Rechte Hetze gegen Aylan und seinen Vater

Die Bilder des toten, an den Strand gespül­ten Aylan Kur­di (3) haben weltweit Entset­zen, Betrof­fen­heit und auch Beschä­mung aus­gelöst. Für Het­zer eine Her­aus­forderung. Der schmächtige leblose Junge eignet sich so gar nicht als Aggres­sion­sob­jekt. Da auch sein Brud­er Galip (5) und die Mut­ter bei dem Fluchtver­such ertrunk­en sind, muss der Vater her­hal­ten, um das gemein­same Ziel der Fam­i­lie Kur­di, Asyl und Flucht, in den Dreck zu ziehen.

Der einzige Über­lebende der syrischen Fam­i­lie Kur­di, die in der Vor­woche verge­blich ver­sucht hat­te, mit einem Boot von Bodrum in der Türkei die griechis­che Insel Kos zu erre­ichen, ist Abdul­lah Kur­di (40) , der Vater. Unmit­tel­bar nach­dem die Tragödie der Kur­dis öffentlich­es The­ma gewor­den war, begann auch schon die Kako­phonie der Het­zer, die sich mit voller Kraft gegen den Vater richtete.

2012 hat die Flucht der Kur­dis begonnen, die zunächst inner­halb Syriens von Damaskus nach Alep­po und dann nach Kobane flo­hen, von wo sie dann über die Gren­ze in die Türkei wech­sel­ten. In Istan­bul arbeit­ete Abdul­lah als Bauar­beit­er, ver­di­ente am Tag 17 US Dol­lar, von denen die Fam­i­lie kaum leben kon­nte. Vom Beginn der etap­pen­weisen Flucht gab es daher den Plan, in Kana­da, wo die Schwest­er von Abdul­lah Kur­di seit 20 Jahren lebte, Asyl zu erhal­ten. Wegen läp­pis­ch­er bürokratis­ch­er Schika­nen der türkischen Behör­den scheit­erte der Antrag.

Der Vater von Abdul­lah, der in Syrien lebte, emp­fahl daraufhin seinem Sohn, alleine nach Europa zu gehen, sich seine kaput­ten Zähne richt­en zu lassen und einen Weg zu find­en, dass die Fam­i­lie nachkom­men könne.

Eigentlich der klas­sis­che, von den recht­en Het­zern heftig kri­tisierte Flucht­modus: der Mann zieht allein voraus und lässt die Fam­i­lie nach­fol­gen, wenn er Arbeit , Asyl bzw. einen sicheren Fluchtweg gefun­den hat. Für die recht­en Het­zer sind das die Män­ner, die ihre Fam­i­lien bzw. ihr Land im Stich lassen….

Abdul­lah Kur­di wollte und kon­nte seine Frau und die Kinder nicht in der Türkei zurück­lassen. Sein­er Schwest­er, die während des Istan­bul-Aufen­thaltes der Fam­i­lie Kur­di für die Miete aufkam und ihm auch Geld für die Flucht über­wies, erk­lärte er: „If we go, we go all of us“ („Wenn wir wegge­hen, dann alle miteinan­der“). Frau und Kinder ohne Geld und ohne Arbeit zurück­lassen, das kam für Abdul­lah Kur­di nicht in Frage, weil er wusste, dass die Fam­i­lie so nicht über­leben konnte.


Rechte Het­zer
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Warum die Fam­i­lie Kur­di nicht in der Türkei bleiben wollte, wird aus einem State­ment der Schwest­er klar: die syrischen (vor allem die kur­dis­chen) Flüchtlinge fürcht­en, von der türkischen Regierung nach Syrien zurück­geschoben zu werden.


