Auf einem Sujet der Freiheitlichen Jugend Salzburg wurde zu einer „Mahnwache für Noelia“ vor dem spanischen Konsulat in Salzburg aufgerufen, verbunden mit der Parole „und allen [sic!] Opfern linker Asylpolitik“. Der parlamentarische Mitarbeiter des FPÖ-Abgeordneten Michael Oberlechner und Identitären-Kader Gernot Schmidt ging noch weiter, postete ein Sujet des „Standard“ zu Castillos Tod und kommentierte: „Man kann @derstandardat nicht genug hassen. Mit keinem Wort wird erwähnt wer die Täter sind.“ Der politische Zweck dieser Kampagne liegt offen zutage: Aus dem Tod einer jungen Frau wird nachträglich eine Kampagne gegen Migration gebaut.

Die unabhängige Kommission, die ihren Fall prüfte, bestätigte einen irreversiblen klinischen Zustand mit schwerer Abhängigkeit, chronischen Schmerzen und intensivem psychischem Leiden. Castillos Vater hatte die Sterbehilfe um zwei Jahre mit Einsprüchen verzögert – letztlich erfolglos. Castillo setzte ihrem Leben und Leiden am 26. März mit Hilfe von außen ein Ende.
Woher stammen die Fake-News?
Woher kommt die Erzählung von der „Vergewaltigung durch Migranten“ in einem Jugendheim, in dem Castillo gelebt hatte, überhaupt? Nicht aus Ermittlungsakten, nicht aus Gerichtsbeschlüssen und auch nicht aus Noelia Castillos eigenen Aussagen. Nachgezeichnet haben ihren Ursprung mehrere spanische Verifikationsmedien. Zunächst griff Santiago Abascal, Vorsitzender der spanischen Rechtsaußen-Partei Vox, die Behauptung in sozialen Medien auf.
Die beiden spanischen Faktencheck-Medien Newtral (27.3.26) und Maldita (26.3.26) zeigen, dass die Erzählung auf Aussagen von Polonia Castellanos zurückgeht, der Präsidentin der ultrakatholischen Organisation „Abogados Cristianos“, die den Vater im Verfahren gegen die assistierte Sterbehilfe seiner Tochter unterstützte. Ihr angeblicher Beleg bestand demnach ausschließlich in der Bestätigung eines anonym gehaltenen Familienangehörigen. Einen gerichtlichen Beschluss oder einen forensischen Bericht, der den Vorwurf stützt, konnte die Organisation selbst nicht vorlegen.
Die überprüfbaren Fakten zeichnen ein anderes Bild. Noelia Castillo schilderte in einem Fernsehinterview vor ihrem Tod drei sexuelle Übergriffe aus ihrem Leben. Beim dritten sprach sie von „tres chicos a la vez“, also drei Männern zugleich, wenige Tage vor ihrem Selbstmordversuch 2022. Eine Nationalität der Täter nannte sie nicht. Sie sagte auch nicht, dass diese Tat in einer Jugendeinrichtung oder in einem Heim passiert sei.
Die spanische Agentur gegen Desinformation EFE Verifica (27.3.26) hält deshalb ausdrücklich fest: Es gibt keinen Beleg dafür, dass Castillo von „menas” vergewaltigt worden sei. („En definitiva, nada prueba que Noelia Castillo fuera violada por menores extranjeros no acompañados mientras se encontraba en centros tutelados.“) Das spanische Kürzel „menas“ steht für unbegleitete ausländische Minderjährige und wird im rechten Diskurs regelmäßig als Kampfbegriff verwendet.
Die Chronologie zerlegt das rechte Narrativ zusätzlich. Nach Angaben der katalanischen Kinderschutzbehörde lebte Castillo von Juli 2015 bis Februar 2019 in zwei Einrichtungen der Jugendhilfe und verließ das System mit 18 Jahren freiwillig. Für diese Zeit gebe es, so die Behörde gegenüber mehreren Medien, keinen registrierten sexuellen Übergriff. Wenn Castillo die Gruppenvergewaltigung selbst auf wenige Tage vor ihrem Suizidversuch im Oktober 2022 datierte, kann die schon deshalb nicht in einem Heim stattgefunden haben. Das halten El País (26.3.26), Newtral, Maldita und EFE übereinstimmend fest.
Rechtsextreme Kampagne aus Spanien bis zur FPÖ
Damit wird auch sichtbar, wozu die Falschbehauptung dient. El País beschreibt die Welle an Desinformation rund um Castillo ausdrücklich als Kampagne, um die Gültigkeit ihrer Entscheidung für assistierte Sterbehilfe zu diskreditieren, den Staat verantwortlich zu machen und moralischen Druck auf die junge Frau aufzubauen. Das verschiebt den Fall von der Frage nach Selbstbestimmung, Leid und Patientenrechten in das vertraute Repertoire der extremen Rechten: migrantische Sexualgewalt, Staatsversagen, „weggenommene Kinder“, angeblich mörderische Eliten.
Die Salzburger „Mahnwache“ betrauert keine Tote, hier wird eine Tote kaltblütig verwertet. Die FPÖ übernimmt eine in Spanien widerlegte Erzählung und fügt sie in ihr eigenes Feindbild ein. Dass ein identitärer Kader und ein FPÖ-Nationalratsabgeordneter dafür den Fall der jungen Spanierin heranziehen, zeigt, wie transnational rechte Agitation inzwischen funktioniert: Eine ultrakatholische Lobbygruppe streut eine unbewiesene Behauptung, die spanische Rechtsaußen-Partei Vox macht daraus Propaganda, Faktenchecker und Behörden widersprechen, und in Salzburg wird daraus Straßenmobilisierung gegen „linke Asylpolitik“. Letztlich ist es nichts anderes als kalkulierte Leichenfledderei mit dem einzigen Zweck, rassistische Hetze zu verbreiten.
P.S.: Der Innsbrucker FPÖ-Gemeinderat Fabian Walch setzt noch eins drauf: Er verbreitet nicht nur die Fake-Vergewaltigungen, sondern auch noch, dass Noelia Castillo am assistierten Suizid gezweifelt habe, aber deshalb getötet wurde, weil ihre Organe schon verplant gewesen seien. Das ist verschwörungsideologisch unterfütterte Agitprop in Reinkultur!
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