„Wir wollen die führende Plattform für die Rechte werden – nicht nur in Europa, sondern weltweit.“ Mit diesem Satz eröffnete Alvino-Mario Fantini seine Rede auf der NatCon, der „National Conservatism Conference” in den USA im Jahr 2021. Mit seinem Magazin „The European Conservative” (TEC) wolle er das mit der Linken machen, was die lange mit Rechten gemacht habe: „Sie attackieren.“
Die NatCon war der passende Rahmen für Fantinis aggressive Töne. Seit Jahren fungiert die Konferenz als Sammelbecken der Rechten bis weit rechtsaußen. Es sprachen dort schon Giorgia Meloni, Peter Thiel, Tucker Carlson und auch Viktor Orbán. In seiner Rede trug der in Wien ansässige Fantini nicht nur dick auf, er schwärmte auch schamlos für Viktor Orbán – und das aus gutem Grund. Immerhin sorgte dessen Regierung über Jahre dafür, dass Fantinis Magazin, mit Chefredaktion in Wien, über ein beachtliches Budget verfügt.
In Österreich werkelte TEC die längste Zeit unter dem Radar. Dabei operierte es in einem engmaschigen Orbán-treuen Umfeld aus Medien und Thinktanks in ganz Europa. Aufgefallen ist das Magazin erst unlängst, als sein Chefredakteur bei einer Kulturkampf-Tagung eines AfD-Mannes im Wiener Ferdinandihof als Redner angekündigt war. Wenige Wochen davor holte TEC den antidemokratischen US-Ideologen Curtis Yarvin nach Wien.
Dabei ist „The European Conservative” schon seit Jahren im Aufbau. Als Newsletter gestartet, wurde das rechte Magazin für Kultur, Philosophie und Politik unter Fantini zu einer englischsprachigen Online-Nachrichtenseite ausgebaut, deren Fülle an Inhalten heute kaum mehr zu überblicken ist. TEC unterhält Büros in Budapest, Brüssel, Rom und ein redaktionelles Büro in Wien.

Rechte Inhalte
Eine Stichprobe an politischen Artikeln des TEC über Österreich beinhaltet den üblichen rechten Propaganda-Content: Gewalt durch Migranten, Islamisierung und Kulturpessimismus. Als Quellen werden gerne FPÖ-Aussendungen, exxpress, Apollo News und der heimische Boulevard zitiert.
Für Ungarns illiberale Demokratie hingegen sind die TEC-Autor:innen durch die Bank voller Lob: Eine Kommentatorin sieht dort den „feministischen Traum verwirklicht“, den der Westen nur nicht anerkennen wolle. Eine Mitarbeiterin des TEC-Büros in Brüssel ist überzeugt, dass Ungarn die „einzige Art von Multikulturalismus verfolgt, die funktionieren kann“ – natürlich frei von Rassismus.
Und auch sonst folgt die Blattlinie stramm rechten Agenden: Als ein französischer Rechtsextremer letztes Jahr wegen Rassismus juristisch verfolgt wurde – er hatte ein TikTok-Video von afghanischen Männern verbreitet, mit dem Kommentar, er sei müde, „mit den Cousins der Taliban zusammenleben zu müssen“ –, sprang die Paris-Korrespondentin des TEC in die Bresche und pushte ein Crowdfunding für den bekannten Identitären. In einem Artikel zur Ehe für alle in Polen moniert ein Autor „die schleichende Einführung gleichgeschlechtlicher Ehe“ durch „richterlichen, moralisierenden Aktivismus“ aus Brüssel.
Rechtes Personal
Fantini und seiner Ehefrau Ellen Kryger Fantini, der stellvertretenden Chefredakteurin, gelang es über die Jahre, bekannte, aber vor allem stark polarisierende Persönlichkeiten ins Boot zu holen.
Einer der bekanntesten Protagonisten aus dem Umfeld des Magazins ist der britische Journalist und konservative Netzwerker John O’Sullivan. Er sitzt im Beirat des TEC. O’Sullivan war in den 1980ern einer von Margaret Thatchers Beratern und Redenschreibern. Seit 2013 leitet O’Sullivan das Orbán-nahe „Danube Institute” in Budapest, das seinen Einfluss weit über Ungarn hinaus geltend macht. So kooperiert O’Sullivans Institut mit dem bekannten reaktionären Thinktank „Heritage Foundation” in den USA.
