QAnon-Gläubige: umgeimpft, blau und mittelalterlich

Lesezeit: 5 Minuten

„Q vadis? Zur Ver­brei­tung von QAnon im deutsch­spra­chi­gen Raum“ ist die ers­te groß ange­leg­te Stu­die, die es zur Rezep­ti­on von QAnon-Nar­ra­ti­ven in Deutsch­land und Öster­reich gibt. Das in Ber­lin behei­ma­te­te For­schungs­in­sti­tut CeMAS (Cen­ter für Moni­to­ring, Ana­ly­se und Stra­te­gie) hat in einer reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge nicht nur erho­ben, wie hoch die Zustim­mung zu QAnon ist, son­dern auch, woher die gläu­bi­ge Kli­en­tel kommt.

Die aus den mit­tel­al­ter­li­chen anti­se­mi­ti­schen Ritu­al­mord­le­gen­den gespeis­te Grund­er­zäh­lung, die über QAnon-Kanä­le, vor allem über Tele­gram, ver­brei­tet wird, hört sich der­ma­ßen abstrus an, dass man geneigt wäre, sie als unbe­deu­tend weg­zu­wi­schen. Es geht um einen „tie­fen Staat“ („Deep Sta­te“), gehei­me welt­weit agie­ren­de Eli­ten, die Kin­der kid­nap­pen und in unter­ir­di­schen Lagern fest­hal­ten wür­den, um aus deren Zir­bel­drü­sen das Ver­jün­gungs­mit­tel „Adre­no­chrom“ abzu­zap­fen. Ein­mal abge­se­hen davon, dass Adre­no­chrom ohne jeg­li­che Ver­bre­chen und unauf­wän­di­ger in Che­mie­la­bors her­ge­stellt und sogar via Inter­net bestellt wer­den kann, müss­te eine Ver­jün­gungs­kur bei den ursprüng­lich Beschul­dig­ten wie Hil­la­ry Clin­ton oder diver­sen Hol­ly­wood-Pro­mis nach all den Jah­ren ihres Trei­bens eigent­lich bemerk­bar sein – was zumin­dest optisch nicht zutrifft. Doch sol­che durch Logik inspi­rier­ten Inter­ven­tio­nen ver­mö­gen die Anhänger*innen die­ses hane­bü­che­nen Unsinns nicht zu stö­ren, die Ver­schwö­rungs­my­then blü­hen wei­ter mit immer neu­en Absur­di­tä­ten und Ver­däch­ti­gun­gen – und das beson­ders gut in den deutsch­spra­chi­gen Län­dern. CeMAS zählt sechs ein­schlä­gi­ge deutsch­spra­chi­ge Tele­gram-Kanä­le mit mehr als 100.000 Abonnent*innen und 115 Kanä­le mit mehr als 1.000 Abonnent*innen.

Donald Trump, der laut der ab 2017 lan­cier­ten Q‑Erzählung aus­er­ko­ren war, den Kampf gegen die­sen „Deep Sta­te“ zu füh­ren, ist als US-Prä­si­dent (vor­läu­fig) Geschich­te, was dem Zuspruch kei­ner­lei Abbruch getan hat. Die QAnon-Mythen wer­den unent­wegt wei­ter­ge­strickt und der jewei­li­gen Situa­ti­on ange­passt: Coro­na, die Imp­fung wur­den ins Ver­schwö­rungs­sche­ma ein­ge­fügt, und die QAnon-Nar­ra­ti­ve erle­ben seit­her einen veri­ta­blen Höhen­flug – beson­ders hier­zu­lan­de. Die Akti­vi­tä­ten in deutsch­spra­chi­gen Tele­gram-Kanä­len und Grup­pen sind in den letz­ten zwei Jah­ren der Pan­de­mie förm­lich explo­diert und hal­ten sich auf einem hohen Niveau. So stellt die CeMAS-Stu­die auch fest: „Die größ­te Sze­ne außer­halb der USA fin­det sich wohl im deutsch­spra­chi­gen Raum.“ (CeMAS, S. 13) Nicht ver­wun­der­lich ist, dass sich Rechts­extre­me, das Coro­na-Maß­nah­men­pro­test­mi­lieu und jenes der Reichsbürger*innen der QAnon-Nar­ra­ti­ve häu­fig bedienen.

Die digi­ta­len und phy­si­schen Auf­trit­te der QAnon-Anhän­ger­schaft sind neben den Nar­ra­ti­ven an diver­sen Codes erkenn­bar: Die Abkür­zung „WWG1WGA“ steht für den gemein­schafts­stif­ten­den Satz „Whe­re we go one, we go all“.

QAnon Austria: One-Man-Kanal des Kristian K.

QAnon Aus­tria: One-Man-Kanal des Kris­ti­an K.

Bekann­te Phra­sen von QAnon sind „down the rab­bit hole“ (dt.: »rein in den Kanin­chen­bau») und „fol­low the white rab­bit“ (dt.: „Fol­ge dem wei­ßen Kanin­chen“). Sie wer­den unter ande­rem als hash­tags auf Twit­ter und als Shirt-Moti­ve mit Kanin­chen-Zeich­nun­gen ver­brei­tet. Sie bezie­hen sich auf die Erzäh­lung „Ali­ce im Wun­der­land“ und auf den Film „The Matrix“. Sie ste­hen sinn­bild­lich dafür, dass Men­schen begin­nen, klei­nen Zwei­feln nach­zu­ge­hen und dabei die ver­bor­ge­ne Welt der Ver­schwö­rung ent­de­cken. (dasversteckspiel.de)

