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Lesezeit: 6 Minuten

„Importierte Gewalt“ im Freibad?

Rech­te Akteu­re sti­li­sie­ren Ein­zel­fäl­le in Frei­bä­dern zu einem Nar­ra­tiv „impor­tier­ter Gewalt“. Wie selek­ti­ve Fall­aus­wahl, Aus­las­sun­gen und Wie­der­ho­lun­gen ras­sis­ti­sche Deu­tungs­mus­ter erzeu­gen – und war­um die Daten­la­ge ein deut­lich kom­ple­xe­res Bild zeichnet.

3. Juli 2026
Rechte Schlagzeilen für das rassistische Narrativ
Rechte Schlagzeilen für das rassistische Narrativ

„Frei­bä­der ver­kom­men zu Migran­ten-Hot­spots“, wo „Öster­rei­cher und vor allem die Kin­der im Sti­che“ gelas­sen wür­den, sie wür­den gar zum „Frei­bad-Hor­ror“ fabu­lier­ten zuletzt der FPÖ-Funk „Aus­tria First“ und der Ver­schwö­rungs­ka­nal AUF1. Es ist mitt­ler­wei­le fast ein Auto­ma­tis­mus: Stei­gen im Früh­jahr die Tem­pe­ra­tu­ren und öff­nen die Frei­bä­der, trom­meln die Rech­ten für den Schutz „unse­rer Frau­en und Kin­der“ vor sexu­el­len Über­grif­fen ver­meint­li­cher Migran­ten. Viel zu vie­le Frau­en und Mäd­chen wer­den in ihrem Leben Opfer sexua­li­sier­ter Gewalt – auch im Frei­bad. In der rech­ten Erzäh­lung aber steht nicht die Gewalt im Mit­tel­punkt, son­dern die Aus­wahl der Täter. Aus tau­sen­den Fäl­len sexua­li­sier­ter Gewalt wer­den jene her­aus­ge­grif­fen, die sich mit Migrant:innen ver­knüp­fen las­sen. So ent­steht Schritt für Schritt das Nar­ra­tiv einer „impor­tier­ten Gewalt“ im Freibad.

Importierte Vorfälle

Ein Bei­spiel ist Man­fred Haim­buch­ner von der FPÖ Ober­ös­ter­reich. Der ließ zuletzt sei­ne Face­book-Fans dar­über abstim­men, ob es eine Deutsch­pflicht im Frei­bad brau­che. „Bur­k­in­is, Benimm­re­geln auf Ara­bisch bis hin zu Beläs­ti­gun­gen“ – so schlägt Haim­buch­ner auf Face­book die Brü­cke zu The­men, die wenig mit­ein­an­der zu tun haben. Als Anlass­fall dien­te dem ober­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­haupt­mann-Stell­ver­tre­ter ein medi­al dis­ku­tier­ter Fall aus dem deut­schen Halle/Saale. Dort hat­te der Betrei­ber des Hei­de­bads ange­kün­digt, zukünf­tig nur mehr deutsch­spra­chi­gen Gäs­ten Ein­lass zu gewäh­ren. Als Recht­fer­ti­gung wur­de die Sicher­heit der Bade­gäs­te vor­ge­scho­ben, ras­sis­ti­sche Moti­ve wur­den bestrit­ten. Nach wochen­lan­ger Dis­kus­si­on folg­te die nahe­lie­gen­de Lösung: Der Betrei­ber einig­te sich mit der Stadt dar­auf, zukünf­tig mehr­spra­chi­ge Hin­weis­ta­feln zu instal­lie­ren. Die­sen Kom­pro­miss the­ma­ti­sier­te Haim­buch­ner, der auch sonst bei der Fak­ten­treue schwä­chelt, nicht. Kein Wun­der, denn Kom­pro­mis­se schaf­fen kei­ne Aufreger!

