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Das „Treuelied der SS“ & die FPÖ

Beim Begräb­nis des Olym­pen Wal­ter Sucher wur­de das Lied „Wenn alle untreu wer­den“ des deut­schen Dich­ters Max von Schen­ken­dorf gesun­gen. Es gilt mit der Abän­de­rung des Tex­tes der letz­ten Zei­le als „Treu­e­lied der SS“ und durch die­se Ver­wen­dung im Natio­nal­so­zia­lis­mus als „ver­brannt”.

2. Okt. 2024
SS-Liederbuch, Treuelied der SS
SS-Liederbuch, Treuelied der SS

Schenkendorf-Version – „Treuelied der SS“-Version

Der schwuls­ti­ge Text, des­sen Ursprung auf das Jahr 1814 zurück­geht, exis­tiert in ver­schie­de­nen Ver­sio­nen. Die Urfas­sung von Schen­ken­dorf endet in der vier­ten und letz­ten Stro­phe mit „von Kai­ser und von Reich“. Die SS nahm das Lied als „Treu­e­lied” in ihr Lie­der­buch an pro­mi­nen­ter Stel­le auf, griff jedoch nicht auf die Urver­si­on zurück, son­dern auf eine ande­re, in der im Abschluss vom „vom heil’gen deut­schen Reich“ die Rede ist.

Laut „profil.at“ (1.10.24) singt auch der Car­tell­ver­band (CV) das Lied ent­we­der mit der Schluss­zei­le „von unserm Öster­reich“ oder „von Got­tes Him­mel­reich“. Das ist – gelin­de gesagt – pro­ble­ma­tisch. Das Lied gilt nach sei­ner zwei­fel­haf­ten Ade­lung durch die Nazis als „ver­brannt“, als nicht mehr ver­wend­bar. Im Wei­sungs­be­richt 2009–14 (S. 136) des Jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums ist zu den ers­ten zwei Zei­len des Lie­des festgehalten:

Einen unzwei­fel­haf­ten Bezug zum natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gedan­ken­gut weist das Zitat „Wenn alle untreu wer­den, so blei­ben wir doch treu“ auf. Die­ses in der rechts­na­tio­na­len Sze­ne als Treu­e­lied der SS bekann­te Lied wur­de in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus als Treu­e­lied der Schutz­staf­fel der NSDAP ver­wen­det und war auch im Lie­der­buch der SS enthalten.

„Ver­brannt“ ist nach dem Nazi-Ter­ror etwa auch die Swas­tika, die nicht mehr öffent­lich ver­wen­det wer­den darf. Die bei Pro­zes­sen nach dem Ver­bots­ge­setz oft­ma­lig vor­ge­brach­te Recht­fer­ti­gung, das Haken­kreuz sei viel älter, ver­fängt nicht. Als NS-Wie­der­be­tä­ti­gung gilt auch die öffent­li­che Ver­wen­dung des SS-Leit­spruchs „Unse­re Ehre heißt Treue“, auch in der Vari­an­te „Mei­ne Ehre heißt Treue“.

FPÖ: unwissend und impertinent

Die FPÖ aber gibt sich unwis­send. In ihrer Stel­lung­nah­me vom 1.10.24, die sie als „Klar­stel­lung“ titu­liert, wird behaup­tet, dass das Lied, das im Bei­sein der nun in den Nati­on­la­rat gewähl­ten FPÖ-Poli­ti­ker Harald Ste­fan, Mar­tin Graf und Nor­bert Neme­th beim Begräb­nis „in der 1814 von Max von Schen­ken­dorf getex­te­ten Form gesun­gen“ wor­den sei. Das ist unwahr, was anhand des vom „Stan­dard“ ver­öf­fent­lich­ten Vide­os zu über­prü­fen ist.

Zudem schreibt die FPÖ, dass es sich dabei um jene Ver­si­on gehan­delt habe, die „in dem bei Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen aller Rich­tun­gen ver­brei­tet ver­wen­de­ten ‚All­ge­mei­nen Deut­schen Kom­mers­buch‘“ zu fin­den sei.“ Auch das ist zumin­dest teil­wei­se falsch. In der etwa bei Wiki­pe­dia fak­si­mi­lier­ten Ver­si­on des All­ge­mei­nen Deut­schen Kom­mers­bu­ches (Aus­ga­be 1896 bis 1906) ist das Lied mit der Schluss­zei­le von Schen­ken­dorf ent­hal­ten. In dem „Stoppt die Rech­ten“ vor­lie­gen­den Com­mers­buch der Tübin­ger Hoch­schu­le aus 1894 lau­tet die Schluss­zei­le eben­falls „von Kai­ser und von Reich“.

Tübinger Commersbuch 1894: Wenn alle untreu werden (Faksimile © SdR)
Tübin­ger Com­mers­buch 1894: Wenn alle untreu wer­den (Fak­si­mi­le © SdR)

Es ist kor­rekt, dass die SS das Lied nur in drei Stro­phen gesun­gen hat. Eben­so ist jedoch belegt, dass der Reichs­füh­rer SS, Hein­rich Himm­ler, den aus­drück­li­chen Befehl gege­ben hat­te, das Lied von Schen­ken­dorf „mit den die SS stets aufs Neue ver­pflich­ten­den Wor­ten ‚und spre­chen vom hei­li­gen deut­schen Reich‘ (…) ste­hend zu sin­gen“ (1).

SS-Liederbuch: Titel und "Treuelied der SS" (Faksimile)
SS-Lie­der­buch: Titel und „Treu­e­lied der SS” (Fak­si­mi­le)

Die Auf­fas­sung der FPÖ, das Fil­men der Beer­di­gung sei ein „höchst ver­werf­li­cher Tabu­bruch“ (OTS, 1.10.24), ist gera­de­zu imper­ti­nent. Für die FPÖ ist also nicht das Absin­gen des Lie­des in der „ver­brann­ten” Ver­si­on ver­werf­lich, son­dern die Ver­öf­fent­li­chung die­ses Vorfalls!

Fußnote

1 Wei­ters befahl Himm­ler, (…) dass „bei jeder dienst­li­chen Zusam­men­kunft (…) in guten und schlech­ten Tagen“ das Lied „Wenn alle untreu wer­den“ gesun­gen wer­de, wobei die letz­te Stro­phe, „mit den die SS. stets aufs neue ver­pflich­ten­den Wor­ten  : ‚Wir wol­len das Wort nicht bre­chen und Buben wer­den gleich, wol­len pre­di­gen und spre­chen vom hei­li­gen deut­schen Reich‘ (…) ste­hend gesun­gen“ wer­den muss­te. In: Chris­tia­ne Roth­län­der, Die Anfän­ge der Wie­ner SS. Böhlau 2012 (abruf­bar unter: https://dokumen.pub/die-anfnge-der-wiener-ss-9783205791867–9783205784685.html).

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Schlagwörter: Burschen-/Mädelschaften/Korporationen | FPÖ | Nationalsozialismus | Rechtsextremismus | Wiederbetätigung | Wien

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