Hans-Henning Scharsach: Sie sind dem Nationalsozialismus treu geblieben

Lesezeit: 6 Minuten

Hans Hen­ning Schar­sach, öster­rei­chi­scher Jour­na­list und Autor („Hai­ders Kampf“) hat am 27.1.2012 bei der Kund­ge­bung gegen Rechts­extre­mis­mus und den WKR-Ball am Wie­ner Hel­den­platz eine Rede gehal­ten, die er uns freund­li­cher­wei­se zur Ver­fü­gung gestellt hat.

Die Burschenschaften … dem Nationalsozialismus treu geblieben

Lie­be Freun­din­nen und Freunde,

die­se Bla­ma­ge hät­te sich die Repu­blik Öster­reich erspa­ren kön­nen: Aus­ge­rech­net am Ausch­witz-Gedenk­tag trifft sich Euro­pas Eli­te der Ausch­witz-Leug­ner zum Tanz in der Wie­ner Hofburg.

Die Bur­schen­schaf­ten, die aus ganz Öster­reich zu die­sem Ball anrei­sen, haben nach dem Zwei­ten Welt­krieg das Mot­to der SS beher­zigt: „Uns­re Ehre heißt Treue“.

Und sie sind treu geblie­ben. Sie sind dem Natio­nal­so­zia­lis­mus treu geblie­ben. Kei­ner der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­cher wur­de aus sei­ner Ver­bin­dung ausgeschlossen.

  • Die Inns­bru­cker „Ger­ma­nia“, die lan­ge Jah­re als Speer­spit­ze des uni­ver­si­tä­ren Anti­se­mi­tis­mus gewirkt hat­te, führt den Eutha­na­sie­arzt und Kom­man­dant des Ver­nich­tungs­la­gers Treb­linka, Irm­fried Eberl, wei­ter in ihren Mitgliederlisten.
  • Die Gra­zer „Armi­nia“ steht in Treue fest zu ihrem wegen viel­fa­chen Mor­des hin­ge­rich­te­ten Bun­des­bru­der Ernst Kal­ten­brun­ner, der als Chef des Reichs­si­cher­heits­haupt­am­tes zu den Zen­tral­fi­gu­ren der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ter­ror- und Tötungs­ma­schi­ne­rie gezählt hatte.
  • Die Inns­bru­cker „Sue­via“ hält Ger­hard Lau­seg­ger die Treue, der in der „Reichs­kris­tall­nacht“ ein Roll­kom­man­do gelei­tet hat­te, das den Vor­sit­zen­den der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de ermor­de­te. Die Bur­schen­schaft ver­wei­ger­te auch die Löschung von Lau­seg­gers Namen auf ihrem „Ehren­mal“ am West­fried­hof, weni­ge Meter vom jüdi­schen Fried­hof entfernt.
  • Her­mann Rich­ter, SS-Ober­sturm­bann­füh­rer, der als KZ-Arzt in Gusen und Dach­au gesun­den Lager­in­sas­sen Orga­ne ent­nahm, um zu tes­ten, wie lan­ge die Gefol­ter­ten ohne die­se über­le­ben konn­ten, wur­de aus der „Sän­ger­schaft Skal­den“ eben­so wenig aus­ge­schlos­sen wie
  • Fer­di­nand von Sam­mern-Fran­ken­egg, SS-Poli­zei­füh­rer des Distrik­tes War­schau, per­sön­lich ver­ant­wort­lich für die Ermor­dung von min­des­tens 1000 und für die Depor­ta­ti­on von 55.000 Jüdin­nen und Juden.
  • Anton Jerz­a­bek, Füh­rer des Anti­se­mi­ten-Bun­des, blieb Mit­glied der seit 1889 „juden­rei­nen“ Olym­pia, die den Ari­er-Para­gra­phen bis heu­te ver­tei­digt hat.
  • Georg Rit­ter von Schö­ne­rer, Begrün­der des Ras­sen-Anti­se­mi­tis­mus, blieb „Ehren­bursch“ der Inns­bru­cker „Ger­ma­nia“ und eini­ger ande­rer Verbindungen.

