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AUF1 probt mit den „Generälen“ die Abrissbirne

Chris­ti­an Hafenecker und Micha­el Schned­litz tre­ten bei AUF1 im Par­la­ment als künf­ti­ge Voll­stre­cker eines FPÖ-„Systemwechsels“ auf. Ste­fan Magnet lie­fert ihnen die Stich­wor­te, Her­bert Kickl wird als abwe­sen­der Befehls­ha­ber per­ma­nent ein­ge­baut, und jede Kri­tik an der FPÖ wird zur Ver­fol­gung durch einen fan­ta­sier­ten „tie­fen Staat“ erklärt.

4. Juni 2026
Magnet (AUF1) interviewt die FPÖ-"Generäle" im Parlament (Symbolbild KI-generiert)
Magnet (AUF1) interviewt die FPÖ-"Generäle" im Parlament (Symbolbild KI-generiert)

Das Setting: Parlament und AUF1 als FPÖ-Resonanzraum

Das Set­ting ist Teil der Bot­schaft. Die drei Män­ner sit­zen in einem in Weiß gehal­te­nen Par­la­ments­raum vor Glas und glat­ten Flä­chen. (1) Magnet nennt Hafenecker und Schned­litz „FPÖ-Gene­rä­le“ und ver­bin­det die im Hin­ter­grund durch­schei­nen­den his­to­ri­schen Mau­ern des Par­la­ments mit „Über­frem­dung, Ver­schul­dung“ und Abstiegs­rhe­to­rik. Das Hohe Haus gibt dem am 27. Mai ver­öf­fent­lich­ten Gespräch staats­tra­gen­de Optik, der Inhalt aber arbei­tet an der Dele­gi­ti­mie­rung aller staat­li­chen und zivil­ge­sell­schaft­li­chen Kräf­te, die außer­halb der FPÖ wirken.

Magnet nimmt die Rol­le des Inter­view­ers nur for­mal ein. Sei­ne Fra­gen sind fer­ti­ge Deu­tun­gen, Stich­wort­ge­ber: „Erset­zungs­mi­gra­ti­on“, „Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“, „Denun­zi­an­ten­we­sen“, „radi­kal lin­ker Blick­win­kel“. Beim „tie­fen Staat“ lie­fert er Hafenecker die auto­ri­tä­re Hand­lungs­an­wei­sung gleich mit: Dort müs­se man „hin­ein­grei­fen“. AUF1 tut, was auch FPÖ-TV tut: Es fun­giert bloß als Reso­nanz­raum einer Par­tei, die AUF1 seit Novem­ber 2025 mit min­des­tens 59.000 Euro (2) über Inse­ra­te gespon­sert hat.

Kickl als abwesender Oberbefehlshaber

Her­bert Kickl sitzt nicht im Bild, domi­niert aber das Gespräch. Hafenecker und Schned­litz plat­zie­ren ihn sys­te­ma­tisch als Garant der Linie, als künf­ti­gen Kanz­ler und als Voll­stre­cker des „Sys­tem­wech­sels“. „Her­bert Kickl an der Spit­ze“ soll in den Staat „hin­ein­grei­fen“; der „Volks­kanz­ler­ge­dan­ke“ wird zur For­mel, mit der Par­tei­wil­le, Regie­rungs­an­spruch und angeb­li­cher oder ver­meint­li­cher Volks­wil­le verschmelzen.

Wo Rechts­fra­gen, Bud­gets oder inter­na­tio­na­le Ver­pflich­tun­gen kom­plex wer­den, las­sen die „Gene­rä­le“ Kickl als Wil­lens­fi­gur auf­tre­ten: Er wer­de die EU-Kon­flik­te aus­hal­ten, den Staat umdre­hen, den ORF refor­mie­ren, Minis­te­ri­en auf Linie brin­gen. Die Bot­schaft nach innen lau­tet Dis­zi­plin, nach außen Stärke.

Opferpose als politische Waffe

Die FPÖ insze­niert sich gleich­zei­tig als kom­men­de Regie­rungs­par­tei und als ver­folg­te Bewe­gung. Hafenecker spricht von „Ver­lie­rer­par­tei­en“, „Sys­tem­par­tei­en“ und stra­pa­ziert in Per­ma­nenz den „tie­fen Staat“, Schned­litz von „Bespit­ze­lung“,„Amts­miss­brauch“ und einer Oppo­si­ti­on (womit aus­schließ­lich die FPÖ gemeint ist), die offen bekämpft wür­de. Der Trick ist alt: Wer sich als Opfer feind­li­cher Appa­ra­te beschreibt, kann Ein­grif­fe in die­se Appa­ra­te als Not­wehr verkaufen.

