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Die Identitären und der blaue Eiertanz

Ein Anlass­be­richt des BVT führ­te eine lan­ge Lis­te von Delik­ten auf, die Mit­glie­dern der Iden­ti­tä­ren zuzu­schrei­ben waren. Knapp danach, im Mai 2019, wur­den die Ver­bin­dun­gen zwi­schen Mar­tin Sell­ner und dem Atten­tä­ter von Christ­church bekannt. Mit der dama­li­gen Distan­zie­rung der FPÖ von den Iden­ti­tä­ren soll nun aber Schluss sein, wie der blaue Gene­ral­se­kre­tär Micha­el Schned­litz in dün­ner Luft hin­aus­po­saun­te. Das bringt Nor­bert Hofer etwas in die Bre­douil­le. Oder auch nicht.

1. Dez. 2020
Delikte der rechtskräftig verurteilten Identitären (Screenshot ZiB 2, 11.4.19)
Delikte der rechtskräftig verurteilten Identitären (Screenshot ZiB 2, 11.4.19)

Micha­el Scharf­mül­ler, Chef­re­dak­teur und Allein­be­sit­zer des einst auf­stre­ben­den, dann aber gebeu­tel­ten iden­ti­tä­ren­na­hen Medi­ums „Info-Direkt“, hat­te den FPÖ-Mul­ti­funk­tio­när Micha­el Schned­litz auf eine Berg­wan­de­rung ins Rax-Gebir­ge gebe­ten. Per Video dür­fen wir an den Erkennt­nis­sen der bei­den in der mit dem Auf­stieg immer dün­ner wer­den­den Luft teil­ha­ben. FPÖ-TV fand das offen­bar auch so span­nend, dass der Video­bei­trag von „Info-Direkt“ direkt in den eige­nen Kanal über­nom­men wurde.

Interview Info-Direkt mit Schnedlitz auf FPÖ-TV
Inter­view Info-Direkt mit Schned­litz auf FPÖ-TV

Am Rax-Pla­teau ange­langt, sprach Scharf­mül­ler Schned­litz auf den frisch­ge­kür­ten Salz­bur­ger RFJ-Obmann Roman Möse­ne­der und des­sen star­ke Nähe zu den Iden­ti­tä­ren an an. Schned­litz, seit Jän­ner immer­hin Gene­ral­se­kre­tär der FPÖ, ant­wor­te­te so:

Wir hob‘n unter Stra­che den Feh­ler gemocht, dass wir glaubt hob‘n, wir müs­sen in ein Rück­zugs­ge­fecht gehen und uns auf Zuruf von Sebas­ti­an Kurz distan­zie­ren. Und mit die­ser Distan­zie­re­rei ist es jetzt aber defi­ni­tiv vor­bei. Und wir wer­den kan Mil­li­me­ter mehr zurück­wei­chen, und des is a mensch­lich und hal­tungs­mä­ßig gaunz wich­tig. Weil ich lass mir nicht mehr gefal­len, dass die ÖVP oder irgend­wel­che Jour­na­lis­ten ein­zel­ne öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger mit an ein­wand­frei­en Leu­mund irgend­wie durch’n Dreck ziagn [unver­ständ­lich] und vor sich her­trei­ben. Des hot’s seit die 30er-Joahr nicht mehr gege­ben. Und das werd ich nicht zulas­sen. Es gibt kane Men­schen ers­ter und zwei­ter Klas­se von den öster­rei­chi­schen Stoots­bür­gern, son­dern jeder hot sein frei­es Recht und des Recht, sei­ne Mei­nung zu äußern.

Da wür­den also „ein­zel­ne öster­rei­chi­sche Staats­bür­ger mit einem ein­wand­frei­en Leu­mund durch den Dreck gezo­gen. Das hat es seit den 1930er-Jah­ren nicht mehr gege­ben.” Wen meint Schned­litz hier? Die (bis 1938) ille­ga­len Nazis? Was war dann von 1940 bis 45 – hat­ten jene Mil­lio­nen, die nicht nur durch den Dreck gezo­gen, son­dern auch in den KZ ermor­det wur­den, etwa kei­nen „ein­wand­frei­en Leu­mund“? Gibt es bei nicht öster­rei­chi­schen Staats­bür­gern Men­schen ers­ter und zwei­ter Klasse?

