Alte Chats zeigen erstaunlich kurze Wege zur FPÖ
Vor der traditionellen Sommerdemo veröffentlichte der „Standard“ (21.7.26) bislang geheime Chats und Ermittlungsakten, die einen tiefen Einblick in das Verhältnis zwischen Identitären und FPÖ geben. Die Unterlagen stammen großteils aus den Jahren 2018 und 2019. Damals war die FPÖ Regierungspartei, die Identitären standen wegen eines Straf- und eines Finanzverfahrens unter Druck.
Die Chats zeigen kurze Wege bis in FPÖ-geführte Ministerien und zu hochrangigen Parteifunktionären. Sellner kommunizierte etwa mit Heinrich Sickl, damals Grazer FPÖ-Gemeinderat und Vermieter der dortigen Identitären-Zentrale. Als die Partei eine Petition zugunsten der IB nicht rasch genug unterstützte, ließ Sellner ausrichten, man könne zur eigenen Partei werden und der FPÖ bis zu fünf Prozentpunkte abnehmen. Sickl dürfe diese Botschaft gerne weiterleiten. Kontakt bestand auch zu Reinhard Teufel, dem damaligen Kabinettschef von Innenminister Herbert Kickl und heutigen Klubobmann der FPÖ im niederösterreichischen Landtag. Identitäre konnten Wünsche in FPÖ-geführten Ministerien deponieren, Sellner soll zudem vorab über den österreichischen Ausstieg aus dem UN-Migrationspakt informiert worden sein.
Die Akten passen damit schlecht zum alten FPÖ-Märchen einer sicheren Distanz zur Identitären Bewegung. Als Herbert Kickl die Identitären 2021 eine „unterstützenswerte NGO“ nannte, hatte diese Beziehung bereits eine lange Vorgeschichte.
Ein Bier mit dem Finanzprüfer
Zwei Tage später legte der „Standard“ (23.7.26) nach. 2018 prüfte die Finanz die Identitären wegen des Verdachts umfangreicher Abgabenhinterziehung. Rund 704.000 Euro Einnahmen zwischen 2012 und 2017 standen im Raum, der damalige Verdacht betraf mehr als 100.000 Euro an Abgaben. Mitten in diesem Verfahren berichtete Sellner intern erfreut, einer der Prüfer sei mit den Identitären „auf ein Bier“ gegangen und habe Hinweise zur Gemeinnützigkeit gegeben. Sickl wiederum kündigte an, einen „hohen Beamten der Finanz“ einzuschalten.
Nach der Veröffentlichung identifizierte die Finanzverwaltung die betroffenen Prüfer und ließ sie „sensibilisieren“. Das Ministerium erklärte gegenüber dem „Standard“ (4.8.26), ein solches Verhalten habe schon damals den Compliance-Regeln widersprochen. Hinweise auf eine erfolgreiche politische Intervention fand das Ministerium keine. Die Prüfungen endeten mit Aberkennung der Gemeinnützigkeit. Wer Sickls ominöser „hoher Beamter“ gewesen sein soll, blieb ungeklärt.
Eine weitere Standard-Recherche (24.7.26) zeigte, dass ein ehemaliger Jagdkommando-Soldat Identitäre in Kampftechniken ausbildete und Sellner auf Auslandsreisen begleitete. Eine Sicherheitsbehörde stufte ihn als „(Kampf-)Ausbilder“ ein. Frühere identitäre Werbung für Schlagstocktraining, „Waffenmeister“ und Kampfausbildung bekommt angesichts der jüngsten Gewaltserie zusätzliche Bedeutung.
Nach der Gewaltserie: Boxkämpfe und Preparty im Industriegebiet und eine Anzeige
Veröffentlichungen im Sommer 2026 hatten das identitäre Image vom angeblich friedlichen Aktivismus bereits schwer beschädigt. Auf eine Gewaltattacke vor dem Identitären-Keller am 11. Juni folgte am 20. Juni der Angriff auf einen Taxifahrer beim Burschenschafter-Stiftungsfest in Leoben. Unter den Tatverdächtigen befinden sich mit Gernot S. und Yannick Wagemann zwei führende Identitäre, einer davon war damals parlamentarischer Mitarbeiter der FPÖ und musste zwei Tage nach dem Leoben-Vorfall seinen Hut nehmen. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Kurz danach veröffentlichte Stoppt die Rechten ein Video: Im September 2025 hatte der Identitären-Kader Yannick Wagemann vor dem Parlament einen Passanten zu Boden gerissen und gewürgt. Die drei Fälle innerhalb weniger Monate machten aus der vermeintlichen Gewaltablehnung ein Muster, das das Gegenteil nahelegt. Die Identitären mit Martin Sellner betrieben Kindesweglegung und erklärten, dass S. und Wagemann seit einem knappen Jahr nicht mehr bei den Identitären aktiv seien. Aber sogar selbst veröffentlichte Aufnahmen belegen das Gegenteil.
