Die Burger-King-Krone als Dogwhistle: „Burger King guy on plane“
Den Anfang der Welle machte am 13. Juni ein Video auf den offiziellen FPÖ Tirol-Kanälen: Der blaue Landesparteichef Markus Abwerzger setzte sich eine Burger-King-Krone auf, dazu die Caption „POV: FPÖ auf dem Weg zum Gate“ – für manche ein augenzwinkerndes Reise-Meme. Wer das Original kennt, versteht allerdings eine eindeutige Anspielung: Das „Burger King guy on plane“-Video aus 2021 war viral gegangen, auch mit Memes, die Aggressionen gegen Schwarze markieren.
Ein amerikanischer Mann mit einer Burger-King-Krone bekommt in einem Flugzeug einen Wutanfall. Schreiend bezeichnet er eine Schwarze Frau als „Bitch“ und beleidigt sie mehrmals mit dem „N‑Wort“ rassistisch. Die Flugbegleiterinnen versuchen verzweifelt, ihn zu beruhigen, doch die Situation eskaliert. Auf einem Video, auf dem ein Zeuge die Szene festhält, ist zu sehen, wie der Mann aufspringt und sich auf eine Flugbegleiterin stürzt. Ob es zu tätlichen Angriffen kommt, ist unklar. Das Video macht die Runden im Internet. (campus‑a.at, 10.7.25)
Charakteristischer Insider-Satz in den Kommentarspalten: „Ein Glas Wasser bitte.“ Unter dem FPÖ-Post häuften sich genau solche Hinweise, inklusive Anspielungen auf Sklavenhandel und Auspeitschungen. Die FPÖ Tirol ließ sie stehen. Funktional ist das klassisches „in-group signaling“ mit „plausible deniability“: Nach außen bleibt es „nur Humor“, für Eingeweihte ist die Botschaft allerdings klar.
NS-Esoterik im Pop-Gewand: Vril, „Reichsflugscheiben“, Agartha
Eine zweite „campus a“-Analyse ordnet weitere Motive aus dem FPÖ-Videorepertoire ein: Clips zu der fiktiven NS-Geheimgesellschaft „Vril“, zu „Reichsflugscheiben“ (Nazi-UFOs) oder vor viralen „Agartha“-Hintergründen (Mythos eines „arischen“ Erdinneren). Diese Motive sind in der Ästhetik aktueller Trend-Edits gehalten: schnelle Schnitte, Techno/Trance-Sounds, Kurzauftritte von Influencern – Pop-Ironie, die NS-Mythologie enttabuisiert und gleichzeitig anschlussfähig macht. Der Effekt ist eine Normalisierung vormals klarer No-Go-Symbole: Wer die Referenzen erkennt, fühlt sich bestätigt, wer sie nicht erkennt, sieht „bloß“ Internet-Quatsch.
In dem Clip erhielt Abwerzger fiktiv einen Anruf von der sogenannten „Vril-Gesellschaft“. Ein Geheimbund von rechtsextremen Verschwörungstheoretikern, der angeblich damals am Aufstieg der Nazis beteiligt war. Die Zugriffe schossen teilweise durch die Decke. Die Kommentare gingen in die Hunderte, einige dazu haben es in sich. Dabei taucht öfters der Code „271 k“ auf. Diese Zahl bedeutet unter Holocaust-Leugnern, dass nicht sechs Millionen, sondern „lediglich 271.000“ Jüdinnen und Juden ermordet worden seien. Ein Kommentar ist mit einem Hakenkreuz versehen. (tirol.orf.at, 17.7.25)
Heimatidylle als „weißer Safe Space“
Besonders heimtückisch sind Clips, die mit vordergründiger Alpen- und Skiromantik Codes transportieren: Aufnahmen von Gondeln, Pisten und Almwiesen werden mit Phrasen wie „Mohammed spawn rate 0“ versehen – ein Game-Jargon, der die „Spawnrate“ (Auftauch-Rate) von Figuren beschreibt und „Mohammed“ als Chiffre für Muslime benutzt. Die Aussage unterhalb der Schwelle expliziter Hetze: „Hier sind wir unter uns.“ So verschmilzt Heimatkitsch mit dehumanisierendem Slang, und Rassismus wird in vermeintlich harmlose Urlaubsbilder verpackt.
Kommentarspalten der FPÖ Tirol als Bühne der Radikalisierung
Die Interaktionskultur unter den Videos zeigte, dass das FPÖ-Kalkül aufgegangen ist: Neben „Ein Glas Wasser bitte“ tauchten Ausweichschreibungen des N‑Worts und Anspielungen auf Gewalt auf – ein kollektives „Wir erkennen den Witz“. Diese Ritualisierung in Kommentaren erzeugt ein Wir-Gefühl und verschiebt die Linien des Sagbaren. Für Plattform-Algorithmen sind es zudem positive Interaktionssignale: Der Clip wird weiter gepusht, und Nutzer*innen erhalten im Anschluss weniger subtile, deutlich extremistischer codierte Inhalte.
Juristische Konsequenzen und ein Bauernopfer
Die Empörung blieb nicht nur medial: Harsche Kritik folgte von ÖVP, SPÖ, Grünen und Neos, die Staatsanwaltschaft Innsbruck beantragte umgehend die Aufhebung der Immunität von Abwerzger, um Ermittlungen einleiten zu können. Der Tiroler Landtag muss nun entscheiden, dessen Immunitätsausschuss befasst sich damit nach der Sommerpause. Begründung: Verdacht auf „versteckte rassistische und rechtsextreme Botschaften“ in Social-Media-Posts. Wenig später wurde bekannt, dass die Innsbrucker Staatsanwaltschaft auch gegen den FPÖ-Nationalrat Christofer Ranzmaier ermitteln will, er war mit einer Burger-King-Krone zur Verteidigung Abwerzgers angetreten.
Die beanstandeten Videos verschwanden aus den blauen Kanälen. Schuld sei ein junger Mitarbeiter gewesen, den man nun von dieser Arbeit abgezogen habe – ein durchschaubares Bauernopfer, als ob Markus Abwerzger in diesen Videos nie aufgetaucht wäre. Der Tiroler FPÖ-Generalsekretär Patrick Haslwanter meinte, „man nehme die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ‚tiefenentspannt‘ zur Kenntnis“ (tirol.ORF.at, 17.7.25) und beteuerte in einem Video, dass die FPÖ nichts mit einer radikalen Szene zu tun habe. Bleibt bloß noch die Frage, ob er über diesen Witz selbst gelacht hat.
➡️ campus‑a.at, 10.7.25: FPÖ Tirol: Eklat um „Rassistische Entgleisung“ auf TikTok
➡️ campus‑a.at, 15.7.25: Skifahren als rechtsextremer Code & Nazi-Ufos der FPÖ Tirol
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