Wien: Niemals vergessen! Mahnwache und Kundgebung

“In den Jahren 1939 — 1942 wur­den vom ehe­ma­li­gen Aspang­bahn­hof zehn­tausende öster­re­ichis­che Juden in Ver­nich­tungslager trans­portiert und kehrten nicht mehr zurück”

Niemals vergessen!
Nie wieder Faschismus!

Mah­nwache und Kundgebung
Son­ntag, 9. Novem­ber 2014, 15 Uhr
Gedenkstein vor dem ehe­ma­li­gen Aspangbahnhof
(Platz der Opfer der Depor­ta­tion, 1030 Wien)

Zu dieser Kundge­bung rufen auf:
Abg. z. NR a. D. Karl Öllinger; Abg. z. NR Albert Stein­hauser; Alter­na­tive und Grüne Gew­erkschaf­terIn­nen (AUGE/UG); ARGE Wehr­di­en­stver­weigerung, Gewalt­frei­heit und Flüchtlings­be­treu­ung; BR Susanne Empach­er – Kom­mu­nis­tis­che Partei Land­straße; Bund Sozialdemokratis­ch­er Freiheitskämpfer/innen, Opfer des Faschis­mus und aktiv­er Antifaschist/inn/en; Deser­teurs- und Flüchtlings­ber­atung; Die Grü­nen Land­straße; Die Grü­nen Wien; Doron Rabi­novi­ci (Repub­likanis­ch­er Club); Gew­erkschaftlich­er Links­block (GLB); Grün­er Klub im Rathaus; Info­laden Wels; Ini­tia­tive Aspang­bahn­hof; Israelitis­che Kul­tus­ge­meinde Wien (IKG Wien); Kom­mu­nis­tis­che Partei Öster­re­ichs – Wien (KPÖ-Wien); KZ-Ver­band/V­dA Bun­desver­band; Lan­desver­band NÖ KZ-Ver­band/V­dA; Mau­thausen Komi­tee Öster­re­ich (MKÖ); Niki Kun­rath – Die Grü­nen Wien; Öster­re­ichis­che KZ-Vere­ini­gung Buchen­wald; Peter Menasse – Chefredak­teur “Nu”; Pierre Ramus Gesellschaft; Prof. Rudolf Gel­bard; Redak­tion “Akin”; Repub­likanis­ch­er Club Wien – Neues Öster­re­ich; Romano Cen­tro – Vere­in für Roma; Sozial­is­tis­che Jugend Wien (SJ-Wien); Sozial­is­tis­che LinksPartei (SLP); SPÖ – Bezirk­sor­gan­i­sa­tion Land­straße; SPÖ – Klub im Wiener Rathaus; SPÖ – Sek­tion Euro­gate; Stv. BV Eva Lachkovics – Die Grü­nen Land­straße; Unab­hängiges Antifaschis­tis­ches Per­so­n­enkomi­tee Bur­gen­land; Vere­in GEDENKDIENST; Vere­in Inter­na­tionaler Zivil­dienst; Vere­in Steine des Gedenkens für die Opfer der Shoa; Wiener Arbei­t­erIn­nen Syn­dikat (WAS)

Niemals vergessen!

Woran gedenken wir am 9. November?