Aus den Berich­ten von ORF und „Stan­dard“, dass meh­re­re rechts­extre­me Mit­ar­bei­ter von FPÖ-Abge­ord­ne­ten unter DSN-Beob­ach­tung stün­den, wird im Gespräch die Ver­fol­gung der FPÖ, ihrer Poli­ti­ker und ihrer Büros. Schned­litz stei­gert das zur For­mu­lie­rung, man sei „in der poli­ti­schen Ver­fol­gung wie zur dun­kels­ten Zeit in der Geschich­te Öster­reichs“ – wobei er nicht aus­führt, wel­che Zeit er damit meint.

Faktenchecks: Harte Realität gegen hingeworfene Überschriften

Hafenecker greift ein­mal mehr das DÖW fron­tal an und beruft sich ein­mal mehr auf Ste­fan Weber, der bis­lang mit eini­gem auf­fäl­lig gewor­den ist, aber nicht durch Beschäf­ti­gung mit Rechts­extre­mis­mus. Die FPÖ nutzt ihn als fach­li­che Patro­nanz für die Behaup­tung, das DÖW pro­du­zie­re durch fal­sche Defi­ni­tio­nen und Zah­len Rechtsextremismus.

Der Zah­len­kniff: Hafenecker ver­weist wie­der auf die von 2023 auf 2024 gesun­ke­ne Zahl von Ver­ur­tei­lun­gen nach dem Ver­bots­ge­setz. Wer aller­dings die erst seit Anfang 2024 mög­li­chen Diver­sio­nen für Erwach­se­ne hin­zu­zählt, erhält ein ande­res Bild, näm­lich deut­lich mehr Fäl­le mit Schuld­fest­stel­lung oder Schuld­ein­ge­ständ­nis. Kurz: Wären die per Diver­si­on für Erwach­se­ne abge­han­del­ten Fäl­le (wie bis 2023) vor Gericht gelan­det, wäre auch die Zahl der Ver­ur­tei­lun­gen deut­lich höher.

Unrich­tig ist auch die Behaup­tung, das DÖW erhal­te gehei­me Infor­ma­tio­nen aus dem Sicher­heits­ap­pa­rat („wir sehen das natür­lich auch sehr pro­ble­ma­tisch an, dass man dem Doku­men­ta­ti­ons­ar­chiv offen­kun­dig Infor­ma­tio­nen aus dem Sicher­heits­ap­pa­rat her­aus­gibt, damit die dann einen Bericht kon­stru­ie­ren kön­nen“). Der Rechts­extre­mis­mus­be­richt arbei­tet mit staat­li­chen Kri­mi­nal- und Jus­tiz­da­ten, die auch jede/r Abge­ord­ne­te par­la­men­ta­risch erfra­gen kann.

Schned­litz behaup­tet, die Hür­de zur Staats­bür­ger­schaft in Öster­reich sei „sehr, sehr gering“ und streut ein, dass die Staats­bür­ger­schaft an „Syrer und Afgha­nen“ ver­ge­ben wür­de, „die teil­wei­se viel­leicht sogar schon straf­fäl­lig wur­den“. Das ist falsch, Öster­reich hat eines der restrik­tivs­ten Staats­bür­ger­schafts­ge­set­ze inner­halb der EU. Für die Ver­lei­hung nach zehn Jah­ren braucht es recht­mä­ßi­gen und unun­ter­bro­che­nen Auf­ent­halt, dazu all­ge­mei­ne Vor­aus­set­zun­gen wie Unbe­schol­ten­heit, gesi­cher­ter Lebens­un­ter­halt, Deutsch­kennt­nis­se und Staats­bür­ger­schafts­test. (vgl. oesterreich.gv.at, 29.1.26)

Hafeneckers Neu­tra­li­täts­er­zäh­lung gleicht einer Kin­der­gar­ten­ge­schich­te: Wer neu­tral sei, wer­de kein Ziel von Angrif­fen. Sicher­heits­po­li­tik, Cyber­an­grif­fe, Spio­na­ge, hybri­de Ein­fluss­nah­me und euro­päi­sche Ver­pflich­tun­gen ver­schwin­den in der For­mel von der ver­meint­lich allein­hei­len­den „Fes­tung Neutralität“.