Ein Jahr zuvor nutz­te die FPÖ einen ande­ren Anlass­fall, wie­der im Aus­land, um gegen Migrant:innen in öffent­li­chen Bädern zu het­zen. Im Som­mer 2025 hat­te ein Schwei­zer Städt­chen Bade­gäs­ten ohne Schwei­zer Pass den Zutritt ver­wehrt. Das wur­de von Rech­ten euro­pa­weit gefei­ert. Die FPÖ ver­dreh­te die Sach­la­ge in Fol­ge gehö­rig: „Laut einer OGM-Umfra­ge für Ser­vus TV sind 59 Pro­zent der Öster­rei­cher für ein aus­län­der­frei­es Schwimm­bad. In der Schweiz gibt es ein sol­ches bereits.“ Das war aber falsch, denn die erwähn­te Umfra­ge folg­te einer ganz ande­ren Fra­ge­stel­lung. Und: Ein „aus­län­der­frei­es Schwimm­bad“ gibt es auch in der Schweiz nicht. Die­se argu­men­ta­ti­ven Schwä­chen stö­ren die FPÖ aber nicht wei­ter, denn allein mit den Buz­zwords „Schwimm­bad“, „sexu­el­le Beläs­ti­gung“ und „Aus­län­der“ lässt sich gut Reich­wei­te erzie­len und Stim­mung machen.

Durch die gemein­sa­me Nen­nung wer­den ursprüng­lich unab­hän­gi­ge Begrif­fe seman­tisch mit­ein­an­der ver­knüpft. Aus wie­der­hol­ter Asso­zia­ti­on wird schein­ba­re Evi­denz. Über­grif­fe durch Öster­rei­cher wer­den gar nicht erst the­ma­ti­siert, jene von Nicht-Öster­rei­chern jedoch maxi­mal breitgetreten.

Genese eines Narrativs

Inter­es­sant ist aber, wie die Rech­ten auf die Het­ze mit dem Vehi­kel Frei­bad gekom­men sind. Sehr lan­ge gibt es die mas­sen­haf­ten Posts, Aus­sen­dun­gen oder „Son­der­sen­dun­gen“ auf rech­ten Kanä­len im Som­mer noch nicht.

Das änder­te sich 2022: Pünkt­lich zu Beginn der Bade­sai­son for­der­te die stei­ri­sche FPÖ-Frau­en­spre­che­rin Hel­ga Krü­gerl: „Sexu­el­ler Beläs­ti­gung im Schwimm­bad den Kampf ansa­gen!“ Dass Frau­en und Mäd­chen immer wie­der, und auch im Frei­bad, sexu­el­ler Beläs­ti­gung aus­ge­setzt sind, ist eine trau­ri­ge Rea­li­tät. Krü­gerl nann­te in ihrer Aus­sendung jedoch nur ein Bei­spiel, und das war damals schon sechs Jah­re alt: Im Som­mer 2016 soll ein 45-jäh­ri­ger Afgha­ne im Frei­bad Juden­burg zwei Mäd­chen sexu­ell beläs­tigt haben.

So rich­tig ging die rech­te Frei­bad-Kam­pa­gne aber erst zwei Jah­re spä­ter los, nach­dem im Erleb­nis­bad Trais­kir­chen meh­re­re Kin­der von zwei Asyl­wer­bern sexu­ell beläs­tigt wur­den. In einer Aus­sendung wet­ter­te der nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Lan­des­haupt­frau-Stell­ver­tre­ter der FPÖ, Udo Land­bau­er, gegen „lin­ke Gut­men­schen“, die schuld dar­an sei­en, dass „angeb­lich trau­ma­ti­sier­te Asyl­wer­ber unse­re Schwächs­ten in der Gesell­schaft“ trau­ma­ti­sie­ren wür­den. Asyl­wer­ben­de wer­den unter Gene­ral­ver­dacht gestellt, man ver­passt ihnen eine Kol­lek­tiv­schuld, wäh­rend öster­rei­chi­sche Gewalt­tä­ter kon­se­quent aus­ge­blen­det wer­den. Und damit wären wir beim Patent zur Stim­mungs­ma­che, das sich bis heu­te hält, ja zuneh­mend ver­fei­nert wird.

In einer par­la­men­ta­ri­schen Anfra­ge im Som­mer 2024 bringt Land­bau­ers Par­tei­kol­le­ge und Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ter Harald Ste­fan poli­zei­lich kol­por­tier­te „17 Vor­fäl­le in Wie­ner Frei­bä­dern“ (ohne Staats­an­ge­hö­rig­keit der Täter!) mit von ihm gefor­der­ten Abschie­bun­gen in einen Sinn­zu­sam­men­hang. Ste­fan fan­ta­siert von einer „Wel­le sexu­el­ler Beläs­ti­gun­gen“, für wel­che „die Mas­sen­ein­wan­de­rungs­po­li­tik der Lud­wig-SPÖ“ ver­ant­wort­lich sei.