Schon in der Nacht vom 11. zum 12. März 1938, also anläßlich des Ein­marsches der deutschen Wehrma­cht in Öster­re­ich, began­nen Auss­chre­itun­gen gegen Jüdin­nen und Juden in Öster­re­ich. Viele wur­den von SA- und HJ-Leuten wie von “ein­fachen” Parteim­it­gliedern, die sich ihre Hak­enkreuzbinden und Orden ange­heftet haben, ver­haftet, geschla­gen und öffentlich gedemütigt. Fen­ster­scheiben wur­den eingeschla­gen. Juden und Jüdin­nen wur­den gezwun­gen Parolen, welche Anhänger des aus­tro­faschis­tis­chen Bun­deskan­zlers Schuschnigg am Vor­abend des “Anschlusses” auf Wände und Gehsteige geschrieben haben mit Reib- und Zahn­bürsten wegzuwaschen. Wiewohl manch­er der Schaulusti­gen ihre Bekan­nten und Fre­undIn­nen unter den Gedemütigten erkan­nt haben mußte, hat nie­mand den Mut aufge­bracht zu protestieren – was zu diesem Zeit­punkt sowohl möglich als auch sin­nvoll hätte sein kön­nen. Mit diesen Erniedri­gun­gen begann die sys­tem­a­tis­che Diskri­m­inierung der öster­re­ichis­chen Juden und Jüdin­nen. Umso heftiger als im “Altre­ich”, weil in Öster­re­ich die Entwick­lung, die in Deutsch­land fünf Jahre gedauert hat­te, in kürzester Zeit über die Betrof­fe­nen hereinge­brochen ist.

Etwa 200.000 Öster­re­icherIn­nen wur­den nach den “Nürn­berg­er Ras­sen­ge­set­zen” zu “Juden” erk­lärt, wobei etwa 180.000 von ihnen tat­säch­lich der jüdis­chen Reli­gion ange­hörten. Die Nazis began­nen mit Berufsver­boten und Aus­bil­dungs­beschränkun­gen, Juden und Jüdin­nen wur­den in ihrer Bewe­gungs­frei­heit eingeschränkt. Das erste Ziel war es, die jüdis­che Bevölkerung aus dem öffentlichen Leben zu drän­gen. Dann sollte ihr die wirtschaftliche Lebens­grund­lage ent­zo­gen und nicht zulet­zt: gle­ich ob Arm, ob Reich, ihr gesamtes Ver­mö­gen ger­aubt wer­den und dieses zumin­d­est nach Willen der Nazi-Granden in die Kassen des “Drit­ten Reich­es” fließen – obwohl sich auch manch ander­er dabei “bedi­ent” hatte.

Adolf Eich­mann, ein streb­samer Bie­der­mann im Dien­ste des Sicher­heits­di­en­stes (SD) der SS, wurde nach Wien beordert, um die “Zen­tral­stelle für jüdis­che Auswan­derung” aufzubauen. “Auswan­derung” hieß die Beschöni­gung für das Vorhaben der Nazis, möglichst viele Jüdin­nen und Juden aus Öster­re­ich zu vertreiben. Doch davor sollte sichergestellt wer­den, daß diese nicht mehr als die notwendig­sten Hab­seligkeit­en mit sich nehmen kon­nten, der gesamte übrige Besitz wurde beschlagnahmt.

Trotz des stetig zunehmenden Ter­rors durch die Nazis kon­nten und woll­ten viele die Heimat nicht Hals über Kopf ver­lassen. Beson­ders älteren Men­schen fiel das schwer.

Die führen­den Nazis hat­ten schon lange auf einen Anlaß gewartet, die JüdIn­nen­ver­fol­gung zu ver­schär­fen. Sie braucht­en einen Vor­wand, mit dem sie diese v. a. auch gegenüber dem Aus­land recht­fer­ti­gen und gegenüber der eige­nen Bevölkerung die Akzep­tanz dafür erhöhen konnten.

Der 9. Novem­ber 1938 – die Bedeu­tung des Novemberpogroms

Der 17-jährige Her­schel Gryn­sz­pan schoß am 7. Novem­ber in Paris als Protest gegen die JüdIn­nen­ver­fol­gung auf den deutschen Diplo­mat­en Ernst v. Rath, nach­dem seine Eltern und Geschwis­ter aus Deutsch­land nach Polen abgeschoben wor­den waren. Nach­dem Rath kurz später starb, organ­isierte Joseph Goebbels am 9. Novem­ber 1938 eine reich­sweite Aktion gegen die jüdis­che Bevölkerung, welche als “spon­tan­er Aus­bruch des Volk­szorns” getarnt wurde.

