Rechter Run auf die Hofburg

So viele wie noch nie wollen Bundespräsident*in wer­den. In weni­gen Tagen wer­den wir wis­sen, wer die Hürde von 6.000 Unter­stützungserk­lärun­gen geschafft hat und am Stim­mzettel auf­scheint. Schon jet­zt ist allerd­ings klar, dass es einen recht­en Run auf das Amt gibt, der eng mit dem Wun­sch nach ein­er autoritären Staats­führung durch einen Präsi­den­ten ver­bun­den ist. Wir haben uns umgesehen.

Noch ist das Feld der Bewerber*innen für eine Kan­di­datur zur Präsi­dentschaft sehr „flu­id“. Von den 27 Bewerber*innen, die wir gezählt haben, sind mit­tler­weile einige schon wieder aus dem Ren­nen. Drei haben ange­blich „gesund­heitliche Gründe“ für ihren Rück­zug ange­führt (Mar­tin Wabl, Mar­ti­na Essl und Gus­tav Job­st­mann), bei einem weit­eren, Kon­stan­tin Haslauer, wur­den auf der Web­site „Bun­de­spräsi­dentschaftswahl“, die von dem Kan­di­dat­en Robert Marschall (EU-Aus­tritt, Abtrei­bung ist Mord und: „ein Recht auf Abtrei­bung nach ein­er Verge­wal­ti­gung ist sehr prob­lema­tisch, wie der Fall in den USA zeigt, wo eine Verge­wal­ti­gung nur vor­getäuscht wurde, um das Kind abtreiben zu lassen“) betrieben wird, alle Angaben zur Kan­di­datur auf dessen Wun­sch gelöscht, sodass man einen Rück­zug ver­muten kön­nte. Wobei dur­chaus hand­festere Gründe den Auss­chlag dafür gegeben haben kön­nten, dass „die Stimme des Volkes“ (Haslauer über sich) sehr leise gewor­den ist.

Martina Essl: Kandidatur "aus gesundheitlichen Gründen" zurückgezogen (Website Robert Marschall)

Mar­ti­na Essl: Kan­di­datur „aus gesund­heitlichen Grün­den” zurück­ge­zo­gen (Web­site Robert Marschall)

Jobstmann zieht seine Kandidatur "aus gesundheitlichen Gründen" zurück (Website Robert Marschall)

Job­st­mann zieht seine Kan­di­datur „aus gesund­heitlichen Grün­den” zurück (Web­site Robert Marschall)

Haslauers Konkur­rent Thomas Schau­reck­er („Wir wer­den Präsi­dent“), der in einem Face­book-Post zunächst über „schwere, strafrechtlich rel­e­vante Vor­würfe gegen Kon­stan­tin Haslauer“ mit hoher Schadenssumme und einige Tausend Geschädigte, aber noch kein­er Verurteilung sprach, will ver­mit­teln – sich­er ganz uneigennützig!

Schau­reck­er selb­st trat noch bis Feb­ru­ar 2021 zusam­men mit Mer­lin E. auf. Damit war aber schla­gar­tig Schluss, als E. ver­haftet und später verurteilt wurde. Mit seinem Wahlkamp­fun­ter­stützer Frank Schreib­müller hat er sich einen Holo­caustleugn­er ins Team geholt; den erlebt er jedoch „als total­en Men­schen­fre­und“, wie er seine Fans via Telegram-Video wis­sen lässt.

Schau­reck­er, Haslauer und Johann-Peter Schutte („Liebe Mit­glieder der Men­schheits­fam­i­lie“) durften Anfang Juli bei den Recht­sex­tremen und Ver­schwörungss­chwur­blern von „Fair­d­enken“ (Hannes Bre­jcha) ihre Vorstel­lun­gen zur Präsi­dentschaft präsen­tieren, was insofern erstaunlich ist, als Schau­reck­er noch bis vor kurzem in heftigem Clinch mit dieser Gruppe lag. Alle drei sind natür­lich Coro­na-Maß­nah­men- und Impfgeg­n­er. Unter­schiede gibt’s in Nuan­cen. Schutte will nicht nur sofort die Regierung ent­lassen, son­dern auch alle Lan­deshauptleute. Außer­dem sollen alle (!) in den let­zten zweiein­halb Jahren beschlosse­nen Sank­tio­nen, Verord­nun­gen und Geset­ze aufge­hoben werden.

Kandidat Schutte teilt der "Menschheitsfamilie Österreichs" mit, dass er zu wenig Unterstützungserklärungen hat (Telegram)

Kan­di­dat Schutte teilt der „Men­schheits­fam­i­lie Öster­re­ichs” mit, dass er zu wenig Unter­stützungserk­lärun­gen hat (Telegram)

Haslauer will den Aus­tritt aus EU und WHO sowie den „Erhalt des klas­sis­chen Fam­i­lien­ver­bun­des auf Basis natür­lich­er Schöp­fungs­gegeben­heit­en“, also Vater-Mut­ter-Kind, mit „Aufw­er­tung des Berufs­bildes ‚Mut­ter und Haus­frau‘ als Mit­telpunkt der Fam­i­lien-Zelle“ und eine Erhöhung der Fam­i­lien­bei­hil­fe, aber nur „für öster­re­ichis­che Staats­bürg­er“.

