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Lesezeit: 4 Minuten

Blaue Leichenfledderei: Rassistische Hetze mit einer Toten und Fake-News

Die Frei­heit­li­che Jugend Salz­burg mobi­li­siert mit dem Fall Noelia Cas­til­lo gegen „lin­ke Asyl­po­li­tik“. Die Behaup­tung, Cas­til­lo sei in einem Heim von Migran­ten ver­ge­wal­tigt wor­den, stammt aus einer ult­ra­ka­tho­li­schen Kam­pa­gne in Spa­ni­en. Bele­ge dafür gibt es kei­ne, dafür aber ras­sis­ti­sche Het­ze. Ein Faktencheck.

30. März 2026
SdR-Faktencheck – Rechte Propagnda entlarven! (KI-generiert)
KI-generiert

Auf einem Sujet der Frei­heit­li­chen Jugend Salz­burg wur­de zu einer „Mahn­wa­che für Noelia“ vor dem spa­ni­schen Kon­su­lat in Salz­burg auf­ge­ru­fen, ver­bun­den mit der Paro­le „und allen [sic!] Opfern lin­ker Asyl­po­li­tik“. Der par­la­men­ta­ri­sche Mit­ar­bei­ter des FPÖ-Abge­ord­ne­ten Micha­el Ober­lech­ner und Iden­ti­tä­ren-Kader Ger­not Schmidt ging noch wei­ter, pos­te­te ein Sujet des „Stan­dard“ zu Cas­til­los Tod und kom­men­tier­te: „Man kann @derstandardat nicht genug has­sen. Mit kei­nem Wort wird erwähnt wer die Täter sind.“ Der poli­ti­sche Zweck die­ser Kam­pa­gne liegt offen zuta­ge: Aus dem Tod einer jun­gen Frau wird nach­träg­lich eine Kam­pa­gne gegen Migra­ti­on gebaut.

Rassistische Hetze mit dem Tod von Noella Castillo: Sebastian Schweighofer (FPÖ-NR-Abg) und Gernot Schmidt (Screenshots 28.3.26)
Ras­sis­ti­sche Het­ze mit dem Tod von Noel­la Cas­til­lo: Sebas­ti­an Schweig­ho­fer (FPÖ-NR-Abg.) und Ger­not Schmidt (Screen­shots 28.3.26)
Cas­til­lo woll­te assis­tier­te Ster­be­hil­fe, weil sie seit ihrem Sui­zid­ver­such, einem Sprung aus dem fünf­ten Stock im Okto­ber 2022, mit einer irrever­si­blen Rücken­marks­ver­let­zung leb­te, gelähmt war, an dau­ern­den Schmer­zen litt und ihr Lei­den über lan­ge Zeit als uner­träg­lich schilderte.

Die unab­hän­gi­ge Kom­mis­si­on, die ihren Fall prüf­te, bestä­tig­te einen irrever­si­blen kli­ni­schen Zustand mit schwe­rer Abhän­gig­keit, chro­ni­schen Schmer­zen und inten­si­vem psy­chi­schem Lei­den. Cas­til­los Vater hat­te die Ster­be­hil­fe um zwei Jah­re mit Ein­sprü­chen ver­zö­gert – letzt­lich erfolg­los. Cas­til­lo setz­te ihrem Leben und Lei­den am 26. März mit Hil­fe von außen ein Ende.

Woher stammen die Fake-News?

Woher kommt die Erzäh­lung von der „Ver­ge­wal­ti­gung durch Migran­ten“ in einem Jugend­heim, in dem Cas­til­lo gelebt hat­te, über­haupt? Nicht aus Ermitt­lungs­ak­ten, nicht aus Gerichts­be­schlüs­sen und auch nicht aus Noelia Cas­til­los eige­nen Aus­sa­gen. Nach­ge­zeich­net haben ihren Ursprung meh­re­re spa­ni­sche Veri­fi­ka­ti­ons­me­di­en. Zunächst griff Sant­ia­go Abas­cal, Vor­sit­zen­der der spa­ni­schen Rechts­au­ßen-Par­tei Vox, die Behaup­tung in sozia­len Medi­en auf.

Die bei­den spa­ni­schen Fak­ten­check-Medi­en New­tral (27.3.26) und Mal­di­ta (26.3.26) zei­gen, dass die Erzäh­lung auf Aus­sa­gen von Polo­nia Cas­tel­lanos zurück­geht, der Prä­si­den­tin der ult­ra­ka­tho­li­schen Orga­ni­sa­ti­on „Abo­ga­dos Cris­tia­nos“, die den Vater im Ver­fah­ren gegen die assis­tier­te Ster­be­hil­fe sei­ner Toch­ter unter­stütz­te. Ihr angeb­li­cher Beleg bestand dem­nach aus­schließ­lich in der Bestä­ti­gung eines anonym gehal­te­nen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen. Einen gericht­li­chen Beschluss oder einen foren­si­schen Bericht, der den Vor­wurf stützt, konn­te die Orga­ni­sa­ti­on selbst nicht vorlegen.

