QAnon-Gläubige: umgeimpft, blau und mittelalterlich

„Q vadis? Zur Ver­bre­itung von QAnon im deutschsprachi­gen Raum“ ist die erste groß angelegte Studie, die es zur Rezep­tion von QAnon-Nar­ra­tiv­en in Deutsch­land und Öster­re­ich gibt. Das in Berlin behei­matete Forschungsin­sti­tut CeMAS (Cen­ter für Mon­i­tor­ing, Analyse und Strate­gie) hat in ein­er repräsen­ta­tiv­en Umfrage nicht nur erhoben, wie hoch die Zus­tim­mung zu QAnon ist, son­dern auch, woher die gläu­bige Klien­tel kommt.

Die aus den mit­te­lal­ter­lichen anti­semi­tis­chen Rit­ual­mordle­gen­den gespeiste Grun­derzäh­lung, die über QAnon-Kanäle, vor allem über Telegram, ver­bre­it­et wird, hört sich der­maßen abstrus an, dass man geneigt wäre, sie als unbe­deu­tend wegzuwis­chen. Es geht um einen „tiefen Staat“ („Deep State“), geheime weltweit agierende Eliten, die Kinder kid­nap­pen und in unterirdis­chen Lagern fes­thal­ten wür­den, um aus deren Zir­bel­drüsen das Ver­jün­gungsmit­tel „Adrenochrom“ abzuzapfen. Ein­mal abge­se­hen davon, dass Adrenochrom ohne jegliche Ver­brechen und unaufwändi­ger in Chemielabors hergestellt und sog­ar via Inter­net bestellt wer­den kann, müsste eine Ver­jün­gungskur bei den ursprünglich Beschuldigten wie Hillary Clin­ton oder diversen Hol­ly­wood-Promis nach all den Jahren ihres Treibens eigentlich bemerk­bar sein – was zumin­d­est optisch nicht zutrifft. Doch solche durch Logik inspiri­erten Inter­ven­tio­nen ver­mö­gen die Anhänger*innen dieses hanebüch­enen Unsinns nicht zu stören, die Ver­schwörungsmythen blühen weit­er mit immer neuen Absur­ditäten und Verdäch­ti­gun­gen – und das beson­ders gut in den deutschsprachi­gen Län­dern. CeMAS zählt sechs ein­schlägige deutschsprachige Telegram-Kanäle mit mehr als 100.000 Abonnent*innen und 115 Kanäle mit mehr als 1.000 Abonnent*innen.

Don­ald Trump, der laut der ab 2017 lancierten Q‑Erzählung auserko­ren war, den Kampf gegen diesen „Deep State“ zu führen, ist als US-Präsi­dent (vor­läu­fig) Geschichte, was dem Zus­pruch kein­er­lei Abbruch getan hat. Die QAnon-Mythen wer­den unen­twegt weit­ergestrickt und der jew­eili­gen Sit­u­a­tion angepasst: Coro­na, die Imp­fung wur­den ins Ver­schwörungss­chema einge­fügt, und die QAnon-Nar­ra­tive erleben sei­ther einen ver­i­ta­blen Höhen­flug – beson­ders hierzu­lande. Die Aktiv­itäten in deutschsprachi­gen Telegram-Kanälen und Grup­pen sind in den let­zten zwei Jahren der Pan­demie förm­lich explodiert und hal­ten sich auf einem hohen Niveau. So stellt die CeMAS-Studie auch fest: „Die größte Szene außer­halb der USA find­et sich wohl im deutschsprachi­gen Raum.“ (CeMAS, S. 13) Nicht ver­wun­der­lich ist, dass sich Recht­sex­treme, das Coro­na-Maß­nah­men­protest­m­i­lieu und jenes der Reichsbürger*innen der QAnon-Nar­ra­tive häu­fig bedienen.

Die dig­i­tal­en und physis­chen Auftritte der QAnon-Anhänger­schaft sind neben den Nar­ra­tiv­en an diversen Codes erkennbar: Die Abkürzung „WWG1WGA“ ste­ht für den gemein­schaftss­tif­ten­den Satz „Where we go one, we go all“.

QAnon Austria: One-Man-Kanal des Kristian K.

QAnon Aus­tria: One-Man-Kanal des Kris­t­ian K.

Bekan­nte Phrasen von QAnon sind „down the rab­bit hole“ (dt.: »rein in den Kan­inchen­bau») und „fol­low the white rab­bit“ (dt.: „Folge dem weißen Kan­inchen“). Sie wer­den unter anderem als hash­tags auf Twit­ter und als Shirt-Motive mit Kan­inchen-Zeich­nun­gen ver­bre­it­et. Sie beziehen sich auf die Erzäh­lung „Alice im Wun­der­land“ und auf den Film „The Matrix“. Sie ste­hen sinnbildlich dafür, dass Men­schen begin­nen, kleinen Zweifeln nachzuge­hen und dabei die ver­bor­gene Welt der Ver­schwörung ent­deck­en. (dasversteckspiel.de)

