FPÖ Graz: Provokation bei Postenbesetzungen

Ernst Brandl war früher parlamentarischer Mitarbeiter des FPÖ-Abgeordneten Wolfgang Zanger, der mit seinen Reflexionen über die guten Seiten des Nationalsozialismus auffällig geworden ist. Jetzt ist Brandl, der auch für das Mölzer-Blatt „Zur Zeit“ und die Grazer FPÖ-Postille „Uhrturm“ schrieb, selbst aufgefallen. Die FPÖ entsandte ihn in den Aufsichtsrat des „Steirischen Herbst“, berichtete der „Standard“. Nicht die einzige Postenprovokation der FPÖ.

Die Personaldecke der FPÖ Graz ist entweder sehr dünn oder sehr provokativ. Vermutlich beides. Wie der „Standard“ in seiner heutigen Ausgabe berichtet, sorgt nicht nur die Bestellung von Ernst Brandl, Pressesprecher des Grazer FPÖ-Vizebürgermeisters Mario Eustacchio, für Verwunderung.

Der Uhrturm in Graz - Wahrzeichen der Stadt und Titel der Zeitung der FPÖ-Graz - Bildquelle: Wikipedia, frei.

Der Uhrturm in Graz – Wahrzeichen der Stadt und Titel der Zeitung der FPÖ-Graz – Bildquelle: Wikipedia, frei.

Schon im Wahlkampf fiel auf, dass man Listen mit blauen Urgesteinen füllte: etwa dem 89-jährigen Alexander Götz, der von 1973 bis 1983 (wie heute als drittstärkste Kraft) Bürgermeister war und später lange vor Gericht um seine Politikerpension kämpfte. Er wurde deswegen sogar vorübergehend von der Partei, die es unter Jörg Haider offiziell nicht so mit „Privilegienrittern“ hatte, ausgeschlossen. Oder aber auch mit dem schon fast in Vergessenheit geratenen Ex-Stadtrat Ferdinand Spielberger. Der 77-jährige Bezirksobmannstellvertreter in Andritz wird Aufsichtsrat der Friedrich-Schmiedl-Stiftung, die mitverantwortlich für die Kinderuni und Forschungspreise ist“ (Der Standard).

Wie bitte? Der Ferdinand Spielberger? Und dann wird auch noch der Bruder des FPÖ-Vizebürgermeisters mit gleich drei Aufsichtsratsposten bedacht. Nepotismus in Reinkultur!

Ernst Brandl, der Pressesprecher von Eustacchio, darf sich neben dem Aufsichtsratsposten noch über ein anderes Pöstchen freuen:

Er wird in die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Stadt wechseln. Sollte er dort zum Leiter aufsteigen, könnte er künftig den öffentlichen Auftritt von Graz maßgeblich beeinflussen“ (Der Standard).

1996 ließ die FPÖ den Slogan "Schluß mit den Privilegien" plakatieren - 20 Jahre später sieht man das für die Aufsichtsräte aus den eigenen Reihen nicht mehr zutreffend.

1996 ließ die FPÖ den Slogan „Schluß mit den Privilegien“ plakatieren – 20 Jahre später sieht man das für die Aufsichtsräte aus den eigenen Reihen nicht mehr zutreffend. – Bildquelle: ÖNB, Bildarchiv, Inv.Nr. PLA16382589

Ach ja, noch etwas hat „Der Standard“ in seinem Beitrag vom 1.6.2017 über Brandl herausgefunden:

Brandl schrieb übrigens auch für die rechte Publikation Der Eckart. Dort weist er etwa in dem Text Der Nikolo ist kein Türke ohne inhaltlichen Zusammenhang auf die „jüdische Abstammung“ von Caritas-Präsident Michael Landau hin und operiert mit Begriffen wie „Umvolkung“.