Die über­prüf­ba­ren Fak­ten zeich­nen ein ande­res Bild. Noelia Cas­til­lo schil­der­te in einem Fern­seh­in­ter­view vor ihrem Tod drei sexu­el­le Über­grif­fe aus ihrem Leben. Beim drit­ten sprach sie von „tres chi­cos a la vez“, also drei Män­nern zugleich, weni­ge Tage vor ihrem Selbst­mord­ver­such 2022. Eine Natio­na­li­tät der Täter nann­te sie nicht. Sie sag­te auch nicht, dass die­se Tat in einer Jugend­ein­rich­tung oder in einem Heim pas­siert sei.

Die spa­ni­sche Agen­tur gegen Des­in­for­ma­ti­on EFE Veri­fi­ca (27.3.26) hält des­halb aus­drück­lich fest: Es gibt kei­nen Beleg dafür, dass Cas­til­lo von „menas” ver­ge­wal­tigt wor­den sei. („En defi­ni­ti­va, nada prueba que Noelia Cas­til­lo fuera vio­la­da por meno­res extran­je­ros no acom­pa­ña­dos mien­tras se encon­tra­ba en cen­tros tutela­dos.“) Das spa­ni­sche Kür­zel „menas“ steht für unbe­glei­te­te aus­län­di­sche Min­der­jäh­ri­ge und wird im rech­ten Dis­kurs regel­mä­ßig als Kampf­be­griff verwendet.

Die Chro­no­lo­gie zer­legt das rech­te Nar­ra­tiv zusätz­lich. Nach Anga­ben der kata­la­ni­schen Kin­der­schutz­be­hör­de leb­te Cas­til­lo von Juli 2015 bis Febru­ar 2019 in zwei Ein­rich­tun­gen der Jugend­hil­fe und ver­ließ das Sys­tem mit 18 Jah­ren frei­wil­lig. Für die­se Zeit gebe es, so die Behör­de gegen­über meh­re­ren Medi­en, kei­nen regis­trier­ten sexu­el­len Über­griff. Wenn Cas­til­lo die Grup­pen­ver­ge­wal­ti­gung selbst auf weni­ge Tage vor ihrem Sui­zid­ver­such im Okto­ber 2022 datier­te, kann die schon des­halb nicht in einem Heim statt­ge­fun­den haben. Das hal­ten El País (26.3.26), New­tral, Mal­di­ta und EFE über­ein­stim­mend fest.

Rechtsextreme Kampagne aus Spanien bis zur FPÖ

Damit wird auch sicht­bar, wozu die Falsch­be­haup­tung dient. El País beschreibt die Wel­le an Des­in­for­ma­ti­on rund um Cas­til­lo aus­drück­lich als Kam­pa­gne, um die Gül­tig­keit ihrer Ent­schei­dung für assis­tier­te Ster­be­hil­fe zu dis­kre­di­tie­ren, den Staat ver­ant­wort­lich zu machen und mora­li­schen Druck auf die jun­ge Frau auf­zu­bau­en. Das ver­schiebt den Fall von der Fra­ge nach Selbst­be­stim­mung, Leid und Pati­en­ten­rech­ten in das ver­trau­te Reper­toire der extre­men Rech­ten: migran­ti­sche Sexu­al­ge­walt, Staats­ver­sa­gen, „weg­ge­nom­me­ne Kin­der“, angeb­lich mör­de­ri­sche Eliten.

Die Salz­bur­ger „Mahn­wa­che“ betrau­ert kei­ne Tote, hier wird eine Tote kalt­blü­tig ver­wer­tet. Die FPÖ über­nimmt eine in Spa­ni­en wider­leg­te Erzäh­lung und fügt sie in ihr eige­nes Feind­bild ein. Dass ein iden­ti­tä­rer Kader und ein FPÖ-Natio­nal­rats­ab­ge­ord­ne­ter dafür den Fall der jun­gen Spa­nie­rin her­an­zie­hen, zeigt, wie trans­na­tio­nal rech­te Agi­ta­ti­on inzwi­schen funk­tio­niert: Eine ult­ra­ka­tho­li­sche Lob­by­grup­pe streut eine unbe­wie­se­ne Behaup­tung, die spa­ni­sche Rechts­au­ßen-Par­tei Vox macht dar­aus Pro­pa­gan­da, Fak­ten­che­cker und Behör­den wider­spre­chen, und in Salz­burg wird dar­aus Stra­ßen­mo­bi­li­sie­rung gegen „lin­ke Asyl­po­li­tik“. Letzt­lich ist es nichts ande­res als kal­ku­lier­te Lei­chen­fled­de­rei mit dem ein­zi­gen Zweck, ras­sis­ti­sche Het­ze zu verbreiten.

P.S.: Der Inns­bru­cker FPÖ-Gemein­de­rat Fabi­an Walch setzt noch eins drauf: Er ver­brei­tet nicht nur die Fake-Ver­ge­wal­ti­gun­gen, son­dern auch noch, dass Noelia Cas­til­lo am assis­tier­ten Sui­zid gezwei­felt habe, aber des­halb getö­tet wur­de, weil ihre Orga­ne schon ver­plant gewe­sen sei­en. Das ist ver­schwö­rungs­ideo­lo­gisch unter­füt­ter­te Agit­prop in Reinkultur!

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