Im TEC geschrieben hat auch schon Balázs Orbán, der mit dem ungarischen Regierungschef zwar nicht verwandt ist, aber bislang als politischer Leiter im Stab des Ministerpräsidenten in Budapest arbeitet.
Mit Rod Dreher konnte TEC einen US-amerikanischen christlichen Kolumnisten gewinnen. Dreher ist ein Mann, wie der Guardian (28.7.17) schrieb, „der das Schüren von Transgender-Panik offenbar eher als Berufung denn als Beruf betrachtet.“ Der Jacobin (2.3.23) attestiert Dreher „zunehmend offen zur Schau gestellte faschistische Sympathien“. Finanziert wird Dreher bislang sehr großzügig vom regierungsnahen „Danube Institute” um O’Sullivan – was sich aber bald ändern könnte. In seinem Newsletter schrieb Rod Dreher noch vor der Wahl in Ungarn:
I am strongly considering moving to Vienna after the election, no matter what happens. If Peter Magyar wins, that will likely make my decision for me, as he may well close the Danube Institute, where I’ve worked for the past four years.
Dass die bewusst rechten TEC-Provokationen nicht unbemerkt bleiben, zeigte die Tatsache, dass im Sommer 2022 die britische Buchhandelskette „WH Smith” das Magazin aus dem Verkauf nahm. Begründet war dies mit einer herabwürdigenden Darstellung von Transpersonen im Magazin. Chefredakteur Fantini bezeichnete den Boykott als „Handels-Fatwa“.
Ungarisches Steuergeld
Aber wie finanziert sich das aufwändig gestaltete Printmagazin und sein Online-Nachrichten-Portal? Zwar kostet eine Ausgabe stolze 25 Euro, aber drei Büros und tagesaktuelle europaweite Berichterstattung sind damit wohl kaum finanzierbar.
Tatsächlich ist Fantini im Jahr 2021 eine, wie er betont, „sehr wichtige“ Partnerschaft mit dem Mathias Corvinus Collegium – Viktor Orbáns Propaganda-Fabrik – eingegangen. Darüber hinaus förderte die regierungsnahe Batthyány-Lajos-Stiftung im selben Jahr sein Magazin mit 450.000 Euro, wie das Magazin Szabad Europa (23.7.25) herausfand. Die Stiftung aus Budapest bekam in den letzten Jahren Milliarden an öffentlichen Geldern und verteilte diese im Sinne der Fidesz-Regierung um.
Im Jahr 2022 erhielt der TEC-Verlag weitere 450.000 Euro „für die Herausgabe der vier jährlichen Ausgaben des Magazins und damit verbundene Aktivitäten“ (szabadeuropa.hu), dazu 1,1 Millionen Euro für die Errichtung eines Newsrooms und 680.000 Euro für die Einrichtung des Büros in Brüssel. An der Eröffnung in Brüssel nahm mit Balázs Orbán auch ein direkter Vertreter der ungarischen Regierung teil. Im Jahr 2023 gab es weitere 1,9 Millionen Euro für TEC.
In den zweieinhalb Jahren seines Bestehens hat The European Conservative insgesamt 1 Milliarde 678 Millionen Forint [4,6 Millionen Euro] an Steuergeldern erhalten. Laut seinen öffentlichen Berichten bis Ende 2022 aber nur einen Bruchteil dieses Betrags, nämlich insgesamt 27 Millionen Forint (70.000 Euro), auf dem Markt erwirtschaftet. (szabadeuropa.hu)
Nach den großzügigen Geldspritzen mit ungarischem Steuergeld trat TEC im Jahr 2022 bei der jährlichen NatCon-Konferenz dann schon als einer der Sponsoren auf, Fantini saß im Konferenzkomitee.
Orbán-treues Umfeld
Herausgegeben wird TEC – eigenen Angaben zufolge – von der in Budapest niedergelassenen European Conservative Nonprofit Ltd. in Zusammenarbeit mit dem Verein CEDI/EDIC aus Wien, der Bibliothek des Konservatismus aus Berlin und der italienischen Nazione Futura.
Die Nazione Futura ist eine neue italienische Partei der extremen Rechten, eigentlich eine Abspaltung der Lega, deren Vorsitzender durch homophobe und antifeministische Aussagen Bekanntheit erlangte.