Diese Aktion wurde wegen der gelegten Feuer, welche sich in den zer­broch­enen Fen­ster­scheiben wie “Kristalle” spiegel­ten beschöni­gend “Reich­skristall­nacht” genan­nt. Diese Nacht dauerte tat­säch­lich mehrere Tage und Nächte. Nun wur­den tausende jüdis­che Woh­nun­gen und Geschäfte geplün­dert, zer­stört und “arisiert”. 42 Syn­a­gogen und Bethäuser wur­den in Brand gesteckt und ver­wüstet. Nicht nur in Wien, auch in den kleineren öster­re­ichis­chen Städten wie Inns­bruck kam es zu bluti­gen Über­grif­f­en. Zahlre­iche Men­schen star­ben in Öster­re­ich während des und nach dem Novem­ber­pogrom an den Fol­gen der Mißhand­lun­gen oder nah­men sich aus Verzwei­flung das Leben.

6547 Juden wur­den in Wien im Zuge des Novem­ber­pogroms ver­haftet, 3700 davon ins KZ Dachau deportiert. Und: Die jüdis­che Bevölkerung wurde dazu verpflichtet für alle Schä­den des gegen sie gerichteten Pogroms aufzukommen!

Das Novem­ber­pogrom war der entschei­dende Schritt, die begonnenen Entrech­tungs- und Beraubungs­maß­nah­men gegen Juden und Jüdin­nen zu vol­len­den. Es war aber auch eine Art “Test­lauf” der Nazis, wieviel JüdIn­nen­ver­fol­gung der Bevölkerung zuzu­muten sei, ohne daß es zu nen­nenswertem Wider­stand dage­gen kommt.

Der Aspang­bahn­hof

Mit dem deutschen Über­fall auf Polen begann offiziell der 2. Weltkrieg in Europa. Zu diesem Zeit­punkt lebten noch etwa 70.000 Jüdin­nen und Juden in Wien. Alle verbliebe­nen öster­re­ichis­chen Jüdin­nen und Juden waren mit­tler­weile nach Wien geschickt wor­den. Dort lebten sie zusam­mengepfer­cht in Sam­mel­woh­nun­gen und ‑lager, unter schlecht­en Bedin­gun­gen und schlecht ver­sorgt. Sie wur­den reg­istri­ert und mußten ab Sep­tem­ber 1941 einen gel­ben David­stern tra­gen, wie auch die noch von Jüdin­nen und Juden bewohn­ten Woh­nun­gen mit einem solchen gekennze­ich­net wur­den, um den Behör­den die Ver­fol­gung bzw. Aushe­bung für die Depor­ta­tio­nen zu erleichtern.

Die ersten Depor­ta­tio­nen soll­ten noch dem zumin­d­est vorge­blichen Ziel dienen, deutsche bzw. öster­re­ichis­che Jüdin­nen und Juden in einem “Juden­reser­vat” in Polen anzusiedeln. Dieser Plan wurde aber nie verwirklicht.

Im Früh­jahr 1941 forderte der neue Gauleit­er von Wien, Bal­dur von Schirach, die Depor­ta­tio­nen wieder aufzunehmen, um die verbliebe­nen jüdis­chen Woh­nun­gen “freimachen” zu kön­nen. Juden und Jüdin­nen wur­den erfaßt und reg­istri­ert und in der Folge Lis­ten für die Depor­ta­tio­nen zusammengestellt.

