Was am 12. Februar in Lyon geschah
Der Ausgangspunkt war eine Veranstaltung der linken Europaabgeordneten Rima Hassan („La France Insoumise“) am politikwissenschaftlichen Institut (Sciences Po) Lyon. Vor dem Institut entrollten Aktivistinnen des rechtsextremen Frauenkollektivs Némésis ein Transparent. Laut dem Lyoner Staatsanwalt sei es zuerst zu Übergriffen auf mindestens zwei Némésis-Aktivistinnen gekommen. Etwa eine halbe Stunde später sei eine Gruppe rund um Deranque, die Némésis angeblich abgesichert hatte, von vermummten Personen attackiert worden. Drei Männer, darunter Deranque, seien zu Boden geworfen und wiederholt geschlagen worden.
Das Medium „Contre-Attaque“ beruft sich auf Auswertungen von diversen Aufnahmen und beschreibt den Vorfall vom 12. Februar als bewaffneten Hinterhalt der extremen Rechten. Deranques Gruppe habe demnach einige Hundert Meter abseits der Némésis-Aktion auf mutmaßliche Antifaschisten gewartet und beim Zusammenstoß unter anderem eine Eisenstange und Reizgas eingesetzt. Deranque selbst war an vorderster Front dabei, wie Bilder belegen.
Damit gerät die Version ins Wanken, Deranque und seine Begleiter hätten bloß einen „Schutzdienst“ für Némésis gestellt und seien überfallen worden. „Contre-Attaque“ verweist zusätzlich auf eine Zeugenaussage von linker Seite, wonach die Gruppe von rechts angegriffen worden sei. Auch die ursprüngliche Erzählung, Deranque sei am Boden liegend zurückgelassen worden, stellte sich mittlerweile als falsch heraus. Deranque soll das Gelände selbst verlassen und sich geweigert haben, ein Krankenhaus aufzusuchen.
Fest steht: Deranque verstarb am 14. Februar, zwei Tage nach dem Vorfall. Die Obduktion ergab ein massives Schädel-Hirn-Trauma und eine rechte Schläfenbeinfraktur. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen eine Reihe von Personen wegen vorsätzlicher Tötung. Wer welche Schläge geführt hat, bleibt Gegenstand der laufenden Ermittlungen.
Trauerminute im Parlament, rechtsextremer Märtyrerkult online und auf der Straße
Die Folgen reichen bis in die Assemblée Nationale. Am 17. Februar hatte das Abgeordnetenhaus eine Schweigeminute für Deranque abgehalten. Nach den „Mediapart“-Enthüllungen (12.3.26) erklärte die Präsidentin des Hauses Yaël Braun-Pivet, sie sei „horrifiée“ („entsetzt“), und die Schweigeminute sei in einem Moment „großer nationaler Erregung“ kollektiv beschlossen worden. Das politische Problem bleibt: Ein Mann mit dokumentierter Neonazi- und Faschismusapologie wurde von der institutionellen Politik als unschuldiges Symbolopfer behandelt.
Schnell nach dessen Tod hatte die extreme Rechte Deranque sakralisiert. Bei dem als „Trauerdemonstration“ geframten Aufmarsch am 21. Februar in Lyon versammelten sich laut Präfektur rund 3.200 Personen mit internationaler Beteiligung aus nationalrevolutionären, identitären, monarchistischen und offen neonazistischen Strukturen, laut „Le Monde“ (22.2.26) auch aus Österreich. Die Präfektur leitete wegen Hitlergrüßen sowie rassistischen und homophoben Beschimpfungen ein Verfahren an die Justiz weiter.
In ihm hätten sich „Patriotismus und Gottesliebe (…) verbunden“, zitiert der konservative „Figaro“ (26.2.26) einen Freund, er habe sich für Obdachlose engagiert. Diese europaweite Heroisierung hielt auch nach ersten kritischen Hintergrundberichten an. Der Tod eines gewalttätig sozialisierten Neofaschisten wurde in ein politisches Opferbild umgegossen, das die radikale Rechte zur Sammlung ihrer zersplitterten Lager nutzte.
Sellner vermeldet „Mord“ vor Deranques Tod
Die österreichische Szene stieg umgehend ein. Martin Sellner vermeldete bereits am 13. Februar, also noch vor Deranques Tod, einen „Antifa-Mord in Lyon“ und fabulierte, Deranque sei ein „Held“, „Patriot, Katholik, Traditionalist und Aktivist“, „Ein echter Sohn einer Nation von Helden und Heiligen”, rief zu einem Gedenken in Wien auf und forderte, für sein Andenken weiterzukämpfen.

