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„Stoppt die Rechten“ ist eine unabhängige, antifaschistische Plattform, die Rechtsextremismus und Neonazismus in Österreich sichtbar macht, analysiert und dokumentiert – mit dem umfassendsten öffentlich zugänglichen Online-Archiv zu rechtsextremen Entwicklungen und Vorfällen in Österreich.

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Lesezeit: 5 Minuten

Der Neonazi-Märtyrer von Lyon als rechtsextremes Inszenierungsspektakel

Quen­tin Deran­que starb am 14. Febru­ar in Lyon an den Fol­gen einer gewalt­tä­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen extrem rech­ter und anti­fa­schis­ti­scher Sze­ne. Inner­halb weni­ger Tage mach­te die radi­ka­le Rech­te aus dem 23-Jäh­ri­gen euro­pa­weit einen Mär­ty­rer. Eine „Mediapart“-Recherche ent­larvt den zum Katho­li­ken hoch­sti­li­sier­ten Deran­que als Neo­na­zi, der Faschis­mus und Hit­ler glorifizierte.

16. März 2026
Inszenierte Mahnwache am 21.2.26 vor der französischen Botschaft: Christoph Albert und Martin Sellner als Redner (Foto: Presseservice Wien)
Inszenierte Mahnwache am 21.2.26 vor der französischen Botschaft: Christoph Albert und Martin Sellner als Redner (Foto: Presseservice Wien)

Was am 12. Februar in Lyon geschah

Der Aus­gangs­punkt war eine Ver­an­stal­tung der lin­ken Euro­pa­ab­ge­ord­ne­ten Rima Hassan („La France Inso­u­mi­se“) am poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Insti­tut (Sci­en­ces Po) Lyon. Vor dem Insti­tut ent­roll­ten Akti­vis­tin­nen des rechts­extre­men Frau­en­kol­lek­tivs Némé­sis ein Trans­pa­rent. Laut dem Lyo­ner Staats­an­walt sei es zuerst zu Über­grif­fen auf min­des­tens zwei Némé­sis-Akti­vis­tin­nen gekom­men. Etwa eine hal­be Stun­de spä­ter sei eine Grup­pe rund um Deran­que, die Némé­sis angeb­lich abge­si­chert hat­te, von ver­mumm­ten Per­so­nen atta­ckiert wor­den. Drei Män­ner, dar­un­ter Deran­que, sei­en zu Boden gewor­fen und wie­der­holt geschla­gen worden.

Das Medi­um „Cont­re-Attaque“ beruft sich auf Aus­wer­tun­gen von diver­sen Auf­nah­men und beschreibt den Vor­fall vom 12. Febru­ar als bewaff­ne­ten Hin­ter­halt der extre­men Rech­ten. Deran­ques Grup­pe habe dem­nach eini­ge Hun­dert Meter abseits der Némé­sis-Akti­on auf mut­maß­li­che Anti­fa­schis­ten gewar­tet und beim Zusam­men­stoß unter ande­rem eine Eisen­stan­ge und Reiz­gas ein­ge­setzt. Deran­que selbst war an vor­ders­ter Front dabei, wie Bil­der belegen.

Damit gerät die Ver­si­on ins Wan­ken, Deran­que und sei­ne Beglei­ter hät­ten bloß einen „Schutz­dienst“ für Némé­sis gestellt und sei­en über­fal­len wor­den. „Cont­re-Attaque“ ver­weist zusätz­lich auf eine Zeu­gen­aus­sa­ge von lin­ker Sei­te, wonach die Grup­pe von rechts ange­grif­fen wor­den sei. Auch die ursprüng­li­che Erzäh­lung, Deran­que sei am Boden lie­gend zurück­ge­las­sen wor­den, stell­te sich mitt­ler­wei­le als falsch her­aus. Deran­que soll das Gelän­de selbst ver­las­sen und sich gewei­gert haben, ein Kran­ken­haus aufzusuchen.

Fest steht: Deran­que ver­starb am 14. Febru­ar, zwei Tage nach dem Vor­fall. Die Obduk­ti­on ergab ein mas­si­ves Schä­del-Hirn-Trau­ma und eine rech­te Schlä­fen­beinfrak­tur. Die Staats­an­walt­schaft ermit­telt gegen eine Rei­he von Per­so­nen wegen vor­sätz­li­cher Tötung. Wer wel­che Schlä­ge geführt hat, bleibt Gegen­stand der lau­fen­den Ermittlungen.