Auch die EU-Dro­hung der FPÖ hält dem Rechts­rah­men nicht stand. Hafenecker sagt, Öster­reich kön­ne als Net­to­zah­ler den Mit­glieds­bei­trag zurück­hal­ten. EU-Eigen­mit­tel müs­sen den Kon­ten der Kom­mis­si­on gut­ge­schrie­ben wer­den. Bei ver­spä­te­ter Bereit­stel­lung fal­len Ver­zugs­zin­sen an. (vgl. EUR-Lex) Aus dem Net­to­zah­ler­sta­tus folgt kein Frei­brief zur Haus­halts­blo­cka­de. Die EU-Mit­glied­schaft ist eben kom­ple­xer als eine frei­wil­li­ge Taschen­geld­spen­de von Eltern an ihre Kinder.

Haupt­ziel von Hafenecker ist eben­falls (wie­der ein­mal) der ORF. Hafenecker ver­steigt sich zur Behaup­tung, die Haus­halts­ab­ga­be sei „einer der Preis­trei­ber für unse­re Fami­li­en, für unse­re Haus­hal­te“. Der ORF-Bei­trag beträgt öster­reich­weit 15,30 Euro im Monat. Als gesamt­wirt­schaft­li­cher Teue­rungs­trei­ber taugt die Abga­be nicht: Im Ver­brau­cher­preis­in­dex-Waren­korb 2026 hat der ORF-Bei­trag ein Gewicht von 0,32 Pro­zent.

Der ORF sol­le aus dem Bud­get finan­ziert wer­den, aber nur ein Drit­tel der Sum­me der bis­he­ri­gen Ein­nah­men aus der Haus­halts­an­ga­be (die Hafenecker mit einer Mil­li­ar­de und damit um mehr als 30 Pro­zent zu hoch bezif­fert) erhal­ten. „Und da muss man dann irgend­wel­che Zusatz­pro­duk­te wie FM4 und ande­re Kanä­le, die es eigent­lich gar nicht braucht und die sich auch kei­ner gewünscht hat (3), die wird es halt dann in Zukunft ein­fach nicht mehr geben“, wirft Hafenecker hin. „Irgend­wel­che Zusatz­pro­duk­te“ also!

Die Bud­get­er­zäh­lung folgt dem glei­chen ein­fach gestrick­ten Mus­ter: NGO-Mil­lio­nen strei­chen, Zuwan­de­rung stop­pen, abschie­ben, Ukrai­ne-Hil­fe been­den, dann wür­den Pen­sio­nen wie­der stei­gen, Gesund­heits­we­sen und Pfle­ge funk­tio­nie­ren. Dass gera­de das Gesund­heits- und Pfle­ge­we­sen ohne Zuwan­de­rung und aus­län­di­sche Arbeits­kräf­te kol­la­bie­ren wür­de, stört die FPÖ-Erzäh­lung nicht. Hafeneckers Phan­tas­te­rei­en haben in etwa die­sel­be Qua­li­tät wie sei­ner­zeit die erfun­de­ne „Pati­en­ten­mil­li­ar­de“ der FPÖ-Minis­te­rin Har­tin­ger-Klein.

Hafenecker will auch die Gebur­ten­ra­te stei­gern, man kön­ne sich „Anlei­hen“ aus Ungarn und Irland neh­men. Fakt: Sowohl in Irland als auch in Ungarn ist die Gebur­ten­ra­te in den letz­ten Jah­ren gesunken.

Das private Opferfinale und die Republik als Bergbauernhof

Am Ende fragt Magnet nach dem „inne­ren Antrieb“ der bei­den „Väter“ und legt die Ant­wort pathe­tisch an: Die FPÖ kön­ne schei­tern, die „Rache der Geg­ner“ sei ihnen sicher. Hafenecker spricht von Kin­dern, Ver­wun­dung, per­sön­li­chen Nach­tei­len und Druck bis hin­un­ter zur kom­mu­na­len Ebe­ne. Schned­litz stei­gert das zur rei­nen Opfer­er­zäh­lung: Die FPÖ-Füh­rungs­mann­schaft emp­fin­de Pos­ten angeb­lich kaum als Pri­vi­leg, tra­ge viel­mehr „Bür­de“ und „Ruck­sack“. Spä­ter wer­de er Berg­bau­er auf 1.200 Metern Höhe; wie den Hof müs­se man auch die Repu­blik an die Kin­der weitergeben.