Damit war der Fall vom ersten Tag an in die identitäre Erzählung von Opfer, Aufbruch und transnationaler Mobilisierung eingebaut. Dennoch hatte es eine Woche gedauert, bis Sellner & Co daraus unter Beteiligung von gerade in Wien anwesenden Akademikerballbesucher:innen ein Bühnenbild bastelten: zuerst feuchtfröhliches Amüsement am Ball, keine 24 Stunden später betroffene Gesichter bei einer Aktion vor der französischen Botschaft unter dem Slogan „Justice Quentin“ und „Quentin present!“. Dass das Spektakel direkt in einen Spendenaufruf für Bannerstoff, Farbe und Fackeln mündete, fügt sich ins Bild. Die Totenverehrung diente als Rekrutierungs- und Fundraisingmaterial, eingebettet in die übliche identitäre Agitation.
Das „Presseservice Wien“ (21.2.26), das die „Mahnwache“ dokumentiert hat, spricht von einer rechtsextremen bis neonazistischen Zusammensetzung des Aufmarschs und nennt neben Identitären und Burschenschaftern auch Wiener Neonazigruppen wie „Noricum“, „Division Wien“, „Tanzbrigade“ und „Brigada Beč“. Nach der Kundgebung zog ein Teil der Teilnehmer weiter zu einem Auftritt des US-Rechtsextremisten Curtis Yarvin. Deranque wurde in Wien also in eine rechte Vernetzungs- und Eventarchitektur eingebaut.

„Mediapart“ sprengt das Bild vom „friedlichen Katholiken“
Deranque war in der französischen extremen Rechten kein Unbekannter. Er war Teil jener neuen Generation, in der royalistische, identitäre und nationalrevolutionäre Milieus ineinanderlaufen. Das französische Investigativ-Magazin „Mediapart“ rekonstruierte Kontakte in das neonazistische Active-Club-Milieu und die Teilnahme an einem Kampfsporttraining knapp zwei Wochen vor seinem Tod.
Der zentrale Befund der neuen Recherche ist hart: „Mediapart“ hat tausende X‑Postings unter Deranques Pseudonym ausgewertet und kommt zu dem Schluss, sein Online-Aktivismus sei von „glorification du fascisme et une nostalgie du nazisme“ (Verherrlichung des Faschismus und Nostalgie nach dem Nazismus) geprägt gewesen.
Deranque bezeichnete sich demnach selbst als Faschisten, schrieb „On veut le fascisme“ („Wir wollen den Faschismus“) und postete: „Moi, je soutiens Adolf, mais chacun son truc“ („Ich unterstütze Adolf, aber jeder, wie er will“). Er empfahl Kapitel aus „Mein Kampf“, verteidigte den multipel verurteilten gewalttätigen Neonazi Marc de Cacqueray und reagierte auf den Hinweis, der „Rassemblement National“ sei von Waffen-SS-Leuten gegründet worden, mit „Et c’est très bien“ („Und das ist sehr gut“).
„Mediapart“ dokumentiert offen rassistische und antisemitische Postings, Forderungen nach Deportationen, weißen Suprematismus, Holocaust-relativierende Anspielungen und Gewaltfantasien. Deranque propagierte „Blanchité“ (Weißsein) als Kriterium des Französischseins, hetzte gegen Schwarze und Araber, benutzte antisemitische Codes und bezog sich positiv auf negationistische Autoren wie den Holocaustleugner Maurice Bardèche sowie auf Figuren aus der Kolloboration wie Lucien Rebatet. Damit zerfällt die Erzählung vom unpolitischen, frommen Studenten.
Was übrig bleibt: Deranque taugt der europäischen extremen Rechten als Projektionsfigur, weil sein Fall mehrere Erzählungen zugleich bedient: das Bild des „geopferten Patrioten“, die Dämonisierung antifaschistischer Gegenwehr und den Ruf nach internationaler Sammlung. Spätestens seit der „Mediapart“-Recherche liegt offen, wie zynisch, aber auch entlarvend diese Solidarisierung „Je suis Quentin“ ist. Sie gilt einem Neonazi.

Unabhängige Recherche ermöglichen...
Jetzt unterstützen »