Nach dem Krieg sind aus Öster­reichs Bur­schen­schaf­ten eine Rei­he von Män­nern her­vor­ge­gan­gen, die jeder Öster­rei­cher kennt:

  • Der Nazi-Ter­ro­rist Nor­bert Bur­ger beispielsweise,
  • Gott­fried Küs­sel, der einst brau­ne Batail­lo­ne für den Stra­ßen­kampf aus­bil­de­te, für die Wie­der­zu­las­sung der NSDAP kämpf­te und schon wie­der wegen Wie­der­be­tä­ti­gung vor Gericht steht,
  • der Ausch­witz-Leug­ner Gerd Hon­sik, des­sen Natio­na­le Front die Demo­kra­tie besei­ti­gen und das Deut­sche Reich wie­der her­stel­len wollte,
  • Franz Radl, wegen natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Wie­der­be­tä­ti­gung ver­ur­teil­ter Spre­cher des Wie­ner Kor­po­ra­ti­ons­rin­ges, der Ver­an­stal­ter die­ses Bal­les ist.

Bur­schen­schaf­ten waren an Par­tei­grün­dun­gen beteiligt.

  • Aus der Olym­pia, der Mar­tin Graf, drit­ter Prä­si­dent des Natio­nal­rats ange­hört, ist die neo­na­zis­ti­sche NDP her­vor­ge­gan­gen, deren Pro­gramm „in wesent­li­chen Kern­punk­ten mit den Zie­len der NSDAP über­ein­stimm­te“ wie der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof urteilte-
  • Gemein­sam mit Horst Jakob Rosen­kranz, dem Ehe­mann der Stra­che-Stell­ver­tre­te­rin Bar­ba­ra Rosen­kranz, haben Bur­schen­schaf­ter die Lis­te „Nein zur Aus­län­der­flut“ gegrün­det. Das war der Ver­such, die füh­ren­den Expo­nen­ten der gewalt­be­rei­ten Neo­na­zi­sze­ne zur Par­tei zu bün­deln und in den Natio­nal­rat ein­zu­zie­hen. Auch er ist am Ver­bot durch den Ver­fas­sungs­ge­richts­hof gescheitert.

Die Bur­schen­schaf­ten haben ihre Ver­bun­den­heit mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus immer wie­der demons­tra­tiv zur Schau gestellt. Der Dach­ver­band „Deut­sche Bur­schen­schaft in Öster­reich“ (DBÖ) hat einst Hit­lers Stell­ver­tre­ter Rudolf Heß für den Frie­dens­no­bel­preis vor­ge­schla­gen. Der Flug nach Schott­land dien­te da nur als Ali­bi. Es war etwas ande­res, was Rudolf Hess von allen ande­ren Nazi-Füh­rern unter­schied, die sich vor dem Nürn­ber­ger Kriegs­ver­bre­cher­tri­bu­nal ver­tei­di­gen muss­ten. Er war der ein­zi­ge, der kei­ne Reue zeig­te. Noch im Schluss­wort beton­te er:

„Ich bereue nichts. Stün­de ich wie­der am Anfang, wür­de ich wie­der han­deln, wie ich gehan­delt habe, selbst wenn ich wüss­te, dass am Ende ein Schei­ter­hau­fen für mei­nen Flam­men­tod bereit stünde.“

Die­ses Bekennt­nis zu den NS-Ver­bre­chen hat ihn zu einer Iko­ne des Neo­na­zis­mus wer­den las­sen. Dass die Deut­sche Bur­schen­schaft in Öster­reich die­sen Mann für den Frie­dens­no­bel­preis vor­schlägt, ist nichts ande­res als ein demons­tra­ti­ves Bekennt­nis zu den Ver­bre­chen der Nazis.

Schau­en wir uns an, wel­che Refe­ren­ten zu den soge­nann­ten Bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen der Bur­schen­schaf­ten ein­ge­la­den wer­den: Da ist die Eli­te der ras­sis­ti­schen und anti­se­mi­ti­schen Het­zer, die Eli­te der brau­nen Geschichts­fäl­scher, die Eli­te der Holo­caust-Leug­ner vertreten.

Und wen laden die Bur­schen­schaf­ten ein, wenn es um Gesel­lig­keit geht?

  • Da lässt sich etwa die Olym­pia von dem vor­be­straf­ten Neo­na­zi-Bar­den Frank Ren­ni­cke unter­hal­ten, der in sei­nen Bal­la­den Adolf Hit­ler- und Rudolf Heß glorifiziert.
  • Oder vom vor­be­straf­ten Micha­el Mül­ler, der den Udo-Jür­gens-Song umge­dich­tet hat:
    „Mit sechs Mil­lio­nen Juden, da fängt der Spaß erst an,
    bis sechs Mil­lio­nen Juden da bleibt der Ofen an
  • Oder vom eben­falls vor­be­straf­ten Jörg Häh­nel, der die Mor­de an Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht, als „muti­gen Ein­satz“ für den Demo­kra­tie­er­halt“ gebil­ligt hat.