"Souveräner Kandidat" Haslauer, "Die Stimme des Volkes" (Telegram)

„Sou­verän­er Kan­di­dat” Haslauer, „Die Stimme des Volkes” (Telegram)

Neben Schutte und den bere­its fix­en Kan­di­dat­en Brun­ner, Grosz, Rosenkranz und Wal­lentin wür­den weit­ere fünf poten­zielle Kan­di­dat­en (Pach­er, Ottowitz, Hoff­mann, Kuch­ta, Marschall) expliz­it die autoritäre Karte ziehen wollen und die Bun­desregierung ganz (oder teil­weise) sofort ent­lassen, eine Experten­regierung ein­set­zen und/oder Neuwahlen auss­chreiben. Auch die Vorstel­lung, dass der Bun­de­spräsi­dent allein – und nicht das Par­la­ment – die Regierung kon­trol­lieren sollte, geis­tert bei eini­gen herum.

Bar­bara Rieger, Exper­tin für „Aurat­e­ch­nik und Aurachirurgie“ ist neben Hel­ga Egger eine von den zwei verbliebe­nen Frauen im son­st männlichen Feld der Bewerber*nnen. Die Coro­na-Maske ist für sie eine „Sklaven­maske“ und übri­gens hat „Öster­re­ich (…) bis heute keinen Friedensver­trag und ist somit noch alli­ierte Besetzungsmacht“.

Kandidatin Rieger über Kandidat Grosz: "Blutlinien Satans" (Telegram)

Kan­di­datin Rieger über Kan­di­dat Grosz: „Blut­lin­ien Satans” (Telegram)

Hel­ga Egger würde als Bun­de­spräsi­dentin ein Handyver­bot im Nation­al­rat bei Sitzun­gen ein­führen, ist gegen die Sank­tio­nen und gegen die Abschaf­fung der Ver­bren­ner­mo­toren und würde „straf­fäl­lige Flüchtlinge, Migranten usw. sofort ausweisen“. Unter jenen, die für sie Unter­stützungserk­lärung abgegeben haben, will sie eine Ves­pa verlosen.

Ähn­lich tickt Roland Ludomirs­ka. Der bietet zwar über­haupt kein Pro­gramm oder schlichte Forderun­gen auf sein­er Käs­e­seite (!), wo er seine Kan­di­datur verkün­det, aber einen 50 %-Rabatt für alle Unterstützer*innen beim näch­sten Einkauf in einem sein­er über­teuerten Käselä­den. Das Mag­a­zin Week­end“ bzw. „prozess-report“ berichteten über den Prozess wegen des Ver­dachts der NS-Wieder­betä­ti­gung 2021, von dem er freige­sprochen wurde, „Heute“ 2020 unter anderem über Wucher­preise und 2022 über eine arbeit­srechtliche Klage gegen den Käse-Kandidaten.

Mark Han­no Fessl weiß, was aus bib­lis­ch­er Sicht auf uns alle zukommt und was es mit der Zahl des Antichris­ten auf sich hat. Deshalb emp­fiehlt er: „Gott an die erste Stelle stellen, im per­sön­lichen Leben und in der Regierung Öster­re­ichs!“, auch wenn das schwierig wer­den dürfte. Aber für ihn beten hil­ft ja anscheinend!

Beten für Kandidat Fessl, weil er von Gott redet (Telegram)

Beten für Kan­di­dat Fessl, weil er von Gott redet (Telegram)

Nicht alle der hier genan­nten poten­ziellen Kandidat*innen vertreten expliz­it recht­sex­treme Posi­tio­nen und/oder sind in ein­schlägi­gen ver­schwörerischen oder impfgeg­ner­ischen Zusam­men­hän­gen (wie etwa auch Hubert Thurn­hofer „Die Mauern der Coro­na-Herrschaft wer­den fall­en!“) aufge­fall­en. Kaum jemand von ihnen wird über die Hürde der Unter­stützungserk­lärun­gen kom­men, und jene, die sie neben Rosenkranz, Wal­lentin, Grosz und Brun­ner noch schaf­fen, wer­den für eine weit­ere Auf­s­plit­terung des recht­en und recht­sex­tremen Spek­trums sor­gen. Allerd­ings wer­den ihre schrillen recht­en und autoritären Töne die Debat­ten der näch­sten Wochen in einem der­ar­ti­gen Über­maß mit­prä­gen, dass der Diskurs ins­ge­samt noch weit­er nach rechts rutschen kön­nte. Prof­i­tieren würde davon über die Bun­de­spräsi­dentschaftswahl hin­aus die FPÖ.