Das Die­nen der bei­den Gene­rä­le ist gut dotiert. Das Grund­ge­halt eines Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ten beträgt seit Jän­ner 2026 monat­lich 10.630,90 Euro brut­to (14x). Schned­litz mel­de­te für 2024 monat­li­che Neben­ein­künf­te der Kate­go­rie 4, also 8.001 bis 12.000 Euro zusätz­lich, Hafenecker Kate­go­rie 3, also 4.001 bis 8.000 Euro zusätz­lich. Hafenecker grün­de­te 2025 außer­dem die BHS-Hol­ding GmbH, die BHS Immo­bi­li­en GmbH und Adler­au­gen Media GmbH, die er alle­samt als Allein­ei­gen­tü­mer und Geschäfts­füh­rer betreibt. Die bei­den Mär­ty­rer des Volks­diens­tes ver­fü­gen also über ein recht kom­for­ta­bles Monatsfundament.

Autoritäre Vorrede und Hausnummern

Das Gespräch dient bloß als auto­ri­tä­re Vor­re­de: Der Staat mit sei­nen Ein­rich­tun­gen erscheint als feind­li­cher Besitz­stand, den die FPÖ unter Kickl über­neh­men, säu­bern und bestra­fen will. Kom­mu­ni­ka­tiv funk­tio­nie­ren Magnet, Hafenecker und Schned­litz, weil sie ein geschlos­se­nes Welt­bild lie­fern. Magnet stellt die emo­tio­na­le Start­ram­pe auf, Hafenecker lie­fert die Feind­mar­kie­rung, Schned­litz über­setzt alles in Bedien­knöp­fe: stop­pen, strei­chen, umdre­hen, da alles „kaputt“ sei. Sobald Zah­len, Rechts­la­ge oder Bud­get­lo­gik gefragt wären, kom­men Pau­schal­aus­sa­gen, Halb- und Unwahr­hei­ten und Aus­flüch­te. Ein Low­le­vel-Bei­spiel: Schned­litz stellt eine Sen­kung „der Steu­er­hö­he“ von 45 Pro­zent auf 25 Pro­zent in den Raum. Magnet fragt als „Unter­neh­mer“ erfreut nach, wor­auf Schned­litz ant­wor­tet: „Das war jetzt eine kom­plet­te Hausnummer.“

Zum Schluss hofft Magnet, „dass Sie [die Zuschauer:innen] die­ses Gespräch hof­fent­lich mit mir genos­sen haben. Es ist Ihnen auf­ge­fal­len, die bei­den FPÖ-Spit­zen­po­li­ti­ker konn­ten auch aus­führ­li­che Ant­wor­ten geben, ohne dass ich Ihnen stän­dig ins Wort gefal­len bin.“ Tat­säch­lich unter­schei­det sich die­ses For­mat nur in die­sem Punkt von Stamm­tisch­ge­sprä­chen unter rech­ten Gesinnungsbrüdern.

1 Das Gespräch fand in einem Even­traum des Par­la­ments­re­stau­rants Kel­sen statt.
2 Gemäß einer EU-Ver­ord­nung müs­sen zu Inse­ra­ten mit poli­ti­scher Wer­bung seit Mit­te Okto­ber Trans­pa­renz­er­klä­run­gen zugäng­lich gemacht wer­den, die den Auf­trag­ge­ber und die für die Inse­ra­te bezahl­te Sum­me ent­hal­ten. Dem­nach hat AUF1 seit Novem­ber 2025 19.200, 6.000, 5.000 und 28.800 Euro erhal­ten. (Mög­li­cher­wei­se fehlt eine von Stoppt die Rech­ten nicht erfass­te Erklä­rung aus dem April 26.) AUF1 hat deut­lich mehr als ande­re öster­rei­chi­sche rechts­extre­me Medi­en erhalten.
3 FM4 erreicht täg­lich 311.000 (vor allem jün­ge­re) Hörer:innen

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Schlagwörter: AUF1 | FPÖ | Rechtsextremismus | Verschwörungsideologien

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