Wer­fen wir kurz einen Blick auf jene Medi­en, die von Bur­schen­schaf­tern für Bur­schen­schaf­ter geschrie­ben wer­den. Da lesen wir näm­lich schwarz auf weiß, wo die Bur­schen­schaf­ten stehen:

  • Da ist das Bur­schen­schaf­ter-Organ „Aula“, in dem Alt- und Neo­na­zis, Anti­se­mi­ten, Geschichts­fäl­scher neben Spit­zen­po­li­ti­kern der FPÖ zu Wort kom­men. Die Aula ist wegen Ver­brei­tung der Ausch­witz-Lüge rechts­kräf­tig ver­ur­teilt. Und sie nimmt Holo­caust-Leug­ner gegen die angeb­li­che „Gesin­nungs­jus­tiz“ in Schutz
  • Da ist „Zur Zeit“ des frei­heit­li­chen Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Andre­as Möl­zer, die eben­falls wegen Ver­brei­tung der Holo­caust-Lüge ver­ur­teilt ist.
  • Und da ist der Eck­art, der die Ausch­witz­lü­ge eben­falls ver­brei­tet hat – aber nicht ver­ur­teilt wur­de, viel­leicht weil in der Lands­mann­schaft, die ihn her­aus gibt, pro­mi­nen­te Bur­schen­schaf­ter und FPÖ-Poli­ti­ker sit­zen. Heu­te ist es der drit­te Prä­si­dent des Wie­ner Land­tags, Johann Herzog.

Und jetzt wer­fen wir zum Abschluss noch einen Blick auf die illus­tre Lis­te der inter­na­tio­na­len Ehren­gäs­te, die die­sen Ball in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mit ihren Besu­chen aus­ge­zeich­net haben.

  • Da ist Jean Marie Le Pen, mehr­fach vor­be­straf­ter Füh­rer des Front Natio­nal, der sich einst durch den Ver­trieb von Nazi-Lie­dern über Was­ser hielt.
  • Da ist sein Par­tei­freund Bru­no Goll­nisch, der sich wegen Holo­caust-Leug­nung mehr­fach vor Gericht ver­ant­wor­ten muss­te und sei­ner Uni­ver­si­tät ver­wie­sen wur­de. Wann immer in Frank­reich ein jüdi­scher Fried­hof geschän­det wird oder eine Syn­ago­ge in Flam­men auf­geht, sucht und fin­det die Poli­zei die Täter im Umfeld des „Front National“.
  • Da sind die Ehren­gäs­te der bel­gi­schen Natio­na­lis­ten, die sich als Vlaams-Blok auf­lö­sen muss­ten, um einem Par­tei­en­ver­bot zuvor zu kom­men und die sich danach als Vlaams Belang neu grün­de­te. Die­se Par­tei steht in der Tra­di­ti­on der SS-Vete­ra­nen, kämpft für die Reha­bi­li­ta­ti­on der Nazi-Kol­la­bo­ra­teu­re und hat sei­nen Wahl­par­tei­tag einst demons­tra­tiv an Hit­lers Todes­tag veranstaltet.
  • Da sind die mili­tan­tes­ten Rechts­extre­men Ost­eu­ro­pas und die spa­ni­schen Faschisten.

Und nicht zuletzt sind da die Neo­na­zis der deut­schen NPD, in deren Medi­en die Holo­caust-Leug­nung einen fes­ten Platz hat und die mit den Holo­caust-Leug­nern ganz Euro­pas ver­netzt ist. Im Umfeld die­ser NPD hat das Mör­der­trio von Zwi­ckau Schutz und Hil­fe gefun­den. Weni­ge Wochen vor sei­nem Auf­tritt bei der „Olym­pia“ hat der Nazi-Bar­de und Hit­ler-Ver­herr­li­cher Frank Ren­ni­cke ein Bene­fiz-Kon­zert für die­se Natio­na­lis­ten gege­ben, denen min­des­tens zehn Mor­de zur Last gelegt werden.

Hans-Hen­ning Scharsach