Die „Narvik-Feier“ in Klagenfurt/Celovec (Teil 1): Zwischen NS-Heldenmythos, Identitären und Unterstützung durch das Land Kärnten

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Am 13. April ver­an­stal­te­te der Öster­rei­chi­sche Kame­rad­schafts­bund (ÖBK) in Klagenfurt/Celovec eine Gedenk­fei­er für gefal­le­ne Sol­da­ten der Wehr­macht. An der Fei­er betei­lig­ten sich Vertreter*innen rechts­extre­mer Orga­ni­sa­tio­nen, wei­ters ist sie Sinn­bild eines NS-Hel­den­my­thos, der von Proponent*innen der Kärnt­ner Poli­tik sowie auch des Bun­des­hee­res seit Jahr­zehn­ten gehegt und gepflegt wird.

„Ich hatt einen Kame­ra­den“ ertönt es am Vor­mit­tag des 13. April 2023 in der Stadt­pfarr­kir­che St. Egid in Klagenfurt/Celovec. Die etwa 30, größ­ten­teils betag­ten Teilnehmer*innen haben sich vor einer Gedenk­ta­fel des soge­nann­ten Gebirsgjä­ger­re­gi­ments 139 der NS-Wehr­macht ver­sam­melt und salu­tie­ren. Auf der Tafel selbst prangt über dem Wap­pen des Regi­ments ein NS-Reichs­ad­ler. Zwi­schen sei­nen Klau­en müss­te eigent­lich ein Haken­kreuz abge­bil­det sein, statt­des­sen bleibt die Stel­le ein blin­der, wei­ßer Fleck. Ein­ge­weih­te wis­sen, was hier ange­deu­tet wer­den soll.

Narvik-Gedenkeb 2023 in St. Egid (© SdR)

Nar­vik-Geden­ken 2023 in St. Egid (© SdR)

Für Außen­ste­hen­de mag die Sze­ne­rie kaum durch­schau­bar sein, doch Peter Stock­ner, Obmann der „Kame­rad­schaft ehe­ma­li­ger Ange­hö­ri­ger des Gebirgs­jä­ger­re­gi­ments 139“ und Autor der rechts­extre­men Zeit­schrif­ten „Die Aula“ und „Zur Zeit“, klärt in sei­ner Anspra­che auf. Der 9. April sei der „Tra­di­ti­ons­tag“ des 139er-Regi­ments, da es an die­sem Tag im Jahr 1940 in der nor­we­gi­schen Stadt Nar­vik „lan­de­te“ (die his­to­risch kor­rek­te­re Bezeich­nung wäre „besetz­te“). Nor­ma­ler­wei­se käme an die­ser Stel­le ein his­to­ri­scher Rück­blick auf die Geschich­te des 139er-Regi­ments, wie es im Jahr 2022 bei­spiels­wei­se in Form eines Refe­ra­tes über den NS-Wehr­machts­of­fi­zier Alo­is Win­disch gehal­ten wur­de (1). Doch da die Fei­er heu­er wet­ter­be­dingt ver­spä­tet anfängt, ver­zich­tet Stock­ner auf wei­te­re his­to­ri­sche Aus­füh­run­gen und gibt die Namen eini­ger Kame­ra­den bekannt, die seit der letz­ten  „Nar­vik-Fei­er“ ver­stor­ben sind.

Gedenktafel Gebirgsjägerregiment 139 in der Kirche St. Egid mit NS-Reichsadler (© SdR)

Gedenk­ta­fel Gebirgs­jä­ger­re­gi­ment 139 in der Kir­che St. Egid mit NS-Reichs­ad­ler (© SdR)

Gleich der ers­te Name hat es in sich: Her­bert Bell­schan von Mil­den­burg, der der „Nar­vik-Fei­er“ und ihren Proponent*innen „immer sehr zuge­tan war“, so Stock­ner. Bei Mil­den­burg han­del­te es sich um einen Frei­wil­li­gen der Waf­fen-SS, der als Ver­tre­ter der „Erleb­nis­ge­ne­ra­ti­on“ auch im hohen Alter noch in der rechts­extre­men Krei­sen aktiv war. (vgl. derstandard.at, 14.6.19) Einem brei­te­ren Publi­kum wur­de er einer­seits als Red­ner des berüch­tig­ten Kla­gen­fur­ter „Ulrichs­berg­tref­fens“ von Waf­fen-SS Vete­ra­nen und Neo­na­zis bekannt, sowie auch post­hum. Zu sei­nem Begräb­nis am Sol­da­ten­fried­hof des im Kla­gen­fur­ter Stadt­teil Anna­bichl im Novem­ber 2022 ver­sam­mel­te sich näm­lich eine Viel­zahl rechts­extre­mer Orga­ni­sa­tio­nen und Ein­zel­per­so­nen, dar­un­ter auch die mehr­fach nach dem Ver­bots­ge­setz ver­ur­teil­te Füh­rungs­fi­gur des öster­rei­chi­schen Neo­na­zis­mus, Gott­fried Küs­sel, wie das „Pres­se­ser­vice Wien“ bild­lich doku­men­tier­te. Dass wegen die­ser Trau­er­fei­er mitt­ler­wei­le nach dem Ver­bots­ge­setz ermit­telt wird, erwähnt Peter Stock­ner in sei­ner Anspra­che nicht. Sehr wohl aber, dass sie „sehr wür­dig war mit den Fah­nen“.

