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Lesezeit: 6 Minuten

AfD-Lokalpolitiker holt extrem rechte Kulturkampf-Szene nach Wien

Gegen „Ent­wur­ze­lung und Wer­te­ver­fall“ – der Kul­tur­kampf gegen den befürch­te­ten Nie­der­gang west­li­cher Wer­te steht bei Rech­ten mitt­ler­wei­le ganz oben auf der Prio­ri­tä­ten­lis­te. Aus­ge­rech­net in Wien will nun ein AfD-Poli­ti­ker die Kul­tur­kämp­fer Euro­pas zusammenbringen.

7. Apr. 2026
Ankündigung der Kulturkampf-Konferenz U-Turn Wien 11.4.26
Ankündigung der Kulturkampf-Konferenz U-Turn Wien am 11.4.26

Es ist ein unan­ge­neh­mes Klün­gel extrem Rech­ter aus ganz Euro­pa, das kom­men­de Woche in Wien zusam­men­kom­men will. Ein weit weit rechts­au­ßen ste­hen­des Män­ner-Netz­werk soll am 11. April unter dem Titel „U‑Turn for Euro­pa“ (UT4EU), sinn­ge­mäß: Kehrt­wen­de für Euro­pa, zusam­men­ge­führt wer­den. Das Motiv laut Ver­an­stal­tungs­an­kün­di­gung: Tra­di­tio­nel­le Kul­tur, die „einst Ori­en­tie­rung, Maß und Selbst­ver­ständ­lich­keit bot“, sei heut­zu­ta­ge „sys­te­ma­tisch dis­kre­di­tiert, rela­ti­viert oder his­to­risch dele­gi­ti­miert“ und „links­ideo­lo­gisch“ umgedeutet.

Was nach phi­lo­so­phi­schen Kamin­ge­sprä­chen und ver­staub­tem Kul­tur­pes­si­mis­mus klingt, soll aber eine „poli­ti­sche Erneue­rung“ ein­lei­ten, die vor­erst vage bleibt. Wer die Betei­lig­ten und ihre Inhal­te unter die Lupe nimmt, sieht: Es ist Kul­tur­kampf von rechts, sozu­sa­gen in Rein­kul­tur. Nicht zufäl­lig ist die „Groß­raum­theo­rie“ von Carl Schmitt Inhalt eines Vor­trags des „Zur Zeit”-Chefredakteurs Bern­hard Toma­s­chitz. Die Ideen eines Den­kers der faschis­ti­schen Rechts- und Staats­leh­re als „mög­li­chen Ansatz für eine sta­bi­le­re und wie­der stär­ker wer­te­ge­bun­de­ne inter­na­tio­na­le Ord­nung“ anzu­prei­sen, spricht für sich.

Min­des­tens genau­so aus­sa­ge­kräf­tig aber ist die wei­te­re Beset­zung der Tagung, die rechts außen Kul­tur­kämp­fer aus ganz Euro­pa nach Wien brin­gen will. Im Zen­trum der Tagung steht einer, der mit Wien bis­her fast nichts zu tun hat­te (aber eben nur fast!): Ste­fan Kor­te von der AfD Brandenburg.

Kulturkämpfer Europas …

Ste­fan Kor­te, AfD-Stadt­rat in der deut­schen Klein­stadt Lauch­ham­mer, orga­ni­siert die Wie­ner Tagung, bei der er gegen „kul­tu­rel­le Indok­tri­nie­rung durch ‚Woke’-Ideologie, Gen­der-Extre­mis­mus, mora­li­sche Selbst­ver­leug­nung“ mobi­li­siert, glaubt man der Web­site von UT4EU. Dort wird eine „Dämo­ni­sie­rung von Nor­ma­li­tät“ attestiert.

Was Kor­te nor­mal fin­det, durf­te er bei diver­sen Aus­land­auf­trit­ten unter Beweis stel­len. So zum Bei­spiel 2022 in Schwe­den: Beim Wahl­kampf-Auf­takt der extrem rech­ten „Alter­na­tiv för Sveri­ge” (Alter­na­ti­ve für Schwe­den) bezeich­ne­te er Deutsch­land als „Drit­te-Welt-Land mit einer kom­mu­nis­ti­schen, anti­deut­schen Regie­rung“ und gab dar­an einer „erzwun­ge­nen Ent­na­zi­fi­zie­rung nach dem Krieg“ die Schuld. Dass wäh­rend sei­ner Rede neben der Büh­ne die Neo­na­zis des Nor­dic Resis­tance Move­ment Auf­stel­lung nah­men, scheint Ste­fan Kor­te nicht gestört zu haben.