All das bekam Sellners Truppe im Zuge der Sommerdemo unmittelbar zu spüren. Nachdem mehrere linke Gruppen Routen in der Innenstadt angemeldet hatten und die gewünschte Strecke der Identitären untersagt worden war, rieten diese öffentlich von einer Anreise nach Wien ab. Intern wurde weitergeplant. In der Nacht vor dem Wochenende schafften Vermummte Gitterelemente, die für deren Boxkämpfe dienen und Getränkekisten aus dem Keller in der Ramperstorffergasse – die Polizei schritt dabei nicht ein.
Wohin das Material gelangte, kann Stoppt die Rechten nun ergänzen: Die „Fight Night“ am 24. Juli, bei der sich das internationale Identitären-Milieu mit Boxkämpfen und Bierkonsum auf den Demotag einstimmte, fand auf dem Industriegelände in der Eduard-Kittenberger-Gasse 56 in Wien-Liesing statt. Die Halle einer KFZ-Werkstätte bildete die wenig imposante Kulisse fürs Warming-up-Spektakel.
Einen Schweizer Boxer der neonazistischen „Jungen Tat“ hat Stoppt die Rechten wegen des öffentlichen Zurschaustellens einer Odalrune angezeigt. Es besteht der Verdacht, damit gegen das Abzeichengesetz oder auch gegen das Verbotsgesetz verstoßen zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung!
Eine Demo nur für die eigenen Kameras
Am nächsten Tag folgte die Schrumpfform des einstigen Innenstadt-Aufmarschs. Etwa hundert, zum Teil aus dem Ausland angereiste Kader sammelten sich beim Brigittenauer Sporn und zogen anschließend in Richtung Nußdorf. Im Zentrum standen die eigenen Fotograf:innen und Kameraleute: Banner auf, Fahnen hoch, Bengalos, Sprechchöre, Aufnahmen – Material aus dem menschenleeren Stadtrand für die sozialen Netzwerke.
Als die Polizei zuerst mit nur einem Wagen verspätet eintraf, war die Inszenierung vorbei. In Nußdorf ließen Teilnehmer:innen Banner und Fahnen fallen und liefen davon. Die Polizei bestätigte später 35 Identitätsfeststellungen, sichergestellte Transparente sowie Anzeigen gegen unbekannt wegen Ordnungsstörung, Pyrotechnik und nach dem Versammlungsgesetz. Der große Sommeraufmarsch bestand 2026 also aus wenigen Minuten Propagandamarsch abseits von Innenstadt und Publikum.

Währenddessen verliefen die antifaschistischen Kundgebungen in der Innenstadt, begleitet von einem großen Polizeiaufgebot, über Stunden ruhig. Am Stephansplatz erschienen schließlich rund zehn bekannte Neonazis und provozierten über längere Zeit unbehelligt Teilnehmer:innen. Die Polizei stellte sich vor die Gruppe, eskortierte sie später zur U-Bahn und zeigte etliche Personen an –aus dem linken Lager.
Besonders schockierend daran: Unter den Männern, die in die U-Bahn gebracht werden, ist auch einer, der im Vorjahr nach der IB-Demo, bei einer brutalen Attacke auf zwei unbeteiligte Fahrgäste in der U-Bahn dabei war. Ebenso in der Gruppe: Ein Mann, der im Dezember 2024 am Übergriff auf einen Wiener Juden beteiligt war. Damals wurde dem Opfer seine Kopfbedeckung, der Schtreimel, vom Haupt gerissen. (derstandard.at, 25.7.26)
Der „Standard“ (28.7.26) kritisierte anschließend Boulevardberichte, die daraus vor allem eine „Demo-Eskalation“ gemacht hatten. Eine Recherche ordnete die Neonazis dem Umfeld von der mittlerweile selbstaufgelösten „Division Wien“ bzw. der „Tanzbrigade“ (die nun neuerdings als „Stahlschlag“ auftritt) zu – also einem militanten Neonazi-Milieu, das regelmäßig bei identitären Veranstaltungen auftaucht.
