Vom VAPO-Wehrsportchef zurück auf der Anklagebank
„Es geht hier nicht um die politische Biographie meines Mandanten und auch nicht darum, dass er vor 30 Jahren schon verurteilt wurde und eine Haftstrafe verbüßte. Er gilt jetzt als rechtlich unbescholten.“ Der Amtsverteidiger von Hans Jörg Schimanek Junior hatte Montagvormittag am Wiener Straflandesgericht alle Mühe, seinen Mandanten den Geschworenen gegenüber in einem guten Licht erscheinen zu lassen. Denn Hans Jörg Schimanek Junior ist wahrlich kein Unbekannter.
Einst war er Wehrsportchef bei Küssels „Volkstreuer Außerparlamentarischer Opposition“ (VAPO) und brachte Kameraden bei, wie man politischen Gegnern die Kehle durchschneidet. 1995 wurde er wegen nationalsozialistischer Widerbetätigung verurteilt und musste deswegen in Haft. An diesem Montagvormittag stand Schimanek wieder wegen Verstößen gegen das Verbotsgesetz vor Gericht. Und gab sich nach außen sichtlich geläutert. Doch wie kam es überhaupt zu der Anklage?
Die Spur nach Sachsen: „Sächsische Separatisten“ und Familie Schimanek
Ausganspunkt waren Ermittlungen in Deutschland gegen die sogenannten „Sächsischen Separatisten“, eine Gruppe von Neonazis, die mutmaßlich rechtsterroristische Anschläge vorbereitete und plante, ethnische Säuberungen durchführten wollte, um in Teilen Ostdeutschlands am Tag X die Macht zu ergreifen. Die deutsche Bundesanwaltschaft wirft ihnen vor, ein am Nationalsozialismus orientiertes Gesellschaftssystem dabei als Zeil angestrebt zu haben.
Die Spuren der Gruppe führten die Ermittler nach Österreich. Denn bei dem Hauptbeschuldigten handelt es sich um den ältesten Sohn von Hans Jörg Schimanek Junior. Der sitzt gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder und sechs weiteren Mitgliedern der mutmaßlichen terroristischen Vereinigung in deutscher Untersuchungshaft und derzeit in Dresden vor Gericht. Aus Amtshilfe für die deutschen Behörden wurden im November 2024 die Wohnadressen der Brüder René und Hans Jörg Schimanek durchsucht. Bei beiden wurden NS-Devotionalien sichergestellt, in Langenlois sogar Waffen und Munition. Die dortige Liegenschaft sollte den mutmaßlichen Rechtsterroristen den Ermittlern Zufolge als Rückzugsort dienen.
Ein Teil des Fundus, den die Beamten in der Gemeindebauwohnung von Hans Jörg Schimanek Junior in Wien Floridsdorf beschlagnahmten, war nun Gegenstand des Verfahrens wegen Paragraph 3g des Verbotsgesetzes, dem Verbot nationalsozialistischer Widerbetätigung. Die Anklage umfasste fünf Punkte, darunter Bilder von SS- und Wehrmachtssoldaten samt Hakenkreuzen an der Uniform, eine Collage mit Bildern des Begräbnisses vom Sohn des Gauleiters Niederdonau in Krems samt „Todesrune“ und ein Portrait des hochdekorierten SS-Offiziers und Hitler-Adjutanten Heinrich Springer. In den Schränken und Schubladen fanden sich noch viele weitere NS-Devotionalien, die jedoch nicht zur Anklage gebracht wurden, da sie im Gegensatz zu den anderen Objekten nicht für die Öffentlichkeit sichtbar platziert wurden.

NS-Devotionalien im Gemeindebau: „historisches Interesse“ als Verteidigung
Warum man überhaupt sowas besitzt und dann noch damit seine Wohnung dekoriert, will der Richter Christoph Bauer wissen. Er sei historisch interessiert, antwortet Schimanek, alleine das Portrait des Hitler-Adjutanten Springer sei handschriftlich signiert und habe damit Seltenheitswert. Die 14 Bilder von SS-Soldaten seien das Werk des NS-Künstlers Wolfgang Willrich, der auch Zivilisten im Dritten Reich abbildete, so Schimanek. Auf einem anderen Bild sei der Cousin der Großmutter in Uniform zu sehen, ein familiäres Andenken quasi. Warum kein Bild von der Großmutter an der Wand hängt, fragt der Richter nach? Weil die Großmutter nicht in der Wehrmacht gedient hat und sein Interesse eben militärischer Natur sei, so die Antwort des Angeklagten.