Die Depor­ta­tio­nen erfol­gten vom Aspang­bahn­hof. Diese wur­den zuerst mit nor­malen Per­so­n­en­wag­gons der 3. Klasse, später dann mit Viehwag­gons, durchge­führt und “nur” von nor­maler Polizei bewacht, nicht von der SS. Zum einen woll­ten die Nazis wohl die Illu­sion ein­er “Auswan­derung” für die Betrof­fe­nen und die beobachte­tende Bevölkerung aufrechter­hal­ten, zum andern rech­neten sie nicht mit nen­nenswertem Wider­stand durch die Betrof­fe­nen, weil viele der aus Wien Deportierten ältere Men­schen bzw. Frauen waren. Die Opfer der ersten Depor­ta­tio­nen im Jahr 1941 wur­den auf die Ghet­tos im beset­zten Rest-Polen aufgeteilt. Arbeits­fähige kamen meist in die Zwangsar­beit­slager der SS. Die meis­ten dieser am Anfang 1941 Deportierten soll­ten im Früh­jahr und Som­mer 1942 “Auskäm­mak­tio­nen” der SS zum Opfer fall­en oder wur­den zusam­men mit den pol­nis­chen Jüdin­nen und Juden in die Ver­nich­tungslager gebracht. Tausende öster­re­ichis­che Juden und Jüdin­nen wur­den in Lagern wie Maly Trostinez massen­haft erschossen oder in Gaswa­gen ermordet.

Später führten die Depor­ta­tion­szüge vom Aspang­bahn­hof in das Ghet­to There­sien­stadt in der Nähe von Prag, von wo aus die Züge Rich­tung Ver­nich­tungslager Tre­blin­ka, Sobi­bor, Auschwitz bzw. Auschwitz/Birkenau gin­gen, welche mit­tler­weile schon mit riesi­gen Gaskam­mern aus­ges­tat­tet waren. Mit dem Zweck möglichst viele Men­schen in möglichst kurz­er Zeit und – für die Mörder – möglichst “scho­nend” umzubringen.

Unter­dessen wur­den auch öster­re­ichis­che Roma und Sin­ti (sie wur­den zuerst als “Asoziale”, später als “Zige­uner” ver­fol­gt) von der Krim­i­nalpolizei bzw. Gestapo beraubt und in den Lagern Lackenbach/Burgenland, Maxglan/Salzburg und St. Pantaleon/OÖ interniert. Sie wur­den immer wieder zu Zwangsar­beit herange­zo­gen. Etwa 5000 Roma und Sin­ti, in der Regel ganze Fam­i­lien, wur­den 1941 in das Ghet­to Lodz deportiert und let­ztlich im Ver­nich­tungslager Kulmhof/Chelmo ermordet. Ein großer Teil der verbliebe­nen Roma und Sin­ti aus Öster­re­ich wurde nach Auschwitz/Birkenau gebracht und ermordet, nur wenige über­lebten. Bei der Befreiung des Lagers Lack­en­bach durch die Rote Armee waren dort noch höch­stens 400 Häftlinge.

Nach 40 großen und vie­len kleineren Trans­porten aus Wien lebten von 200.000 öster­re­ichis­chen Jüdin­nen und Juden 1945 noch etwa 5000 in Wien. Sog­ar noch in den let­zten Tagen der Kämpfe um Wien verübte eine SS-Ein­heit ein Mas­sak­er an neun hier verbliebe­nen Juden.

15 bis 20.000 öster­re­ichis­che Jüdin­nen und Juden, welche sich nach der Flucht in die Tsche­choslowakei, nach Bel­gien und Frankre­ich schon in Sicher­heit geglaubt haben, fie­len nach der Eroberung dieser Län­der durch die deutsche Wehrma­cht ihren Mördern in die Hände.

6 Mil­lio­nen europäis­che Juden und Jüdin­nen sind der Shoa, auch “Holo­caust” genan­nt, zum Opfer gefall­en, min­destens 65.500 davon stammten aus Öster­re­ich. Diese Zahl ist eine Min­destzahl, da viele Ermordete namen­los oder auch “staaten­los” waren und deshalb nicht als öster­re­ichis­che Staats­bürg­erIn­nen erfasst wur­den. Von den 11 bis 12.000 öster­re­ichis­chen “Zige­unern” wur­den zwis­chen 1938 und 1945 schätzungsweise 9500 ermordet, etwa 2000 über­lebten die Depor­ta­tio­nen. Zudem sind zig­tausende “Erbkranke” (Behin­derte), “Asoziale”, Zeug­In­nen Jeho­vas, Zwangsar­bei­t­erIn­nen, Deser­teure und “Wehrkraftzer­set­zer”, Homo­sex­uelle, Krim­inelle und poli­tis­che Geg­ner­In­nen bzw. Wider­stand­skämpferIn­nen aus Öster­re­ich der Mord­maschiner­ie der Nazis zum Opfer gefallen.

