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Lesezeit: 4 Minuten

Wie die FPÖ Tirol mit Codes in Video-Clips Rassismus und NS-Mythen normalisiert

Bur­ger-King-Kro­nen, Ski­ro­man­tik, Nazi-UFOs: Die FPÖ Tirol spiel­te auf ihren Social Media-Kanä­len mit Codes, die Ras­sis­mus und NS-Mythen als „Memes“ tar­nen. Bemer­kens­wer­te Recher­chen von „cam­pus a“ zei­gen, wie Dog­whist­les funk­tio­nie­ren und war­um nun die Jus­tiz ermittelt.

22. Aug. 2025
Abwerzger mit Burger-King-Krone (Screenshot Instagram FPÖ Tirol)
Abwerzger mit Burger-King-Krone (Screenshot Instagram FPÖ Tirol)

Die Burger-King-Krone als Dogwhistle: „Burger King guy on plane“

Den Anfang der Wel­le mach­te am 13. Juni ein Video auf den offi­zi­el­len FPÖ Tirol-Kanä­len: Der blaue Lan­des­par­tei­chef Mar­kus Abwerz­ger setz­te sich eine Bur­ger-King-Kro­ne auf, dazu die Cap­ti­on „POV: FPÖ auf dem Weg zum Gate“ – für man­che ein augen­zwin­kern­des Rei­se-Meme. Wer das Ori­gi­nal kennt, ver­steht aller­dings eine ein­deu­ti­ge Anspie­lung: Das „Bur­ger King guy on plane“-Video aus 2021 war viral gegan­gen, auch mit Memes, die Aggres­sio­nen gegen Schwar­ze markieren.

Ein ame­ri­ka­ni­scher Mann mit einer Bur­ger-King-Kro­ne bekommt in einem Flug­zeug einen Wut­an­fall. Schrei­end bezeich­net er eine Schwar­ze Frau als „Bitch“ und belei­digt sie mehr­mals mit dem „N‑Wort“ ras­sis­tisch. Die Flug­be­glei­te­rin­nen ver­su­chen ver­zwei­felt, ihn zu beru­hi­gen, doch die Situa­ti­on eska­liert. Auf einem Video, auf dem ein Zeu­ge die Sze­ne fest­hält, ist zu sehen, wie der Mann auf­springt und sich auf eine Flug­be­glei­te­rin stürzt. Ob es zu tät­li­chen Angrif­fen kommt, ist unklar. Das Video macht die Run­den im Inter­net. (campus‑a.at, 10.7.25)

Cha­rak­te­ris­ti­scher Insi­der-Satz in den Kom­men­tar­spal­ten: „Ein Glas Was­ser bit­te.“ Unter dem FPÖ-Post häuf­ten sich genau sol­che Hin­wei­se, inklu­si­ve Anspie­lun­gen auf Skla­ven­han­del und Aus­peit­schun­gen. Die FPÖ Tirol ließ sie ste­hen. Funk­tio­nal ist das klas­si­sches „in-group signal­ing“ mit „plau­si­ble denia­bi­li­ty“: Nach außen bleibt es „nur Humor“, für Ein­ge­weih­te ist die Bot­schaft aller­dings klar.

NS-Esoterik im Pop-Gewand: Vril, „Reichsflugscheiben“, Agartha

Eine zwei­te „cam­pus a“-Ana­ly­se ord­net wei­te­re Moti­ve aus dem FPÖ-Video­re­per­toire ein: Clips zu der fik­ti­ven NS-Geheim­ge­sell­schaft „Vril“, zu „Reichs­flug­schei­ben“ (Nazi-UFOs) oder vor vira­len „Agartha“-Hintergründen (Mythos eines „ari­schen“ Erd­in­ne­ren). Die­se Moti­ve sind in der Ästhe­tik aktu­el­ler Trend-Edits gehal­ten: schnel­le Schnit­te, Tech­no/­Trance-Sounds, Kurz­auf­trit­te von Influen­cern – Pop-Iro­nie, die NS-Mytho­lo­gie ent­ta­bui­siert und gleich­zei­tig anschluss­fä­hig macht. Der Effekt ist eine Nor­ma­li­sie­rung vor­mals kla­rer No-Go-Sym­bo­le: Wer die Refe­ren­zen erkennt, fühlt sich bestä­tigt, wer sie nicht erkennt, sieht „bloß“ Internet-Quatsch.