Das Begräbnis vom Sohn des damaligen Gauleiters in Krems, was hat es damit auf sich? Das sei ein Geschenk zum 50. Geburtstag von seinem Vater gewesen – der pflegte bekanntlich ein ähnliches „historisches“ Interesse wie der Sohn. Hans Jörg Schimanek Senior war ein langjähriger FPÖ-Politiker, Landtagsabgeordneter und Stadtrat in Langenlois. Er verstarb kurz vor Weihnachten 2024. Seine Parte zierte das Irminsul-Symbol, das auch von der SS benutzt worden war. Wegen dieser Parte steht der andere Sohn Rene Schimanek am 11. März in Krems vor Gericht. Auch ihm wird nationalsozialistische Wiederbetätigung vorgeworfen. Und es war Hans Jörg Schimanek Senior der seinem Junior die Gemeindewohnung in Floridsdorf vermachte.
Die „Gaubeauftragten“-Urkunde und „niemanden anzünden“
Einen angeklagten Gegenstand kann Hans Jörg Schimanek Junior beim Prozess in Wien jedoch nicht mit seinem eigensinnigen „historischem Interesse“ erklären: Es handelt sich um eine Urkunde samt Reichsadler und Hakenkreuz, die der „Führer“ dem „Gaubeauftragten“ ausgestellt hat. Was es damit auf sich hat? Schimanek gibt zu, dass es sich beim „Gaubeauftragten“ um ihn selbst handelt und das Ganze ein Geburtstagspräsent sei, das ihm zum 40er überreicht wurde.
Also diese Urkunde reicht zurück in die 90er Jahre, fragt der Richter mit Blick auf Schimaneks Aktivitäten in der Neonaziszene und seine damalige Verurteilung etwas verwundert nach. Er hat mit diesem Verdacht schließlich nicht ganz Unrecht, denn „Gaubeauftragter“ war eine gängige Bezeichnung in Küssels VAPO. Schimanek meint dazu: „Nein, nein, das habe ich nach der Haft überreicht bekommen, dass müsste um 2003 gewesen sein.“ Wer ihm diese Urkunde überreichte, also wer der „Führer“ ist, das will Schimanek vor Gericht nicht sagen, „ich will niemanden anzünden“. Dass es sich dabei um ein Geschenk von Gottfried Küssel an seinen treuen Kameraden handelt, kann vermutet werden.
Denn auch nach seiner Zeit in der VAPO blieb Schimanek dem Neonazi-Führer Gottfried Küssel verbunden. 2009 etwa nahmen beide gemeinsam mit Neonazis aus Ostdeutschland beim Wehrmachts- und SS-Veteranentreffen am Kärntner Ulrichsberg teil und griffen dort antifaschistische Gegendemonstranten an. Im August 2023 wurde auch die jüngste Generation der Schimaneks gemeinsam mit deren Mutter Jana Schimanek in Wien bei Küssel vorstellig, wie Recherchen des „Standard” zeigen. Das alte Netzwerk hält scheinbar bis heute, die Kontakte von damals werden auch für die heutige Generation an jungen Neonazis reaktiviert und weitergegeben.

Für Wien Besuche hat zumindest der mittlere der Schimanek-Söhne die Wohnung des Vaters mit seiner Freundin genutzt. Vor Gericht gab der Angeklagte an, ihnen die Schlüssel zur Wohnung ausgehändigt zu haben. Auch einem Freund stellte Schimanek seine Wohnung zur Verfügung und übergab ihm den Schlüssel. Dieser war sogar über einen gewissen Zeitraum dort hauptwohnsitzlich gemeldet, hatte aber mit der Ausgestaltung der Wohnung nichts zu tun.
Hier waren sich auch Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Angeklagten einig: Die inkriminierten Gegenstände sind stolzes Eigentum von Hans Jörg Schimanek Junior. Schimanek warnte seine Gäste, dass in seinem Wohnbereich „verfassungsfeindliche Symbole“ ausgestellt seien. Diese störten sich jedoch nicht daran. Also war Schimanek bewusst, dass es sich um verbotene Symbole handelte, will der Richter wissen? Ja, aber er wollte damit keine NS-Propaganda betreiben und die Wohnung sei sein geschützter Privatbereich. Wie er zum Nationalsozialismus stehe, will der Staatsanwalt abschließend noch vom Angeklagten wissen? Der sei für ihn „geschichtlich erledigt“. Er selbst sei seit 30 Jahren politisch inaktiv.