Gedanken zum Gedenken an die Novem­ber­pogrome am ehe­ma­li­gen Aspangbahnhof

Seit vie­len Jahren organ­isiert die Ini­tia­tive Aspang­bahn­hof mit uner­müdlichem Engage­ment eine Mahn- und Gedenkkundge­bung anlässlich des Jahrestages des Novem­ber­pogroms 1938. Jährlich rufen viele Organ­i­sa­tio­nen aber auch Pri­vat­per­so­n­en zu dieser Ver­anstal­tung auf und einige sind eben­falls mit Rede­beiträ­gen vor Ort vertreten. Die Bedeu­tung der Arbeit der Ini­tia­tive Aspang­bahn­hof ist vor dem Hin­ter­grund, dass der 9. Novem­ber kein offizieller Gedenk­tag in Öster­re­ich ist, umso größer. Es gilt die Frage zu stellen, warum nicht auch das offizielle Öster­re­ich diesen Tag mit ein­er Gedenk­feier an die Opfer des Novem­ber­pogroms bege­ht? Ein offizieller Gedenk­tag würde ver­lan­gen, dass an den in der öster­re­ichis­chen Gesellschaft tief ver­wurzel­ten Anti­semitismus erin­nert und dass die heuti­gen anti­semi­tis­chen Ten­den­zen the­ma­tisiert werden.

In der Nacht vom 9. auf den 10. Novem­ber 1938 bran­nten die Nation­al­sozial­is­ten zahlre­iche Syn­a­gogen in ganz Wien nieder. Viele Geschäfte und Woh­nun­gen, die im Besitz von Men­schen waren, die von den Nation­al­sozial­istin­nen und Nation­al­sozial­is­ten als Jüdin­nen und Juden definiert wur­den, wur­den geplün­dert und zer­stört. 6547 Juden wur­den in Wien ver­haftet, 3700 davon in das Konzen­tra­tionslager Dachau deportiert.

Es gibt mehrere Gründe, den 9. Novem­ber als Gedenk­tag an die Opfer des Nation­al­sozial­is­mus stärk­er im Stadtgedächt­nis zu ver­ankern. Der auss­chlaggebend­ste Grund ist wohl, dass der Novem­ber­pogrom kein Ver­brechen war, das an einem weit ent­fer­n­ten Ort, wie etwa Auschwitz, began­gen wurde. Diese Ver­brechen fan­den hier in Wien statt. Nie­mand kann sagen, nichts davon gewusst oder gese­hen zu haben. Die dama­lige Gesellschaft hat in den meis­ten Fällen wider­stand­s­los den Ver­brechen an ihren jüdis­chen Nach­barin­nen und Nach­barn zuge­se­hen. Viele haben auch bere­itwillig an den Schika­nen, Plün­derun­gen und Zer­störun­gen mit­gewirkt. Gle­ichgültigkeit gegenüber ihren jüdischen
Mit­bürg­erin­nen und Mit­bürg­ern sowie das bewusste Wegschauen waren eben­so gängige Reaktionen.

Anti­semitismus war und ist in der öster­re­ichis­chen Gesellschaft stark ver­wurzelt. Ressen­ti­ments, Ablehnung und Hass gegenüber der jüdis­chen Bevölkerung gab es lange vor dem Nation­al­sozial­is­mus. Unmit­tel­bar nach dem “Anschluss” 1938 wurde die Gewalt­bere­itschaft der nicht-jüdis­chen Bevölkerung gegenüber ihren jüdis­chen Nach­barIn­nen sicht­bar. Stille Zeu­gen davon sind die Fotoauf­nah­men “straßen­waschen­der” Jüdin­nen und Juden in den März­ta­gen 1938. Diese niederträchtige Demü­ti­gung, die vielerorts in Wien zu sehen war, ging in den meis­ten Fällen auf die Ini­tia­tive von eifrigen öster­re­ichis­chen Nazis zurück, die dazu nicht erst von der Parteiführung aufge­fordert wer­den mussten.