Am Abend führte der Weg wieder dorthin, wo Identitäre, Burschenschaften und FPÖ seit Jahren zusammenfinden. In der Bude der rechtsextremen Burschenschaft Olympia sollen sich laut „Standard“ (26.7.26) zahlreiche Teilnehmer zur Afterparty versammelt haben. Besonders pikant: Die Freiheitliche Jugend verbreitete kurz ein Überwachungsvideo der Olympia, versehen mit dem Hinweis, von einem Vorfall seien „mehrere FJ-Funktionäre betroffen“ – und löschte es wieder. Auf den auf identitären Kanälen veröffentlichten Propagandavideos und -fotos sind Personen mit FPÖ-Bezug diesmal nicht zu sehen – hier dürfte die Partei nach den Gewaltvorfällen eine Direktive ausgegeben haben. Auffällig: Florian Stimpfle, Petra Stegers Assistent im Europäischen Parlament, reiste wie schon in den Jahren zuvor auch heuer wieder als Teil der „Jungen Tat“ und des Fotopropagandateams an.
Fake-Plakat bringt Sellner eine Anzeige
Auch in Deutschland produzierte Sellners Propaganda Folgen. Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day verbreitete er auf X eine Fotomontage des Täters in der Gestaltung eines Wahlplakats der bayerischen Grünen. Dazu gehörten deren Kampagnenslogan und der Verweis auf die Parteiwebsite.
Die Grünen erstatteten Anzeige. Generalsekretärin Pegah Edalatian warf Rechtsextremen vor, das Attentat mit gefälschten Wahlplakaten für politische Stimmungsmache auszunutzen.
Sellner ohne Oben
Am 8. August erwischte es Sellner an einer empfindlichen Stelle: bei seinem unbändigen Bedürfnis nach öffentlicher Aufmerksamkeit. Im Lokal „Oben“ auf dem Dach der Wiener Hauptbücherei verweigerte ihm das Personal die Bedienung und forderte ihn schließlich mit „Verzupf di“ zum Gehen auf.
Sellner verwandelte den verweigerten Kaffee umgehend in ein Opferspektakel. Er veröffentlichte Videos, nannte die Adresse und forderte seine Community auf, das Lokal aufzusuchen. Negative Google-Bewertungen und wütende Kommentare folgten. Der Inhaber stellte sich hinter seine Mitarbeiter:innen. Ein Hausverbot wegen politischer Ideologie ist in der Gastronomie grundsätzlich zulässig, da Weltanschauung dort keinen geschützten Diskriminierungsgrund darstellt.

Plattformen ziehen Identitären den Stecker – zögerlich
Auch online wurde es enger. Das Global Project Against Hate and Extremism (GPAHE) hatte im Juni 2026 ein stark gewachsenes internationales Netzwerk identitärer Accounts dokumentiert. TikTok sperrte anschließend 21 von 82 untersuchten Accounts, darunter die Tarnorganisation „Aktion 451“. Auch der österreichische IB-Account, der unter „IB Aesthetic“ wurde gelöscht. Auf Instagram verschwanden zunächst 13 von 201 erfassten Accounts, auf YouTube drei von 29.
Nach weiteren Interventionen folgten mehr Sperren: Die Zahl der auf Instagram nicht mehr erreichbaren Accounts erhöhte sich auf 28. Darunter befanden sich „Active Austria“ der Identitären Österreich, der „Remigration Summit“ und „Action Radar Europe“, an dem auch Sellner beteiligt ist. YouTube entfernte außerdem ein Gespräch mit Sellner und dem französischen „Großer Austausch“-Ideologen Renaud Camus wegen eines Verstoßes gegen die Hassrede-Regeln sowie ein Sellner-Interview bei Irfan Peci. Der YouTube-Account des „Remigration Summit“ wurde ebenfalls beendet. Zahlreiche andere Kanäle des Milieus bleiben weiterhin aktiv, Ersatzaccounts wurde umgehend eröffnet.
➡️ derstandard.at, 21.7.26: Geheime Chats zeigen Nähe zwischen FPÖ und Identitären – und wie Sellner der Partei subtil drohte
➡️ derstandard.at, 23.7.26: Sellner behauptete: Prüfer half Identitären bei einem Bier mit Tipps zu Finanzverfahren
➡️ derstandard.at, 24.7.26: Ex-Elitesoldat bildete Identitäre aus, Vermummte räumten in der Nacht auf Freitag IB-Keller in Wien
➡️ derstandard.at, 4.8.26: Prüfer, der mit Identitärem Sellner Bier trank, wurde nun von Finanzamt „sensibilisiert“
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