Schned­litz wird auf die­se Fra­gen kei­ne Ant­wor­ten geben, wir ver­ste­hen aber den­noch! Wir haben auch ver­stan­den, als Schned­litz nach sei­nem hei­ßen Will­kom­mens­gruß vor grö­len­den Iden­ti­tä­ren 2016 („Lie­be Iden­ti­tä­re Bewe­gung, ich begrü­ße euch recht herz­lich in Wie­ner Neu­stadt. Hier seid ihr sehr herz­lich will­kom­men. Mei­ne Türen im Rat­haus ste­hen offen, ich wer­de euch per­sön­lich emp­fan­gen.“) im April 2019 treu­her­zig und wahr­heits­wid­rig, was Kon­tak­te und direk­te Ver­bin­dun­gen zu den Iden­ti­tä­ren betrifft, beteuerte:

„Jetzt wür­de ich es nicht mehr so sagen.“ Er und die Neu­städ­ter FPÖ distan­zie­re sich von den Iden­ti­tä­ren. Und wei­ter: „Es gibt und gab nie einen direk­ten Kon­takt oder eine direk­te Ver­bin­dung. Seit sie 2016 bei unse­rer Ver­an­stal­tung unter den Zuschau­ern auf­ge­taucht sind, habe ich von den Iden­ti­tä­ren außer in den Medi­en nichts mehr gehört oder gese­hen.“  Es sei „lächer­lich“, der FPÖ ein Nahe­ver­hält­nis mit den Iden­ti­tä­ren zuzu­schrei­ben, sagt Schned­litz. (NÖN, Woche 15/2019, S. 6)

Bereits zehn Mona­te spä­ter, anläss­lich sei­ner Bestel­lung zum FPÖ-Gene­ral­se­kre­tär, klang Schned­litz schon etwas anders: „‚Ich bin und war nie Mit­glied der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung und es gibt auch kein Nahe­ver­hält­nis oder Ähn­li­ches‘, sag­te er in einem Video auf Face­book. Aller­dings sei jeder Bür­ger will­kom­men, der sich auf dem Boden des Rechts­staats bewegt.“ (kurier.at, 10.1.20)

Iden­ti­tä­re und Boden der Rechts­staat­lich­keit? Frei­lich, es ist noch rechts­staat­lich, wenn Sell­ner mit­samt sei­ner neo­fa­schis­ti­schen Ideo­lo­gie als Vor­bild für den Atten­tä­ter von Christ­church dien­te, der mit der iden­ti­tä­ren Ideo­lo­gie als Unter­fut­ter 51 Men­schen zwi­schen drei und 71 Jah­ren erschoss. Es ist auch rechts­staat­lich, dass Sell­ner vom Atten­tä­ter eine Spen­de emp­fan­gen hat­te. Anders ver­hält es sich, wenn das BVT Mit­glie­dern bzw. Unterstützer*innen der Iden­ti­tä­ren unzäh­li­ge Straf­ta­ten zur Last legt: 68 Mit­glie­der (so die For­mu­lie­rung im Anlass­be­richt) sei­en poli­zei­lich vor­ge­merkt, 32 sei­en bereits rechts­kräf­tig ver­ur­teilt. Die Lat­te an Delik­ten ist – im nega­ti­ven Sinn – beeindruckend:

16 Ver­ur­tei­lun­gen gab es dem­nach wegen Gewalt­de­lik­ten. Neun Mal kam es wegen einer Kör­per­ver­let­zung zu rechts­kräf­ti­gen Schuld­sprü­chen, ein Mal wegen Rauf­han­dels. Zwei Iden­ti­tä­re wur­den wegen Belei­di­gung ver­ur­teilt, jeweils einer wegen Dieb­stahls bzw. wegen Ver­sto­ßes gegen das Schuss­waf­fen­ver­bot und einer wegen poli­tisch moti­vier­ter Sach­be­schä­di­gung und Ver­ge­wal­ti­gung. Vier Mal kam es zu Schuld­sprü­chen wegen des Miss­brauchs von Sucht­mit­teln. Es gab laut Staats­schutz immer­hin auch sechs Ver­ur­tei­lun­gen nach dem Ver­bots­ge­setz. (Salz­bur­ger Nach­rich­ten, 12.4.19, S. 3)

Inzwi­schen sind wei­te­re Straf­ta­ten dazu gekommen.

Nor­bert Hofer lavier­te am Sonn­tag bei der ORF-Pres­se­stun­de, mög­li­cher­wei­se noch nicht wis­send, was sein Gene­ral­se­kre­tär auf der Rax von sich gege­ben hat­te, auf die Cau­sa Möse­ne­der ange­spro­chen herum:

Nor­bert Hofer: Natür­lich darf man auf Demos (mit­ge­hen. (…) Ich wer­de die­sen jun­gen Funk­tio­när sicher­lich nicht im Stich lassen.
Andre­as Kol­ler: Aber was ist dann die­ser Beschluss wert, dass Sie sich abgren­zen von die­sen Iden­ti­tä­ren, wenn Sie es gar nicht tun?
Nor­bert Hofer: Jemand, der bei den Iden­ti­tä­ren Mit­glied ist, kann nicht bei uns Mit­glied sein. Es kann auch jemand, der bei der SPÖ ist, nicht bei uns Mit­glied sein, oder jemand, der bei den NEOS … ich will jetzt die Par­tei­en nicht ver­glei­chen, aber … Jemand, der wo anders aktiv ist, kann nicht gleich­zei­tig bei uns Mit­glied sein. Das ist der Beschluss.
(…)
Andre­as Kol­ler: Die Abgren­zung zu den Iden­ti­tä­ren, ist ja das, was uns ein bis­serl Schwie­rig­kei­ten macht, wenn da jemand mit­mar­schiert und dann bei Ihnen Kar­rie­re macht.
Nor­bert Hofer: Ich kann nicht dort Mit­glied sein und in der FPÖ. Das ist der Beschluss.

