te der 1990er-Jah­re“ die Spra­che. Davon ist nichts bekannt – eher im Gegen­teil: Beim Kärnt­ner Ulrichs­berg­tref­fen der Alt-und Neo­na­zis und sons­ti­ger Rechts­extre­mer 2009 mar­schier­ten Gott­fried Küs­sel und Hans Jörg Schi­ma­nek gemein­sam mit dem Leip­zi­ger Neo­na­zi Ric­car­do Sturm auf, Küs­sel trat damals auch öffent­lich mit Schi­ma­nek in Leip­zig auf, und 2023 tra­fen sich Schi­man­eks Frau samt den drei Söh­nen mit Küs­sel – pri­vat, wie Küs­sel versichert.

Rohr­ho­fers Buch hat dort sei­ne Stär­ken, wo er aus den Archi­ven zitiert oder dama­li­ge Zeit­zeu­gen zu den aktu­el­len Ereig­nis­sen um die „Säch­si­schen Sepa­ra­tis­ten“ und ihre Lan­gen­loi­ser Con­nec­tion befragt. Wobei es durch­aus gru­se­lig ist, wenn eini­ge von ihnen aus Angst ihre Namen nicht nen­nen wollen.

Gegen Ende des Buches, in dem die Grup­pe der „Säch­si­schen Sepa­ra­tis­ten“ und ihre Umsturz­fan­ta­sien nur wenig vor­ge­stellt wer­den, aber sehr wohl ihre Lan­gen­loi­ser Bezugs­punk­te aktu­ell und in ihrer Vor­ge­schich­te, erlaubt sich Rohr­ho­fer dann noch einen Schnit­zer, der ent­behr­lich gewe­sen wäre. Er schreibt: „Auch die Spra­che von Jörg Schi­ma­nek war von radi­ka­len Ten­den­zen geprägt.“ (S. 161). Bloß Ten­den­zen? Alles, was über die Spra­che des Jörg Schi­ma­nek bekannt ist, zeugt von extre­mer Men­schen­ver­ach­tung und Gewalt­be­reit­schaft. Jörg Schi­ma­nek wur­de wohl zu Recht als Rädels­füh­rer einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung ange­klagt, auch wenn sein Vater das als „poli­ti­sche Will­kür“ abzu­tun versucht.

Hans Jörg Schi­ma­nek jun. ist übri­gens von Sach­sen, wo er jahr­zehn­te­lang gelebt hat, wie­der in sei­ne Hei­mat, nach Lan­gen­lois, zurück­ge­zo­gen. Ins Forst­haus. Schon vor dem Tag X.

Ger­not Rohr­ho­fer, Der „Tag X“. Die Umsturz­fan­ta­sien der Rech­ten. Sei­fert Ver­lag, Wien. 2025. 24 €.

Cover Rohrhofer Der "Tag X" (Seifert Verlag)
Cover Rohr­ho­fer Der „Tag X” (Sei­fert Ver­lag)

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