Trauerminute im Parlament, rechtsextremer Märtyrerkult online und auf der Straße

Die Fol­gen rei­chen bis in die Assem­blée Natio­na­le. Am 17. Febru­ar hat­te das Abge­ord­ne­ten­haus eine Schwei­ge­mi­nu­te für Deran­que abge­hal­ten. Nach den „Mediapart“-Enthüllungen (12.3.26) erklär­te die Prä­si­den­tin des Hau­ses Yaël Braun-Pivet, sie sei „hor­ri­fiée“ („ent­setzt“), und die Schwei­ge­mi­nu­te sei in einem Moment „gro­ßer natio­na­ler Erre­gung“ kol­lek­tiv beschlos­sen wor­den. Das poli­ti­sche Pro­blem bleibt: Ein Mann mit doku­men­tier­ter Neo­na­zi- und Faschis­mus­a­po­lo­gie wur­de von der insti­tu­tio­nel­len Poli­tik als unschul­di­ges Sym­bo­lop­fer behandelt.

Schnell nach des­sen Tod hat­te die extre­me Rech­te Deran­que sakra­li­siert. Bei dem als „Trau­er­de­mons­tra­ti­on“ gefr­am­ten Auf­marsch am 21. Febru­ar in Lyon ver­sam­mel­ten sich laut Prä­fek­tur rund 3.200 Per­so­nen mit inter­na­tio­na­ler Betei­li­gung aus natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­ren, iden­ti­tä­ren, mon­ar­chis­ti­schen und offen neo­na­zis­ti­schen Struk­tu­ren, laut „Le Mon­de“ (22.2.26) auch aus Öster­reich. Die Prä­fek­tur lei­te­te wegen Hit­ler­grü­ßen sowie ras­sis­ti­schen und homo­pho­ben Beschimp­fun­gen ein Ver­fah­ren an die Jus­tiz weiter.

In ihm hät­ten sich „Patrio­tis­mus und Got­tes­lie­be (…) ver­bun­den“, zitiert der kon­ser­va­ti­ve „Figa­ro“ (26.2.26) einen Freund, er habe sich für Obdach­lo­se enga­giert. Die­se euro­pa­wei­te Heroi­sie­rung hielt auch nach ers­ten kri­ti­schen Hin­ter­grund­be­rich­ten an. Der Tod eines gewalt­tä­tig sozia­li­sier­ten Neo­fa­schis­ten wur­de in ein poli­ti­sches Opfer­bild umge­gos­sen, das die radi­ka­le Rech­te zur Samm­lung ihrer zer­split­ter­ten Lager nutzte.

Sellner vermeldet „Mord“ vor Deranques Tod

Die öster­rei­chi­sche Sze­ne stieg umge­hend ein. Mar­tin Sell­ner ver­mel­de­te bereits am 13. Febru­ar, also noch vor Deran­ques Tod, einen „Anti­fa-Mord in Lyon“ und fabu­lier­te, Deran­que sei ein „Held“, „Patri­ot, Katho­lik, Tra­di­tio­na­list und Akti­vist“, „Ein ech­ter Sohn einer Nati­on von Hel­den und Hei­li­gen”, rief zu einem Geden­ken in Wien auf und for­der­te, für sein Andenken weiterzukämpfen.

Sellner vermeldet "Mord" einen Tag vor Deranques Tod - mit Foto der Basilika Notre-Dame de Fourvière, als Beginn der Sakralisierung (Screenshot TG 13.2.26)
Sell­ner ver­mel­det „Mord” einen Tag vor Deran­ques Tod — mit Foto der Basi­li­ka Not­re-Dame de Four­viè­re als Beginn der Sakra­li­sie­rung (Screen­shot TG 13.2.26)

Damit war der Fall vom ers­ten Tag an in die iden­ti­tä­re Erzäh­lung von Opfer, Auf­bruch und trans­na­tio­na­ler Mobi­li­sie­rung ein­ge­baut. Den­noch hat­te es eine Woche gedau­ert, bis Sell­ner & Co dar­aus unter Betei­li­gung von gera­de in Wien anwe­sen­den Akademikerballbesucher:innen ein Büh­nen­bild bas­tel­ten: zuerst feucht­fröh­li­ches Amü­se­ment am Ball, kei­ne 24 Stun­den spä­ter betrof­fe­ne Gesich­ter bei einer Akti­on vor der fran­zö­si­schen Bot­schaft unter dem Slo­gan „Jus­ti­ce Quen­tin“ und „Quen­tin pre­sent!“. Dass das Spek­ta­kel direkt in einen Spen­den­auf­ruf für Ban­ner­stoff, Far­be und Fackeln mün­de­te, fügt sich ins Bild. Die Toten­ver­eh­rung dien­te als Rekru­tie­rungs- und Fund­rai­sin­g­ma­te­ri­al, ein­ge­bet­tet in die übli­che iden­ti­tä­re Agitation.