Noch einen drauf leg­te Ste­fan Kor­te ein Jahr spä­ter in Lon­don. In einer Rede bei der Tra­di­tio­nal Bri­tain Con­fe­rence ver­stieg er sich zur Aus­sa­ge, „die allei­ni­ge Schuld Deutsch­lands am Zwei­ten Welt­krieg“ sei ein „Mär­chen“. Ver­gan­ge­nes Jahr zog es den AfD-Stadt­rat nach Litau­en, wo er sei­nem Freund Val­das Tut­kus bei­stand, als der die Par­tei „Alter­na­ty­va Lie­tu­vai” (Alter­na­ti­ve für Litau­en) grün­de­te. Die Kon­tak­te von Kor­tes Aus­lands­auf­trit­ten blie­ben bestehen und wer­den jetzt in Wien ver­eint – und noch mehr!

Val­das Tut­kus wur­de bekannt als ehe­ma­li­ger Ober­be­fehls­ha­ber der litaui­schen Streit­kräf­te. Heu­te gibt sich Tut­kus wert­kon­ser­va­tiv, agi­tiert gegen alter­na­ti­ve Fami­li­en­kon­zep­te und unter­hält Kon­tak­te zur „Fami­lies of Lithua­nia Move­ment”, die weit deut­li­cher auf­tritt: gegen eine „gewalt­vol­le Indok­tri­na­ton“ durch „LGBT-Ideo­lo­gie und Gen­der-Dik­ta­tur“. In Wien will Tut­kus erklä­ren, wie sich „der Ver­lust von Wer­ten und Tugen­den auf den Bereich der Ver­tei­di­gungs- und Sicher­heits­po­li­tik“ auswirke.

Eben­so als Schirm­herr für die Wie­ner Kon­fe­renz ange­kün­digt und in die Struk­tur ein­ge­bun­den ist der Öster­rei­cher Leo Hohen­berg, ein Nach­fah­re der Fami­lie Habs­burg. Hohen­berg, der stets sei­ne ade­li­ge Fami­li­en­ge­schich­te vor sich her­trägt, kann mitt­ler­wei­le Inter­views auf allen nam­haf­ten Platt­for­men der öster­rei­chi­schen extre­men Rech­ten (Auf1, Info-Direkt und Report24) vor­wei­sen. Nicht zufäl­lig, denn die Inhal­te pas­sen: Der Uren­kel von Franz Fer­di­nand fürch­tet, dass Euro­pa von „neu­en Welt­ideo­lo­gien in einen Zustand unbe­wuss­ter Unter­wer­fung getrie­ben“ wür­de. In den Insti­tu­tio­nen der Euro­päi­schen Uni­on ortet er eine „ver­steck­te Ent­eig­nung“. Hohen­berg sieht die Gefahr, dass „intel­li­gen­ten Leu­ten“ das Den­ken ver­bo­ten wür­de. Das zumin­dest erzähl­te er bei der Jah­res­kon­fe­renz der „Tra­di­tio­nal Bri­tain Group Con­fe­rence” in Lon­don 2025.

… und extrem rechte Konservative

Eben die­se „Tra­di­tio­nal Bri­tain Group” (TBG) wird auch in Wien prä­sent sein. Die Orga­ni­sa­ti­on „Hope not Hate” nennt TBG den „zen­tra­len Treff­punkt der extre­men Rech­ten Groß­bri­tan­ni­ens“, an dem sich Ver­tre­ter der Kon­ser­va­ti­ven als auch offe­ne Faschis­ten tref­fen. Ihr stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der Gre­go­ry Lau­der-Frost ist auch für Wien ange­kün­digt. Gre­go­ry Lau­der-Frost wur­de 2019 wegen ras­sis­ti­scher Beschimp­fun­gen gericht­lich ver­ur­teilt und ist außer­dem im extrem rech­ten Ver­lags­we­sen invol­viert. Die mitt­ler­wei­le ver­stor­be­ne Holo­caust­leug­ne­rin Ursu­la Haver­beck nann­te er auf Face­book „a true heroi­ne“.

Gregory Lauder-Frost über Ursula Haverbeck: "a true heroine" (Screenshot FB 13.6.24)
Gre­go­ry Lau­der-Frost über Ursu­la Haver­beck: „a true heroi­ne” (Screen­shot FB 13.6.24)

Dass die TBG nicht nur mehr zen­tra­ler Treff­punkt der extre­men Rech­ten Groß­bri­tan­ni­ens ist, son­dern dar­über hin­aus, zei­gen die Lon­don-Auf­trit­te des AfD-Manns Ste­fan Kor­te, des Wie­ner Extre­mis­ten Mar­tin Sell­ner und des mitt­ler­wei­le ver­stor­be­nen rechts außen FPÖ-Bun­des­rats­ab­ge­ord­ne­ten und Russ­land­freunds Johan­nes Hüb­ner.