Doch einen Moment: Nar­vik, Nor­we­gen, Wehr­macht, ein ver­stor­be­ner SS-ler und Neo­na­zis? Um ein Ver­ständ­nis davon zu bekom­men, was da in Kärnten/Koroška am 9. April über­haupt vor sich ging, ist ein wenig his­to­ri­sches Vor­wis­sen nötig.

Der Nar­vik-Mythos in Kärnten

Es ist nicht bloß eine klei­ne Grup­pe betag­ter Rechtsextremist*innen und Wehrmachtsnostalgiker*innen, die hin­ter der „Nar­vik-Fei­er“ steht. Bei genaue­rem Hin­se­hen zeigt sich ein weit ver­zweig­tes, bis weit ins letz­te Jahr­hun­dert rei­chen­des Netz­werk ver­schie­dens­ter Akteur*innen, die ent­we­der orga­ni­sa­to­risch oder aber als ideo­lo­gi­sche Unterstützer*innen sowohl in hohen Stel­len der Kärnt­ner Lan­des­po­li­tik als auch im Bun­des­heer zu fin­den sind.

„Narvik. Sieg des Glaubens“ von Walter Fantur war eines der ersten NS-Propagandawerke, die den Narvik-Mythos begründeten. (Buchcover)

„Nar­vik. Sieg des Glau­bens“ von Wal­ter Fan­tur war eines der ers­ten NS-Pro­pa­gan­da­wer­ke, die den Nar­vik-Mythos begrün­de­ten. (Buch­co­ver)

Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Hel­den­sa­ge, die der His­to­ri­ker Peter Pir­ker als „Nar­vik-Mythos“ bezeich­net (2), datiert in ihren Ursprün­gen auf das Jahr 1938, das Jahr des Anschlus­ses. Oberst Alo­is Win­disch, mitt­ler­wei­le im Dienst von Hit­lers NS-Wehr­macht, erhielt die Auf­ga­be, in Klagenfurt/Celovec das Gebirgs­jä­ger­re­gi­ment 139 (GJR 139) zu grün­den. Mit die­sem betei­lig­te er sich 1939 am Über­fall auf Polen, 1940 folg­te dann der Ein­fall in Nor­we­gen, für den Win­disch im Juni 1940 von Hit­ler mit dem Rit­ter­kreuz aus­ge­zeich­net wur­de. Win­disch war bereits wäh­rend des NS zen­tra­le Figur der Erzäh­lung der ost­mär­ki­schen Hel­den des Kamp­fes um Nar­vik, der pro­pa­gan­da­tech­nisch zwei Zwe­cke erfüll­te: Einer­seits die Inte­gra­ti­on öster­rei­chi­scher Sol­da­ten in den NS, ande­rer­seits wur­de damit aber auch ein ideo­lo­gi­scher Bezug zum deutsch­na­tio­na­len Mythos des soge­nann­ten „Kärnt­ner Abwehr­kampfs“ geschaf­fen. Dabei han­delt es sich um eine Rei­he größ­ten­teils ver­lo­ren­ge­gan­ge­ner mili­tä­ri­scher Schar­müt­zel gegen die 1918 in Südkärnten/južna Koroš­ka ein­mar­schier­te jugo­sla­wi­sche Armee. Was his­to­risch gese­hen einer von vie­len Grenz­kon­flik­ten war, die euro­pa­weit nach dem Zusam­men­bruch der Prä-Welt­kriegs­ord­nung auf­tra­ten, wur­de in Kärn­ten ins­be­son­de­re in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu einem anti­sla­wisch auf­ge­la­de­nen Volks­tums­kampf für die Gren­zen des hit­ler­schen tau­send­jäh­ri­gen Rei­ches umgelogen.

Der glü­hen­de Natio­nal­so­zia­list, Kärnt­ner „Abwehr­kämp­fer“ und Nor­we­gen-Kämp­fer Hans Steinacher fass­te die zu einem Gut­teil von deutsch­na­tio­na­len Bur­schen­schaf­tern und spä­te­ren Natio­nal­so­zia­lis­ten getra­ge­nen Kärnt­ner Grenz­schar­müt­zel als „Sieg in Deut­scher Nacht“ zusam­men und war somit maß­geb­lich für die Inte­gra­ti­on in eine natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Hel­den­er­zäh­lung ver­ant­wort­lich (3). In der Tra­di­ti­on eben die­ser Erzäh­lung sah der Hit­ler­staat nun auch das Kärnt­ner GRJ 139 und damit auch des­sen Betei­li­gung im Über­fall auf Nar­vik. Oder etwas ver­ein­fa­chen­der gesagt: Der Kärnt­ner „Abwehr­kampf“ wur­de in eine Linie mit dem Ver­nich­tungs­krieg Nazi­deutsch­lands gestellt.