Das „Pres­se­ser­vice Wien“ (21.2.26), das die „Mahn­wa­che“ doku­men­tiert hat, spricht von einer rechts­extre­men bis neo­na­zis­ti­schen Zusam­men­set­zung des Auf­marschs und nennt neben Iden­ti­tä­ren und Bur­schen­schaf­tern auch Wie­ner Neo­na­zi­grup­pen wie „Nori­cum“, „Divi­si­on Wien“, „Tanz­bri­ga­de“ und „Bri­ga­da Beč“. Nach der Kund­ge­bung zog ein Teil der Teil­neh­mer wei­ter zu einem Auf­tritt des US-Rechts­extre­mis­ten Cur­tis Yar­vin. Deran­que wur­de in Wien also in eine rech­te Ver­net­zungs- und Event­archi­tek­tur eingebaut.

Rechtsextreme "Mahnwache" am 21.2.26 vor der französischen Botschaft (Foto: Presseservice Wien)
Rechts­extre­me „Mahn­wa­che” am 21.2.26 vor der fran­zö­si­schen Bot­schaft. Im Bild u.a. Manu­el Cor­chia – Jun­ge Tat, CH (Foto: Pres­se­ser­vice Wien)

„Mediapart“ sprengt das Bild vom „friedlichen Katholiken“

Deran­que war in der fran­zö­si­schen extre­men Rech­ten kein Unbe­kann­ter. Er war Teil jener neu­en Gene­ra­ti­on, in der roya­lis­ti­sche, iden­ti­tä­re und natio­nal­re­vo­lu­tio­nä­re Milieus inein­an­der­lau­fen. Das fran­zö­si­sche Inves­ti­ga­tiv-Maga­zin „Media­part“ rekon­stru­ier­te Kon­tak­te in das neo­na­zis­ti­sche Acti­ve-Club-Milieu und die Teil­nah­me an einem Kampf­sport­trai­ning knapp zwei Wochen vor sei­nem Tod.

Der zen­tra­le Befund der neu­en Recher­che ist hart: „Media­part“ hat tau­sen­de X‑Postings unter Deran­ques Pseud­onym aus­ge­wer­tet und kommt zu dem Schluss, sein Online-Akti­vis­mus sei von „glo­ri­fi­ca­ti­on du fascis­me et une nost­al­gie du nazis­me“ (Ver­herr­li­chung des Faschis­mus und Nost­al­gie nach dem Nazis­mus) geprägt gewesen.

Deran­que bezeich­ne­te sich dem­nach selbst als Faschis­ten, schrieb „On veut le fascis­me“ („Wir wol­len den Faschis­mus“) und pos­te­te: „Moi, je sou­ti­ens Adolf, mais chacun son truc“ („Ich unter­stüt­ze Adolf, aber jeder, wie er will“). Er emp­fahl Kapi­tel aus „Mein Kampf“, ver­tei­dig­te den mul­ti­pel ver­ur­teil­ten gewalt­tä­ti­gen Neo­na­zi Marc de Cac­quer­ay und reagier­te auf den Hin­weis, der „Ras­sem­blem­ent Natio­nal“ sei von Waf­fen-SS-Leu­ten gegrün­det wor­den, mit „Et c’est très bien“ („Und das ist sehr gut“).

„Media­part“ doku­men­tiert offen ras­sis­ti­sche und anti­se­mi­ti­sche Pos­tings, For­de­run­gen nach Depor­ta­tio­nen, wei­ßen Supre­ma­tis­mus, Holo­caust-rela­ti­vie­ren­de Anspie­lun­gen und Gewalt­fan­ta­sien. Deran­que pro­pa­gier­te „Blan­chi­té“ (Weiß­sein) als Kri­te­ri­um des Fran­zö­sisch­seins, hetz­te gegen Schwar­ze und Ara­ber, benutz­te anti­se­mi­ti­sche Codes und bezog sich posi­tiv auf nega­tio­nis­ti­sche Autoren wie den Holo­caust­leug­ner Mau­rice Bar­dè­che sowie auf Figu­ren aus der Kol­lo­bo­ra­ti­on wie Luci­en Reba­tet. Damit zer­fällt die Erzäh­lung vom unpo­li­ti­schen, from­men Studenten.

Was übrig bleibt: Deran­que taugt der euro­päi­schen extre­men Rech­ten als Pro­jek­ti­ons­fi­gur, weil sein Fall meh­re­re Erzäh­lun­gen zugleich bedient: das Bild des „geop­fer­ten Patrio­ten“, die Dämo­ni­sie­rung anti­fa­schis­ti­scher Gegen­wehr und den Ruf nach inter­na­tio­na­ler Samm­lung. Spä­tes­tens seit der „Mediapart“-Recherche liegt offen, wie zynisch, aber auch ent­lar­vend die­se Soli­da­ri­sie­rung „Je suis Quen­tin“ ist. Sie gilt einem Neonazi.

Fabian Walch (FPÖ Tirol): "JeSuisQuentin", "Ein wahrer Held!" (Screenshot Insta 21.2.26)
Fabi­an Walch (FPÖ Tirol): „JeSu­is­Quen­tin”, „Ein wah­rer Held!” (Screen­shot Ins­ta 21.2.26)

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