Es gibt politische Lager, die verlieren Wahlen. Und es gibt politische Milieus, die verlieren zusätzlich den inneren Halt, die Fassung und den Bezug zur Wirklichkeit. Die Reaktionen auf die Ungarn-Wahl liefern dafür derzeit Anschauungsmaterial von seltener Dichte. Man möchte fast meinen, Budapest sei nicht bloß eine Hauptstadt, sondern ein seelischer Zweitwohnsitz für Menschen, die im Regierungswechsel zugleich den Weltuntergang, Masseneinwanderung und den Zusammenbruch des Immobilienmarkts erkennen.
Die Endzeitredaktionen
Beginnen wir bei den rechtsextremen Medien, also dort, wo man Information gern mit Endzeitstimmung verwechselt.
Noch vor der Wahl hatte Report24 bereits vorsorglich den Schleudergang hochgefahren und Péter Magyar mit einer Schlagzeile bedacht, die aus Kellerphantasien direkt in die intellektuelle Gosse führte: „Hund in Mikrowelle gekocht? Die schockierenden Abgründe des Péter Magyar“ Der Rechtsaußen-Journalismus wartet eben nicht auf Ergebnisse, er produziert schon vorher das passende Untergeschoss. Wahlen sind dort nur lästig, weil sie zwischen Vorurteil und Überschrift eine letzte, unerquicklich demokratische Instanz einschieben.

AUF1 versuchte es nach Wahlschluss mit einer Art publizistischem Notarztkoffer. „Fidesz und Tisza nur drei Stimmen auseinander“, dazu der aufmunternde Hinweis, es seien ja erst elf Prozent ausgezählt. Das war palliative Begleitung für eine Hoffnung, die bereits mit dem Defibrillator bearbeitet wurde. Man kennt das Muster: Solange noch irgendwo drei Stimmen herumliegen, ist die Weltordnung vielleicht doch zu retten.
Als der letzte Hoffnungsschimmer verglühte, lieferte AUF1-Betreiber Stefan Magnet die klassische Kompaktfassung des Katastrophenmarketings. Orbán verliert, also drohen Ungarn Massenmigration, Europa Krieg und Budapest Zersetzung. Es ist immer wieder beruhigend zu sehen, wie zuverlässig diese Leute mit wenigen Reizwörtern ein ganzes Weltbild basteln können. Ein Regierungswechsel in Budapest, und schon marschieren ganze Völkerkolonnen durch die Tiefgarage des Abendlands.

Das Rechtsaußen-Radio „Kontrafunk“ wählte den anderen Weg, den eleganteren Rückzug in die beleidigte Hoheit. Die angekündigte Sondersendung zur Wahl wurde kurzerhand abgesagt, weil der feststehende Wahlsieg des „Von-der-Leyen- und Selenski-Vasallen“ Péter Magyar die Sache unerquicklich mache. Das hat Größe. Wenn das Ergebnis nicht passt, erspart man sich die Sendung. Früher hätte man das Arbeitsverweigerung genannt, heute firmiert es offenbar als medienkritische Prinzipientreue.

Nationalromantik mit Maklerblick
Noch schöner wird es dort, wo politische Weltanschauung sich mit dem Traum vom günstigen Haus mit Garten mischt. In einschlägigen Auswanderer-Foren brach das aus, was man als geopolitische Immobilienpanik bezeichnen könnte. „Meine Ungarnpläne sind mit dem Ergebnis der heutigen Wahl geplatzt“, schreibt einer, als hätte ihm ein Wasserrohrbruch die Küche ruiniert.
Ein anderer sieht den Immobilienmarkt „jetzt einbrechen“, mehrere denken laut ans schnelle Verkaufen, und man spürt förmlich, wie die Erschütterung durch die Reihen der Wintergartenbesitzer fährt. Jahrelang war Ungarn für manche die Mischung aus rechtem Sehnsuchtsort, Steuerfantasie und politischer Komfortzone. Nun reicht ein Wahlergebnis, und der Traum vom billigen Altersruhesitz kippt in Sekundenschnelle in die Fluchtstrategie.

Besonders rührend sind diese Sätze, weil sie eine Wahrheit freilegen, die in diesen Kreisen sonst gern mit Pathos zugedeckt wird: Die viel beschworene Liebe zu Ungarn hält ungefähr so lange wie die Aussicht auf das richtige politische Personal. Fällt der starke Mann, wird aus Ungarn-Liebe binnen Minuten die Hölle. Da geht es dann plötzlich nicht mehr um Volk, Tradition und Souveränität, sondern um Quadratmeterpreise – Nationalromantik aus Maklerperspektive.
Kippa, Kaiser und Kriegsbildmontagen
Aus den sonstigen Reaktionen leuchtet dann endgültig das ganze Panoptikum. Da ist Heimo aus Steyr, der den „neuen Präsidenten (sic!) Ungarns“ mit Kippa bebildert und damit zeigt, dass Antisemitismus auch hier zu den reflexstabilsten Deutungsangeboten der Szene gehört. Da ist ein ehemaliger Gänserndorfer FPÖ-Gemeinderat, der „Gott und Kaiser“ zum Schutz Ungarns anruft, als sei die Wahl ein Fall für eine habsburgische Notfallseelsorge.

Da ist Susan, die Magyar gleich noch zum Welpenmörder in der Mikrowelle erklärt. Und da ist der bereits in Ungarn logierende Schweizer Rechtsaußen-Ausleger Ignaz Bearth, der aus dem Wahlausgang eine Kriegsbildmontage zimmert, was einen Henning zum Kommentar veranlasst: „Jetzt können wir nur noch auf Putin hoffen !! Ungarn wurde der EU zum Fraß vorgeworfen !!“ Die politische Analyse dieser Leute funktioniert wie schlechte Instant-Suppe: heißes Wasser drauf, zwei Feindbilder hinein, einmal kräftig umrühren.

Am schönsten aber bleibt vielleicht das kleine soziale Drama am Rand: „Somit werde ich aus allen ungarischen Gruppen austreten“, schreibt ein enttäuschter FPÖ-Gemeinderat aus Ziersdorf, der zugleich den Hauskauf in Ungarn für erledigt erklärt. Das ist die wahre Untergangspoesie dieser Stunden. Der niederösterreichische Patriot verliert nicht bloß eine Wahl, er verliert seinen Zukunftstraum im Ausland und auch gleich seine Gruppenanschlüsse.

Wenn das Sehnsuchtsland real wird
So zeigt dieser Reigen vor allem eines: wie sehr Orbáns Ungarn in diesen Milieus zur Projektionsfläche geworden war. Für die einen war es der letzte Außenposten gegen alles, was sie hassen. Für die anderen ein politisch möbliertes Ausweichdomizil. Und für die einschlägigen Medien eine Kulisse, auf der man EU, Migration, Krieg und Kulturkampf in Endlosschleife aufführen konnte. Nun ist die Kulisse verrutscht. Und plötzlich stehen sie da, die Propagandisten, Auswanderungsträumer und Kommentarritter und müssen zuschauen, wie aus ihrem Sehnsuchtsland wieder ein reales Land wird. Demokratie ist wirklich schwer zu verkraften!
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