Die über QAnon-Kreise ven­tilierten apoka­lyp­tis­chen Bedro­hun­gen sind dabei so schw­er­wiegend und emo­tion­al­isierend, dass damit fast automa­tisch ein Freis­chein erteilt wird, selb­st zu han­deln und dage­gen anzuge­hen – auch gewalt­tätig, was mit dem Sturm auf das Wash­ing­ton­er Kapi­tol mit dem Ziel, „das Sys­tem“ zu stürzen, einen vor­läu­fi­gen Höhep­unkt fand. QAnon und deren Wellen­re­it­er tra­gen also nicht nur zur Desin­for­ma­tion bei, son­dern sind auch brandge­fährlich. Dementsprechend aufrüt­tel­nd sind die Zahlen, die CeMAS bei 1.970 befragten Per­so­n­en in Deutsch­land und 1.012 Per­so­n­en in Öster­re­ich anhand der Zus­tim­mung zu fol­gen­den Punk­ten erhoben hat:

– Ver­schwörungserzäh­lung eines Deep State
– Ver­schwörungserzäh­lung eines ange­blich weltweit agieren­den satanis­tis­chen Kinderhandels
– Ver­schwörungserzäh­lung zur ange­blich gestohle­nen Wahl
– Ver­schwörungserzäh­lung eines ange­blichen „großen Sturms“, der kommt, um die „recht­mäßi­gen Führer“ wiederherzustellen
– Idee, dass „wahre Patri­oten“ zur Gewalt greifen müssen, um die Ord­nung wieder­herzustellen 

Die Quin­tes­senz der Befragungsergebnisse

In Öster­re­ich stim­men sat­te 16,2 % zen­tralen QAnon-Nar­ra­tiv­en voll oder eher zu, das ist etwa jede sech­ste Per­son. Öster­re­ich liegt damit deut­lich höher als Deutsch­land, das einen Zus­tim­mungswert von 12,4 % aufweist. Aber nur 6 % der Befragten in Öster­re­ich und 9 % in Deutsch­land geben an, „eher viel oder sehr viel über QAnon gele­sen zu haben. (…) Es zeigt sich: Auch wenn QAnon gesamt­ge­sellschaftlich kaum bekan­nt ist, schaf­fen es die Ver­schwörungserzäh­lun­gen, die in dieser Szene kur­sieren, ihren Weg in die Gesellschaft zu find­en.“ (CeMAS, S. 40)

Zustimmung QAnon-Narrative in Deutschland und Österreich (CeMAS S. 30)

Zus­tim­mung QAnon-Nar­ra­tive in Deutsch­land und Öster­re­ich (CeMAS, S. 30)

Der höch­ste Zus­tim­mungs­grad ist unter den 30–39-Jährigen (21 %) zu ver­merken, der niedrig­ste unter den Ü‑60-Jähri­gen. Damit gilt: Alter schützt zumin­d­est etwas vor QAnon-Torheit­en, was jedoch wohl weniger ein­er Alter­sweisheit zu ver­danken sein dürfte als dem gerin­geren Kon­sum von QAnon-Hauptverbreitungsmedien.

Die QAnon-Fans rekru­tieren sich in hohem Maß aus Impfgegner*innen (Zus­tim­mungswert in Öster­re­ich unter Umgeimpften 41,1 %), haben eine Affinität zur FPÖ (43,65 %) oder zur MFG (32 %).

QAnon-Zustimmung in Deutschland und Österreich nach Geschlecht und Impfstatus (CeMAS S. 37)

QAnon-Zus­tim­mung in Deutsch­land und Öster­re­ich nach Geschlecht und Impf­s­ta­tus (CeMAS, S. 37)

QAnon-Zustimmung nach Parteien und Altersgruppen in Österreich (CeMAS S. 39)

QAnon-Zus­tim­mung nach Parteien und Alters­grup­pen in Öster­re­ich (CeMAS, S. 39)

QAnon-Zustimmung nach Parteien und Altersgruppen in Deutschland (CeMAS S. 38)

QAnon-Zus­tim­mung nach Parteien und Alters­grup­pen in Deutsch­land (CeMAS, S. 38)

Ins­ge­samt 4,3 Prozent der Befragten aus Deutsch­land und 9,2 Prozent aus Öster­re­ich gaben an, sich min­destens ein­mal an Protesten gegen Coro­naschutz­maß­nah­men beteiligt zu haben – mehr als die Hälfte der Protestieren­den glaubt an QAnon-Ver­schwörungserzäh­lun­gen.In Deutsch­land zeigten sich bei Protestteilnehmer:innen Zus­tim­mungen zu QAnon-Ver­schwörungserzäh­lun­gen von 58,1 Prozent (50,5 Prozent in Öster­re­ich) im Ver­gle­ich zu 10,3 Prozent (eben­falls 10,3 Prozent in Öster­re­ich) bei denen, die nie an den Protesten teilgenom­men haben. (CeMAS, S. 7)

Die typ­is­chen QAnon-Gläu­bi­gen sind also, um es pro­vokant zusam­men­z­u­fassen, umgeimpft, poli­tisch blau und mit­te­lal­ter­lich – let­zteres dur­chaus im dop­peldeuti­gen Sinn.

Demo in Wien am 31.1.21: QAnon an der Spitze (Scrennshot aus Twitter-Video Markus Sulzbacher)

Demo in Wien am 31.1.21: QAnon an der Spitze (Scrennshot aus Twit­ter-Video Markus Sulzbach­er)

 

➡️ Down­load CeMAS-Report hier

➡️ Empfehlenswert­er Twit­ter-Space des CeMAS-Teams: „Q vadis? Wie QAnon Kriege, Katas­tro­phen und Krisen instru­men­tal­isiert“ (1h01; bis 6.5.22 online)