Die über QAnon-Krei­se ven­ti­lier­ten apo­ka­lyp­ti­schen Bedro­hun­gen sind dabei so schwer­wie­gend und emo­tio­na­li­sie­rend, dass damit fast auto­ma­tisch ein Frei­schein erteilt wird, selbst zu han­deln und dage­gen anzu­ge­hen – auch gewalt­tä­tig, was mit dem Sturm auf das Washing­to­ner Kapi­tol mit dem Ziel, „das Sys­tem“ zu stür­zen, einen vor­läu­fi­gen Höhe­punkt fand. QAnon und deren Wel­len­rei­ter tra­gen also nicht nur zur Des­in­for­ma­ti­on bei, son­dern sind auch brand­ge­fähr­lich. Dem­entspre­chend auf­rüt­telnd sind die Zah­len, die CeMAS bei 1.970 befrag­ten Per­so­nen in Deutsch­land und 1.012 Per­so­nen in Öster­reich anhand der Zustim­mung zu fol­gen­den Punk­ten erho­ben hat:

– Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung eines Deep State
– Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung eines angeb­lich welt­weit agie­ren­den sata­nis­ti­schen Kinderhandels
– Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung zur angeb­lich gestoh­le­nen Wahl
– Ver­schwö­rungs­er­zäh­lung eines angeb­li­chen „gro­ßen Sturms“, der kommt, um die „recht­mä­ßi­gen Füh­rer“ wiederherzustellen
– Idee, dass „wah­re Patrio­ten“ zur Gewalt grei­fen müs­sen, um die Ord­nung wie­der­her­zu­stel­len 

Die Quint­essenz der Befragungsergebnisse

In Öster­reich stim­men sat­te 16,2 % zen­tra­len QAnon-Nar­ra­ti­ven voll oder eher zu, das ist etwa jede sechs­te Per­son. Öster­reich liegt damit deut­lich höher als Deutsch­land, das einen Zustim­mungs­wert von 12,4 % auf­weist. Aber nur 6 % der Befrag­ten in Öster­reich und 9 % in Deutsch­land geben an, „eher viel oder sehr viel über QAnon gele­sen zu haben. (…) Es zeigt sich: Auch wenn QAnon gesamt­ge­sell­schaft­lich kaum bekannt ist, schaf­fen es die Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen, die in die­ser Sze­ne kur­sie­ren, ihren Weg in die Gesell­schaft zu fin­den.“ (CeMAS, S. 40)

Zustimmung QAnon-Narrative in Deutschland und Österreich (CeMAS S. 30)

Zustim­mung QAnon-Nar­ra­ti­ve in Deutsch­land und Öster­reich (CeMAS, S. 30)

Der höchs­te Zustim­mungs­grad ist unter den 30–39-Jährigen (21 %) zu ver­mer­ken, der nied­rigs­te unter den Ü‑60-Jäh­ri­gen. Damit gilt: Alter schützt zumin­dest etwas vor QAnon-Tor­hei­ten, was jedoch wohl weni­ger einer Alters­weis­heit zu ver­dan­ken sein dürf­te als dem gerin­ge­ren Kon­sum von QAnon-Hauptverbreitungsmedien.

Die QAnon-Fans rekru­tie­ren sich in hohem Maß aus Impfgegner*innen (Zustim­mungs­wert in Öster­reich unter Umge­impf­ten 41,1 %), haben eine Affi­ni­tät zur FPÖ (43,65 %) oder zur MFG (32 %).

QAnon-Zustimmung in Deutschland und Österreich nach Geschlecht und Impfstatus (CeMAS S. 37)

QAnon-Zustim­mung in Deutsch­land und Öster­reich nach Geschlecht und Impf­sta­tus (CeMAS, S. 37)

QAnon-Zustimmung nach Parteien und Altersgruppen in Österreich (CeMAS S. 39)

QAnon-Zustim­mung nach Par­tei­en und Alters­grup­pen in Öster­reich (CeMAS, S. 39)

QAnon-Zustimmung nach Parteien und Altersgruppen in Deutschland (CeMAS S. 38)

QAnon-Zustim­mung nach Par­tei­en und Alters­grup­pen in Deutsch­land (CeMAS, S. 38)

Ins­ge­samt 4,3 Pro­zent der Befrag­ten aus Deutsch­land und 9,2 Pro­zent aus Öster­reich gaben an, sich min­des­tens ein­mal an Pro­tes­ten gegen Coro­naschutz­maß­nah­men betei­ligt zu haben – mehr als die Hälf­te der Pro­tes­tie­ren­den glaubt an QAnon-Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen.In Deutsch­land zeig­ten sich bei Protestteilnehmer:innen Zustim­mun­gen zu QAnon-Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen von 58,1 Pro­zent (50,5 Pro­zent in Öster­reich) im Ver­gleich zu 10,3 Pro­zent (eben­falls 10,3 Pro­zent in Öster­reich) bei denen, die nie an den Pro­tes­ten teil­ge­nom­men haben. (CeMAS, S. 7)

Die typi­schen QAnon-Gläu­bi­gen sind also, um es pro­vo­kant zusam­men­zu­fas­sen, umge­impft, poli­tisch blau und mit­tel­al­ter­lich – letz­te­res durch­aus im dop­pel­deu­ti­gen Sinn.

Demo in Wien am 31.1.21: QAnon an der Spitze (Scrennshot aus Twitter-Video Markus Sulzbacher)

Demo in Wien am 31.1.21: QAnon an der Spit­ze (Scrennshot aus Twit­ter-Video Mar­kus Sulz­bach­er)

 

➡️ Down­load CeMAS-Report hier

➡️ Emp­feh­lens­wer­ter Twit­ter-Space des CeMAS-Teams: „Q vadis? Wie QAnon Krie­ge, Kata­stro­phen und Kri­sen instru­men­ta­li­siert“ (1h01; bis 6.5.22 online)