Rechte Het­zer
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Aus den Schilderun­gen von Abdul­lah Kur­di und sein­er Schwest­er Tima machen die recht­en Het­zer das glat­te Gegen­teil, die Geschichte eines Vaters, der „aus Gier gratis neue Zähne ohne zu zahlen haben wollte“ und so seine Fam­i­lie in den Tod führte. Die Erzäh­lung der Het­zer ist grotesk und absurd – warum sollte jemand, der nur seine Zähne repari­eren will, seine Fam­i­lie mit sich führen?



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Luley, der Leichenfledderer

Ein beson­ders wider­lich­es Beispiel dieser Het­ze, mit der Aylan nach seinem Tod noch gegen seinen Vater in Stel­lung gebracht wird, liefert der Mannheimer Recht­sex­treme Wolf­gang Luley, der sich mit einem leichen­fled­derischen „offe­nen Brief an den drei­jähri­gen Aylan, dem offene Gren­zen einen Tod im Mit­telmeer bescherten“.

Angesichts ein­er tödlichen und gescheit­erten Schlauch­boot­fahrt mit Schlep­pern von offe­nen Gren­zen zu sprechen, ist schon eine dreck­ige, zynis­che Lüge. Für Luley noch nicht genug – er spricht dem toten Aylan ab, ein „Flüchtling“ gewe­sen zu sein, polemisiert gegen Medi­en, die „Scheina­sy­lanten“ zu Kriegs­flüchtlin­gen „stil­isieren“ und „erk­lärt“ dem toten Aylan, der sich nicht mehr gegen diese Vere­in­nah­mung wehren kann, dann, dass ihn sein Vater wegen neuer Zähne auf dem Gewis­sen habe:

„Die Geschichte, wie es zu dem Unglück im Mit­telmeer kam, klingt absurd und aben­teuer­lich zugle­ich: Dein Vater hat­te nach Europa ille­gal ein­reisen wollen, weil er neue Zähne gebraucht haben soll. Du starb­st, weil Dein Vater sich als falsch­er Asy­lant in Europa neue Zähne machen lassen wollte. Ich lasse das so ste­hen und werde es nicht weit­er kom­men­tieren“.

Wider­lich­er geht’s kaum mehr. Mit einem „offe­nen Brief“ soll in der Regel eine Antwort des Adressierten provoziert wer­den. Aber Aylan kann auf die Vor­würfe von Luley nicht antworten: er war drei Jahre alt und tot, ertrunk­en nicht wegen der „offe­nen Gren­zen“ , son­dern beim Ver­such der Fam­i­lie, die bein­harten Gren­zen zu umschiffen.

Luley, der Leichen­fled­der­er, hat einen lan­gen Weg hin­ter sich: 2012 lief der Gedicht­eschreiber von der Partei „Die Linke“ in Mannheim zunächst zur recht­en, anti­is­lamis­chen Partei „Die Frei­heit“ über. Mit­tler­weile hat er einige weit­ere Sta­tio­nen des recht­sex­tremen Spek­trums absolviert und nähert sich über Iden­titäre und Pegi­da dem recht­en Abgrund.

Der „offene Brief“ von Luley, dem schmieri­gen Het­zer, der sich eines toten Kindes bemächtigt, bräuchte uns nicht länger zu irri­tieren, aber er wird derzeit fleißig geteilt und weit­er­ver­bre­it­et – auch und ger­ade in Öster­re­ich. Die Het­zgeschichte von dem Mann, der ange­blich für neue Zähne seine Fam­i­lie in den Tod getrieben hat, wan­dert auch noch in anderen Vari­anten durch das Netz. 

Aylan Kur­di ist in der Türkei geboren – nicht in Syrien. Auch das nehmen einige Het­zer zum Anlass, die Flucht in Zweifel zu ziehen. Die „Huff­in­g­ton Post“ bzw. „Newsweek“ schreiben, dass von Kur­dis Fam­i­lie ins­ge­samt 11 Mit­glieder durch den Islamis­chen Staat im Juni getötet wur­den. Für die Het­zer ist ver­mut­lich auch das kein Grund, um zu flüchten.

In Mem­o­ry of Kur­di Family