Mr. Bond (Teil 2): die Anklage

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Vie­les hat das „Mr. Bond“-Fangirl „Lin­ney“ unter­nom­men, um an den vol­len Namen von Phil­ip H., der mut­maß­lich hin­ter dem Nazi-Rap­per „Mr. Bond” steckt, zu kom­men. Schließ­lich ist es ihr gelun­gen. Auch die Ankla­ge­schrift konn­te sie ergat­tern und ins Inter­net stel­len. Wir haben uns die 32 Sei­ten ange­se­hen. Sie ent­hal­ten eine Ansamm­lung von kaum aus­zu­hal­ten­den Abscheulichkeiten.

Vor­ne­weg: Jene Ankla­ge­schrift, die die Neonazi-Freund*innen von „Mr. Bond“ ver­brei­ten, ist eine beein­spruch­te Ver­si­on, an den wesent­li­chen Ankla­ge­punk­ten dürf­te sich jedoch nichts geän­dert haben.

Die StA Wien hat die Ankla­ge prä­zi­siert und erneut ein­ge­bracht. Doch auch die­se lan­de­te nach einem Ein­spruch von Phil­ip H. beim OLG. Dies­mal aber ver­geb­lich. Das Ober­lan­des­ge­richt hat die Ankla­ge zuge­las­sen, damit muss sich der Kärnt­ner dem­nächst vor Gericht ver­ant­wor­ten, wie Chris­ti­na Salz­born, Spre­che­rin des Lan­des­ge­richts Wien, am Diens­tag bestä­tigt. (kleinezeitung.at, 2.2.22)

Dem 37-jäh­ri­ge Kärnt­ner wer­den ins­ge­samt mehr als 100 Punk­te nach § 3g Ver­bots­ge­setz zu Last gelegt. Began­gen habe er die Straf­ta­ten in einem Tat­zeit­raum von 2013 bis zu sei­ner Ver­haf­tung am 20.1.21. Den Kern der Ankla­ge bil­den Tex­te, die „Mr. Bond“ zu bekann­ten Songs als Cover­ver­si­ons hin­zu­ge­dich­tet und zwi­schen 2016 und 2019 ver­öf­fent­licht hat: In dem uns vor­lie­gen­den Schrift­satz sind 76 Pas­sa­gen und Bebil­de­run­gen sei­ner Nazi-Tex­te angeführt.

5 Mixtapes von "Mr. Bond"

5 Mix­tapes von „Mr. Bond”

Dazu kom­men Aus­schnit­te aus Emails ab dem Okto­ber 2013, dar­un­ter etwa eine Nazi-Ver­si­on des „Vater unser“, das dann als „Adolf unser“ beti­telt von „Mr. Bond“ ver­schickt wur­de oder auch – als ein Höhe­punkt an Abscheu­lich­keit – das Bild eines jüdi­schen Babys kom­bi­niert mit dem eines ver­brann­ten Babys. Eben­falls ange­las­tet wird Phil­ip H. der Besitz von NS-Pro­pa­gan­da­ma­te­ri­al, das im Zuge der Haus­durch­su­chung bei ihm sicher­ge­stellt wur­de: Bücher, T‑Shirts mit dem Son­nen­rad und dem Reichs­ad­ler; 2 Fah­nen mit der Schwar­zen Son­ne und die Reichskriegsflagge.

H. soll als „Mr. Bond“ auch das Mani­fest des Christ­church-Atten­tä­ters ins Deut­sche über­setzt, in einem Forum ver­öf­fent­licht und dabei mehr­fach die „Schwar­ze Son­ne“ und ande­re NS-Sym­bo­le ver­wen­det haben. Sei­nen letz­ten 2019 ver­öf­fent­lich­ten Song hat­te „Mr. Bond“ dem aus­tra­li­schen Mör­der von 51 Men­schen gewid­met. Die Staats­an­walt­schaft geht dabei auch expli­zit auf die Bedeu­tung der „Schwar­zen Son­ne“ ein – deren Zur-Schau-Stel­lung die Gra­zer Poli­zei kürz­lich in einem bedenk­li­chen Akt als nicht straf­bar ein­ge­schätzt haben soll.

Die bei­den Journalist*innen Chris­toph Mack­in­ger und Sabi­na Wolf sind „Mr. Bond“ bereits vor sei­ner Ver­haf­tung auf die Spur gekom­men – damals noch in der Annah­me, dass hin­ter dem Pseud­onym ein Wie­ner ste­cken wür­de. Ganz falsch lagen sie damit mög­li­cher­wei­se nicht, denn laut Ankla­ge­schrift soll H. zwi­schen 2013 und 2018 in Wien gelebt haben.

Hin­ter poli­ti­schen Ereig­nis­sen ver­mu­tet er [Mr. Bond] regel­mä­ßig eine jüdi­sche Ver­schwö­rung, und den Holo­caust an sechs Mil­lio­nen Juden leug­net er gleich völ­lig: „Holo­ho­ax”. Auch vie­le von Mr. Bonds – durch­wegs männ­li­chen – Online­freun­den wün­schen sich mehr ras­sis­ti­sche Atten­tä­ter. In ihren Augen ist der Rechts­ter­ro­rist aus Christ­church ein Hei­li­ger: „St. Bren­ton. Ich lie­be die­sen Mann”, schreibt der Wie­ner am Tag nach T.s kalt­blü­ti­gem Mord an 51 Men­schen. „Stellt euch 100 Bren­tons vor – auf der gan­zen Welt!” Und wei­ter: „Auch wir müs­sen uns bereit machen, um los­schla­gen zu kön­nen, und das sehr bald.” (derstandard.at, 22.9.2020)

Als Mr. Bond über den Live­stream mit­be­kom­men hat­te, dass der Hal­le-Atten­tä­ter sei­nen Song „Power Level“ als Sound­track für die geplan­ten Mord­ta­ten in der Syn­ago­ge aus­ge­wählt hat­te, war er noch ange­tan, aber am „14. Okto­ber 2019, weni­ge Tage nach dem Anschlag in Hal­le, zieht Mr. Bond in einem Forum ent­täuscht Bilanz und schreibt: ‚Jetzt ist es offi­zi­ell. Der Typ erschoss nur zwei Deut­sche, kei­ne Mos­lems oder Ähn­li­ches. Ein mas­si­ves Ver­sa­gen.’ ” (derstandard.at, 22.9.2020)

Mixtape, das den Soundtrack des Halle-Attentäters beinhaltet

Mix­tape, das den Sound­track des Hal­le-Atten­tä­ters beinhaltet

In der Ankla­ge wird fest­ge­hal­ten, dass der Kärnt­ner als beson­ders gefähr­lich ein­zu­stu­fen sei, er kön­ne fähig sein, selbst ein Atten­tat zu bege­hen bzw. ande­re dazu mit sei­nen Tex­ten auf­zu­sta­cheln. Sein Ver­hal­ten nach der Ver­haf­tung wird als unko­ope­ra­tiv bezeich­net, er soll sich bis jetzt nicht zu den Ankla­ge­punk­ten geäu­ßert haben. Dabei singt „Mr. Bond” in einem Song: „Ich hab kei­ne Lust, mir den Mund zu ver­bie­ten.“ Sei­ne Lust wird mög­li­cher­wei­se nicht der Grund dafür sein, dass von ihm in den nächs­ten Jah­ren kei­ne wei­te­ren Wider­lich­kei­ten ver­brei­tet wer­den. Dafür könn­te eine Ver­ur­tei­lung im bevor­ste­hen­den Pro­zess sorgen.

➡️ Mr. Bond (Teil 1): die brau­ne Support-Truppe