CEDI (Centre Européen de Documentation et d’Information), ist eine Einrichtung, die konservative und christdemokratische Organisationen europaweit vernetzen soll. In ihrem Zentrum stand einst Otto von Habsburg. Die sozialistische Arbeiterzeitung nannte CEDI 1962 eine „Verschwörung des reaktionären, sogar faschistischen Flügels der konservativen Parteien Europas“. Der verbliebene Rest ist heute ein Verein in Wien, dem Alvino-Mario Fantini und Ellen Kryger Fantini selbst vorstehen.
Geschäftsführer des TEC ist der aufstrebende ungarische Journalist und Medienmanager Gergő Kereki. Er ist Chefredakteur der Fidesz-treuen Nachrichtenseite Mandiner und war bis 2025 Geschäftsführer der Zeitschrift „Hungarian Conservative”. Das oppositionelle Magazin „Heti Világgazdaság” beschreibt Gergő als „einen der wichtigsten Hintermänner der ideologischen Organisationen der Regierung“, involviert in den Aufbau eines Medienportfolios im Umfeld des regierungsnahen „Mathias Corvinus Collegiums”, der „Kaderschmiede der Fidesz“ – zusätzlich zur schon operierenden Fidesz-Propaganda-Maschinerie „Central European Press and Media Foundation” (KESMA), die 500 regionale und nationale Medien kontrolliert.
Real-Life-Extremismus
Aber TEC publiziert nicht nur Illiberales, sondern betreibt extrem rechte Vernetzung auch im echten Leben: Anfang März hat TEC den französischen rechtsextremen Philosophen Renaud Camus für eine Veranstaltung nach Wien geholt. Camus wurde bekannt durch seine Verschwörungserzählung des „Großen Austauschs“, demzufolge mächtige Eliten die Europäer:innen durch Migrant:innen ersetzen würden. Camus gilt als Ideengeber für die französische extrem rechte Partei Rassemblement National.
Auch rechtsterroristische Attentäter – etwa jene, die 2019 in Christchurch (Neuseeland) und Halle (Deutschland) mordeten – beriefen sich auf Camus’ Idee. Im Jahr 2014 wurde Renaud Camus selbst aufgrund einer antimuslimischen Aussage wegen Anstachelung zu Hass und Gewalt von einem französischen Gericht verurteilt.
Das aber scheint beim TEC in Wien niemanden zu stören: Im Ferdinandihof in Wien-Margareten diskutierte der ergraute Rassist mit dem Rechtsextremisten Martin Sellner. Sellner hatte über Jahre die Propaganda vom „Großen Austausch“ verbreitet. Camus ließ auch in Wien vom Stapel, was er immer wieder vor sich herträgt: „Wir sind die indigene Bevölkerung Europas, die gerade kolonisiert wird. Deswegen müssen wir dagegen aufbegehren.“ Und: „Europa sei sogar hundertmal mehr kolonisiert“, als es selbst jemals kolonisiert habe.
Moderiert und mitdiskutiert hat der TEC-Kolumnist Harrison Pitt aus Großbritannien. Er ist Mitarbeiter der britischen Rechtsaußen-Partei „Restore Britain”, die damit wirbt, die Todesstrafe wieder einführen zu wollen. Auf dem YouTube-Kanal des TEC betreibt Pitt die wohl meistgeklickte Videoserie des Magazins – dank extra-provokanter Titel wie „Die demographische Expansion des Islam“ oder „Das Rassentabu und das Schicksal der weißen Mehrheit“.
Dass „The European Conservative” und sein Umfeld den Konservativismus planvoll radikalisiert, ist mittlerweile auch wissenschaftlich belegt: Eine Untersuchung von Politikwissenschafter:innen des „Illiberalism Studies Program” (2015) hat die Zeitschrift in den Fokus genommen und kommt zum Schluss:
The European Conservative scheint eine der wichtigsten Plattformen einer sich herausbildenden Internationale konservativer Intellektueller zu sein und fungiert als deren wichtigstes Sprachrohr als Zeitschrift für intellektuellen Konservatismus. (…)
Unsere wichtigste Erkenntnis ist, dass sich der Konservatismus, hier verstanden als reaktionäre Ideologie, in ganz Europa radikalisiert hat.
Ein Befund, der gut zur Prahlerei des TEC-Chefredakteurs Alvino-Mario Fantini auf der NatCon 2022 passt: „Die Linke warnt schon seit Jahren vor der großen rechten Verschwörung. Dann geben wir ihnen doch, was sie wollen.“
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