Brandl, der auf seinem Facebook-Profil auch mit jenseitigen Paarreimen seinen illustren Freundeskreis versorgt, wird in einem offenen Brief von 68 Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie Kunstschaffenden zum Rücktritt als Aufsichtsrat des „Steirischen Herbst“ aufgefordert: „Er kann und wird nichts zum Ansehen des Festivals beitragen, er kann es nur schädigen“.

Seinen pubertären Paarreimer titelte Brandl übrigens mit „Ka Zeit zum Abtreten“. Doch, doch!

Ernst Brandl: "Ka Zeit zum Abtreten"

Ernst Brandl: „Ka Zeit zum Abtreten“

Im Folgenden geben wir den erwähnten Offenen Brief wieder:

„68 österreichische Schriftstellerinnen, Schriftsteller und Kunstschaffende fordern
Sofortige Neubesetzung des Aufsichtsrats des Steirischen Herbstes

In einer nicht-öffentlichen Gemeinderatssitzung am 1. Juni 2016 wurde der Redaktionsleiter der berüchtigten Grazer FPÖ-Zeitung „Der Uhrturm“, Ernst Brandl, zum Aufsichtsrat des Steirischen Herbstes bestellt. Seine Entsendung, heißt es, „spiegle die politische Situation in Graz wider“.

Was Ernst Brandl befähigt, als Aufsichtsrat des Steirischen Herbstes zu fungieren, ist weder fachlich zu begründen, noch politisch vertretbar. Seine Berufung ist auch unvereinbar mit seiner Hauptbeschäftigung. Ernst Brandl ist Pressesprecher des FPÖ-Stadtrats Mario Eustacchio und – wie sein Stadtrat – das Gegenteil von dem, was den Steirischen Herbst ausmacht. Er kann und wird nichts zum Ansehen des Festivals beitragen, er kann es nur schädigen.

Wir fordern die umgehende Neubesetzung des Aufsichtsrates mit jemandem, der den fachlichen Anforderungen und einem Mindestmaß an politischer Offenheit entspricht. Sollte die FPÖ Graz selbst über keine Funktionärinnen und Funktionäre mit diesem Anforderungsprofil verfügen, soll sie diese Aufgabe einem/einer von ihr bestellten qualifizierten Eigentümervertreter/in übertragen.

Wir werden nicht stillschweigend zusehen, wie die große Geschichte und Bedeutung des Steirischen Herbstes in der Gegenwart in einer Mischung aus Ignoranz und Mutwillen zerstört wird.

Gerhard Ruiss
Susanne Scholl
Felix Mitterer
Olga Flor
Karl-Markus Gauß
Martin Pollack
Klaus Zeyringer
Alfred Komarek
Robert Schindel
Georg Bydlinski
Michael Köhlmeier
Sylvia Treudl
Jochen Jung
O.P. Zier
Elfriede Jelinek
H.W. Käfer
Doron Rabinovici
Nils Jensen
Peter Paul Wiplinger
Gregor Fink
Manfred Chobot
Ludwig Laher
Jörg-Martin Willnauer
Sabine Gruber
Martin Amanshauser
Franz Schuh
Evelyn Schlag
Stephan Eibel-Erzberg
Ulrike Truger
Sophie Reyer
Anna Kim
Heinz Lunzer
Karin Ivancsics
Herbert Wimmer
Barbara Frischmuth
Sibylle Fritsch
Walter König
Peter Waterhouse
Monika Helfer
Paulus Manker
Clemens Berger
Gerhard Jaschke
Gustav Ernst
Erika Kronabitter
Christoph Mauz
Julya Rabinowich
Petra Hartlieb
Michael Horvath
Birgit Schwaner
Eva Schobel
Peter Henisch
Michael Stavaric
Alois Hotschnig
Josef Haslinger
Karl Markovics
Renate Welsh
Christoph Janacs
Semier Insayif
Peter Turrini
Lydia Mischkulnig
Kathrin Röggla
Anna Mitgutsch
Magdalena Knapp-Menzel
Brigitte Rapp
Elfriede Hammerl
Lukas Resetarits
Kurt Palm
Tomas Friedmann

Stand, 7.6.2017″