Die Auseinan­der­set­zung mit der Ermor­dung von über 65.000 öster­re­ichis­chen Juden und Jüdin­nen darf dementsprechend nicht erst mit Auschwitz begin­nen, son­dern muss an Erin­nerung­sorten in unserem heuti­gen Leben­sum­feld anknüpfen. Ein­er dieser für die Ver­fol­gung und Ermor­dung der jüdis­chen Bevölkerung zen­tralen Schau­plätze in Wien ist der ehe­ma­lige Aspang­bahn­hof. Von hier wur­den in den Jahren 1939 bis 1942 zehn­tausende Men­schen, die von den Nation­al­sozial­is­ten als Jüdin­nen und Juden definiert wur­den, in die Ver­nich­tungslager im beset­zten Polen und im heuti­gen Weißrus­s­land deportiert und dort in den meis­ten Fällen unmit­tel­bar nach ihrer Ankun­ft ermordet. Der Holo­caust hat nicht erst in Auschwitz oder in anderen Ver­nich­tungslagern begonnen. Der Ver­nich­tung der europäis­chen Jüdin­nen und Juden ging eine schrit­tweise Entrech­tung und Aus­gren­zung der jüdis­chen Bevölkerung voraus. Diese Radikalisierung geschah inmit­ten der dama­li­gen Gesellschaft.

Zudem ist es von zen­traler Bedeu­tung, die nation­al­sozial­is­tis­chen Ver­brechen nicht als “Naturkatas­tro­phe” erscheinen zu lassen, son­dern als Ver­brechen, die Men­schen an anderen Men­schen verübt haben. Die Geschichte der Opfer kann nicht erzählt wer­den ohne ihre MörderIn­nen zu benen­nen und die Umstände ihres Todes zu beleucht­en. Es gilt, die Motive und Ide­olo­gien, die hin­ter den Tat­en der TäterIn­nen standen, zu ver­ste­hen, um diesen, wann immer sie heute auf­tauchen, entsch­ieden ent­ge­gen­treten zu können.

Ide­ol­o­gis­che und weltan­schauliche Konzepte wie Faschis­mus, Anti­semitismus, Antizigan­is­mus und Ras­sis­mus sind nach der Befreiung Öster­re­ichs durch die Alliierten
keineswegs aus den Köpfen der Bevölkerung ver­schwun­den. Nicht nur in Öster­re­ich, son­dern auch in vie­len anderen europäis­chen Staat­en, war ins­beson­dere in den let­zten Jahren ein Erstarken der extremen Recht­en zu beobacht­en. Beson­ders in Zeit­en wirtschaftlich­er Krisen und steigen­der Armut ist unseres Eracht­ens die Gefahr beson­ders groß, dass recht­sex­treme Parteien wieder an Zulauf gewin­nen. Umso dringlich­er scheint es daher, dieser Entwick­lung offen und entsch­ieden entgegenzutreten.

Die Auf­forderung Niemals vergessen! muss stetig mit der Verpflich­tung ein­herge­hen, die aktuellen poli­tis­chen Geschehnisse und Entschei­dun­gen kri­tisch zu betra­cht­en und zu hin­ter­fra­gen. Wir sind verpflichtet – wenn immer es nötig ist – ein starkes zivilge­sellschaftlich­es Zeichen gegen Ras­sis­mus, Anti­semitismus und andere For­men der Aus­gren­zung zu
set­zen. Ein friedlich­er antifaschis­tis­ch­er Protest aus der Zivilge­sellschaft ist vor allem dann notwendig, wenn das offizielle Öster­re­ich nicht entsch­ieden gegen das Erstarken von recht­sex­tremen Ten­den­zen auftritt.

Isabel­la Riedl

Geschäfts­führerin
Vere­in GEDENKDIENST