Wo nun die ganz gro­ße Dif­fe­renz zwi­schen Schned­litz und Hofer liegt, ist nicht zu erken­nen. Daher auch nicht eine dar­aus inter­pre­tier­te „Macht­pro­be in der FPÖ“. Wenn sich nun eini­ge bemü­ßigt füh­len zu beto­nen, Möse­ne­der sei nie Mit­glied der Iden­ti­tä­ren gewe­sen, könn­te es dar­auf zurück­zu­füh­ren sein, dass selbst die Iden­ti­tä­ren immer wie­der beton­ten, kei­ne Mit­glie­der zu haben.

Der Wie­ner FPÖ-Obmann Domi­nik Nepp setz­te jeden­falls am Mon­tag noch eins drauf. Er gibt schon im Titel einer Pres­se­aus­sendung die blau-iden­ti­tä­re Marsch­rich­tung vor: „SPÖ-Neos führt Bonus für Bevöl­ke­rungs­aus­tausch ein.”

Hier haben wir also wie­der den iden­ti­tä­ren Sprech vom „Bevöl­ke­rungs­aus­tausch“. Mar­tin Sell­ner eiert jeden­falls nicht her­um, er ist klar zufrie­den. Mit Schned­litz und mit Hofer.

Sellner: "Großartig" zu Schnedlitz und "Gute Aussage von Hofer"
Sell­ner: „Groß­ar­tig” zu Schned­litz und „Gute Aus­sa­ge von Hofer”

MKÖ-Pres­se­aus­sendung vom 1. Dezem­ber 2020:

Maut­hau­sen Komi­tee zur „Identitären“-Nähe der FPÖ: „Jede Koali­ti­on mit die­ser Par­tei ausschließen!“

Empört, aber kei­nes­wegs über­rascht ist das Maut­hau­sen Komi­tee Öster­reich (MKÖ) ange­sichts der nun auch offi­zi­el­len Nähe der FPÖ zu den rechts­extre­men „Iden­ti­tä­ren“. In Salz­burg hat die Frei­heit­li­che Jugend einen Akti­vis­ten der „Iden­ti­tä­ren“ zu ihrem Lan­des­vor­sit­zen­den gewählt. Der blaue Gene­ral­se­kre­tär Micha­el Schned­litz betont, mit der „Distan­zie­re­rei“ sei es „defi­ni­tiv vorbei“.

„Wir haben in unse­ren ‚Einzelfälle‘-Dokumentationen immer wie­der die engen Ver­bin­dun­gen zwi­schen der FPÖ und den ‚Iden­ti­tä­ren‘ auf­ge­zeigt. Letz­te­re sind nicht nur offen rechts­extrem, son­dern waren auch Emp­fän­ger einer Spen­de von Bren­ton Tar­rant, der bei einem ras­sis­ti­schen Ter­ror­an­schlag in Neu­see­land 51 Men­schen ermor­det hat“, stellt MKÖ-Vor­sit­zen­der Wil­li Mer­nyi fest.

Die Par­tei­re­form, die FPÖ-Bun­des­ob­mann Nor­bert Hofer und der Wel­ser FPÖ-Bür­ger­meis­ter Andre­as Rabl umset­zen woll­ten, ist nach Über­zeu­gung Mer­ny­is völ­lig geschei­tert. „Hofer und Rabl haben erklärt, die FPÖ in eine ‚moder­ne rechts­kon­ser­va­ti­ve Par­tei ohne rechts­extre­men Nar­ren­saum‘ ver­wan­deln zu wol­len. Heu­te sehen wir: Die FPÖ ist der rechts­extre­me Nar­ren­saum“, sagt der MKÖ-Vorsitzende.

Im Sin­ne des Ver­mächt­nis­ses der Maut­hau­sen-Über­le­ben­den ver­langt Wil­li Mer­nyi wirk­sa­me Kon­se­quen­zen: „Die FPÖ nimmt zwar an Wah­len teil, ist aber von ihrer Gesin­nung her kei­ne demo­kra­ti­sche Par­tei. Das soll­te jetzt wirk­lich jeder ver­stan­den haben. Des­halb reicht es nicht, wenn die ande­ren Par­tei­en pro­tes­tie­ren. Sie müs­sen sich viel­mehr ganz klar abgren­zen und jede Koali­ti­on mit den Kum­pa­nen der ‚Iden­ti­tä­ren‘ aus­schlie­ßen. Kon­kret for­dern wir den ober­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­haupt­mann Tho­mas Stel­zer auf, sei­ne schwarz-blaue Koali­ti­on zu been­den. In Ober­ös­ter­reich, wo sich die KZ-Gedenk­stät­te Maut­hau­sen befin­det, sorgt die FPÖ regel­mä­ßig für die meis­ten rechts­extre­men ‚Ein­zel­fäl­le‘“, so Mernyi.

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