In dem Clip erhielt Abwerz­ger fik­tiv einen Anruf von der soge­nann­ten „Vril-Gesell­schaft“. Ein Geheim­bund von rechts­extre­men Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern, der angeb­lich damals am Auf­stieg der Nazis betei­ligt war. Die Zugrif­fe schos­sen teil­wei­se durch die Decke. Die Kom­men­ta­re gin­gen in die Hun­der­te, eini­ge dazu haben es in sich. Dabei taucht öfters der Code „271 k“ auf. Die­se Zahl bedeu­tet unter Holo­caust-Leug­nern, dass nicht sechs Mil­lio­nen, son­dern „ledig­lich 271.000“ Jüdin­nen und Juden ermor­det wor­den sei­en. Ein Kom­men­tar ist mit einem Haken­kreuz ver­se­hen. (tirol.orf.at, 17.7.25)

Heimatidylle als „weißer Safe Space“

Beson­ders heim­tü­ckisch sind Clips, die mit vor­der­grün­di­ger Alpen- und Ski­ro­man­tik Codes trans­por­tie­ren: Auf­nah­men von Gon­deln, Pis­ten und Alm­wie­sen wer­den mit Phra­sen wie „Moham­med spawn rate 0“ ver­se­hen – ein Game-Jar­gon, der die „Spawn­ra­te“ (Auf­tauch-Rate) von Figu­ren beschreibt und „Moham­med“ als Chif­fre für Mus­li­me benutzt. Die Aus­sa­ge unter­halb der Schwel­le expli­zi­ter Het­ze: „Hier sind wir unter uns.“ So ver­schmilzt Hei­mat­kitsch mit dehu­ma­ni­sie­ren­dem Slang, und Ras­sis­mus wird in ver­meint­lich harm­lo­se Urlaubs­bil­der verpackt.

Kommentarspalten der FPÖ Tirol als Bühne der Radikalisierung

Die Inter­ak­ti­ons­kul­tur unter den Vide­os zeig­te, dass das FPÖ-Kal­kül auf­ge­gan­gen ist: Neben „Ein Glas Was­ser bit­te“ tauch­ten Aus­weich­schrei­bun­gen des N‑Worts und Anspie­lun­gen auf Gewalt auf – ein kol­lek­ti­ves „Wir erken­nen den Witz“. Die­se Ritua­li­sie­rung in Kom­men­ta­ren erzeugt ein Wir-Gefühl und ver­schiebt die Lini­en des Sag­ba­ren. Für Platt­form-Algo­rith­men sind es zudem posi­ti­ve Inter­ak­ti­ons­si­gna­le: Der Clip wird wei­ter gepusht, und Nutzer*innen erhal­ten im Anschluss weni­ger sub­ti­le, deut­lich extre­mis­ti­scher codier­te Inhalte.

Juristische Konsequenzen und ein Bauernopfer

Die Empö­rung blieb nicht nur medi­al: Har­sche Kri­tik folg­te von ÖVP, SPÖ, Grü­nen und Neos, die Staats­an­walt­schaft Inns­bruck bean­trag­te umge­hend die Auf­he­bung der Immu­ni­tät von Abwerz­ger, um Ermitt­lun­gen ein­lei­ten zu kön­nen. Der Tiro­ler Land­tag muss nun ent­schei­den, des­sen Immu­ni­täts­aus­schuss befasst sich damit nach der Som­mer­pau­se. Begrün­dung: Ver­dacht auf „ver­steck­te ras­sis­ti­sche und rechts­extre­me Bot­schaf­ten“ in Social-Media-Posts. Wenig spä­ter wur­de bekannt, dass die Inns­bru­cker Staats­an­walt­schaft auch gegen den FPÖ-Natio­nal­rat Chris­to­fer Ranz­mai­er ermit­teln will, er war mit einer Bur­ger-King-Kro­ne zur Ver­tei­di­gung Abwerz­gers angetreten.

Die bean­stan­de­ten Vide­os ver­schwan­den aus den blau­en Kanä­len. Schuld sei ein jun­ger Mit­ar­bei­ter gewe­sen, den man nun von die­ser Arbeit abge­zo­gen habe – ein durch­schau­ba­res Bau­ern­op­fer, als ob Mar­kus Abwerz­ger in die­sen Vide­os nie auf­ge­taucht wäre. Der Tiro­ler FPÖ-Gene­ral­se­kre­tär Patrick Haslwan­ter mein­te, „man neh­me die Ermitt­lun­gen der Staats­an­walt­schaft ‚tie­fen­ent­spannt‘ zur Kennt­nis“ (tirol.ORF.at, 17.7.25) und beteu­er­te in einem Video, dass die FPÖ nichts mit einer radi­ka­len Sze­ne zu tun habe. Bleibt bloß noch die Fra­ge, ob er über die­sen Witz selbst gelacht hat.

➡️ campus‑a.at, 10.7.25: FPÖ Tirol: Eklat um „Ras­sis­ti­sche Ent­glei­sung“ auf TikTok
➡️ campus‑a.at, 15.7.25: Ski­fah­ren als rechts­extre­mer Code & Nazi-Ufos der FPÖ Tirol

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Schlagwörter: FPÖ | Hetze | Holocaustleugnung/-verharmlosung | Neonazismus/Neofaschismus | Rassismus/Antimuslimischer Rassismus | Tirol | Verhetzung

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