Ange­kün­digt ist auch der nie­der­län­di­sche Rechts­extre­me Thier­ry Bau­det, Vor­sit­zen­der der weit rechts ste­hen­den Par­tei „Forum voor Demo­cra­tie” und im letz­ten Jahr Gast eines von Heinz-Chris­ti­an Stra­che orga­ni­sier­ten rech­ten Tref­fens in Wien. Der His­to­ri­ker und Faschis­mus-For­scher Robin te Slaa attes­tiert Bau­det einen Flirt mit Nazis, weil er „ver­schlei­ert von bio­lo­gisch begrün­de­tem Ras­sis­mus und einer jüdi­schen Ver­schwö­rung“ rede. Weni­ger ver­schlei­ert war Bau­dets Bekennt­nis bei einem Team­buil­ding-Event 2022: „Fast jeder, den ich ken­ne, ist Antisemit.“

Nach Wien kom­men soll auch Gus­tav Kas­sel­strand aus Schwe­den. Er ist Grün­der der extrem rech­ten Alter­na­tiv för Sveri­ge, nach­dem er bei den ohne­hin schon rech­ten Schwe­den­de­mo­kra­ten raus­ge­flo­gen ist. Wie der Groß­teil der Gela­de­nen fährt Kas­sel­strands Par­tei einen aggres­si­ven Anti-Aus­län­der-Kurs, will „kri­mi­nel­le Aus­län­der“ abschie­ben und „mög­li­cher­wei­se“ auch andere.

Dane­ben wer­den aber noch wei­te­re Gäs­te erwar­tet, wie etwa Anti Poo­la­mets, Abge­ord­ne­ter der extrem rech­ten EKRE-Par­tei im est­ni­schen Par­la­ment, oder Ales­san­dro Boc­ca­let­ti, der Euro­pa­ko­or­di­na­tor der ita­lie­ni­schen Lega. Mit Alvi­no-Mario Fan­ti­ni ist auch der Chef­re­dak­teur der unga­ri­schen „Euro­pean Con­ser­va­ti­ve“ ange­kün­digt. Das Maga­zin gilt der Regie­rung Vik­tor Orbáns als sehr nahe.

Zuletzt orga­ni­sier­te der „Euro­pean Con­ser­va­ti­ve” wie­der­holt Ver­an­stal­tun­gen in Wien, so etwa Anfang März ein Gespräch des Erfin­ders des rech­ten Ver­schwö­rungs­my­thos vom „gro­ßen Aus­tausch“, Renaud Camus aus Frank­reich, mit sei­nem Wie­ner Jün­ger Mar­tin Sell­ner. Der „Euro­pean Con­ser­va­ti­ve” war es auch, der den US-Anti-Demo­kra­ten Cur­tis Yar­vin unlängst nach Wien ein­lud.

Auch die ange­kün­dig­te Rede einer Mit­ar­bei­te­rin des Außen­mi­nis­te­ri­ums von Bela­rus ist ein Hin­weis dar­auf, was der gewünsch­te U‑Turn for Euro­pe sein könn­te: ein Mehr an Demo­kra­tie wohl kaum.

Warum in Wien?

Zuletzt stellt sich die Fra­ge, war­um es die rechts­extre­men Kul­tur­kämp­fer aus­ge­rech­net nach Wien zieht. Initia­tor von UT4EU ist ein AfD-Lokal­po­li­ti­ker ohne offi­zi­el­len Draht nach Wien. Neben dem „Schirm­herrn“ Leo Hohen­berg könn­te es eine ande­re Con­nec­tion sein, wie Kor­tes Entou­ra­ge auf Wien kam: Mit vie­len der Genann­ten zumin­dest bekannt ist der Wie­ner Afgha­ni­stan-Rei­sen­de Ronald Schwar­zer. Dass Kor­te den Wie­ner Juwe­len­händ­ler als „my dear fri­end“ bezeich­net und Letz­te­rer oben­drauf Eigen­tü­mer des Fer­di­nan­di­hofs in Wien-Mar­ga­re­ten ist, könn­te Anlass sein, das Kul­tur­kampf-Event nach Wien zu holen. Immer­hin ist Schwar­zers Hof mitt­ler­wei­le einer der belieb­tes­ten Orte für extrem rech­te Zusam­men­künf­te in der Stadt.

Ronald Schwarzer, Stefan Korte & Valdas Tutkus (Screenshot FB 8.3.26)
Ronald Schwar­zer, Ste­fan Kor­te & Val­das Tut­kus (Screen­shot FB 8.3.26)

Update 12.4.26: Wie erwar­tet, hat das Tref­fen im Fer­di­na­di­hof statt­ge­fun­den. (Quel­le: Diver­se Social Media-Pos­tings von Teilnehmenden)

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