Statistische Schieflage eines Narrativs

Dass rund ein Vier­tel aller Frau­en und Mäd­chen in ihrem Leben sexu­el­le Über­grif­fe erle­ben muss, und 90 Pro­zent davon„in der Fami­lie und im sozia­len Nah­raum“ statt­fin­den, ist eine trau­ri­ge Tat­sa­che. Dass die Poli­zei kei­ne Sta­tis­ti­ken führt, wie vie­le davon in Frei­bä­dern statt­fin­den, ist auch ein Fakt. Dass aber Nicht-Öster­rei­cher die ein­zi­ge Gefahr für Frau­en und Mäd­chen sei­en, ist schlicht gelogen.

In der Kri­mi­nal­sta­tis­tik 2023 wer­den 1.287 ange­zeig­te Ver­ge­wal­ti­gun­gen gezählt – bei 427 Tat­ver­däch­ti­gen ohne öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft. Das liegt über dem Schnitt der Bevöl­ke­rung, die rund ein Fünf­tel Einwohner:innen ohne öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft zählt. Zwar sind Aus­län­der in der Kri­mi­na­li­täts­sta­tis­tik grund­sätz­lich über­re­prä­sen­tiert, die Täter­pro­fi­le kor­re­lie­ren aber nicht nur mit Staats­bür­ger­schaft, son­dern auch mit Aus­gren­zung, Armut und ande­ren Risi­ko­fak­to­ren. Die Rech­nung berück­sich­tigt eben­falls nicht, dass Nicht-Österreicher:innen auch Tourist:innen oder Deut­sche auf Dienst­rei­sen inklu­diert. Eben­falls nicht sicht­bar sind dar­in gegen­läu­fi­ge Zah­len, wie etwa, dass bei den 13 Femi­zi­den im lau­fen­den Jahr in Öster­reich kein ein­zi­ger Täter ohne öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger­schaft auf­poppt. Das hat unlängst Ste­fan Leng­lin­ger vom ORF auf Insta­gram erklärt.

 

Sieh dir die­sen Bei­trag auf Insta­gram an

 

Ein Bei­trag geteilt von Ste­fan Leng­lin­ger (@stefan.lenglinger)

Ihrem eige­nen Frau­en- und Kin­der­schutz-Argu­ment wider­spricht die FPÖ selbst mit ihren Hand­lun­gen. Etwa, wenn durch die FPÖ-geführ­te stei­ri­sche Lan­des­re­gie­rung Pro­jek­te für Gewalt- und Extre­mis­mus­prä­ven­ti­on oder Opfer­schutz die finan­zi­el­len För­de­run­gen gestri­chen werden.

Bewusste Auslassungen

Sind die mut­maß­li­chen Täter die „fal­schen“ Aus­län­der, also kei­ne Afgha­nen, Syrer oder Tür­ken, schwei­gen sich die rech­ten Kin­der­schüt­zer kon­se­quent aus. Als etwa im Jahr 2022 ein Deut­scher wegen des sexu­el­len Miss­brauchs meh­re­rer Kin­der in Kla­gen­furt ver­ur­teilt wur­de, oder wenn die Täter aus den eige­nen Rei­hen kom­men, will man nichts davon wissen.

Als das FPÖ-Radio kürz­lich sug­ges­tiv frag­te „Sind unse­re Kin­der Frei­wild im Frei­bad?“, begann der frei­heit­li­che Sicher­heits­spre­cher Ger­not Darm­ann sei­ne Ant­wort mit: „Allein die Tat­sa­che, dass wir uns in der heu­ti­gen Zeit auf­grund der Viel­zahl an migran­ti­schen Nöti­gun­gen, sexu­el­len Beläs­ti­gun­gen bis hin zu Über­grif­fen gegen Mäd­chen und Frau­en in Frei­bä­dern zu die­sem The­ma über­haupt unter­hal­ten müssen …“

Dem aber muss wider­spro­chen wer­den. Nicht die Zahl der Über­grif­fe steht im Zen­trum der Erzäh­lung der Rech­ten, son­dern die Aus­wahl der Täter. Aus tau­sen­den Fäl­len sexua­li­sier­ter Gewalt wer­den jene her­aus­ge­grif­fen, die sich mit den übli­chen rech­ten Kern­the­men ver­knüp­fen las­sen. Durch andau­ern­de Wie­der­ho­lung ent­steht das Nar­ra­tiv, sexua­li­sier­te Über­grif­fe im Frei­bad sei­en vor allem ein impor­tier­tes Pro­blem. Auch wenn die Daten ein wesent­lich kom­ple­xe­res Bild zeigen.

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