Wer denkt, dass die­se NS-Hel­den­sa­ge mit der Befrei­ung Kärntens/Koroške durch die bri­ti­sche Armee und jugo­sla­wi­sche sowie kärnt­ner-slo­we­ni­sche Partisan*innen ein Ende fand, irrt. Grund­sätz­lich waren die öster­rei­chi­schen Kom­man­deu­re der Gebirgs­trup­pen der Wehr­macht (und somit auch der 139er) dafür bekannt, dass sie „auch nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges die Tra­di­tio­nen der Deut­schen Wehr­macht pfleg­ten und hoch­hiel­ten“ (4). Je nach Quel­len­la­ge 1953 oder 1954 wur­de in Klagenfurt/Celovec die „Kame­rad­schaft der ehe­ma­li­gen Gebirgs­jä­ger“ gegründet.

Eine zen­tra­le Rol­le spiel­te dabei der dama­li­ge Kla­gen­fur­ter Vize­bür­ger­meis­ter Bla­si­us Scheu­cher (ÖVP), der nicht nur selbst Gebirs­jä­ger war, son­dern auch als einer der Väter der Ulrichs­berg­fei­er ange­se­hen wer­den kann. 1960 ver­an­stal­te­te der GJR 139-Offi­zier und spä­te­re Waf­fen-SS-Kom­man­dant Anton Holz­in­ger in sei­ner neu­en Rol­le als ÖBH-Offi­zier (Kom­man­dant der 7. Gebirgs­bri­ga­de) gemein­sam mit der „Kame­rad­schaft ehe­ma­li­ger Ange­hö­ri­ger des Gebirgs­jä­ger­re­gi­ments 139“ eine der ers­ten Nar­vik-Gedenk­fei­ern in Klagenfurt/Celovec. In Holz­in­gers bei der Fei­er vor­ge­tra­ge­nen Rede fin­det sich frei­lich kei­ne kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung des anti­se­mi­tisch moti­vier­ten Ver­nich­tungs­feld­zugs, statt­des­sen sprach er von einem der „kühns­ten Unter­neh­men der Kriegs­ge­schich­te“. In eine ähn­li­che Ker­be schlägt auch die Betei­li­gung Holz­in­gers und ande­rer hoch­ran­gi­ger Kärnt­ner ÖBH-Offi­zie­re mit Nar­vik-Ver­gan­gen­heit am Ulrichs­berg­tref­fen. (5)

Der Nar­vik-Mythos wur­de aber nicht nur auf öffent­li­chen Gedenk­fei­ern hoch­ge­tra­gen, die aus einem Sam­mel­su­ri­um von weit rechts ange­sie­del­ten „Tra­di­ti­ons­ver­ei­nen“ wie dem „Kärnt­ner Abwehr­kämp­fer­bund“ (KAB) oder den deut­schen Angriffs­krieg glo­ri­fi­zie­ren­den Kame­rad­schaf­ten ver­an­stal­tet wur­den. Auch inner­halb des ÖBH gab es Bestre­bun­gen, den Nar­vik-Mythos zur tra­gen­den Säu­le der Tra­di­ti­ons­pfle­ge zu machen. Das wohl bekann­tes­te Zeug­nis dafür ist die nach dem Grün­der des GRJ 139 benann­te Win­disch-Kaser­ne in Klagenfurt/Celovec. Nach­dem Kri­tik am Kaser­nen­na­men laut wur­de, auch weil das GRJ 139 an Kriegs­ver­bre­chen betei­ligt war, wird die Kaser­ne die­ses Jahr in „Georg Goess-Kaser­ne“ umbe­nannt.

Doch zurück zum 13. April die­ses Jah­res, also zur Nar­vik-Fei­er. Die­se wur­de von einer Unter­grup­pie­rung des Kärnt­ner Lan­des­ver­ban­des des Öster­rei­chi­schen Kame­rad­schafts­bun­des (ÖKB) orga­ni­siert. Im zwei­ten Teil die­ses Bei­tra­ges berich­ten wir einer­seits, wie sehr der Kärnt­ner ÖKB mit dem orga­ni­sier­ten Rechts­extre­mis­mus ver­strickt ist und ande­rer­seits auch, wie sich die­se Ver­stri­ckung in der Teil­nah­me von Rechtsextremist*innen an der Fei­er äußer­te. Es bleibt spannend.

➡️ Teil 2: Die Nar­vik-Fei­er 2023 – Grü­ße und Teil­nah­me von ganz rechts

Fuß­no­ten

1 Der Kärnt­ner Kame­rad: Peri­odi­sche Funk­tio­närs­zei­tung des ÖKB LV Kärn­ten, Aus­ga­be 1–2022, S. 6f.
2 Pir­ker, Peter: Ein Fall „beson­de­rer Tra­di­ti­ons­pfle­ge“: Die Win­disch-Kaser­ne, der Nar­vik-Mythos und das öster­rei­chi­sche Bun­des­heer”, Insti­tut für Zeit­ge­schich­te Inns­bruck, 2021.
3 ebda. 25–27
4 ebda. 10