Geschichtsvergessene Burschenschafter

Die Debatte um das Geschichtsbild der deutschen Burschenschafter geht weiter. Im „Standard“, der sich am Samstag ausführlich mit den Burschenschaften beschäftigte, durfte ein Burschenschafter im „Kommentar der anderen“ eine „Erregung von rechts“ absondern. In der „Presse“ erschien heute ein Leserbrief von Andreas Peham (DÖW), den wir hier wiedergeben.


Hirn weg, Mensur erfolgreich

Das Eingehen auf Argumente und Fakten ist nicht so die Sache der Burschenschafter. Geht’s um ihre eigene Geschichte, werden die immer gleichen Stereotype ausgegraben, die auch durch Wiederholung nicht besser werden. Ein prächtiges Beispiel dafür ist der Kommentar von Martin Standl im „Standard“. Ausgerechnet ein Burschenschafter der Suevia Innsbruck, die sich seit Jahren beharrlich weigert, ihrem ehrenden Gedenken für den Nazi-Mörder Gerhard Lausegger zu entsagen, schreibt, dass sich einige Verbindungen wohl auch den Vorwurf gefallen lassen müssen, „sich halbherzig oder gar nicht von Mitgliedern distanziert zu haben, deren Taten mit burschenschaftlichen Werten absolut unvereinbar sind“. Sind die Taten von Lausegger mit „burschenschaftlichen Werten“ vereinbar? Warum distanziert sich die Suevia nicht von ihm? Diese konkreten Antworten bleibt Standl schuldig, brabbelt stattdessen über den „unseligen Antisemitismus“, der sich „bis in die Mitte der bürgerlichen Gesellschaft“ ausbreitete und „vergisst“ dabei leider zu erwähnen, dass die deutschen Burschenschaften und hier vor allem die der „Ostmark“ die Speerspitze des rassistischen Antisemitismus bildeten.

Andreas Peham vom DÖW antwortet heute in der „Presse“ in einem Leserbrief nicht auf Standl, sondern auf einen anderen Burschenschafter. Rainer Wolbank, Alter Herr der Grazer Burschenschaft Arminia, hatte sich an einer wehleidigen Replik auf Raimund Fastenbauer versucht und dabei einige Fakten falsch interpretiert.

Hier die Antwort von Andreas Peham:


Als leidenschaftlicher Gegner des Burschenschafterunwesens müsste ich Herrn Wolbank eigentlich dankbar sein: Mit seiner plumpen Apologie jenseits historischer Tatsachen macht er es einem leicht, das deutsch-völkische Milieu als „ewiggestrig“ und uneinsichtig vorzuführen. Anstatt seine Geschichtsvergessenheit (oder schreibt Herr Wolbank wider besseres Wissens?) zu demonstrieren hätte er bei einigen wenigen seiner Waffenbrüder (wie etwa Günter Cerwinka oder Harald Seewann) nachfragen sollen, denn bei diesen wäre etwa zu erfahren, dass der rassistische Antisemitismus nicht einfach als Folge „gesellschaftspolitische[r] Entwicklung[en]“ auch die Burschenschaften affiziert hat, sondern vielmehr maßgeblich von diesen ausgegangen ist. Gleiches gilt für die Waidhofener Beschlüsse von 1896, in welchen die bereits judenreinen Burschenschaften den tatsächlich wegen ihrer Fechtkenntnisse und „ihres Mutes gefürchtet[en]“ Juden die Satisfaktionsfähigkeit abgesprochen und sie somit in Ehrangelegenheiten für vogelfrei erklärt haben. „Nonsens“ ist vielmehr auch, die „direkten Verbindung[en]“ zwischen Burschenschaften und Nationalsozialismus zu leugnen. Oder, am Beispiel von Wolbanks Arminia: War nicht der hingerichtete NS-Hauptkriegsverbrecher Ernst Kaltenbrunner Alter Herr dieser Verbindung? Hat nicht einer der Blutzeugen der NS-Bewegung, der Putschist Leo Mardaunig, sich seine Schmisse ebenfalls bei der Arminia geholt? Schließlich, gliederte sich die Arminia nicht 1941 als Kameradschaft Leo Mardaunig in den Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund ein? Dass Küssel und Budin wie ein Großteil der Führungskader des heimischen Neonazismus sehr wohl dem deutsch-völkischen Korporationswesen entstammen – nämlich dem Corps Danubo Markomannia bzw. der Wiener pennalen Burschenschaft Germania – sei abschließend nur der Vollständigkeit halber erwähnt.