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Lesezeit: 3 Minuten

Das „Treuelied der SS“ & die FPÖ

Beim Begräbnis des Olympen Walter Sucher wurde das Lied „Wenn alle untreu werden“ des deutschen Dichters Max von Schenkendorf gesungen. Es gilt mit der Abänderung des Textes der letzten Zeile als „Treuelied der SS“ und durch diese Verwendung im Nationalsozialismus als „verbrannt“.

2. Okt. 2024
SS-Liederbuch, Treuelied der SS
SS-Liederbuch, Treuelied der SS

Schenkendorf-Version – „Treuelied der SS“-Version

Der schwulstige Text, dessen Ursprung auf das Jahr 1814 zurückgeht, existiert in verschiedenen Versionen. Die Urfassung von Schenkendorf endet in der vierten und letzten Strophe mit „von Kaiser und von Reich“. Die SS nahm das Lied als „Treuelied“ in ihr Liederbuch an prominenter Stelle auf, griff jedoch nicht auf die Urversion zurück, sondern auf eine andere, in der im Abschluss vom „vom heil’gen deutschen Reich“ die Rede ist.

Laut „profil.at“ (1.10.24) singt auch der Cartellverband (CV) das Lied entweder mit der Schlusszeile „von unserm Österreich“ oder „von Gottes Himmelreich“. Das ist – gelinde gesagt – problematisch. Das Lied gilt nach seiner zweifelhaften Adelung durch die Nazis als „verbrannt“, als nicht mehr verwendbar. Im Weisungsbericht 2009-14 (S. 136) des Justizministeriums ist zu den ersten zwei Zeilen des Liedes festgehalten:

Einen unzweifelhaften Bezug zum nationalsozialistischen Gedankengut weist das Zitat „Wenn alle untreu werden, so bleiben wir doch treu“ auf. Dieses in der rechtsnationalen Szene als Treuelied der SS bekannte Lied wurde in der Zeit des Nationalsozialismus als Treuelied der Schutzstaffel der NSDAP verwendet und war auch im Liederbuch der SS enthalten.

„Verbrannt“ ist nach dem Nazi-Terror etwa auch die Swastika, die nicht mehr öffentlich verwendet werden darf. Die bei Prozessen nach dem Verbotsgesetz oftmalig vorgebrachte Rechtfertigung, das Hakenkreuz sei viel älter, verfängt nicht. Als NS-Wiederbetätigung gilt auch die öffentliche Verwendung des SS-Leitspruchs „Unsere Ehre heißt Treue“, auch in der Variante „Meine Ehre heißt Treue“.

FPÖ: unwissend und impertinent

Die FPÖ aber gibt sich unwissend. In ihrer Stellungnahme vom 1.10.24, die sie als „Klarstellung“ tituliert, wird behauptet, dass das Lied, das im Beisein der nun in den Nationlarat gewählten FPÖ-Politiker Harald Stefan, Martin Graf und Norbert Nemeth beim Begräbnis „in der 1814 von Max von Schenkendorf getexteten Form gesungen“ worden sei. Das ist unwahr, was anhand des vom „Standard“ veröffentlichten Videos zu überprüfen ist.

Zudem schreibt die FPÖ, dass es sich dabei um jene Version gehandelt habe, die „in dem bei Studentenverbindungen aller Richtungen verbreitet verwendeten ‚Allgemeinen Deutschen Kommersbuch‘“ zu finden sei.“ Auch das ist zumindest teilweise falsch. In der etwa bei Wikipedia faksimilierten Version des Allgemeinen Deutschen Kommersbuches (Ausgabe 1896 bis 1906) ist das Lied mit der Schlusszeile von Schenkendorf enthalten. In dem „Stoppt die Rechten“ vorliegenden Commersbuch der Tübinger Hochschule aus 1894 lautet die Schlusszeile ebenfalls „von Kaiser und von Reich“.

Tübinger Commersbuch 1894: Wenn alle untreu werden (Faksimile © SdR)
Tübinger Commersbuch 1894: Wenn alle untreu werden (Faksimile © SdR)

Es ist korrekt, dass die SS das Lied nur in drei Strophen gesungen hat. Ebenso ist jedoch belegt, dass der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, den ausdrücklichen Befehl gegeben hatte, das Lied von Schenkendorf „mit den die SS stets aufs Neue verpflichtenden Worten ‚und sprechen vom heiligen deutschen Reich‘ (…) stehend zu singen“ (1).

SS-Liederbuch: Titel und "Treuelied der SS" (Faksimile)
SS-Liederbuch: Titel und „Treuelied der SS“ (Faksimile)

Die Auffassung der FPÖ, das Filmen der Beerdigung sei ein „höchst verwerflicher Tabubruch“ (OTS, 1.10.24), ist geradezu impertinent. Für die FPÖ ist also nicht das Absingen des Liedes in der „verbrannten“ Version verwerflich, sondern die Veröffentlichung dieses Vorfalls!

Fußnote

1 Weiters befahl Himmler, (…) dass „bei jeder dienstlichen Zusammenkunft (…) in guten und schlechten Tagen“ das Lied „Wenn alle untreu werden“ gesungen werde, wobei die letzte Strophe, „mit den die SS. stets aufs neue verpflichtenden Worten  : ‚Wir wollen das Wort nicht brechen und Buben werden gleich, wollen predigen und sprechen vom heiligen deutschen Reich‘ (…) stehend gesungen“ werden musste. In: Christiane Rothländer, Die Anfänge der Wiener SS. Böhlau 2012 (abrufbar unter: https://dokumen.pub/die-anfnge-der-wiener-ss-9783205791867-9783205784685.html).

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Schlagwörter: Burschen-/Mädelschaften/Korporationen | FPÖ | Nationalsozialismus | Rechtsextremismus | Wiederbetätigung | Wien

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