Schuldspruch mit Bewährung: „ordentlicher Lebenswandel”
Die Geschworenen sahen das jedoch anders: Schimanek wurde in vier von fünf Anklagepunkten der nationalsozialistischen Widerbetätigung schuldig gesprochen. Der Richter sah zumindest in dem „ordentlichen Lebenswandel“ des Angeklagten einen Milderungsgrund, weshalb die 18-monatige Freiheitsstrafe auf drei Jahre Bewährung ausgesetzt wurde. Die Staatsanwaltschaft überdenkt das Urteil noch, damit ist es nicht rechtskräftig.
Von einem „ordentlichen Lebenswandel“ kann bei Schimanek hinsichtlich seiner ideologischen Überzeugungen jedenfalls keine Rede sein. Auch nach seiner Haftzeit hielt er Kontakt mit Gottfried Küssel, die Urkunde zu seinem Geburtstag zeigt, wie stolz er auf seine damalige Rolle als Wehrsportchef bei einer militanten Neonazi-Gruppe nach wie vor ist, sonst würde er sie nicht in seiner Wohnung präsentieren. In den Ermittlungsakten zu den „Sächsischen Separatisten“ taucht Hans Jörg Schimanek Junior als „ideologisches Vorbild“ für seine Söhne auf.
Der E‑Mail-Verkehr zwischen ihm, seinem Bruder René und dem Neonazi Sören Brühl, dessen Sohn ebenfalls im Umfeld der „Sächsischen Separatisten“ auftaucht, zeigt welches Weltbild dort vorherrschend ist: Mit „Üblicher Grüß“ wird sich hier verabschiedet, zu Hitlers Geburtstag verschickt Hans Jörg Schimanek ein Huldigungslied auf „unseren geliebten Führer“ – samt „GruSS“. Die veröffentlichten Mails führten letztes Jahr dazu, dass Bruder René seinen Job als Büroleiter des Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz abtreten musste.
Eine Reue seiner politisch motivierten Tathandlungen sieht jedenfalls anders aus. Nach dem Urteil lässt er die anwesenden Journalist:innen wissen, dass ihm der Schuldspruch keinesfalls verwundere, schließlich wisse er, „wie die hier ticken“. Einen gewissen Zweifel lässt sich dann auch der Richter anmerken, ob Schimanek es schaffen werde, die dreijährige Probezeit ohne weitere einschlägige Zwischenfälle zu überstehen. Sollte ihm das nicht gelingen, droht ihm eine mehrjährige Haftstrafe. Einen Bewährungshelfer hält der Richter im Fall Schimanek jedoch für überflüssig: „Sie sind alt genug, dass Sie wissen, was Sie tun.“
„Der Prozess wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung gegen Hans Jörg Schimanek ist mehr als ein Einzelfall. Dass Ermittlungen zu einer militanten Neonazi-Gruppe direkt ins Umfeld der FPÖ führen, zeigt einmal mehr, wohin Herbert Kickl die FPÖ geführt hat: Zu einer Partei, die sich nie von ihren braunen Wurzeln gelöst hat und offenbar auch nicht lösen will“, sagt der Rechtsextremismussprecher des Grünen Parlamentsklubs Lukas Hammer in einer der wenigen politischen Reaktionen auf das Urteil. Hammer war es auch, der die oben genannten E‑Mails mittels einer parlamentarischen Anfrage veröffentlicht hatte.
Nächster Halt: 11. März in Krems
Am 11. März steht der nächste Prozess vor der Tür, bei dem sich mit René Schimanek ein weiteres Familiemitglied wegen des Vorwurfs der nationalsozialistischen Widerbetätigung vor Gericht verantworten muss. Ob die FPÖ hier endlich Konsequenzen ziehen wird, bleibt abzuwarten. Schließlich ist René Schimanek bis heute Stadtrat für die FPÖ in Langenlois.
Update 3.3.26: Das Urteil ist mittlerweile laut „Standard (3.3.26) rechtskräftig.
Unabhängige Recherche ermöglichen...
Jetzt unterstützen »

